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Herbst 1989 - Was hast du da gemacht? (Group)

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Grenzen-los* 


Herbst 1989 - Herbst 1990

Ich war im Herbst 1989 knapp 19 Jahre alt, quälte mich vormittags durch Leistungs- und Prüfungskurse, um mich auf's Abi vorzubereiten und stieß besonders in Chemie an meine Grenzen.
Nachmittags hoppelte ich in einem roten Opel durch die Göttinger Innenstadt mit einem Fahrlehrer, der kurz zuvor noch Soldaten beim Bund zum Führerschein verholfen hatte...was soll ich sagen, er weinte oft auf seinem Beifahrersitz und es kam wie es kommen musste: Ich fiel beim ersten Versuch durch die praktische Prüfung, weil ich zu schnell unterwegs gewesen war und auch noch jemandem die Vorfahrt nahm. Eine Grenze, die ich dann beim zweiten Anlauf erfolgreich überwand.

Während dieser Zeit hatten Mitschüler in der Eingangshalle unseres Gymnasiums über Wochen Tische aufgebaut und verteilten täglich Briefe von "drüben" an uns...woher sie sie hatten oder wer diesen Austausch organisierte weiß ich nicht mehr, vermutlich war's eine Kirchengemeinde...jedenfalls begann ein reger Briefwechsel (von Mails und SMS träumten wir noch). Meine Brieffreundin Kerstin kam aus dem nahen Wernigerode. Wir schrieben uns einige Male und dann lud meine Familie sie ein, nach Göttingen zu kommen. Ihr Vater brachte sie für ein verlängertes Wochenende in seinem Trabbi...der kleine Grenzverkehr war eröffnet und mauserte sich in den folgenden Tagen zu einer riesigen Menschenwelle, die die Fußgängerzone auf und ab schwappte. Meinen eigenen Vater sah ich in diesen Tagen nur sehr selten. Er bekam als Beamter die Order im Rathaus während Sonderschichten das Begrüßungsgeld auszugeben.

Mit Kerstin verlebte ich ein paar entdeckungsreiche Tage in Göttingen, bevor meine komplette Familie sie wieder nach Hause fuhr. Neugierig auf den Osten waren wir alle ! Da wir keine Verwandten drüben hatten, waren unsere Vorstellungen eher diffus. Kerstin wünschte sich die LP "But seriously" von Phil Collins zur Erinnerung an ihren Besuch bei uns. Das Lied "Another Day in Paradise" war die damalige #1 und ich fühle mich sofort zurückversetzt in diesen Herbst, sobald ich es höre: http://www.youtube.com/watch?v=DfZqXLnBYb4

Im folgenden Sommer bezog ich in einem Studentenwohnheim eines von vielen 15m² großen Zimmern mit Dusch-Klo und Kochplatte (von den Landwirtschaftsstudenten auf dem Flur liebevoll "Fress-Liege-Buchten" genannt - ein Begriff aus der Sauen-Zucht) und stieß räumlich an meine Grenzen.

Ich begann neben dem Studium in einem Altenheim (heute sagt man wohl Seniorenresidenz) Menschen zu füttern, zu waschen und zu windeln, die viermal so alt waren wie ich... dabei erlebte ich zum ersten Mal hautnah das Verlassensein & das Sterben und stieß emotional an meine Grenzen. Und das lag nicht an den Pflegebedürftigen...die ganze Institution "Pflegeheim" ist mir bis heute suspekt...

Ich verliebte und entliebte mich und mein Herz stieß an seine Grenzen.

Kerstin sah ich im Sommer / Herbst 1990 zufällig noch ein einziges Mal während einer Vorlesung in der Göttinger Uni, danach brach unser Kontakt leider ab.
Was wohl aus ihr geworden ist ?
Wie sie sich an diese Zeit erinnert ?

*
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4 Comments / add your comment?

Esterpro says:
Beautiful golden color and interesting story
Posted 2 months ago. ( permalink )
Ambrosius Theis says:
Die Konfrontation mit Leid, Elend und Tod
wird immer ihre Spuren hinterlassen.
Da findet jeder seine Grenze -
zum Anderen -
bei sich.

Aber Hut ab!
So jung, so nebenbei
eine solche Aufgabe.
Das machen nicht viele.
Posted 6 weeks ago. ( permalink / translate )
Namastepro replies:
Danke Ambrosius, aber Hut ab vor denen, die es hauptberuflich machen...ich könnte es nicht ! Die sieben Jahre Wochenenddienste, Feiertage, Semesterferien haben mir gereicht, um sicher zu sein, dass ich so nicht bis zum Ende gepflegt werden wollte...es ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit (!) wie personell schlecht ausgestattet die Pflegeheime oft sind...dieses ganze Thema hat viel zu wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Leider. :-(
Posted 5 weeks ago. ( permalink / translate )
Ambrosius Theis says:
Leider. Das Thema interessiert niemand, außer er ist selbst betroffen.
Dabei liegt gerade darin der "Sprengstoff" für unser "künftiges" Leben.
Die Menschen werden gehindert, Gutes zu tun ... direkt am Nächsten.
Man läßt sie Spenden - aber Lieben - läßt man sie nicht.
http://www.bertha-dudde.org/index.php?id=19&action=displaySingle&knr=4961&cHash=3dce9b568f
Posted 5 weeks ago. ( permalink / translate )

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