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July 15, 2009

[# 1] Klein, aber fein: Estland

Es ist noch früh an diesem Morgen, die Luft ist klar und ein wenig zu kühl für Ende Juni: Es geht mal wieder auf „große Tour“....Dass die zunächst ganz profan im Nahverkehrszug nach Lübeck beginnt, kümmert mich wenig, ich bin in Gedanken schon hoch im Norden.

Dreimal müssen wir auf dieser Bahnreise umsteigen, aber alles geht gelassen und ruhig, denn wir haben alle Zeit der Welt: Das Schiff wird erst abends ablegen und bis dahin ist noch so viel Zeit, dass wir uns sogar eine Stadtbesichtigung Lübecks leisten können.--

Nein, ich habe NICHTS getrunken!
Nein, ich habe NICHTS getrunke…
Niederegger.....
Niederegger.....



Wir sind schon früh am Skandianvienkai in Travemünde, müssen aber nicht lange warten und dürfen schnell aufs Schiff. Unser schwimmendes Zuhause für gut 38 Stunden hat diesmal das Aussehen eines Seelenverkäufers; es ist anscheinend die große (sprich:alte) Schwester unserer Fähre vom letzten Jahr.

Blaumaul...
Blaumaul...



Auf mich macht die abgeledderte und verramschte Inneneinrichtung den Eindruck, als sollte das ihre letzte Fahrt werden:in unserer Kabine steht kein Tisch mehr und nur ein Sessel fristet in der Ecke sein kümmerliches Dasein; der Bezug meiner (Rosshaar!!!-)Matratze ist an einer Seite aufgeschlitzt und zeigt das schäbige Innenleben. Als ich die großen Duschhandtücher auseinanderfalte, sehe ich, dass eins von oben bis zur Mitte zerrissen bzw. geschlissen ist.... Beim Service hingegen ist das Personal ganz auf der Höhe der Zeit: nachlässig und unaufmerksam---fast wie in der Servicewüste Deutschland eben. Und auch die Preise für die Mahlzeiten sind 'modernisiert' worden und im Grunde unangemessen hoch.

Das Schiff ist kaum halb belegt. Wären nicht etliche Harley-Davidson-Fahrer mit ihren schweren Maschinen an Bord, wäre das Unterdeck ganz leer......

So wenig ansprechend sich die Fähre zeigt, so lustig und abwechslungsreich ist diesmal das Häuflein der Passagiere: die schon erwähnten Harley-Davidson-Helden, die steifbeinig schaukelnd in ihren Lederklamotten herumlaufen, damit auch jeder weiß, zu welcher Kaste sie gehören; dann ein Paar aus Stuhr, auch HD-Fahrer, aber ein klein wenig anders und "normaler"--mit ihnen haben wir viel Spaß.

Selbstauslöser-Spielchen....
Selbstauslöser-Spielchen....
2 Harleys
2 Harleys










Wir machen die Bekanntschaft eines Dortmunders, der auf der estnischen Insel Saaremaa eine Senffabrikation (!!) betreibt und der uns zu einer Verköstigung einlädt. Und wir hören grinsend dem unaufhörlich schwadronierenden alternden Handelsvertreter zu, der sich in Riga eine Lettin anschauen will, um sie eventuell zu heiraten: "Aber erstmal ausprobieren!"


Die Fahrt verläuft also kurzweilig und ruhig, wenn sich auch die See um uns herum recht stürmisch zeigt. Aber der massige Schiffskörper schlingert nur wenig, wir schlafen in beiden Nächten, sanft durchgerüttelt, wie die Murmeltiere.--

..........

Der Lotse ist schon weg!
Der Lotse ist schon weg!
..............


Riga morgens um 8, regnerisch-verhangen und unfreundlich.



Wir landen nicht an der prachtvollen Mole vor der Altstadt, sondern irgendwo weit draußen im schäbigsten Industriehafen. (Klar, da gehört so ein Seelenverkäufer auch hin.....)

Leider wissen wir nun überhaupt nicht, wie wir hier herauskommen sollen und verfahren uns etliche Male. Wir erinnern uns: Die Balten halten NICHTS von Hinweisschildern und Wegweisern......Wir sind nicht die Einzigen, denen es so ergeht: zweimal begegnen wir dem Pulk der Harley-Davidson-Fahrer vom Schiff, deren Anführer laut fluchend mit der Karte kämpft......:-)

Als wir schließlich auf der richtigen Route angelangt sind, geht alles ganz schnell und wir machen uns bei feinem Sprühregen und kühler Luft auf den Weg Richtung Norden, wo in 170 km die estnische Grenze auf uns wartet.-

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July 16, 2009

[# 2] Klein, aber fein: Estland

Es ist zunächst eine ruhige und schnelle Fahrt über die autobahnähnlich ausgebaute Küstenrandstraße, die „via baltica“. Wir kommen bestens voran, da nur wenig motorisierter Verkehr an uns vorbeibraust.

