1.
Seit wann gibt es Hobbys als Freizeitbeschäftigung größerer Bevölkerungsteile?

Noch im Mittelalter und der frühen Neuzeit hatten nur Adel und städtische Oberschicht die (finanzielle und zeitliche) Möglichkeit, Tätigkeiten um ihrer selbst willen zu tun. Der ganz überwiegende Teil der Bevölkerung jedoch hatte diese Möglichkeiten nicht – das Leben bestand aus Arbeit (und Kirche). Mit der Industrialisierung im frühen 19. Jhd. wurde die „work-life-balance“ eher noch schlechter – die tägliche Arbeitszeit betrug bis zu 14 Stunden an sechs Tagen die Woche.

Erst ab den 1870er Jahren kam es durch die neuen Gewerkschaften zu einer Verkürzung der Arbeitszeiten bis etwa 50 Wochenstunden bis zum Ersten Weltkrieg. Gleichzeitig entstanden (zumindest in den Städten) Möglichkeiten der organisierten Freizeit wie Sportvereine, Chöre, Lesezirkel und mehr.

Das Hobby als Massenphänomen ist dann eine Erscheinung des 20. Jhd. Die tägliche Arbeitszeit sinkt weiter, es gibt bezahlten Urlaub und auch die Löhne steigen. Parallel dazu kommt es zu einer immer stärkeren Kompartimentierung des Lebens: Auf der einen Seite die (oft als sinnlos empfundene) Lohnarbeit, auf der anderen Seite die Freizeit mit ihren Beschäftigungen, die dem Leben Sinn stiften sollen.


2.
Mit dem Aufkommen von gemeinschaftlich organisierten Hobbys lassen sich zwei Beobachtungen machen:

Das eine ist der Konkurrenz- oder Distinktionseffekt eines Hobbys. Am offensichtlichsten ist dieser Aspekt bei sportlichen Aktivitäten erkennbar. Aber bei weitem nicht nur: Die Jäger haben ihre Hörndl-Olympiaden (vertuschend „Hegeschau“ genannt), bei denen die Goldmedaille nicht etwa der beste Hirsch, sondern sein Erleger bekommt, die Brieftaubenzüchter lassen ihre Tauben fliegen und jeder hofft, dass seine als erste zuhause ankommt, die Angler sitzen alle von 6 bis 12 am Wasser und wer dann den größten Fisch hat, wird König genannt, Hundezüchter haben ihre Schauen, auf denen die Hunde der Teilnehmer prämiert werden, der Kleingartenverein prämiert den größten Kürbis oder den schönsten Ziergarten, und selbst die Teilnehmer des Foto-Stammtisches belichten einmal im Jahr ihr bestes Bild auf 30*45cm aus und hängen es ins Foyer der örtlichen Sparkasse, auf dass die Kunden das beste Bild auswählen. Die Aufzählung ließe sich noch weit fortsetzen.

Pointiert formuliert: Wenn hundert Mann nebeneinander am Fließband stehen und alle dasselbe tun, dann will jeder in der Freizeit besonders sein.


Andererseits hat das Hobby ganz eindeutig integrative, Klassenschranken überwindende Effekte. Im Fotoclub sitzt der Zahnarzt neben dem Tankwart – und das gute Bild macht nicht die teure Ausrüstung, sondern der Mensch dahinter. Am Wasser sitzt der Behördenleiter neben dem Friseur – und die Fische fängt der, der Ahnung von ihrem Verhalten hat, und nicht der mit der teuren Angelrute.

Unbestritten gibt es Leute, die ganz alleine und nur für sich einer Beschäftigung nur um ihrer selbst willen nachgehen, genauso wie es klassistische Hobbys gibt, die von vornherein Gruppen ausschließen, Stichwort Golf-Club ;-)

Aber wir können festhalten, dass ein gemeinschaftlich ausgeübtes Hobby zwei –wenn nicht Funktionen, dann doch –Effekte hat: Distinktion und Integration.
Zur Integration gehört und trägt bei das „socialising“ – das zwanglose Kontakte knüpfen, der small talk, das gemeinsame Bier….


3.
Es gibt ein kleineres deutschsprachiges Fotoforum, das Digitalfotonetz. Ganz überwiegend Amateure dort. Die haben eigentlich eine recht breit aufgestellte Galerie mit vielen Sparten. Aber es wird recht viel im Offtopic-Bereich gepostet. Man könnte fast den Eindruck haben, die wollen gar nicht jeden Tag ein Bild zeigen, sondern gehen dahin, um ein Schwätzchen zu halten….

Vor vielen Jahren schlugen da auch ein paar „Profis“ auf – ich weiß nicht, ob hauptberuflich oder ob sie nur nebenbei „shootings“ gegen Geld angeboten haben….. Bilder handwerklich gut, haben viel gepostet und sich ihr Lob abgeholt ;-)

Mit der Zeit kippte die Stimmung – es wurde ein Wir-Ihr-Gegensatz aufgemacht: „Wir machen es richtig, wir machen gute Fotos. Ihr macht es falsch, warum ihr das zu tun müssen meint, wissen wir nicht, aber es ist falsch und eure Bilder schlecht“.

Die Folge waren durchaus harte bis teilweise aggressive Reaktionen der „Amateure“, die sich gegen Ton und Inhalt verwehrt haben.

Ziemlich bald verließen die „Profis“ das Forum, stellenweise drama-queen-like mit Löschen aller Inhalte und dem Habitus des Unverstandenen.


4.
Kürzlich kam in einer (nicht-öffentlichen) Diskussion über KI-generierte Inhalte das Argument, dass KI unethisch sei. Ein echter Fotograf würde sich mit seinem Sujet befassen, sich unter Aufwand von Zeit und Geld einarbeiten, ggf. Reisen unternehmen um dann mit guten Bildern zurückzukehren, für die er verdient gelobt wird.

Auf der anderen Seite würde jemand zwischen zwei Schluck Kaffee schnell der KI sagen: „Mach mir ein Bild von diesem Motiv“ – und dann ganz ohne Aufwand und Anstrengung sein Bild und für das Bild dasselbe Lob bekommen wie der per-aspera-ad-astra-Typ. (Nein Lothar, nicht das Bier ;-))


5.
Und jetzt wird die Emotionalität beim Thema KI verständlich. Das Verhältnis Distinktion-Integration wird als gestört oder bedroht wahrgenommen.

Der eine sagt: Mir wird ein Lob, das nur mir zusteht, vorenthalten.
Der andere sagt: Ich soll durch ein KI-Verbot daran gehindert werden, Bilder zu zeigen und speziell zu sein.

Und jeder fühlt sich ungerecht behandelt und bedroht und irgendwo ganz tief unten im Stammhirn werden Aggression und Fluchtverhalten aktiviert…..

Sowohl für die Diskussion als auch für unsere Gemeinschaft wäre es ein großer Fortschritt, wenn wir uns darauf verständigen könnten, zum Denken bevorzugt das Großhirn zu nutzen.