In den letzten Tagen zeigte mir einer ein Bild, dass er geschossen hatte. Zu sehen war ein Schweinstall, in dem im Stroh eine Gitterbox stand, in der eine Sau gesperrt werden kann, damit sie die Ferkel nicht erdrückt. Die Ferkel können so gefahrlos trotzdem an den Zitzen des Muttertieres saugen. Im Großen und Ganzen war das Bild gut. Es war stimmig ausgeleuchtet - Schatten wo Schatten sind und Licht wo Licht sein sollte. Das Bild war jetzt nicht Anwärter für den Pulitzer-Preis für Fotografie, aber gut - dachte ich. Den, der das Bild geschossen hatte, störte aber etwas im eigenen Bild. Und je länger er es betrachtete, desto mehr fiel bei ihm ins Gewicht, dass sämtliche Metallteile dieser Gitterbox - also quasi die ganze Gitterbox - einen Blaustich hatten. Er versuchte in den Nachbearbeitung dieses "Problem" zu lösen, was zu immer mehr Farbirritationen führte und ihn - ich übertreibe ein wenig - an den Rand des Wahnsinns trieb. Und so kam er auf die Idee, mich zu fragen, woher diese Blaufärbung kommt. "Liegt es am Metall? Ist das eine spezielle Legierung, die sich so verhält? Oder ist meine Kamera kaputt?", prasselten seine Fragen auf mich ein und dabei bei mir ein großes Fragezeichen auf die Stirn malte. Denn eigentlich war die Blaufärbung / der Blaustich am Metall nicht so dominant, man hätte es wohlwollend ignorieren können.

Ich versuchte ihm, das "Phänonem" zu erklären, weil ich denke, wenn man die Ursache kennt, dann ist die Lösung nicht weit entfernt. "Du hast", so holte ich aus, "eine Lichtquelle im Stall, die eine andere Farbtemperatur hat, als das Umgebungslicht und diese Lichtquelle ist wahrscheinlich genau in einer Position, aus der sie stärker auf dem Metall der Gitterbox reflektiert, als das andere Licht. Und da das "andere" Licht, wo es dominanter ist, die Blaufärbung abmildert, tritt sie im Schatten wiederum etwas deutlicher zum Vorschein. Man nennt das übrigens Mischlicht." Er schien meinen Ausführungen zu folgen und der Lösung selbst näher zu kommen, bis... Nun kam das "Causality dilemma" und er erklärte mir, dass er sich als reiner Hobbyist sieht und keinen Anspruch auf Professionalität anstrebt. "Ich möchte nur knipsen und wenn was brauchbare dabei heraus kommt, ist es ja gut. Ich möchte mich nicht mehr soviel mit (Kamera-) Technik beschäftigen. Und da war es dann wieder: Was war zuerst da, die Henne oder das Ei?

Nun muss ich gestehen, dass wir vielleicht zu einseitig über Weißabgleich und Farbtemperaturen gesprochen haben. Erst sein Einwand, dass er sich nicht mehr soviel mit Kameratechnik beschäftigen möchte, sondern lieber einfach Bilder machen, brachte mich auf die Spur. Und Farb- bzw. Lichttemperatur hat auch etwas mit Fotografie zu tun, aber nicht nur. Damit fällt dem Licht eine ganz andere Priorität zu, als der Kamera und der Technik. Ergo - und das wissen wir ja jetzt durch die Forschung, die die Henne nun wissenschaftlich über das Ei gestellt hat - beantwortet sich die Frage, was zuerst da war, das Licht oder die Kamera, mit dem Licht. Somit löst sich eigentlich über Nacht das "Causality dilemma" auf. Lacht mir also der sommerliche Sonnentag mit über 5600 Kelvin ins Gesicht, dann ist das so. Ich kann das nicht ändern und meine Kamera schon gar nicht. Ich muss nur meiner Kamera erklären, was da nun auf uns zu kommt, dann läuft es. Ich kann sie auch vor die Wand laufen lassen (Automatik), aber dann muss ich mit dem Ergebnis auch leben.

Um nun noch mal auf den Schweinestall zurück zu kommen: Auch hier ändert die Kamera nichts am vorhandenen Licht. Aber das kann ich ändern, am einfachsten dadurch, dass ich alle relevanten Lichtquellen auf gleiches Kelvin-Level bringe. Danach sage ich dann der Kamera, was da auf uns zu kommt. Der Versuch es umgekehrt zu machen scheitert sicher. Ja, und was Mischlicht angeht, da helfen nur Kompromisse, die sicherlich keine Automatik liefern kann.