Bushaltestelle
Bushaltestelle
Dann jedoch wird es unsanfter und laut. Wir bleiben aber auf der Schnellstraße; schließlich wollen wir nicht lange in Lettland bleiben, sondern so unkompliziert wie möglich nach Estland kommen.
Münchhausen
Münchhausen





Es ist kühl, regnerisch, Wolkenfetzen rasen über uns hinweg und bringen immer mal wieder einen Schauer mit sich. Wir müssen öfter anhalten, um die Regenkleidung an- oder wieder auszuziehen(…oder um einen Kaffee trinken zu gehen...), aber wir fressen Kilometer um Kilometer.

lettisches Bauen
lettisches Bauen



Ab dem Abzweig nach Pabazi, dem ehemaligen Katharinenbad, fangen wir mit der Campingplatz-Suche an. Wir haben eine Liste dabei, die uns genug Plätze verspricht, aber schon jetzt merken wir, dass sie ihre Versprechen nicht einlösen kann: gut die Hälfte der aufgelisteten Übernachtungsmöglichkeiten stimmt nicht mehr: Geschlossen, verriegelt--Krise? In Saulkrasti jedoch finden wir eine ‚tourist information’, in der uns eine hübsche Lady den Weg zu einem „Biwakplatz“ beschreibt; weit draußen vor dem kleinen Badeort, der sicher auch schon bessere Zeiten gesehen hat….

Wir finden den Platz: Tatsächlich, nichts als eine große Wiese mit 2 Holz-Ferienhäusern (besetzt) und einem großen Familienzelt (auch besetzt). Eine Freiluftdusche entpuppt sich als Potemkinsches Dorf, denn es gibt dort kein Wasser. Das Plumpsklo am Zaunrand jedoch verfügt sogar über 2 Sitzplätze: getrennt nach „Damen“ und „Herren“ oder etwa „schon voll“ und „noch leer“ ? Zum Glück gibt es einen Wasserkran für alle, an einer der Hütten.
Wir versuchen, einen „Platzwart“ ausfindig zu machen, aber es gibt keinen; wir dürfen einfach so hier bleiben. Schnell spannen wir das Zelt, und unter den wachsamen Augen der Zeltbewohner verstauen wir unser Gepäck in den Apsiden, dann schwingen wir uns auf die Räder, um im Ort
noch etwas Essbares zu erwischen.—

Mit den Zutaten zaubert der LOML ein duftendes Abendbrot. Er nennt es "Lettischer Dillkartoffeltopf", ich nenne es einfach nur "Lecker!"....

Essen nachher
Essen nachher
Essen vorher
Essen vorher












Als es gegen 21 h anfängt zu regnen, kriechen wir in die Schlafsäcke und fallen sofort in Tiefschlaf.--

....................

Am anderen Morgen weckt mich das Geräusch eines Fußballs, von einem Kind versehentlich aufs Zelt gekickt. Auf mein unwilliges Gebrumm aus den Tiefen des Schlafsackes folgt ein verschämt-leises "Entschuldigung!" auf russisch, anschließend schnelles Getrappel auf dem Rasen, um den Ball aus unserem Greif-Bereich zu holen. Wer weiß, vielleicht klauen ja die Ausländer den Ball...:-)
Einmal wach, können wir auch genauso gut frühstücken. Der Himmel verspricht sowieso nichts Gutes und es es ist empfindlich kalt geworden. Ich ziehe alles an, was ich an warmer Kleidung mitgenommen habe.
Während wir unser Müsli vertilgen, fängt es leise an zu tröpfeln--schnell springen wir auf und bauen in Windeseile das Zelt ab, denn ein nasses Zelt heißt unnötiges Transportgewicht.--

Wir folgen wieder der Via Baltica, die immer autobahnähnlicher wird. Aber bei mäßigem Verkehr ist gut mit den Reifen schnurren, und die kühle Luft macht es uns leicht.

