© Bergfex 2026, Reference: https://www.ipernity.com/doc/bergfex/53266688

In den vergangenen Tagen kam wieder mal das Thema KI hoch – in einer Weise, die im Urgrund eher angstgesteuert war, wie Boarischa Krautmo treffend analysiert hat. Schnell ging es um Grundsatzfragen, kam es zu Lagerbildung und Ausgrenzung. Meinungen prallten aufeinander, obwohl den meisten von uns das Fachwissen fehlt, um die maßgeblichen Aspekte fundiert beurteilen zu können.

So menschlich und verständlich dies alles ist, so schade finde ich doch, dass dabei leicht untergeht, worum es uns "Bildermachern" eigentlich auch gehen sollte: um Neugier, Spieltrieb und das kreative Potenzial solcher Werkzeuge. Die juristischen Gedankenspiele und die Machtkämpfe um Besitzstände dürfen wir gern Juristen, Politikern, Medienkonzernen und Künstlerverbänden überlassen. Wir als Einzelne dürfen dazu natürlich Meinungen haben – aber zu mehr als partiellen Annäherungen werden wir niemals imstande sein. Das Thema ist viel zu komplex, als dass ein einzelner Mensch es wirklich ganz durchdringen könnte. Und als kleine Gemeinschaft spielen wir in der großen Meinungsbildung ohnehin keine Rolle.

Für mich waren diese Diskussionen daher eher Anlass, mich mit der kreativen Seite zu befassen. Was ermöglichen mir die neuen Werkzeuge über das hinaus, was mit Adobe Firefly oder ähnlichen Tools ohnehin schon seit einer Weile möglich ist? Wie kann ich sie nutzen, um Geschichten zu erzählen und Stimmungen zu erzeugen, die ich bisher so nicht umsetzen konnte? Denn genau darum geht es uns doch: nicht nur Abbildungen zu produzieren, sondern Bilder mit Aussage. Also mir jedenfalls, meistens.

Und so ist für mich eine kleine Übung entstanden. Nicht mit dem Anspruch, etwas Großes oder Weltbewegendes zu schaffen, sondern aus einer einfachen Frage heraus: Was geschieht, wenn man ein unscheinbares Objekt zum Ausgangspunkt nimmt und ihm mit etwas Fantasie eine kleine Geschichte gibt?

Die Ausgangsmotive waren einfache Dekofiguren und Pflanzen, die ich in einem Gartencenter fotografiert hatte. Massenware, nichts Besonderes. Solche Motive taugen fotografisch eigentlich nur als Übungsobjekte für Freistellung, Objektivwahl oder sauberes Kamerahandling. Nett vielleicht, aber als bloße Sachaufnahmen keine Bilder, die lange tragen.

Also lag die Überlegung nahe, diese Dinge nicht nur zu zeigen, sondern sie in kleine Szenen zu setzen. Sie sollten nicht einfach nur „da sein“, sondern etwas tun. Sie sollten zur Hauptfigur einer erdachten Geschichte werden.

Ohne mich nun hier und jetzt mit Rubens oder Rembrandt auf eine Stufe stellen zu wollen, Gott bewahre, habe ich damit im Grunde nur aufgegriffen, was in der Malerei über Jahrhunderte selbstverständlich war: Der Meister beschäftigte Gesellen oder Spezialisten, die ihm halfen, Ideen, Visionen oder nebensächliche Partien auf die Leinwand zu bringen. Für Rubens malte Frans Snyders beispielsweise häufig Tiere und Stillleben in die Gemälde des Meisters. Genau auf dieses Werkstattprinzip wollte ich zurückgreifen – auf eine Methode also, die gang und gäbe war, bevor sich die Idee vom einsamen Genie durchsetzte. (Wie weit es damit her ist, erleben wir gerade beim 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten.)

Begonnen habe ich mit einer einfachen Übung: einer kleinen Gärtnerbiene aus Blech. Korrekt aufgenommen, mit dem Fokus auf den Augen und der Gießkanne. Als Bild aber völlig langweilig.

