Rasch2000

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Posted on 08/22/2007


Photo taken on August 22, 2007



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EOS Wickersdorf

Comments
Mona Lisa
Mona Lisa
das wirkt irgendwie bedrohlich ... zumindest wie ein bollwerk! :-)
9 years ago.
Rasch2000 has replied to Mona Lisa
Bedrohlich war's nicht, in der Tat gab's da auch Lehrer und Lehrerinnen , an die ich mich noch heute mit Hochachtung erinnere. Was Besonderes war's schon, in diesem Internat. Lisl Urban war meine Klassenlehrerin, wir hielten Kontakt und es gibt interessante STASI-Akten über unseren Briefwechsel, als ich schon im Westen war. "Kontaktpolitik" war das Delikt, welches registriert, dokumentiert und beobachtet wurde.

(more to come)
9 years ago.
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Spiegel 42/1990 vom 15.10.1990, S. 131-143

An der Erweiterten Oberschule Wickersdorf, einem bei Saalfeld gelegenen Internat, tragen realsozialistische Pädagogen und Neu-Bürgerliche dagegen noch heftige Richtungskämpfe aus.

In den provisorisch hergerichteten Räumen eines leerstehenden Staatsgutes hatte der Pädagoge Gustav Wyneken am 1. September 1906 die "Freie Schulgemeinde Wickersdorf" gegründet. Das idyllisch im Thüringer Wald gelegene Landerziehungsheim bot Lehrern und Schülern gleiches Stimmrecht in allen Fragen des Schullebens. Zu diesem Zweck tagte regelmäßig eine Art Schulparlament, die "Schulgemeinde".

Der SED-Staat richtete 1964 in Wickersdorf eine Spezialschule ein, in der sich künftige Russischlehrer auf ihr Studium vorbereiteten. Während andere DDR-Schulen Partnerschaften zu den Kombinaten ihrer Umgebung unterhielten, hatten die Wickersdorfer einen besonders ehrenwerten Sponsor: die Staatssicherheit. In jedem der Wickersdorfer Schülerwohnhäuser logierte mindestens ein Stasi-Spitzel und spionierte pflichtgemäß in den Kladden und Tagebüchern seiner Mitschüler.

Nur das in Jugendstilschrift geschnitzte Schild am Eingang "Wer leuchten will, muß selber brennen" erinnert heute an die Pädagogen-Weisheit der Gründerzeit. Ein Stockwerk höher hängt immer noch ein mannshohes Heldenporträt von Lenin.

Im Zimmer des ehemaligen Direktors Dieter Barth diskutieren die Kolleginnen und Kollegen Lehrer über das weitere Schicksal ihrer Schule. "Diese Politik im Schulbereich, das war das schlimmste in meiner Arbeit", klagt die Musiklehrerin Heidi Rang. Als parteilose --- S.143 Lehrerin sei sie besonderen Schikanen der Schulleitung ausgesetzt gewesen: "Wenn ein Schüler in meiner Klasse schlecht war, dann wurde das immer als politisches Versagen von mir gewertet." Und mit wütendem Blick auf den Ex-Direktor fügt sie hinzu: "Hier bei dir mußte ich immer sitzen und mir deine Predigten anhören."

"Aber Heidi, das ist doch mindestens 20 Jahre her", versucht Barth zu beschwichtigen - und hat damit sogar Erfolg. An die jüngere Vergangenheit mag im Grunde keiner der Wickersdorfer Lehrer gern erinnert werden. Um so mehr ist ihnen plötzlich die Tradition ans Herz gewachsen. Barth höchstpersönlich hat dafür gesorgt, daß an der Zufahrt zum Schulgelände wieder ein frisch lackiertes Holzschild mit der Aufschrift "Freie Schulgemeinde Wickersdorf" prangt.

Aus der Spezialschule für Russisch soll nun ein neusprachliches Internat werden. Der Deutschlehrer Robert Dietzel hat dazu ein wohlklingendes Schulprogramm im Geiste Gustav Wynekens verfaßt. Doch noch ist die Zahl der Kollegen, die dieses Programm aus Überzeugung mittragen wollen, gering. Mit Wynekens Idee einer besonderen "Kameradschaft" zwischen Lehrern und Schülern etwa mögen sich die Wickersdorfer Pädagogen überhaupt nicht anfreunden.

"Die Lehrer haben das Zusammengehörigkeitsgefühl mit uns total zerstört und sind immer weiter auf Distanz gegangen", sagt der Schüler Thomas, 17. Nach der Wende habe sich in dieser Beziehung nichts geändert. Auch Sandra, 16, meint: "Vor allem muß die Angst vor den Lehrern abgebaut werden, damit überhaupt mal ein Kontakt entsteht."

"Mit diesen Lehrern geht das aber nicht", entgegnet ihr Mitschüler Michael, 16. Die meisten Pauker seien "wohl zu alt für einen Neuanfang".
8 years ago.