Üpsilon
Üpsilon
Küste
Küste





Nirgends bemerkt man, dass wir nicht mehr als 1 - 2km zur Küste parallel radeln: Wir sind von dichtem Mischwald umgeben, die (asphaltierte!) Strecke spult sich schnurgerade vor uns ab. Nur selten werden wir von Autos überholt, die gischtsprühend das Wasser aus den Straßenpfützen über uns werfen. Letten halt. Das kennen wir ja schon......;-)

Am späten Nachmittag erreichen wir Salacgriva und hoffen dort auf den Campingplatz--der auch nicht mehr existiert. Es gibt aber eine Sport-Gesamtschule mit einem "students' dormitory", in dem wir ein 4-Bett-Zimmer mit Dusche und WC für lächerliche 6 Euro bekommen: Dafür brauchen wir das Zelt nicht herauszuholen; das ist fast genauso billig wie ein Zeltplatz. Die pummelige kleine Verwalterin spricht Russisch und zeigt und erklärt uns freundlich, gutgelaunt und geduldig alles, was wir wissen möchten. Als das Schloss unserer Zimmertür klemmt und wir beim Hinausgehen nicht abschließen können, repariert sie mit dem LOML zusammen den Schließer: Gummihammer und Köpfchen...;-)
Kochen können wir dort nicht, aber wir kaufen uns Brot, Wurst, Käse und Joghurt für ein kaltes Abendbrot, genießen unser Essen bei offenem Fenster und betrachten die jungen Leute, die jetzt, im abendlichen Sonnenschein, überall auf dem Campus herumschwirren. "Bett"zeit für die Schüler ist um 22 h, dem schließen wir uns an; zufrieden, dass wir die 170 km bis zur estnischen Grenze in nur wenig mehr als 2 Tagen geschafft haben.-













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July 17, 2009

Imitat-Essen----------Essen-Imitat?

Foodwatch.de hat mal eine Liste zusammengestellt mit Produkten, bei denen wir gnadenlos und dreist abgezockt und belogen werden: Mogel-Liste.

Klickt Euch mal durch die Einzelheiten!

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July 18, 2009

[# 3] Klein, aber fein: Estland

Nach dem Frühstück (mit kalter Milch--*arrggh*) verlassen wir das Schulgelände und radeln über die breite Ausfallstraße Richtung Grenze. Auf der Straße glänzt der nasse Asphalt und es ist immer noch viel zu kalt, aber immerhin scheint die Sonne -- wir sind mittlerweile für Kleinigkeiten dankbar....

Grenze in 10 km
Grenze in 10 km

Hier oben brummt der laute Verkehr an uns vorüber, obwohl (oder gerade weil?) Sonntag ist. Die Autos schwirren nur so an uns vorbei, aber wir sind ja kampferprobt und lassen uns nicht bange machen. Von Minute zu Minute wird es wärmer; unser Zwiebel-Ankleideprinzip muss dran glauben, bis wir endlich gegen 10 h nur noch in T-Shirt und Radhose strampeln.

Kurz vor Ainazi dürfen wir von der Schnellstraße hinunter und biegen endlich auf eine romantisch anmutende Nebenstraße ein, die uns zum Grenzort Ikla führen wird.

in Ikla
in Ikla

Vor dem endgültigen Grenzübergang treffen wir noch ein deutsches Radler-Ehepaar; etwa in unserem Alter, mit denen wir eine Tasse Kaffee trinken.Je weniger Radler unterwegs sind, desto mehr Informationen möchte man haben über die Reise und die Erlebnisse der wenigen, die man trifft. Wir tauschen also Artigkeiten aus, merken aber bald, dass die Beiden so gar nicht auf unserer Welle liegen: Sie sind zwar auch unterwegs im Baltikum, benutzen ihre Räder jedoch eigentlich nur, um mit ihnen kleine Teilstrecken zurückzulegen, wo es keine Busse gibt. Und da wir, im krassen Gegensatz dazu, bei aufkommenden Schwierigkeiten eher nach dem Motto verfahren "Jetzt erst recht!", haben wir keine Gemeinsamkeiten.

Wir verabschieden uns und brechen auf.--

Endlich!
Endlich!
Wenige Minuten später die Grenze, mitten im Ort. Verträumt, ruhig, schlagartig keine Autos mehr. Zur Linken begleitet uns ab jetzt die Ostsee, deren weißer Sandstrand immer wieder durch dichte Bäume schimmert. Die Luft ist wie Zuckerwatte, Möwen kreischen über uns und grauschwarz gemusterte Dohlen hüpfen blasiert über den Asphalt; ärgerlich, dass wir sie stören beim Aufsammeln von Nahrung. Ab hier begleitet uns nun das Radwegschild "Nr.1", das uns nicht mehr verlassen wird.

