- von Jochen Petersdorf -
Ein zukünftiger Weihnachtsbaum berichtet:

Ich heiße Johann Gottlieb und bin Fichte. Deshalb diese Vornamen. Eine Tante von mir ist Kiefer und heißt Marianne. Wir haben auch ein schwarzes Schaf in der Familie. Er ist Alkoholiker und deshalb Blautanne. Trotzdem ist er als Weihnachbaum wegen seiner geschwollenen Nadeln sehr beliebt. Er tritt sogar im Fernsehen auf und Künstler singen dann vor ihm oder daneben. Manchmal zeigt ihn die Kamera in Großaufnahme. Da ist er ganz aufgeregt und nadelt unter sich. Das wird aber vom Ballett vertanzt.

Ich selbst als einfach Fischte halte mich aus solchen Sendungen raus. Ich bin ein Baum für die Stube, von der Lindenstraße bis zur Karl-Marx-Allee. Ich gucke auch weniger in die Röhre. Ich höre lieber Radio. Hör ich Antenne Brandenburg, da geh’n mit mir die Nadeln durch. Ich bin zwar noch nicht sehr alt, habe aber dennoch eine recht interessante Vita. Meine Großmutter sagte zu Vita Lebenslauf. Sie ist gestorben. Daran sieht man, ohne Vita geht es eben nicht.

Ich bin von Geburt Brandenburger, also umgeben von vielen Kiefern aufgewachsen. Wir haben uns aber gut vertragen. Nur zweimal haben welche gerufen „Ausländer raus!“ Das waren Latschenkiefern, die haben nicht viel im Wipfel. In unserer Gegend werden alljährlich allerhand Weihnachtsbäume geschlagen. Zum Glück nur zur Weihnachtszeit. Die Fußballmannschaft dieser Gegend wird jeden Sonnabend geschlagen.

Meine Kindheit verlief friedlich und harmonisch. Ich besuchte die Baumschule und wurde mehrmals mit der Ehrennadel der FDJ ausgezeichnet. FDJ das hieß „Fichte des Jahres". So wuchs ich in unserer eingezäunten Schonung ganz gut heran. Nebenan im Jagen 24 gab es Diplomatenjagen. Aber die meisten Diplomaten sind durchgekommen.

Studieren ließ man mich nicht, denn eine entfernte Verwandte von mir lebte als Duklasie in den USA. Deshalb hatte der alte Oberförster auch eine Akte von mir angelegt. Darin wurde ich als IM geführt. Das hieß “immer müde“. Aber ich war prächtig gewachsen. Deshalb wurde ich auch nicht zum Weihnachtsbaum gemacht. Den damals … damals wurden in erster Linie die mickrigen und zerknautschten Typen auf den Markt gestellt.

Es ist erstaunlich, was die Menschen dann mit Kugeln und Lametta aus solch einer Krücke herausholten. Das ist heute ganz anders. Heute ist fast jeder Baum ein Prachtstück. So mancher Käufer ist froh, wenn er mit einem billigen Strunk ein Schnäppchen gemacht hat. Trotzdem hoffe ich, dass ich auch als schmucker Kerl eine Chance hab’, in gute Hände zu kommen.

Manche Leute bevorzugen ja einen immergrünen Kunststoffbaum. Diese Dinger sind unsereinem fast zum Verwechseln ähnlich, haben allerdings einen anderen Körpergeruch. Aber in Verbindung mit Tannenspray machen sie auch Eindruck. Wenn dann noch elektrische Kerzen dazu kommen, dann können nur noch die brennenden Flügel der Holzpyramide für ein gemütlichen Stubenbrand sorgen.

Ich selbst bleibe ja lieber beim alten Stil und träume schon jetzt von einem angenehmen Einsatzort, mit Pfefferkuchenduft, strahlende Kinderaugen und einer Omi, die mit den Kleinen Weihnachtslieder singt bis der Papa ruft: „Halt die Klappe! Im Fernsehen singt Heino „Stille Nacht!“

Ich glaube ich muss jetzt meinen Bericht abbrechen. Es sieht so aus, als will mich einer kaufen. Tatsächlich, jetzt wird er wohl gleich nach alter Gewohnheit eine Schnur aus der Tasche zieh’n um mich herum und unter mich durch kriechen, um mich einigermaßen verschnürt davon zu schleifen. Doch nein, Ich werde in eine Art Kanone geschoben und in ein Netz geschossen. Donnerwetter, das ist eine tolle Sache und bestimmt eine Erfindung aus dem Westen. Damit gehöre auch ich nun zu all den Glücklichen, die dem Westen ins Netzt gegangen sind.

Frohes Fest!