Nachdem ich nun schon über einen Monat im finnischen „Bildungsparadies“ bin, jedoch momentan Äpfel mit Migrationshintergrund aus Deutschland esse, möchte ich etwas über die Studiensituation zu berichten. Es ist an der Zeit dazu, auch weil in der Zeit (haha, Kioski, 5.95 EUR) so schön über die deutsche Bildung hergezogen wird. Dort steht dann z.B., dass die Universitäten zu provinziell sind und Professoren unattraktiv wenig verdienen. Ich schlendere mit diesen Worten im kapuzenbedeckten Hinterkopf durch die University of Helsinki und mir wird bald klar: die Finnen lassen sich ihre Hochschulen was kosten! Daran, dass das die Fakultät für Verhaltenswissenschaften hoch auf dem Berge thront und das Sozialpsycho-Anwesen an ein Gutshof erinnert, kann man das nicht erkennen – wohl aber an der materiellen Ausstattung im „Alexandria learning center“. In dem offen und hell wirkenden Gebäudekomplex sind da etagenweise Computer-Arbeitsstationen zu finden, jede/r StudentInn hat ein freies Druckkontingent von 600 Seiten pro Semester, Gruppenarbeitsräume stehen zu Verfügung, usw. Den Namen nach der antiken Bibliothek zu wählen ist natürlich etwas anmaßend, trotzdem hoffe ich, dass sie ihrem Vorbild nicht in den Feuertod folgt – wäre u.a. auch schade um all den Kaffee, der, selbstverständlich mit an die Leseplätze gebracht, in Koffeindampf aufgehen würde.
Wie international ausgerichtet das Unileben hier ist, zeigen neben schwedischen Kursen (wegen der offiziellen Zweisprachigkeit des Landes) auch die englischen Veranstaltungen. Diese sind nämlich ein ganz selbstverständlicher Teil des Lehrangebotes und nicht nur für die Austauschstudenten gedacht. Daher komme ich auch in Kontakt mit einheimischen StudentInnen - wie gerade im Gender-Seminar: Wie lassen wir Geschlechtsunterschiede in der alltäglichen Interaktion entstehen? Bei angenehm interaktiver Gestaltung und Gruppenarbeit konzentrieren sich drei freundliche finnische Feministinnen und ich dazu auf den Schulkontext. Wenn ich dann diesen Unialltag mit dem in Leipzig vergleiche, kommt mir das Urteil von den „provinziellen“ deutschen Hochschulen plausibel vor.
Aber es gibt auch verbindende Momente! Einer ist mir in Form von kritischen hiesigen StudentInnen begegnet. Ein paar Leute mit humanistischem Bildungsideal, die im Kühlnass stehen und, mit Transpis und Megaphon ausgestattet, Hochschulpolitik kritisieren. Die Regierung überlegt, Studiengebühren einzuführen; Hochschulen werden zu Unternehmen… Na, wem kommt das bekannt vor?

Auch wichtig, aber angenehmer ist da ein anderer Bereich des Studierlebens: die Mensa.
Hier ist sie das Paradies für Individualisten. Man bezahlt für das Kern-Gericht und kann dann kombinieren, was Magen&Geschmackwahrnehmung zulassen: Die Beilagen (meist Reis und Pellkartoffeln, aber auch Rosmarin-Ofenkartoffeln haben schon ihren Duft verbreitet) in Fruchtsaft schwenken, sich einen Ketchup-Rotebeete-Salat auf den Teller richten und mit Olivenöl übergießen, drei verschiedene Brotsorten wahlweise in Voll- oder fettarme Milch krümeln, oder das Putenschnitzel mit einer Schicht aus veganem Brotaufstrich abdecken – anything goes. Aber die ausgelegte Kartoffelschälanweisung ist mir persönlich dann doch etwas zu paternalistisch.

Nach so einem gesunden Mittagessen habe ich dann wieder genügend Energie, mich mit Kulturvergleich oder finnischen Schimpfwörtern zu beschäftigen. Um eine Pause einzulegen gehe ich später in das nahe und gemütliche Uni-Café, genieße FairTrade-Kaffee mit gefairtradetem Braunen Zucker und würzige FairTrade-Zartbitterschokolade. In einem aktuellen Artikel der Zeit (diesmal kein Wortspiel, immer noch 5.95 EUR am Kioski) erweist sich die neoliberale Schulzeitverkürzung in Deutschland als „pädagogisches Desaster“. Doch vom verstressten Zeitgeist habe ich momentan Abstand (räumlich und mental), was mich mit einem beschwingten Glücksgefühl durch den Freitagnachmittag gehen lässtzumindest solang sich dieser Zeitgeist versteckt hält.