Villa aus Holz--nur für den Sommer
Villa aus Holz--nur für den So…

Ab und zu bleiben wir stehen und bewundern die Ferienhäuser, die am Meeresufer erbaut sind. Bevorzugtes Material ist Holz in allen Variationen, bunt lackiert oder natürlich belassen in seiner langsam nachdunkelnden Farbe. Wir sehen Anbauten, bei denen wir erkennen können, wieviel Sorgfalt darauf verwendet wird, dass die Häuser winterfest sind: dicke Isolationsschichten sorgen für Frostschutz, denn hier oben wird es bitterkalt. Viele Häuser haben ihre eigene kleine "Räucherkammer" dabei, ein kleines Steinhaus im Garten mit Schornstein obendrauf. Um das Ganze unauffälliger zu gestalten, sind die Mauern dieser Kammern mit Erde bedeckt, auf der bunte Blumen und Gräser wachsen.-

Gelblinge
Gelblinge
Räucherkammer
Räucherkammer





Einmal kommen wir an einem kleinen orthodoxen Holzkirchlein vorbei, in dem gerade die Sonntagsmesse gefeiert wird. Wegen der Wärme stehen die Türen offen und wir hören den mächtigen, klaren Klang der liturgischen Gesänge des Priesters. Wir bleiben fasziniert stehen und lauschen--in der Stille der Luft klingt alles doppelt so intensiv.--

orthodoxes Kirchlein
orthodoxes Kirchlein






So langsam geht unser Trinkvorrat zur Neige, denn es ist heiß geworden. Wir brauchen Geld zum Einkaufen,; und zwar estnische Kronen (EEK)--also gehen wir auf die Suche nach einem "Bankomat". Der macht sich jedoch rar; wir müssen noch etliche Dörfer passieren, bis wir endlich das ersehnte Zeichen sehen und mit dem frisch umgetauschten Geld unsere Vorräte auffüllen können.

Weiter geht's!

Käthe und das Meer
Käthe und das Meer

Am Strand tauchen in regelmäßigen Abständen Campingplätze auf--ein ungemein beruhigendes Gefühl! Aber wir fahren weiter bis Pärnu, einem Seebad (dem Seebad) an der Küste. Laut unserer Liste gibt es dort einen Campingplatz unmittelbar neben der Stadt und einen Ruderverein, der für Durchreisende seine Wiese am Ufer des Flusses zum Zelten zur Verfügung stellt. Na, besser kann man es doch nicht haben!

Um 18 h rollen wir gemäß dem Radwegschild in die quirlige und lebendige Stadt; finden auch sofort den Campingplatz --und prallen entsetzt zurück: Ein "Abstell"platz für Wohnmobile, völlig überfüllt, dreckig und verkommen. Wir müssten mit unserem Zelt in die schmale Schneise zwischen zwei Wohnmobilen, auf dem nackten Erdreich unser Zelt aufspannen: der Rasen ist längst zertreten und zermatscht nach den Regenfällen der letzten Tage.

Sanitäre Anlagen sehe ich überhaupt nicht--durchaus möglich, dass es keine gibt. Nein, wir fahren kopfschüttelnd und angeekelt zum Ruderverein, der ist nur wenige hundert Meter weiter in derselben Straße untergebracht.......

...und geschlossen. Ein verlassenes Gebäude trägt noch das Emblem, aber ringsherum nur Verfall und Schutt.

Was tun? Mittlerweile ist es 19 h geworden, wir sollten schon bald irgendwo "landen" können. Wir beschließen, weiter zu fahren, obwohl ich böse enttäuscht bin: die Stadt bietet ein Menge schöner Motive. Aber was Besseres als das hier finden wir überall!

Vom Gelände des Ruderklubs ausgehend suchen wir das R1-Schild, um aus der Stadt zu gelangen. Bei der Fahrt durch das Zentrum kommen wir an der Altstadt vorbei, mit ihren wwunderschönen gepflegten Holzhäusern--eins sticht mir ins Auge:

Domizil in Pärnu
Domizil in Pärnu
"Green Villa B & B"......ich schiele zu Norbert hinüber, der hat es auch gesehen. Absteigen und nach dem Preis fragen? Ja.

