Man macht es den Auschwitz-Besuchern einfach: Es gehen alle 15 Minuten Shuttle-Busse vom Stammlager hinüber zum Vernichtungslager Birkenau. Keiner muss bei der Hitze, die mittlerweile herrscht, die 3 km zu Fuß gehen.

Wir brauchen nur wenige Minuten mit dem Bus, dann stehen wir bei strahlendem Sommerwetter vor diesem gespenstischen Tor, durch das ein Gleis hinein--,aber keins mehr hinausführt. Am Ende des Schienenstrangs warten die Gaskammern, und nur eine Handbewegung Mengeles nach links oder rechts entscheidet über Weiterleben oder sofortigen Tod. Alte, Kranke, Behinderte, Schwangere und kleine Kinder haben nicht den Hauch einer Chance: Auf sie wartet das Gas. Alle anderen werden missbraucht als billige Sklaven, als Versuchs'material' für unvorstellbar grausame Quälereien.

Ich bin fast erleichtert, dass der Zugang zum Lager durch dieses Tor gesperrt ist: Man muss an der Seite vorbeilaufen. Das riesige weit aufgerissene Maul aus rotem Ziegelstein scheint die Menschen schlucken zu wollen, und alles in mir sträubt sich dagegen.
Dann stehen wir auf den Schienen in dem unübersehbar großen KZ-Gelände. Diese Schienen und ihr Weg faszinieren mich, wie sie zunächst auseinanderdriften und dann am Ende des Strangs scheinbar zusammenlaufen; dorthin, wo Tod oder Weiterleben wartet.
Ich verstehe plötzlich den Erbauer und Er"denker" des Holocaust-Mahnmals in Berlin, der die Granitblöcke für den Besucher immer enger und beklemmender zusammenwachsen lässt.-
Es ist mittlerweile Mittag geworden, in der schattenlosen Hitze liegen einige der unendlich vielen Holzbaracken vor uns.
Drei stehen restauriert zur Besichtigung bereit; für die Instandsetzung der anderen anderen fehlt das Geld.
Wir betreten schweigend den heißen Bau mit seinen geschwärzten Holzbalken, die Fremdenführerin erklärt uns, wie in dieser Enge Hunderte von Zwangsarbeitern hausen mussten. Die Holzkisten, in denen die Menschen --oft zu zweit, zu dritt-- schlafen mussten, stehen in 3 Etagen übereinander dicht an dicht, roh behauene Kästen, verschmiert mit Exkrementen und Blut, bedeckt mit feuchten Strohsäcken. Der Boden der Baracken besteht nur aus festgestampftem Lehm; im Sommer staubig, im Winter versinken die Häftlinge bis zu den Knien im Morast--übrigens auch draußen auf den jetzt sorgfältig geharkten Wegen zwischen den Baracken.....

"Im Frauenlager habe ich gesehen, wie sie mit langen Stangen, vorne mit Haken, im Matsch nach Menschen suchen. Ist solche Zeit, wenn beim Appell einer zu wenig; zuerst suchen die in Dreck. Geben die nicht gleich Fluchtalarm. Und die finden. Oft. Der Dreck ist so tief, dass Umgefallene weg sind. Wenn einer schon schwach ist, der nicht mehr raus."........"Das Wetter in Auschwitz war immer gegen uns, kann manso sagen. Im Sommer so heiß, dass die Erde platzt, im Winter zu kalt, sonst nass--besonders hier in Birkenau, weil das liegt zwischen Weichsel und Sola im Sumpf."
[Stanislaw Hantz]
Die nächste endlos lange Baracke ist die sogenannte Latrinenbaracke: Quer durch den Raum ein gemauertes Podest mit zahllosen Löchern darin, auf die sich die Häftlinge hocken müssen. Zu den Latrinen gibt es nur stundenweise Zugang, irgendein Kapo zählt bis Zehn, dann muss gewechselt werden. Schwache, kranke Häftlinge werden zum Spaß gern mal in die Jauchgrube gestoßen und anschließend mit Stangen daran gehindert, wieder heraus zu klettern, bis sie kraftlos aufgeben und untergehen.
Wir Nachkommen der Peiniger können nur schwer erahnen, welcher Willkür, welcher Brutalität die unzähligen Menschen hier ausgeliefert waren, aber die Erzählungen unserer Fremndenführerin dort in der sommerlich heißen Baracke setzen sich bei mir im Kopf fest.

Stanislaw Hantz, von 1940 bis 1945 Häftling im KZ Auschwitz, beschreibt diese 5 Jahre seines Lebens.
Als 17-Jähriger wird er willkürlich an Stelle seines verstorbenen Vaters festgenommen, mit 22 Jahren wird er befreit.
Karin Graf aus Kassel hat 4 Jahre lang seine Erinnerungen aufgezeichnet und bearbeitet. Entstanden ist das Buch "Zitronen aus Kanada":

"Bis heute verfolgen ihn die Erinnerungen an das Lager. Sieht er heute einen Frosch, ist es für ihn wieder Sommer - Sommer 1941. Wieder befindet er sich auf einem Feld der KZ-Gärtnerei und will Möhren klauen. Dabei wird er von einem Kapo, einem sogenannten Funktionshäftling erwischt und zum Chef des Gärtnereikommandos gebracht. Dem späteren SS-Hauptscharführer Otto Moll. Sie zwingen den jungen Häftling nun, Abfall vom Komposthaufen zu essen.
"Nu was soll ich machen, habe ich das mit dem Sand gefressen, aber nachher hat der Kapo ein Frosch gebracht, ah da sagt der Moll, zu die Vitamine bekommst du auch ein bisschen Fleisch. Und soll ich das lebendige Frosch fressen, was soll ich machen, steht der Moll mit Pistole, da fresse ich den lebendigen Frosch."

