Im Land der tausend Seen sehen sich 84% der Bürger als lutherisch-christlich, ein erstaunlich hoher Anteil. Aber es wäre nicht Finnland, wenn’s nicht einen Haken an der Sache gäbe, der zum Schmunzeln anregt. Denn nur 4% der Finnen sind wöchentlich Kirchgänger! Und gestern war ich in einer Kirche, die noch niedriger ist, als dieser Anteil: die Tempelkirche (temppeliaukion kirkko). 1968, als der Rest der Welt an Frieden dachte, wurde das Bauwerk mal eben in den Fels gesprengt… klingt gewaltig, sieht von mancher Seite auch gewaltig aus („Eine feste Burg ist unser Gott“?). Der Helsinki-Reiseführer weiß es auch gut zu beschreiben: „Von außen ist die flache Kuppel kaum zu sehen, und auch der Eingang vom diskreten Charme einer Tiefgarage lässt nicht ahnen, welch fantastischen Eindruck das Innere bietet: rauer Fels, eine von Betonrippen getragene Kupferdachkuppel und eine schlichte Einrichtung liefern eine eindringliche Bühne für den sich ständig ändernden Lichteinfall.“ Und in dieser Umgebung fand ein evangelikaler Gottesdienst in englischer Sprache statt – wie’s sich gehört mit reichlich emotionalen Lobpreisliedern, die sich aber, von Flügel und Violine begleitet, bei den hervorragenden akustischen Eigenschaften der Kirche gut machen. Dass das Abendmahl auch etwas anders wird, hätte ich beim Anblick des Geschirrs in Espressokannenästhetik ahnen müssen. Auf die Praxis, sich hinzuknien, während man Blut und Leib Christi empfängt, konnte ich mich ja vorbereiten – schließlich bin ich nicht als erster nach vorn gestürmt. Aber dass mir statt Wein oder Traubensaft eine konzentrierte alkoholische Flüssigkeit (Likör, Weinbrand, Schnaps?) gereicht wird, hat mich doch einigermaßen erstaunt! Zum Espressodesign passt’s allemal…

Als ich wieder nüchtern und im Wohnheim war, kam eine Meute MitaustauschstudentInnen vorbei, um gemeinsam Touristguides zu studieren und kleine Pizzen auf viele Öfen zu verteilen. Nachdem die Mägen gefüllt waren, ist der musikdurstige Teil der Gruppe in den Club Liberté gegangen: zur all sonntäglichen Jamsession. Die Sessionband hat mit groovigen Auftaktsstücken ganz im Stil von Medeski, Martin & Wood bzw. John Scofield und einigen Blues- und Jazzsongs mein Herz höher schlagen lassen und mein Gesicht mit einem zufriedenen Lächeln überzogen. Wer also überlegt, nach Helsinki zu gehen, sich aber nicht vom Leipziger Tonelli’s trennen kann, dem kann ich getrost sagen: es gibt Ersatz! Sogar eine finnische Version performativ herumturkelnder Betrunkener habe ich gesichtet. Schade ist nur, dass man die Kommentare nicht versteht, die zwischen Musikern und altbekannten Zuhörern hin- und herfliegen.