Ich gehe hinein, an der "reception" sitzt eine grauhaarige freundlich lächelnde Alte, die ich auf russisch anspreche. Der Preis? Für eine Nacht? Mit Frühstück? Sie fängt an zu lamentieren: "Ojojojoj...voriges Jahr konnte ich für das Zimmer noch 1390 EEK nehmen! Die Zeiten sind schlecht, wir müssen alle sehen, wo wir bleiben, es ist zum Fürchten, die Krise...!!" Sie hört überhaupt nicht mehr auf und mir wird schon ganz übel, denn 1390 estnische Kronen sind satte 90 Euro, ein estnischer Wochenlohn.....viel zu viel für uns--wenn auch sicher berechtigt, denn das Haus ist bildschön restauriert und die Zimmer sind bestimmt dementsprechend. Ich nehme an, dass sie mir nun den neuen, erhöhten Preis für dieses Jahr sagen wird, aber dann rückt sie mit dem echten Preis heraus, und der wirkt auf mich wie Labsal: Sie möchte 890 EEK haben, das entspricht nicht ganz 60 Euro. Damit sind wir einverstanden. Für uns immer noch zu teuer, aber besser, als noch abends ins Ungewisse radeln zu müssen.

Wir werden handelseinig, satteln die Räder ab und machen uns im Zimmer --ach, was sage ich: im SAAL!-- breit. Norbert muss erst einmal zum nahen Bankomaten, um das Geld fürs Übernachten abzuheben, dann duschen wir, ziehen wir uns um und machen eine (Foto-)Tour durchs Städtchen.--

Park in Pärnu
Park in Pärnu
Pärnu
Pärnu






Poller-phantasievoll
Poller-phantasievoll
Ruine
Ruine





.................................................

Am anderen Morgen wache ich früh auf und vervollständige erst einmal meine Notizen, denn bis zur abgemachten Frühstückszeit ist noch lang hin. Norbert packt seine Taschen und stellt plötzlich entsetzt fest, dass er am vorherigen Abend beim Geldziehen seine Karte im Automaten steckenließ. Er läuft sofort hinüber zur Bank. aber die Karte ist (natürlich) weg.

Das Frühstück ist reichlich bemessen und gut, aber er kann es wohl kaum genießen, denn er sitzt wie auf glühenden Kohlen: Seine Hoffnung ist, dass die Karte in der Bank liegt. Um 9h, pünktlich zur Öffnungszeit, läuft er hinüber--und kommt nach 20 Minuten fröhlich grinsend zurück: Die Karte ist eingezogen worden und man hat sie, aber man händigt sie ihm nicht aus, denn das würde etwa 48 h dauern: Man braucht die Bestätigung der deutschen kontoführenden Stelle, dass er der Berechtigte ist. Das ist einerseits beruhigend, denn die Karte ist in Sicherheit; aber auf der anderen Seite lästig: wir müssten 2 Tage hier warten.

Das tun wir uns nun doch nicht an, wir haben immer noch meine Karte und --in weiser Voraussicht- eine VISA-Karte für alle Fälle. Also wird nun die Karte von Estland per Post nach Deutschland an unsere Filiale geschickt und wir können ohne Aufenthalt weiterfahren. Beruhigend zu wissen (ich hatte davon keine Ahnung!): Wenn man das Geld nimmt, ohne die Karte an sich zu nehmen, schluckt der Automat die Karte umgehend; es kommt kein anderer an die Karte heran.

In Deutschland ist das ja etwas anders geregelt, da bekomme ich mein Geld nicht, wenn ich nicht vorher die Karte entnehme.--

Gegen 10 h verlassen wir Pärnu und fahren bei Sonnenschein fröhlich am Fluss entlang. Die zu erwartende Hitze zwingt uns zu Hamsterkäufen an Flüssigem, wir stopfen alle Taschen voll. Noch 6 km geht es über die Autobahn, dann wird es wieder gemütlich und immer einsamer. Wir durchqueren ab Audru ein Landnase, um zur Küste zurück zu kommen und suchen schon am frühen Nachmittag einen Campingplatz. Aber keinen der eingezeichneten Plätze unserer Karte gibt es.....Gegen 16 h kurz vor Tostamaa fahren wir auf eine Tankstelle und fragen die junge Frau dort. Doch, es gäbe einen, aber dazu müssten wir 200 m zurückfahren und dann in den Sandweg einbiegen, der dort abzweigt. Etwa 1 km weiter sei ein schöner Platz.

