Freitag, 27.07.2007
Wir brechen morgens schon früh auf, denn Frühstück können wir hier nicht bekommen. Wir hoffen auf einen schönen Rastplatz, an dem wir uns Kaffee selbst kochen können und unser Müsli verspeisen. Die Vorräte werden noch schnell aufgefüllt, dann geht’s in die Stadt hinunter und Richtung OLSZTYNEK. Unser ‚großes’ Ziel ist Olsztyn, aber nach den bisherigen Erfahrungen können wir jetzt schon abschätzen, dass wir das heute nicht mehr erreichen. Stress haben wir genug gehabt, heute schalten wir auf „Bummeln“ um. Noch ist die Luft kühl, frisch und „neu“, aber wahrscheinlich wird sich das wieder ändern und entweder in schwüle Hitze umschlagen oder uns neuen Regen bringen—wir können die Vorzeichen hier nicht deuten.
Ich kann endlich mal wieder viele sehenswerte Kleinigkeiten am Wegrand genug würdigen und steige immer wieder ab, um sie mit der Kamera festzuhalten.
Schmusen und Toben
Felder in der Hitze
Erstaunt stehe ich vor einem Buchweizenfeld; so etwas hatte ich vorher noch nie gesehen, und Buchweizenfelder werden uns jetzt 2 Tage lang begleiten: Endlose Schläge, bis zum Horizont. Ich stelle mich ganz nah an den Rand eines Feldes, und in der stillen und klaren Luft, die nicht wie bei uns zerschnitten wird vom Grölen der Automotoren, kann ich das emsige Summen der Bienen hören, die hier einen reich gedeckten Tisch finden.
Buchweizen ist in Polen sehr beliebt als Essensbeilage, er schmeckt würzig bis nussig, und wenn ich die Wahl im Restaurant hatte, habe ich ihn den Kartoffeln vorgezogen. Wir haben uns irgendwo ein Päckchen gekauft und ihn selbst gekocht, aber irgendwas fehlte—ich werd’s mal später nachschlagen, wie „Kasza gryczana“ richtig behandelt werden muss...
Die Landschaft verlangt uns nicht so sehr viel Kraft ab—oder wir sind es jetzt gewohnt und spüren die Anstrengung nicht so sehr. Auf einem Hochplateau entdecken wir ein ruhiges Plätzchen am Waldrand, wo wir auf einem Baumstamm unseren Kaffee kochen können und gleichzeitig einen weiten Blick übers Land genießen.—
Wir passieren wieder große Weizenfelder, alle noch nicht abgeerntet wie weiter südwestlich in Pommern. Viele umfangreiche, vom Sturm flach geschlagene Teilstücke gibt es darin, wahrscheinlich für die Ernte unrettbar verloren.
Um die Mittagszeit erreichen wir STEBARK und neugierig folgen wir großen Hinweisschildern, die ich nur teilweise übersetzen kann: „pole bitwy“. „pole“ ist „Feld“, aber „bitwy“? Tote? Schlacht? Ein Schlachtfeld hier? Oder ein Soldatenfriedhof?
Ich gestehe es jedoch hier: wir waren dann zu faul, um weiter zu radeln, denn wir hätten an einem wunderschönen und liebevoll mittelalterlich ausgestatteten Restaurant vorbei gemusst —und das bringen wir nicht übers Herz: Wir kehren also ein und genießen dort auf der Terrasse bei leichtem Wind und lauer Luft das beste Essen , das wir auf der ganzen Polenfahrt bekommen haben. Jetzt weiß ich erst, was „staropolska kuchnia“ (alte polnische Küche) wirklich bedeutet…
In der Eingangshalle des Restaurants ist dann auch die Auflösung des „pole bitwy“-Rätsels zu lesen; niedergeschrieben in schwungvoller Schrift mit martialischen Zeichnungen: hier hat die berühmte Schlacht von Tannenberg stattgefunden, in der der Deutschritterorden von einem vereinigten polnisch-litauischen Heer vernichtend geschlagen worden ist.
Nur ungern stehen wir wieder auf und schwingen uns auf die Räder, denn der wohlgefüllte Bauch protestiert. Aber weit hinten am Horizont steht eine pechschwarze Wolkenwand, und wenn die sich Zeit lässt und wir uns sputen, dann kommen wir noch trockenen Fußes nach Olsztynek……
Leider ist dem nicht so: Das Unwetter erwischt uns auf offener Straße, ohne jede Schutzmöglichkeit; mit mächtigen Tropfen und eisigem Wind. Aber genauso schnell, wie es kommt, verzieht es sich auch wieder und unsere Regensachen trocknen schnell am Körper.
Gegen 15:30 h Ankunft in OLSZTYNEK, einem verschlafenen Dorf mit städtischem Charakter, aber tatsächlich mit „tourist information“ und Bahnhof. Als wir den Bahnhof sehen, überlegen, wir, ob wir nicht mit dem Zug nach Olsztyn fahren; es wäre nur eine 40-Minuten-Fahrt mit einem Nahverkehrszug. Der Student in dem Info-Büro erklärt uns jedoch, dass es nicht selbstverständlich ist, dass man mit Rädern so ohne weiteres mitfahren darf und dass der nächste Zug erst in 4 Stunden, gegen 20: 00 h fährt. Und da wir auch nicht genau wissen, wo in Olsztyn dann der Campingplatz ist, verzichten wir auf eine Weiterfahrt und machen uns auf den von ihm beschriebenen Weg zum nächsten Hotel draußen, am anderen Ende des Städtchens; an der Ausfallstraße nach Norden gelegen („Kaliningrad 120 km“).
