Nach dem Frühstück (mit kalter Milch--*arrggh*) verlassen wir das Schulgelände und radeln über die breite Ausfallstraße Richtung Grenze. Auf der Straße glänzt der nasse Asphalt und es ist immer noch viel zu kalt, aber immerhin scheint die Sonne -- wir sind mittlerweile für Kleinigkeiten dankbar....
Hier oben brummt der laute Verkehr an uns vorüber, obwohl (oder gerade weil?) Sonntag ist. Die Autos schwirren nur so an uns vorbei, aber wir sind ja kampferprobt und lassen uns nicht bange machen. Von Minute zu Minute wird es wärmer; unser Zwiebel-Ankleideprinzip muss dran glauben, bis wir endlich gegen 10 h nur noch in T-Shirt und Radhose strampeln.
Kurz vor Ainazi dürfen wir von der Schnellstraße hinunter und biegen endlich auf eine romantisch anmutende Nebenstraße ein, die uns zum Grenzort Ikla führen wird.
Vor dem endgültigen Grenzübergang treffen wir noch ein deutsches Radler-Ehepaar; etwa in unserem Alter, mit denen wir eine Tasse Kaffee trinken.Je weniger Radler unterwegs sind, desto mehr Informationen möchte man haben über die Reise und die Erlebnisse der wenigen, die man trifft. Wir tauschen also Artigkeiten aus, merken aber bald, dass die Beiden so gar nicht auf unserer Welle liegen: Sie sind zwar auch unterwegs im Baltikum, benutzen ihre Räder jedoch eigentlich nur, um mit ihnen kleine Teilstrecken zurückzulegen, wo es keine Busse gibt. Und da wir, im krassen Gegensatz dazu, bei aufkommenden Schwierigkeiten eher nach dem Motto verfahren "Jetzt erst recht!", haben wir keine Gemeinsamkeiten.
Wir verabschieden uns und brechen auf.--
Wenige Minuten später die Grenze, mitten im Ort. Verträumt, ruhig, schlagartig keine Autos mehr. Zur Linken begleitet uns ab jetzt die Ostsee, deren weißer Sandstrand immer wieder durch dichte Bäume schimmert. Die Luft ist wie Zuckerwatte, Möwen kreischen über uns und grauschwarz gemusterte Dohlen hüpfen blasiert über den Asphalt; ärgerlich, dass wir sie stören beim Aufsammeln von Nahrung. Ab hier begleitet uns nun das Radwegschild "Nr.1", das uns nicht mehr verlassen wird.
Ab und zu bleiben wir stehen und bewundern die Ferienhäuser, die am Meeresufer erbaut sind. Bevorzugtes Material ist Holz in allen Variationen, bunt lackiert oder natürlich belassen in seiner langsam nachdunkelnden Farbe. Wir sehen Anbauten, bei denen wir erkennen können, wieviel Sorgfalt darauf verwendet wird, dass die Häuser winterfest sind: dicke Isolationsschichten sorgen für Frostschutz, denn hier oben wird es bitterkalt. Viele Häuser haben ihre eigene kleine "Räucherkammer" dabei, ein kleines Steinhaus im Garten mit Schornstein obendrauf. Um das Ganze unauffälliger zu gestalten, sind die Mauern dieser Kammern mit Erde bedeckt, auf der bunte Blumen und Gräser wachsen.-
Einmal kommen wir an einem kleinen orthodoxen Holzkirchlein vorbei, in dem gerade die Sonntagsmesse gefeiert wird. Wegen der Wärme stehen die Türen offen und wir hören den mächtigen, klaren Klang der liturgischen Gesänge des Priesters. Wir bleiben fasziniert stehen und lauschen--in der Stille der Luft klingt alles doppelt so intensiv.--
So langsam geht unser Trinkvorrat zur Neige, denn es ist heiß geworden. Wir brauchen Geld zum Einkaufen,; und zwar estnische Kronen (EEK)--also gehen wir auf die Suche nach einem "Bankomat". Der macht sich jedoch rar; wir müssen noch etliche Dörfer passieren, bis wir endlich das ersehnte Zeichen sehen und mit dem frisch umgetauschten Geld unsere Vorräte auffüllen können.