Aha, prima! Wir fahren also ihre 200m zurück (das waren dann 1.5 km) und biegen in die Sandpiste ein, die aber gut befahrbar ist; dank unserer Spezialprofile. Auch diese Strecke ist mehr als zweieinhalb mal so lang wie gesagt, aber in einem hatte sie Recht: Ein wunderschöner Platz direkt am Meer tut sich vor uns auf, eine schilfbewachsene Lagune mit einem großen Rasenplatz, mit kleinen Ferienhäuschen, mit Holztischen und rustikalen Bänken. Menschenleer.

Wir fragen einen Mann, der aus dem Einfamilienhaus am Rande gestiefelt kommt. Aber natürlich können wir hier zelten, wo wir möchten: für 50 EEK (=3.30 Euro) pro Nacht. Er zeigt uns die blitzsauberen Duschen und Toiletten, spendiert uns ein Eis aus seiner Tiefkühltruhe und wir lassen erst einmal die Ruhe und Stille des Ortes auf uns wirken. Dann schlagen wir unser Zelt auf; die Frau des Besitzers ist so freundlich und fährt mich anschließend zum Einkaufen mit ihrem Auto in den Ort--wir lassen uns häuslich nieder, mutterseelenallein.

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July 23, 2009

[# 4] Klein aber fein: Estland

Als der Abend kommt, merken, wir, was wir für ein Glück hatten, diesen Ort zu finden.

Wir sind ganz allein hier, nur das Zwitschern der Vögel und das Wispern des Windes in den Pappeln am Ufer ist zu hören, sonst herrscht absolute Stille.

Merelaiu
Merelaiu






Faul hängen wir nach einem opulenten Festessen auf den bequemen Holzstühlen vor dem Zelt und betrachten den Horizont und die kleine Lagune, in der Möwen und einige Reiher sich um das Abendbrot streiten, während eine Horde Kaninchen den Rasen bevölkert und sich nicht weiter um uns schert. Eine verschleierte Sonne hängt auch um 20:00 h noch hoch am Horizont und denkt nicht daran unterzugehen.

Frieden......

Wir beschließen spontan, hier morgen unseren Ruhe- und Waschtag einzulegen, und ich bringe dem Hausherrn auch das Geld für die zweite Übernachtung morgen.--

In der Nacht muss ich raus und sehe voll Staunen zum ersten Mal das Licht einer sogenannten "weißen Nacht". Ich bin schlaftrunken, aber zum Glück denke ich daran, ganz kurz mal eben die Kamera in die Runde zu halten und das für uns faszinierende Schauspiel festzuhalten..--

nachts in Estland
nachts in Estland
nachts
nachts



.......................................

Der Ruhetag ist heilig:

DösenWaschenSchlafenEinkaufenBesichtigenKnipsen

Tostamaa
Tostamaa

Öhmmm---
Öhmmm---


maritimes
maritimes




Tostamaa
Tostamaa


Tostamaa
Tostamaa






Leider ändert sich das am frühen Nachmittag, als 2 junge Pärchen auf dem Platz zwei der Häuschen mieten....als erstes wird der Ghettoblaster mit der Autobatterie verbunden und eingeschaltet, dann verschwinden die Jungs mit einem Ruderboot und lassen die Mädel allein zurück. Wir dürfen uns also an dem reichlich beschränkten Musikgeschmack der Beiden ergötzen, Techno mit 150 bpm....Die Ruhe ist dahin.

Als die Jungs nach 2 oder 3 Stunden wieder zurückkommen, liegt allerdings für kurze Zeit Streit in der Luft: die Autobatterie düfte reichlich schwächeln. Man startet den ESCORT, leider springt er nach einigem Leiern jedoch problemlos an--die Mädels setzen sich durch, und die Musik darf weiter dudeln....

Zum Glück kommt nun der Alkohol auf den Tisch und es dauert nicht mehr lange, bis die Gespräche nur noch mehr oder weniger lallend geführt werden. In aller Unschuld --die Vier haben wirklich keine Ahnung, was für einen Krach sie verursachen: wahrscheinlich können sie die Stille nicht vertragen-- kommt eins der Pärchen zu uns an den Tisch und bietet uns freundlich einen Plastikbecher mit ihrem Mixgetränk an: Wodka mit einem klebrig-süßen Zusatz. Ich will nicht unhöflich sein, nehme einen Schluck und bedanke mich. Die Beiden schwanken friedlich wieder zurück....

Wie schön, dass ziemlich schnell der Alkohol seine einschläfernde Wirkung zeigt und die Nacht dann doch noch einigermaßen ruhig wird....

