Michael

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Posted on 02/17/2013


Photo taken on February  8, 2013


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Hamburger Originale

Aale-Aale (*1892; † 1970)

Aale-Aale (*1892; † 1970) 

So kannten ihn die Hamburger: Aale-Aale mit seinem Verkaufswagen, einer Kinderkarre.

"Aale ... Aale" war sein Ausruf im Falsett, wenn er sine Ware anpries.

"Aale-Aale" hat sich nun wirklich in aller Stille verabschiedet. Karl-Wilhelm Schreiber, wie er richtig hieß, starb am Freitag um 9.45 Uhr im Pflege- und Versorgungsheim Farmsen im Alter von 79 Jahren. Er gehörte zu den wenigen, denen es vergönnt war, seinen "Nachrufen" zu entnehmen, wie die Nachwelt um ihn trauerte. Und wie alle vorzeitig Totgesagten hatte er ein langes Leben.

1952 war in Eimsbüttel der Fischhändler Hermann Münch gestorben. Ein Schlaganfall hatte den 78jährigen in seiner Wohnung dahingerafft. Erst im Institut für gerichtliche Medizin und Kriminalistik erwies es sich, daß Hermann korrekterweise Hermine hätte heißen müssen ...

Die Nachricht von dem Tode und der überraschenden Entdeckung erreichte die Hamburger Morgenzeitungen in letzter Minute. Da Münch in Statur, Alter und Beruf dem "Aale-Aale" glich, der ebenfalls mit seinem stadtbekannten Falsettruf die beliebten Räucherfische anbot, kam es zu den Überschriften "Aale ? Aale" ? eine Frau!, "Aale ? Aale" tot ? Hamburg um ein Original ärmer!

Tags darauf schrien die Zeitungshändler auf St. Pauli: "Hei lewet noch! ,Aale-Aale' lebt!" ? Ganz Hamburg lachte!

Für Karl-Wilhelm Schreiber war diese Verwechslung eine Bombenreklame. Fotos und Interviews in allen Zeitungen! Dabei unterlief einigen in "Hamburgensien" unbewanderten Reportern ein neuer Fehler, indem sie "Aale ? Aale" mit Aal-Weber verwechselten. Der hieß Johann Jürgen Weber und starb 1854 im 74. Lebensjahr im Armenhaus, wo übrigens im gleichen Jahr auch das bekannteste Hamburger Original, der Wasserträger "Hummel" die Augen geschlossen hatte.

Karl Wilhelm Schreiber wurde am 18. Oktober 1892 in Dresden geboren. Als junger Mann kam er auf einem Kohlenkahn nach Hamburg, wo ihn der Schiffer mit 100 Mark losschickte, um Räucheraale einzukaufen. Dieses erste Geschäft brachte den pfiffigen Sachsen auf die Idee, sich "selbständig" zu machen. Er band sieh eine weiße Schürze vor, steckte sich die berühmt gewordenen unverwelkbaren Blumen an seine Melone und krähte: "Aale ? Aale". Über 40 Jahre lang machte er das, verkaufte pro Tag rund 200 seiner leckeren Rächerfische und brachte ? nun als "Aale ? Aale" stadtbekannt ? seiner molligen Resi und seinen beiden Kindern manche blanke Mark zur Seilerstraße 39. ' Er selbst aß keinen Aal, sein Lieblingsgericht war "Karpfen, blau".

Von der Nacht, in der ihn Hamburgs Morgenzeitungen für tot und zur Frau erklärt hatten, hat "Aale ? Aale" immer wieder erzählt Als erster klopfte ihm ein Wachtmeister der Davidwache auf die Schulter und lachte: "Komm mal mit, meine Kollegen haben viel gesehen, aber noch keine wandelnde laiche!" ? Die Gunstgewerblerinnen der Reeperbahn kicherten: ",Aale-Aale', zeig uns mal, ob du wirklich ein Mädchen bist!"

Auch sein junger Kumpel, der ihm in den letzten Jahren die Aalkörbe zutrug, hatte fest an den Tod seines Bauchladenchefs geglaubt. Mit Kondolenzblumen in der Hand und Trauer im Blick erschien er als erster bei der platinblonden "Witwe" und schloß sein Beileid mit den Worten: "Ischa 'n Jammer, aber können wir das Geschäft nicht zusammen weitermachen?" ? Dann erst bemerkte er das lautstarke Schnarchen des "Toten", dem in dieser denkwürdigen Nacht mancher belebende Köm' spendiert worden war.

Nun ist "Aale-Aale" wirklich gestorben und auf dem Weg, den vor ihm schon Oskar vom Pferdemarkt, Zitronenjette und all die anderen gingen, die einmal Farbe in das Grau des Alltags brachten. Jetzt ist Hamburg wirklich um ein Original ärmer geworden.

Archiv Hamburger Abendblatt 31.10.1970

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