Es geschehen noch Zeichen. Ilford hat gleich zwei neue Barytpapiere auf den Markt gebracht. Ein starkes Signal an die Analoggemeinde, aber nicht wirklich ein Wunder. Der Marktführer positioniert sich in einem umkämpften, überschaubaren Markt.

Das Multigrade IV wird ersetzt durch das Multigrade Classic und das ist gut so. Im direkten Vergleich zeigt das neue Papier seine Stärken: der Träger ist heller, die Oberfläche ist bei Lufttrocknung glänzender, der Bildeindruck ist brillianter. Die Dmax-Werte sind bei allen eingesetzten Entwicklern erfreulich hoch, die Differenzierung der Tonwerte ist besonders am oberen Ende der Skala deutlich verbessert.
Die Empfindlichkeit liegt bei weicher bis mittlerer Gradationsfilterung etwa eine Drittelblende höher als beim MGIV und fällt bei harter Filterung (4-5) nur geringfügig ab, was in diesem Bereich etwa eine Verdoppelung der Empfindlichkeit gegenüber dem MGIV ergibt. Bildtöne zwischen kühl und warm lassen sich auch beim Classic mit geeigneten Entwicklern hervorrufen, wobei allerdings nach Warmtonentwicklern, der im nassen Zustand noch braunschwarze Ton bei der Trocknung etwas kühler wird.
Die Entwicklungszeit ist kurz. Die meisten Anwender mögen dies begrüßen, für meinen Geschmack kommt das Papier etwas zu schnell. Wie alle Multigradepapiere aus Ilfordproduktion enthält auch die Classicemulsion Entwicklungsbeschleuniger, vermutlich etwas mehr als das MGIV, denn die Bildspurzeit ist wesentlich kürzer und entsprechend verkürzt ist damit auch die Ausentwicklungszeit. Für den normalen Entwicklungsprozeß muß dies kein Nachteil sein, wenn bei exakt ermittelter Gradationsfilterung und Belichtungszeit nach Uhr entwickelt wird. Ausgedehnte Entwicklungszeiten führen zu einem Verlust der Schattendifferenzierung. Zweibadentwicklungen zur Beeinflussung der Gradationskurve gestalten sich wegen der kurzen Gesamtentwicklungszeit schwieriger als gewohnt und sind überhaupt nur möglich bei höherer Verdünnung beider Entwickler.
Erfreulich ist das veränderte Tonungsverhalten. Das MGIV steht im Ruf, Selentong nicht anzunehmen. Es findet zwar eine Reaktion statt, deutlich sichtbar, über eine Zunahme der Maximalschwärzung hinaus, wird die Wirkung allerdings erst bei einer anschließenden Bleichung. Das Classic reagiert dagegen so, wie es sein sollte. Zunächst wird der Bildton leicht kühler, im weiteren Verlauf (bei 1+10 nach 2-4 Minuten) bildet sich der typische Selenton aus. Bei allen anderen Tonungsverfahren kann man sich an den Erfahrungen mit dem MGIV orientieren.
Das Multigrade Cooltone FB weist eine noch höhere Empfindlichkeit auf als das Classic, doch die Bildspurzeit im gleichen Entwickler ist länger und der Kontrast ist bei identischer Filterung höher. Ohne Verlust an Schattendifferenzierung kann die Gradationsfilterung um eine halbe Stufe weicher eingestellt werden als beim Classic. Mit langsam arbeitenden Entwicklern ergeben sich die von mir bevorzugten Entwicklungszeiten zwischen zwei und drei Minuten. Der Bildton ist mit Neutraltonentwicklern schon kühler als beim Classic, ein in Richtung Blauschwarz gehender Ton stellte sich allerdings bei meinen Tests erst mit dem SE6 Blue ein, wobei dieser Entwickler auch beim Classic für einen kalten Bildeindruck sorgt. Auf Selentoner reagiert das Cooltone wesentlich schneller als das Classic. Bei einer Verdünnung von 1+10 stellt sich schon nach 30-40 Sekunden ein Tonsplit ein. Nach vier Minuten sind die Lichter noch nicht durchgetont. Um Splittonung zu vermeiden, sollte der Selentoner für dieses Papier mindestens 1+50 verdünnt werden.