Weiter geht's!
Am Strand tauchen in regelmäßigen Abständen Campingplätze auf--ein ungemein beruhigendes Gefühl! Aber wir fahren weiter bis Pärnu, einem Seebad (dem Seebad) an der Küste. Laut unserer Liste gibt es dort einen Campingplatz unmittelbar neben der Stadt und einen Ruderverein, der für Durchreisende seine Wiese am Ufer des Flusses zum Zelten zur Verfügung stellt. Na, besser kann man es doch nicht haben!
Um 18 h rollen wir gemäß dem Radwegschild in die quirlige und lebendige Stadt; finden auch sofort den Campingplatz --und prallen entsetzt zurück: Ein "Abstell"platz für Wohnmobile, völlig überfüllt, dreckig und verkommen. Wir müssten mit unserem Zelt in die schmale Schneise zwischen zwei Wohnmobilen, auf dem nackten Erdreich unser Zelt aufspannen: der Rasen ist längst zertreten und zermatscht nach den Regenfällen der letzten Tage.
Sanitäre Anlagen sehe ich überhaupt nicht--durchaus möglich, dass es keine gibt. Nein, wir fahren kopfschüttelnd und angeekelt zum Ruderverein, der ist nur wenige hundert Meter weiter in derselben Straße untergebracht.......
...und geschlossen. Ein verlassenes Gebäude trägt noch das Emblem, aber ringsherum nur Verfall und Schutt.
Was tun? Mittlerweile ist es 19 h geworden, wir sollten schon bald irgendwo "landen" können. Wir beschließen, weiter zu fahren, obwohl ich böse enttäuscht bin: die Stadt bietet ein Menge schöner Motive. Aber was Besseres als das hier finden wir überall!
Vom Gelände des Ruderklubs ausgehend suchen wir das R1-Schild, um aus der Stadt zu gelangen. Bei der Fahrt durch das Zentrum kommen wir an der Altstadt vorbei, mit ihren wwunderschönen gepflegten Holzhäusern--eins sticht mir ins Auge:
"Green Villa B & B"......ich schiele zu Norbert hinüber, der hat es auch gesehen. Absteigen und nach dem Preis fragen? Ja.
Ich gehe hinein, an der "reception" sitzt eine grauhaarige freundlich lächelnde Alte, die ich auf russisch anspreche. Der Preis? Für eine Nacht? Mit Frühstück? Sie fängt an zu lamentieren: "Ojojojoj...voriges Jahr konnte ich für das Zimmer noch 1390 EEK nehmen! Die Zeiten sind schlecht, wir müssen alle sehen, wo wir bleiben, es ist zum Fürchten, die Krise...!!" Sie hört überhaupt nicht mehr auf und mir wird schon ganz übel, denn 1390 estnische Kronen sind satte 90 Euro, ein estnischer Wochenlohn.....viel zu viel für uns--wenn auch sicher berechtigt, denn das Haus ist bildschön restauriert und die Zimmer sind bestimmt dementsprechend. Ich nehme an, dass sie mir nun den neuen, erhöhten Preis für dieses Jahr sagen wird, aber dann rückt sie mit dem echten Preis heraus, und der wirkt auf mich wie Labsal: Sie möchte 890 EEK haben, das entspricht nicht ganz 60 Euro. Damit sind wir einverstanden. Für uns immer noch zu teuer, aber besser, als noch abends ins Ungewisse radeln zu müssen.
