
An der Küste vor Karlovassi befindet sich die Ruine einer uralten Fabrik. Zwischen ihren bröckelnden Wänden aus rauhem Bruchstein kämpft das Rot der herabgestürzten Dachziegel mit dem Grün der Vegetation, die ihren ursprünglichen Lebensraum selbstbewußt wiedererobert. Jeder Schritt ist wohlüberlegt, um nicht in sich jäh öffnende Brunnenschächte zu treten oder sich in den ausufernden Tentakeln der Büsche zu verfangen. Geheimnisvolle Betonbassins dienen, sich selbst überlassen, nur noch der Zucht von Schutt und Zivilisationsmüll. Aus dem Augenwinkel offenbart sich in der Flucht der aufgereihten Fenster eine zerborstene Tür aus gebleichtem Holz.
Mit geschlossenen Augen nehme ich den rostigen Türknauf in die Hand - während seine rauhe braunrote Oberfläche über meine Haut reibt, entgleitet die Leere um mich herum und macht einer geschäftigen Sinneskulisse Platz: hinter mir läuft ratternd ein Fließband an, unter den Duft des Meeres mischt sich der Eishauch frisch gefangenen Fisches. Zielsichere Schritte klackern quer durch den Raum, und darüber legt sich der fröhliche Singsang des ältesten griechischen Klatschs- und Tratschs.
Als ich den von der Sonne aufgeheizten Türknauf loslasse, verhallen die Geräusche einen kostbaren Moment lang. Jeder Stein scheint jetzt eine Spur jenes ungeheuren Optimismus abzustrahlen, der nötig war, um diese Fabrik aufzubauen, sich voll und ganz in sie zu investieren und das eigene Schicksal mit ihr zu verknüpfen. Und doch haben eines Tages alle ihre Sachen gepackt und sind weitergezogen, einer neuen Zukunft entgegen. Lediglich ihre verlassenen Träume sind den alten Mauern treu geblieben und warten geduldig darauf, daß sie sich jemand vertraut macht.
