Kapitel 2: Hühnersuppe und die Kunst des Schweigens
Das Erste, was Chantal-Monique wieder ins Bewusstsein brachte, war ein rhythmisches, verdammt lautes Nerv-Geräusch. Klack-Klack-Klack.
Sie schlug die Augen auf. Ihr Schädel dröhnte, als hätte sie die ganze Nacht im Matrix-Club durchgebechert.
Das grelle Morgenlicht schnitt wie eine Klinge durch ihre Pupillen.
Sie lag splitterfaser nackt unter schweren Bärenfellen. Ihre Brust und Flanke waren so stramm eingewickelt, dass sie sich vorkam wie eine schlecht gerollte Döner-Rolle.
Ihre schwere, blutverschmierte Lederrüstung und ihre Streitaxt hingen sauber geschrubbt auf einem Gestell am Fenster.
Sie lebte noch. Ein verdammt schlechter Scherz des Schicksals.
Sie drehte den Kopf. Am hölzernen Küchentisch saß Marcel-Etienne in einer modischen Schürze und hackte Sellerie. Klack. Klack. Klack.
„Morgen, Sonnenschein“, sagte er, ohne vom Schneidebrett aufzusehen.
„Ich dachte schon, ich muss dich im Garten verscharren. Du schnarchst wie eine defekte Dampflok auf der Ringbahn.“
Chantal-Monique wollte hochschnellen, vergaß die Wunde und fluchte ein Wort, das selbst den härtesten Söldnern die Schamröte ins Gesicht getrieben hätte.
„Wer hat mich nackig gemacht, du Spion?!“, blaffte sie und wollte aus dem Bett steigen.
Ihre Muskeln zitterten, aber ihr Stolz ertrug es nicht, schwach in den Federn zu liegen.
Marcel-Etienne legte das Messer weg, wischte sich die Hände an der Schürze ab und baute sich vor ihr auf.
Ein Zwei-Meter-Schrank von einem Mann.
„Mal ganz ruhig auf den billigen Plätzen, meine kleine Wild West“, sagte er, die Hände in die Hüften gestemmt.
„In dieser Bude hast du genau gar nichts zu melden. Wenn du jetzt aufstehst, reißt die Naht.
Dann spritzt die Suppe wieder bis an die Decke, und wer darf den Mist wegwischen? Richtig, der Marcel.
Ich habe gestern drei Stunden gebraucht, um deine DNA aus meinen Dielen zu kratzen. Also Arsch im Bett lassen.“
Chantal-Monique schnaubte wie ein wütendes Nilpferd.
„Du hast eine verdammt große Klappe für jemanden, dem ich mit einer Hand das Licht ausknipsen könnte.“
„Vor dir Schätzchen?“, Marcel-Etienne lachte kurz und trocken.
„Mädchen, ich hab vor zwanzig Jahren schon Typen wie dich zum Frühstück verspeist. Denkst du, deine paar Narben machen mir Angst?
Ich habe in der großen Schlacht am Teufelsberg in der allerersten Reihe gestanden. Da hast du wahrscheinlich noch mit der Rassel im Sandkasten gesessen.“
Chantal-Monique hielt die Luft an. Der Teufelsberg.
Das war das brutalste Gemetzel des letzten Jahrzehnts gewesen. Niemand überlebte die vorderste Reihe des Teufelsbergs.
„Du… warst am Teufelsberg?“, fragte sie, und ihre Stimme rutschte glatt eine Oktave tiefer.
Sie checkte ihn jetzt erst richtig aus. Die breiten Schultern, die Haltung, die fiesen, tiefen Schnittnarben an seinen Unterarmen unter den hochgekrempelten Ärmeln.
Das waren keine Schrammen vom Rosenbeschneiden. Der Typ hatte Schilde gespalten.
„Ja, war ich“, sagte er, und sein Blick wurde für eine Sekunde so düster wie die U-Bahn-Station Kleistpark um vier Uhr morgens.
„Und genau deswegen weiß ich, wann ein Krieger Schrott ist. Und du, Chantal-Monique, bist aktuell Schrott. Nicht nur an der Plautze.“
Er schnappte sich eine Holzschale, aus der es verdächtig nach Mutters Küche roch, und drückte sie ihr in die Hand.
„Trink ditte“, kommandierte er. „Ist Hühnersuppe. Schön fettig. Hilft gegen alles, sogar gegen schlechte Laune.
Und danach hältst du die Klappe und rätzelst ’ne Runde.“


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