........................

Am anderen Morgen sind wir früh auf den Beinen. Als wir uns von unseren netten Wirtsleuten verabschieden, hat die Frau 2 Keramikbecher in der Hand mit einer Reklameaufschrift ihres Ferien"dorfs".

Keramik! Die Gute kann nicht ahnen, was das Zusatzgewicht für uns bedeutet. Ich bringe es jedoch nicht übers Herz, die Becher abzulehnen und packe sie brav ein....in Tostamaa, dem kleinen Örtchen in etwa 3 km Entfernung, müssen wir auf dem Marktplatz warten, bis der "Kauplus" (der Supermarkt, der Laden) öffnet. Nach unserer Karte werden wir durch ein riesiges einsames Naturschutzgebiet radeln, da wird kaum Einlkaufsmöglichkeit bestehen. Wir müssen uns also wohl oder übel schon jetzt vollpacken; und das bei erkennbar aufsteigender Hitze....Die Fahrt wird ruhig, aber die Hitze ist enorm und wir kassieren trotz Sonnenschutzfaktor 25 unseren ersten Sonnenbrand: Die Strahlung hier oben ist viel stärker als bei uns. Unser Ziel ist Virtsu, der Hafen, von dem aus wir zur Insel Muhu übersetzen wollen: Ab jetzt werden wir für lange Zeit das estnische Festland verlassen und nur noch über die Inseln hopsen.--

Kurz vor den 3 (!) Einfahrtspuren auf das Fährgelände gehen wir noch einmal in den angrenzenden Supermarkt und kaufen Vorräte nach--wer weiß!

Auf dem Parkplatz tummeln sich mehrere blonde braungebrannte Mädels mit ihren hoch bepackten Rädern. Sie haben wohl auch eingekauft und wollen in die Gegenrichtung, schnattern in einer Sprache, die ich nicht zuordnen kann--Finnisch? Zwei der Mädels ziehen sich ungeniert um, wechseln ihre Oberteile und entblößen sich dabei total. Drei herumlungernde Rentnern werden beim Beobachten nervös-- ihnen fällt fast der Zahnersatz aus den offen stehenden Mündern--die Mädels kümmert's wenig. Wieso auch...--

Bei der Einfahrt in den Hafen haben wir Glück: die 16:00h-Fähre steht schon da, eine lange Schlange Autos wartet auf das Zeichen zum "Entern"--wir dürfen stolz wie Oskar an allen PKW vorbeiziehen und betreten als Erste das Schiff.

Die Überfahrt dauert nur etwa 40 Minuten und bedeutet eine willkommene Kaffee- und Brötchenpause für uns. Dann landen wir auf Muhu, dem ersten Teil des riesigen UNESCO-Biosphärenreservats. Die Strecke ist hervorragend, und, nachdem der Schwung PKW von der Fähre hastig und hektisch an uns vorbeigedüst ist, sind wir wieder allein auf der Welt.

Wir lassen uns Zeit, es ist viel zu heiß.....Dankbar nehmen wir jede Gelegenheit wahr, um ein Päuschen einzulegen--und es gibt am Wegesrand auch genug zu betrachten; wie zum Beispiel das liebenswerte kleine Dorfmuseum, das wohl nicht genug Geld hat, um seine Ausstellungsstücke zu pflegen. Sie vergammeln zwischen hochgewachsenen Brennesselsträuchern.

Minsk
Minsk
Quadratlatschen für 13 Rubel....
Quadratlatschen für 13 Rubel..…



LKW
LKW










Die Landschaft mit ihren Birkenhainen wird hell und licht und erinnert mich an diesen kitschigen Maler Carl Larsson.

Birkenwald
Birkenwald






Wo immer ich kann, sammle ich mir schnell ein Händchen voll Walderdbeeren: aromatisch und köstlich schon ohne Zucker..














Wir bummeln herum: Irgendwo werden wir schon ein Plätzchen fürs Zelt finden.
Und richtig, etwa in der Inselmitte kommen wir durch einen kleinen Ort: drei Kneipen, eine Kirche, fünf Spitzbuben. Wir fragen einen der alten Männer, die in der Kneipe dösen, und er zeigt uns den Weg zum "Puhkemaja" bzw. Puhkeküla"...so heißen Übernachtungsplätze auf estnisch.