Wir bekommen ein Zimmer(chen), das wir zu allem Überfluss auch noch mit den Rädern teilen müssen, aber wir sind zufrieden.
Abends im Städtchen werden wir wieder verwöhnt mit einer weichen und wärmenden Sonne; wie fast an jedem Abend. Und sei der Tag auch noch so verregnet gewesen: abends wird es mild. Wir bummeln herum und erfahren, dass dieser Ort eine (deutsche) unrühmliche Vergangenheit hat; er beherbergte von 1939 – 1945 das STALAG 1B Hohenstein, d.h. ein Kriegsgefangenenlager der deutschen Wehrmacht.
"Sie können ihre Räder......
Diese Spuren der Vergangenheit, die uns auf Schritt und Tritt völlig unerwartet anspringen, werden jetzt häufiger: Mahnmale am Straßenrand, Stelen, Gedenktafeln; manchmal verwahrlost und ungepflegt, aber oft liebevoll mit Blumen geschmückt und gesäubert.—
Samstag 28.07.2007
Nach einem frugalen Frühstück entscheiden wir uns heute, mal wieder „Marterstrecke“ zu fahren: es sind nur gute 30 km bis OLSZTYN; 30 km über die gut ausgebaute Schnellstraße. Die verlockende Aussicht, schon am Vormittag an Ort und Stelle zu sein und dann viel Zeit für die Stadt zu haben, gibt den Ausschlag…..wir bleiben direkt auf der Schnellstraße und bereuen es nicht: 30 km auf einem breiten und wirklich sicheren Seitenstreifen, die wir in Nullkommanix abrollen können und auch fast genießen, denn solche Schnellstraßen sind ja oft so gebaut, dass Steigungen und Gefälle flacher gelegt werden…aber dann geht’s rund! Gegen 11:30 h Ankunft in Olsztyn, der Weg zum Campingplatz ist gut ausgeschildert, und die Strecke durch das dichte Verkehrsgewimmel der Innenstadt ist auch nicht wirklich anstrengend—wenn man vom Anfahren am Berg bei roter Ampel mal absieht. ;)
Was wir nicht wussten: Der Campingplatz ist etwa 12 km hinter Olsztyn—echte 12 km; die Polen schreiben jedoch 4 km—NIE IM LEBEN! Und was noch schlimmer ist: Die Straße, die in direkter Linie dorthin führt, ist für Radfahrer –mit Recht!!-- ausdrücklich verboten. Sie ist schmal, ohne Seitenstreifen, der Asphalt ist aufgeworfen und von einem vergangenen Regenguss mit großen Pfützen bedeckt……
Statt dessen bietet man uns eine schmale sandige Trasse bergauf durch Wald und Gebüsch an; was wir mit unseren hochbeladenen ‚Geschossen’ jedoch dankend ablehnen….wir tun, als ob wir nichts gesehen haben und fahren einfach weiter. DAS jedoch ruft SOFORT den Zorn der polnischen Autofahrer und vor allem der LKWs hervor: Wild hupend werden wir überholt; mit aufgeblendeten Scheinwerfern warnt uns der Gegenverkehr und will uns von der Straße haben—wir pfeifen uns eins. ;-) Es bleibt uns auch nichts anderes übrig, als jetzt die Zähne zusammen zu beißen, denn nun geht es durch Wald; da ist kein „Abbiegen“ mehr möglich. Wir geben einfach Gas und strampeln durch den Höllenlärm, was die Pedale hergeben…..ungefähr 8 km, dann ist der Spuk zu Ende und wir biegen ab in die Zufahrt zum Campingplatz. Und wieder geht es nur bergab, wieder müssen wir über eine Sandbahn, zu allem Überfluss auch noch mit Gegenverkehr.
Aber auch das ist irgendwann geschafft, und wir atmen auf: ein zauberhafter Ort, leer bis auf 3 oder 4 WoMos mit deutschen Kennzeichen, unten im Tal ein See—wie ich später erfahre, kein See, sondern die „Verdickung“ der Lyne, die hier von Olsztyn kommend vorbeifließt, träge und warm.
Ein kleiner Sandstrand, Boote, die im Wasser schaukeln, ein Angler, spielende Kinder
Wir bauen das Zelt auf und um 14 h fahren wir mit den leeren Rädern (Welche Wohltat!! Ich wusste schon nicht mehr, wie leicht Radfahren sein kann….) zum Einkaufen ins nächste Dorf, BRASWALD.
Mein Lieblingskoch brutzelt uns am Spätnachmittag ein leckeres Abendessen und wir beschließen, hier einen oder zwei Ruhetage einzulegen.
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pehei says:
Tante Käthepro replies:
pehei replies:
Hach, is dat schön!
Tante Käthepro replies:
Ja, dann: Hach......
;-)
Rasch2000pro says:
Tante Käthepro replies:
ad 2: Den gibt's nicht mehr--bei DEN Preisen....
Prost!
Ich trink grad 'n LECH.....
kolibri*pro says: