Ihr erinnert Euch?
Wir waren stehengeblieben auf Muhu; auf einem Campingplatz, der mal wieder nur uns allein gehörte. Muhu ist eine der 3 Inseln, die dem estnischen Festland vorgelagert sind, und war während des Kalten Krieges militärisches Sperrgebiet: Keiner durfte auf die Insel oder von der Insel herunter ohne Sondergenehmigung. Das hat angeblich die dort lebenden Menschen dazu gezwungen, in ihrem täglichen Leben ohne Hilfe von außen zurecht zu kommen. Andererseits jedoch sind sie auch misstrauisch und verschlossen allem Fremden gegenüber, das nun auf ihre Insel kommt.
Die Bevölkerung ist nicht zahlreich und wir in der Einsamkeit sehen nicht viele Menschen, aber wir merken das Misstrauen, wenn wir durch ein Dorf fahren: Wir werden verstohlen betrachtet und genauestens taxiert
Unser Ziel ist Saaremaa, die zweite große Insel vor Estland und die drittgrößte Insel in der Ostsee überhaupt: mit 90 km Ausdehnung von N nach S und ebensolchen 90 km von O nach W soll sie landschaftlich einiges zu zeigen haben. Ihre Hauptstadt Kuressare soll ein sehenswertes Örtchen mit einer gut erhaltenen Ordensritterburg sein....
Schon recht früh am Vormittag erreichen wir den "Tamm", den berühmten Damm, der Muhu mit der Insel Saaremaa verbindet; ein Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert, 4 km lang teilt er schnurgerade das Meer: auf der einen Seite das in der Sonne glitzernde Wasser, auf der anderen ein zunehmend verlandendes Schilfgebiet, aus dem vielfältige Stimmen von Fröschen und Vögeln zu uns herauf dringen.
Auf einer bequemen breiten Standspur rollen wir auf unser erstes Ziel zu: das Hafenstädtchen Orissaare, in dessen Hafen ein Schiffswrack aus dm 16. Jahrhundert liegen soll.
Aber zuerst müssen wir uns das noch verdienen, denn die wenigen Kilometer zwischen dem Damm und dem Hafenzugang sind eine wild aufgeworfene Schotterstrecke, auf der wir vorsichtig zwischen beladenen LKWs und ungeduldigen PKWs lavieren müssen.
Dann öffnet sich die Hafeneinfahrt vor uns und ich bin zunächst enttäuscht: DAS soll ein Hafen sein? 3 Segelbötchen, ein paar Schwimmer im klaren (!) Wasser des Beckens, ein zwar hübsches kleines Restaurant mit einer großen Holzterrasse, aber ein Wrack? Schön aufge"bahrt" im Hafenbereich, mit allen Erklärungen versehen für Touristen? Nein, das gibt es nicht.
Aber das kleine Restaurant lockt, und so stellen wir die Räder in den Schatten, lassen unseren Proviant Proviant sein und geben uns auf der Terrasse der Völlerei hin: Der nette Besitzer, der in Deutschland studiert hat und dementsprechend fließend Deutsch spricht, tischt uns Borschtsch und kleine Pfannkuchen auf und beantwortet auch gleich unsere Frage nach dem Wrack: Nein, das sei im Schuppen nebenan, dunkel, kühl und gut konserviert. Er könne uns aber aufschließen und es uns zeigen. Und: Ja, ich darf auch fotografieren.--
Andächtig betreten wir das Dunkel des Lagerraums und ich staune nur, denn so etwas habe ich noch nie gesehen: kein einziger Nagel ist beim Bau verwendet worden, nur Holzzapfenverbindungen hielten das Schiff zusammen.Er erklärt uns, dass das Schiff von einem U-Boot in den 80ern geortet wurde und dann aus 3 m tiefem Schlick heraufgezogen worden ist.--
Draußen in der gleißenden Sonne verabschieden wir uns von unserem netten Gastgeber und schwingen uns auf die Räder zum nächsten Etappenziel: Kaali.