Eine häufig gestellte Frage gilt der Lithfähigkeit. Wegen des eingelagerten Phenidons entsteht eine Superadditivität mit dem Hydrochinon des Lithentwicklers, ein langsamer Bildaufbau mit infektiöser Entwicklung der Schatten ist deshalb nicht möglich. Beide Papiere sind also für den direkten Lithprozeß nicht geeignet. Frühere Versuche mit anderen Papieren (Adox MCC und Slavich Bromportrait) zeigten, daß ein Auswaschen des Phenidons vor der Entwicklung nicht zu befriedigenden Ergebnissen führen würde. Erfolgversprechender ist eine möglichst vollständige Entwicklung des Phenidons in einer Alkalilösung. Hierzu eignet sich die B-Lösung des Lithentwicklers. Für 600ml Wasser sind 10ml Konzentrat mit Zusatz von 3-5ml Lith D als zusätzliches Antischleiermittel ausreichend. Für diesen Versuch wählte ich das Cooltone, weil es offensichtlich weniger Phenidon enthält als das Classic. Es sollte nicht zu stark überbelichtet werden, eine bis anderthalb Blenden reichen aus, denn zur Schwärzung der Schattenpartien wird ein kräftiger Entwickleransatz benötigt. Nach der Belichtung wird der Print für vier Minuten bei ständiger Bewegung in der Alkalilösung gebadet. Schon nach etwa zwei Minuten erscheint ein flaues Bild, nach vier Minuten scheint das Phenidon zumindest in den Bereichen starker Belichtung erschöpft zu sein und der Rest geht anscheinend in Lösung. Um eine Kontaminierung des Lithentwicklers durch Verschleppung des gelösten Phenidons zu vermeiden, sollte ein kurzer Spülgang (1-2 Wasserwechsel) folgen. Anschließend kann die Lithentwicklung gestartet werden. Eine Verdünnung von 1+7 hat sich als notwendig erwiesen um das Bromsilberkorn in den Schatten zu schwärzen. Dies passiert bei richtiger Belichtung zwischen der fünften und zehnten Minute. Den Snatchpoint zu erkennen, ist nicht ganz einfach, weil die Schatten auch bei einem fetten Ansatz dazu tendieren immer breiter, aber nicht unbedingt schwärzer zu werden. In solchen Fällen hilft ein weiteres Bad in der B-Lösung (die dann jedoch für den nächsten Print ersetzt werden muß) oder besser im Oxidationsbad Lith Omega in der Verdünnung 1+100.
Insgesamt ist das ein erheblicher Aufwand und obwohl die Ergebnisse ansprechend sein können, entsprechen sie nicht dem Ideal eines Lithprints mit flacher Kurve von den Lichtern zu den Mitteltönen und scharfer Kante zu den Schatten.
Dagegen gestaltet sich die Lith-Umentwicklung eines konventionell erstellten Prints wesentlich einfacher. Beim 2nd Pass Lith wird lediglich etwa eine halbe Blende überbelichtet, in einem beliebigen Entwickler entwickelt und nach Fixage und Wässerung gebleicht. Nach kurzer Wässerung wird bei Raumlicht in einem hochverdünnten Lithansatz nach Sicht rückentwickelt, bis die gewünschte Dichte erreicht ist. Anschließend wird fixiert um die verbliebenen (nicht entwickelten) Halogenide zu lösen. Für diese Technik war das MGIV hervorragend geeignet. Mit dem Classic funktioniert der Prozeß nach ersten Versuchen durchaus zufriedenstellend, doch einfacher in der Handhabung ist das Cooltone.

Alles in allem stellen die beiden neuen Papiere eine Bereicherung dar. Das Maß aller Dinge ist und bleibt für mich das MG Warmtone und natürlich seine Geschwister Bergger CB und Adox Variotone. Nach meiner Einschätzung gesellt sich das Classic in die Gruppe der hochwertigen Papiere mit langer Range und tritt damit auch in Konkurrenz zum etwas warmtonigeren Adox MCC. Bei der qualitativen Dichte im oberen und mittleren Preissegment hängt eine Entscheidung für das eine oder andere Papier oft weniger von meßbaren Unterschieden ab, sondern von gewachsenen Bindungen und persönlichen Vorlieben. Umsteiger vom MGIV zum Classic werden sich an eine veränderte (sauberer abgestufte) Gradationskurve gewöhnen müssen, am Bildton hat sich nicht allzuviel geändert.
Mögen uns all die genannten Papiere lange erhalten bleiben – die nicht genannten auch.