[Zum Nachspülen zwingen sie ihn, eine Tasse Terpentin zu trinken.]

So hat Stanislaw Hantz Karin Graf sein Leben erzählt. Und sie hat die Sprache des KZ-Häftlings, sein manchmal schwer verständliches Lagerdeutsch, nicht geglättet oder eingeebnet, sondern ihn oft Wort für Wort zitiert. Ist der Text kursiv gedruckt, spricht Stanislaw Hantz. Ist die Schrift normal, ist es die Autorin. Sie hilft, die Schilderungen des Häftlings einzuordnen, Details zu klären und Personen zu identifizieren. Sie hakt nach, stellt Fragen an ihr Gegenüber, aber auch an sich und die Leser.

[....]Auf diese Weise sind all die kleinen Erzählungen entstanden, die oft nicht länger als zwei, drei Seiten sind. Szene für Szene stellt die Autorin darin Bezüge vom Gestern zum Heute her - und umgekehrt. Einmal ist es eine Salatschüssel auf dem gedeckten Eßtisch, ein andermal sind es rollende Güterwaggons, die dafür sorgen, daß Stanislaw Hantz im Geiste wieder nach Auschwitz zurückkehrt. Karin Graf erzählt, daß Stanislaw Hantz Brot noch heute hortet - weil er immer noch Angst hat zu verhungern. Daß er dem Wort "hinlegen" immer noch ein lautes "Hinlegen, aufstehen, Marsch Marsch" folgen läßt.

Vier Jahre hat Karin Graf an "Zitronen aus Kanada" gearbeitet. Sie hat unzählige Interviews geführt und ist mit Stanislaw Hantz zu den Orten seines Leidens gefahren. "Weil ich die Frage klären wollte, wie lebt so ein Mensch mit so einer Erfahrung, wie hat er dort gelebt im Konzentrationslager in den Konzentrationslagern, und wie lebt er heute, was hat er von dem Lagerleben in seinen Alltag mitgenommen, fünfzig Jahre lang mitgenommen, was ist davon übriggeblieben?"

Korrespondierend zum Text eröffnen mehr als 50 Bilder eine weitere Betrachtungsmöglichkeit des Überlebenden. Andreas Dahlmeier hat Stanislaw Hantz fotografiert: Wie er wild und ausgelassen gestikulierend in seinem Wohnzimmer erzählt. Wie er in seiner ehemaligen Zelle im Todesblock in sich gekehrt durch die Gitterstäbe ins Nichts starrt. Dahlmeier versucht die unterschiedlichen schmerzhaften Anstrengungen des Erinnerns und Erzählens zu visualisieren. Besonders eindrücklich gelingt ihm dies, bei Aufnahmen auf dem ehemaligen Lagergelände in Auschwitz-Birkenau. Wenn Stanislaw Hantz verzweifelt und etwas ratlos auf einem Feld steht, wo es keine Spuren mehr gibt - nur ein grasgrünes Nichts. Sehr unspektakulär - zumindest für einen einfachen Besucher. Ganz anders ist das aber für den Überlebenden.

"Für mich ist das nicht leicht", so Stanislaw Hantz. "Weil ich muß immer zu die alten Zeit wiederkommen und wieder das erleben. Dann bin ich nicht ein Besucher, ich fühle wieder wie ein Häftling. Schaue ich hier von Innen nicht von Außen auf die ganze Leben."

Auschwitz hält Stanislaw Hantz gefangen - bis heute."
http://www.dradio.de]

Wir gehen mit unserer Fremdenführerin die lange Strecke entlang der Schienen bis hin zu den Ruinen der Krematorien.

Diese Anlagen sind teilweise bereits im November 1944 demontiert worden; sie sollten ursprünglich im KZ Mauthausen wieder aufgebautwerden. Die SS selbst sprengte dann im Januar 1945, kurz vor der Befreiung durch die russischen Truppen, die Anlagen selbst.
Seitdem liegen sie dort, rechts und links vom neu entstandenen Gedenkfeld; ein Bild des Grauens, weil jeder Besucher trotz der Zerstörung genau ihre ursprüngliche (z.T. unterirdische Anlage) erkennen kann: Die Auskleideräume, die langen unterirdischen Flure, die Gaskammern, die ganze perfekte Maschine:
http://www.baunetz.de/dl/731063/baunetzwoche_163_2010.pdf

Neben den Gleisen wartet ein Viehwaggon, detailgetreu restauriert mit dem Wärterhäuschen an erhöhter Stelle....in seinem Schloss steckt eine verblühte weiße Rose.--



An dieser Stelle verabschiedet sich unsere Führerin von uns. Wir bleiben noch innerhalb des großen Gedenktafelrunds, auf denen vielsprachig in erhabenen großen Lettern die Aufforderung geschrieben steht:

"DIESER ORT SEI ALLEZEIT EIN AUFSCHREI DER VERZWEIFLUNG UND MAHNUNG AN DIE MENSCHHEIT.
HIER ERMORDETEN DIE NAZIS ETWA ANDERTHALB MILLIONEN MÄNNER, FRAUEN UND KINDER.
DIE MEISTEN WAREN JUDEN AUS VERSCHIEDENEN LÄNDERN EUROPAS."

Beklommen, nachdenklich, erschüttert und sehr, sehr schweigsam machen wir uns auf den Weg zurück ins Hotel.