Es wird heiß und nur der Fahrtwind bringt Kühlung. Deshalb machen wir nur wenige Pausen und fahren lieber langsam, aber konstant. Irgendwann werden wir von einem 8-köpfigen Trupp Radler überholt, die mit ungleich höherer Geschwindigkeit unterwegs sind. Im Vorbeisausen grüßen sie, werfen uns im schönsten Ostfriesisch auch ein neugieriges "Was? So allein reisen Sie? Mit so viel Gepäck? Haben Sie denn keine Angst?" zu. Innerlich verdrehe ich die Augen, aber nach außen antworte ich lieb und adrett...
Wenig später treffen wir sie wieder: In einem Bushaltehäuschen sitzen sie, verschwitzt, erledigt. Als wir auch absteigen, um ein wenig zu rasten, erfahren wir, dass die Truppe eine "gelenkte" Tour macht: Das Gepäck wird von einem Bus transportiert, die Truppe hat täglich ein bestimmtes Pensum zu schaffen, weil alle Hotels und Pensionen bereits vorher gebucht (und bezahlt) sind. Wer das Pensum nicht schafft, kann sich mit dem Bus abholen lassen; ebenso ein evtl. havariertes Rad. Das klingt zunächst verlockend, aber das wäre nichts für mich: Dann kann ich nicht mehr bestimmen, wann und wo ich Etappen kürze oder verlängere und bin abhängig vom bereits gebuchten Ort. (..und außerdem wäre mir das zu teuer, denn ich habe nur wenig später -darauf komme ich noch zusprechen- zufällig mitbekommen, was diese Gruppe für die Unterkunft zahlte, im Gegensatz zu uns......)
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Kaali.
Vor uns, inmitten von unendlichen Mohnfeldern, liegen auf einer kleinen Anhöhe diese 8 Meteoritenkrater, von denen der größte, mit Wasser gefüllt, einen nahezu kreisrunden Durchmesser von 110 m hat.
Ich bin ein wenig enttäuscht, denn es sieht "in natura" nicht halb so interessant aus wie der bike line-Führer es beschreibt. Der Einschlag soll vor etwa 4.000 Jahren stattgefunden haben. Wikipedia schildert das so
. Viel ansprechender und spannender ist dagegen die Version, dass die Erde hier aus Entsetzen über eine Geschwisterheirat die Traukirche verschlungen habe. Eine andere Sage berichtet von einem Gutsherren, der nach einer zügellosen Orgie samt Gutshof und Feiergesellschaft vom Erdboden verschlungen sein soll. DAS wäre doch mal eine gelungene Erklärung!
Rund um diesen großen Krater drängeln sich Büdchen und Geschäftchen mit Post- und Ansichtskarten und mehr oder weniger verkitschten Mitbringseln--nicht meine Welt.
Aber sieh an, unsere Ostfriesen sind auch da! Die Truppe muss noch ins etwa 20 km entfernte Kuressare, denn dort stehen ihre Betten. Wir suchen uns hier etwas Nettes, denn oben über die Höhe geht's zu einem Campingplatz, wie mir die alte Ansichtskartenverkäuferin glaubhaft versichert hat--in fehlerfreiem Englisch.
Vorbei an einem Gutshof führt die kurze Strecke nach Koljala und richtig, wir sehen die Fahne mit dem "CAMPING" darauf schon von weitem unten in einer Senke. Wieder sind wir allein, wieder haben wir einen tadellosen Platz mit Dusche, WC und eingerichteter Küche für uns allein zur Verfügung.
Beim Zeltaufbau bekommen wir Zuschauer: die Pferdeherde, die zum Areal gehört und auf der Nachbarwiese zu Hause ist, kommt neugierig an und möchte gern wissen, wer da heute nacht sein wird .....:-)