© Bergfex 2026, Fuji X-T50 mit XF60mmF2.4 R Macro, Reference: https://www.ipernity.com/doc/bergfex/53271440

Welche Geschichte könnte man darum bauen? Also: Wozu ist eine Gießkanne da? Zum Gießen. Was gießt man? Beete. Es ist Frühlingsanfang. Also ein Frühlingsbeet. Und schon entsteht eine kleine Geschichte im Kopf. Diese war nun dem Hilfsmaler zu vermitteln. In meinem Fall ChatGPT. Nicht einfach per Prompt, sondern im Dialog, so präzise, dass mein Hilfsmaler möglichst genau das machte, was ich als Vorstellung hatte.

© Bergfex 2026, Reference: https://www.ipernity.com/doc/bergfex/53271442

An dieser Stelle reklamiere ich übrigens die "Schöpfungshöhe" für mich. Nicht die KI hat etwas phantasiert, sondern ich habe sie dorthin gelenkt, wo ich sie haben wollte.

Interessant war, dass ausgerechnet ein ganz banales Detail hakte: In einer ersten Version kam das Wasser nicht aus dem Ausguss, sondern seitlich aus der Kanne:

© Bergfex 2026, Reference: https://www.ipernity.com/doc/bergfex/53271510

In der KI-Welt mag das eine Marginalie sein – im Bild geht so was natürlich gar nicht. Also musste ich den HiWi etwas kürzer an die Leine nehmen und ihn die Kanne so verdrehen lassen, dass das Wasser tatsächlich aus dem Ausgussrohr kommt. Erst dadurch wurde aus einer netten Spielerei eine stimmige kleine Szene. Genau an dieser Stelle ist mein HiWi übrigens unschlagbar. Ich hätte sicherlich mehr als eine Stunde gebraucht, um die Kanne per händischer Pixelarbeit sauber zu verdrehen. Mein Assistent machte das in einer Minute.

Wichtig war mir, die Szene nicht zu überfrachten. Wenn man mit solchen Möglichkeiten arbeitet, ist die Versuchung groß, immer noch was draufzusetzen: hier ein Effekt, dort noch ein Tierchen, ein Glitzern. Meist wird ein Bild dadurch nicht besser, sondern beliebiger. Deshalb lieber einfach: eine Hauptfigur, eine Handlung, ein Zielpunkt der Handlung, wenige Nebenelemente. Hier also die Biene, das Gießen, ein paar Blüten – und als stiller Statist die Schnecke. Ein visuelles Dreieck aus Augen, Gießkannen-Ausguss und Blumen führt den Blick. Die Biene nimmt nur ein Viertel der Bildfläche ein, bleibt aber klar das Zentrum der Szene. Genau dieses Verhältnis von Figur, Handlung und Atmosphäre wird auch bei Pixar oft genutzt, um Bilder unmittelbar erzählerisch lesbar zu machen.

Schauen wir uns noch zwei weitere Motive an. Zunächst eine Orchideenblüte. Sauber fotografiert, ordentlich freigestellt, ein brauchbares Übungsobjekt – aber als Bild zu nicht viel mehr tauglich als für eine Abbildung im Biologiebuch oder bei Wikipedia.

© Bergfex 2026, Reference: https://www.ipernity.com/doc/bergfex/53265268

Setzt man dieselbe Blüte dann in eine passende Umgebung, entsteht plötzlich Atmosphäre:

© Bergfex 2026, Reference: https://www.ipernity.com/doc/bergfex/53265278

Botanisch mag das kompletter Unsinn sein. Bildnerisch funktioniert es trotzdem. Mein Bild will ja keine Botanikstunde geben, sondern Fantasie befeuern. Ganz ähnlich wie Martin Johnson Heades es mit seinem berühmtem Bild „Cattleya Orchid and Three Hummingbirds“ getan hat - nur mit anderer Technologie :

© Martin Johnson Heade, 1871, Reference: National Gallery of Art, Washington, Wikimedia Common

Ob Heade die Orchidee je genau so gesehen hat, darf man bezweifeln. Aber ansehen mag man sich das Gemälde trotzdem.