Wir quartieren uns ein, bezahlen im angrenzenden Restaurant unseren Obolus von 3 € für Zelt und 2 Personen und erkennen beim Zeltaufbau mal wieder :Wir sind völlig allein hier. Die obligatorischen Holzhäuschen sind nicht vermietet und es ist kein anderes Zelt auf dem Platz.....so langsam wird mir das unheimlich, denn immerhin befinden wir uns in einem touristischen Gebiet?!

Camping auf  Muhu
Camping auf Muhu

Anscheinend hat kein Este das Geld für einen (Camping-)Urlaub. Andere europäische Feriengäste sehe ich sowieso kaum: Selbst Holländer verschlägt es nicht hierhin....:-)

Im Restaurant haben wir am Abend noch einen unangenehmen Zwischenfall: Eigentlich wollten wir draußen etwas essen, aber am Nebentisch sitzt eine Horde junger Männer, die bei reichlichem Alkoholgenuss laut irgendwelche Spottlieder grölten (sangen?), in denen immer wieder das Wort "Saksa" für "deutsch" bzw. Deutschland vorkam: einer sang vor und die anderen stimmten im Refrain ein.

Wir wollten nicht länger das Ziel für Provokationen sein und sind schnell aufgestanden und gegangen--da waren sie still. Ob das nun der Sinn dieser Lieder sein sollte? Uns zu vertreiben? Ich kann mir da keinen Reim drauf machen und will auch nicht weiter darüber nachdenken. Wir sind zum Zelt zurückgegangen und haben uns dort eine Kleinigkeit gekocht, den nicht enden wollenden Sonnenuntergang betrachtet und anschließend tief und fest geschlafen...--

...und noch mal Sonne.
...und noch mal Sonne.

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July 24, 2009

Post von Edelmira Toporek:

Mitarbeiter gesucht!

Wir bieten Ihnen an:

• flexible Arbeitszeit;
• Arbeitstag 1-2 Stunden;
• hohes Einkommen.


Diese Arbeit verlangt keine spezielle Ausbildung und keine Geldanlagen. Sie können diesen Job mit Ihrer Hauptarbeit vereinbaren.

Sie sollen das Geld auf Ihr Konto bekommen, bares Geld abheben und uns per eine der Systemen der Bargeldüberweisungen Western Union oder Money Gram anweisen (Filialen Western Union und Money Gram gibt es in jeder Stadt). Ihre Provision wird 20% von der Geldüberweisung ausmachen, die Provision bekommen Sie, sobald das Geld auf Ihrem Konto ist. Die Summe, die Sie verdienen können, hängt nur von Ihnen ab. Je mehr Sie Geldüberweisungen bekommen und uns anweisen, desto höher ist Ihr Einkommen. Z. B. Wir überweisen Ihnen 6000 Euro, Ihre Provision wird 1200 Euro ausmachen. Von Ihnen ist nur Arbeitswille, Verantwortlichkeit, Bankkonto gefragt.

Wie alles ablaufen wird:

• Wir telefonieren mit Ihnen und vereinbaren im Voraus die Zeit, wann Sie die Arbeit erledigen können;
• Dann kommt auf Ihr Konto von unserem Agent die Geldüberweisung ein;
• Sie heben bares Geld ab;
• Sie ziehen aus der Summe der Geldüberweisung Ihre Provision 20% ab;
• Die restliche Summe überweisen Sie per Western Union oder Money Gram (die Gebühren für Western Union und Money Gram bezahlt unsere Firma);
• Sobald Sie uns das Geld per Western Union oder Money Gram anweisen, vereinbaren wir den Tag und die Zeit der nächsten Überweisung, darum können Sie diesen Job mit Ihrer Hauptarbeit vereinbaren.

Wenn Sie Interesse für diesen Job haben, schicken Sie uns folgende Daten auf diese e-Mailadresse: job@prex-group.net und unser Personalmanager erklärt Ihnen alles ausführlich telefonisch oder per e-Mail:

• Vorname;
• Nachname;
• volle Adresse;
• Telefonnummer (Handy, Festnetz).

Wir fragen keine persönliche Information außer der, die für die Banküberweisung notwendig ist. Sie haben kein Risiko betrogen zu sein.

Wir entschuldigen uns, wenn wir Sie mit diesem e-Mail gestört haben. Ihre e-Mailadresse haben wir aus offenen Quellen genommen. Wenn Sie mehr keine e-Mails mit Arbeitsangeboten von unserer Firma bekommen möchten, schicken Sie leeres e-Mail auf folgende e-Mailadresse: del@prex-group.net



Das war gerade im Postfach.....

Wer glaubt denn so einen Quatsch??

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