Wir werden handelseinig, satteln die Räder ab und machen uns im Zimmer --ach, was sage ich: im SAAL!-- breit. Norbert muss erst einmal zum nahen Bankomaten, um das Geld fürs Übernachten abzuheben, dann duschen wir, ziehen wir uns um und machen eine (Foto-)Tour durchs Städtchen.--
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Am anderen Morgen wache ich früh auf und vervollständige erst einmal meine Notizen, denn bis zur abgemachten Frühstückszeit ist noch lang hin. Norbert packt seine Taschen und stellt plötzlich entsetzt fest, dass er am vorherigen Abend beim Geldziehen seine Karte im Automaten steckenließ. Er läuft sofort hinüber zur Bank. aber die Karte ist (natürlich) weg.
Das Frühstück ist reichlich bemessen und gut, aber er kann es wohl kaum genießen, denn er sitzt wie auf glühenden Kohlen: Seine Hoffnung ist, dass die Karte in der Bank liegt. Um 9h, pünktlich zur Öffnungszeit, läuft er hinüber--und kommt nach 20 Minuten fröhlich grinsend zurück: Die Karte ist eingezogen worden und man hat sie, aber man händigt sie ihm nicht aus, denn das würde etwa 48 h dauern: Man braucht die Bestätigung der deutschen kontoführenden Stelle, dass er der Berechtigte ist. Das ist einerseits beruhigend, denn die Karte ist in Sicherheit; aber auf der anderen Seite lästig: wir müssten 2 Tage hier warten.
Das tun wir uns nun doch nicht an, wir haben immer noch meine Karte und --in weiser Voraussicht- eine VISA-Karte für alle Fälle. Also wird nun die Karte von Estland per Post nach Deutschland an unsere Filiale geschickt und wir können ohne Aufenthalt weiterfahren. Beruhigend zu wissen (ich hatte davon keine Ahnung!): Wenn man das Geld nimmt, ohne die Karte an sich zu nehmen, schluckt der Automat die Karte umgehend; es kommt kein anderer an die Karte heran.
In Deutschland ist das ja etwas anders geregelt, da bekomme ich mein Geld nicht, wenn ich nicht vorher die Karte entnehme.--
Gegen 10 h verlassen wir Pärnu und fahren bei Sonnenschein fröhlich am Fluss entlang. Die zu erwartende Hitze zwingt uns zu Hamsterkäufen an Flüssigem, wir stopfen alle Taschen voll. Noch 6 km geht es über die Autobahn, dann wird es wieder gemütlich und immer einsamer. Wir durchqueren ab Audru ein Landnase, um zur Küste zurück zu kommen und suchen schon am frühen Nachmittag einen Campingplatz. Aber keinen der eingezeichneten Plätze unserer Karte gibt es.....Gegen 16 h kurz vor Tostamaa fahren wir auf eine Tankstelle und fragen die junge Frau dort. Doch, es gäbe einen, aber dazu müssten wir 200 m zurückfahren und dann in den Sandweg einbiegen, der dort abzweigt. Etwa 1 km weiter sei ein schöner Platz.
Aha, prima! Wir fahren also ihre 200m zurück (das waren dann 1.5 km) und biegen in die Sandpiste ein, die aber gut befahrbar ist; dank unserer Spezialprofile. Auch diese Strecke ist mehr als zweieinhalb mal so lang wie gesagt, aber in einem hatte sie Recht: Ein wunderschöner Platz direkt am Meer tut sich vor uns auf, eine schilfbewachsene Lagune mit einem großen Rasenplatz, mit kleinen Ferienhäuschen, mit Holztischen und rustikalen Bänken. Menschenleer.
Wir fragen einen Mann, der aus dem Einfamilienhaus am Rande gestiefelt kommt. Aber natürlich können wir hier zelten, wo wir möchten: für 50 EEK (=3.30 Euro) pro Nacht. Er zeigt uns die blitzsauberen Duschen und Toiletten, spendiert uns ein Eis aus seiner Tiefkühltruhe und wir lassen erst einmal die Ruhe und Stille des Ortes auf uns wirken. Dann schlagen wir unser Zelt auf; die Frau des Besitzers ist so freundlich und fährt mich anschließend zum Einkaufen mit ihrem Auto in den Ort--wir lassen uns häuslich nieder, mutterseelenallein.