Ähnlich beim Frosch-Ensemble: ein nettes Stehrümchen, fotografisch zunächst wieder nur ein Übungsobjekt:

© Bergfex 2026, Reference: https://www.ipernity.com/doc/bergfex/53271634

Erst im Zusammenspiel mit einer passenden, durch dezidierte Kommunikation mit der KI entwickelten Umgebung wird daraus ein tragfähiges Bild. Störend war allerdings, dass ein Frosch zur Seite blickte:



© Bergfex 2026, Reference:
https://www.ipernity.com/doc/bergfex/53271614

Also hab ich die KI beauftragt, den Kopf und die Blickrichtung des linken Frosches anzupassen. Händisch hätte ich mich damit sehr lange abgemüht. Per KI war das in weniger als einer Minute erledigt. Das Resultat ziert diesen Artikel als Aufmacher.

Nun die Gretchenfrage: Ist das Resultat ein KI-Bild? Ich sage: Nein, weil der Hauptbestandteil ein echtes Foto ist, welches lediglich per Composing und partieller Bearbeitung zu einem aussagekräftigeren Bild weiterentwickelt wurde. Man hätte das alles auch händisch machen können – aber es wäre reine Zeitverschwendung. Dübellöcher meißelt man ja auch nicht mehr mit Fäustel und Handbohrer in Beton, wie mein Vater es vor 60 Jahren getan hat, sondern bohrt sie mit einer Hilti.

Zweite Frage: Muss man das kennzeichnen? Gegenfrage: Hat Michelangelo die Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle mit einem Hinweis versehen, dass daran zahlreiche Hilfskräfte beteiligt waren? Wo stehen deren Namen? Michelangelo war der Meister. Ihm wird das Werk zugeschrieben. In der Kunstgeschichte galt nämlich stets derjenige als Urheber, der Idee und Komposition bestimmte – auch wenn Schüler oder Gesellen große Teile der Ausführung übernahmen. Die Werkstatt Raffaels arbeitete genau so. Rubens beschäftigte dutzende Maler. Entscheidend war nie, wer die Pinselstriche setzte, sondern wer das Bild erdacht hat.

Warum sollte man das heute anders machen? Und warum nur und gerade im Hinblick auf KI? War das Wegretuschieren störender Bildelemente aus Analogbildern nicht auch schon "Manipulation"? Hat sich wer darüber aufgeregt?

Ausnahmen sind selbstverständlich Pressefotografie, Dokumentarfotografie und wissenschaftliche Fotografie. Eventuell noch ein paar andere Spezialgebiete. Aber ansonsten wurde in der Bildgebung seit mehr als 50.000 Jahren geschwindelt, was das Zeug hielt. Keine porträtierte Berühmtheit wird je so ausgesehen haben, wie die Ölschinken es vorgaukeln. Bergmaler haben Gipfel dramatisiert, Hütten versetzt, Bäume gemalt, die es nicht gab. Immer ging es den Bildschaffenden darum, Geschichten zu erzählen. Nie wurde gekennzeichnet, ob Bilder die "Wirklichkeit" wiedergegeben haben. Wozu also die ganze Aufregung?

Bergfex
St. Johann i.T.
12. März 2026


Nachsatz:

Warum thematisiere ich das so ausführlich?

Weil eine Kennzeichnung als „KI“ derzeit nicht neutral gelesen wird. Sie wirkt wie ein Warnhinweis und unterstellt geringe kreative Eigenleistung, wo in Wahrheit oft sehr viel konzeptionelle und gestalterische Arbeit drinsteckt. Teilweise wurde sogar erwogen, solche Bilder gezielt herauszufiltern. Das käme einer Form von Zensur ziemlich nahe.

Dabei wurden in allen bildnahen Disziplinen schon immer sämtliche Register gezogen: Retusche in der Porträt- und Werbefotografie, Tricks in der Foodfotografie, Effekte und Composings im Film, Himmelstausch und Dramatisierung in der Landschaftsfotografie, massive Eingriffe in der Modefotografie, Werbefotografie und Architekturfotografie. Da gibt es Abbildungen von Gebäuden, die man kaum wiedererkennt, wenn man an den Ort fährt. Aus Hütten werden Paläste. Selbst die analoge Dunkelkammer war nie ein Ort reiner Unschuld. Auch dort wurde gebrannt, abgewedelt, montiert und beeinflusst.

Dass ausgerechnet bei KI plötzlich so getan wird, als beginne hier der Sündenfall der Bildbearbeitung, überzeugt mich nicht. Entscheidend ist für mich nicht das Werkzeug, sondern ob jemand damit etwas Belangloses produziert – oder ein Bild mit Idee, Handschrift und Aussage.