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October 5, 2009

Geschichten aus Sardinien (16)

Bosa (2)

Bosa
Bosa
Passegiata heißt das Ritual des Extremherumschlenderns am frühen Abend, dem in Italien wahrscheinlich alles, was laufen kann, frönt. Den abendlichen Bummel erlebten wir in Bosa in halbherziger Ausführung, denn der Corso Vittorio Emanuele II wurde von der polizia nur sehr halbherzig für den Autoverkehr gesperrt. Aber die Leute von Bosa haben ja neben der kopfsteingepflasterten Einkaufsstraße noch die eine oder andere Piazza, bei denen es eh keine Autos gibt, sondern ausreichend Platz für Kinder, Köter, Quasselclubs.

Fassade
Fassade
Beim abendlichen Bummel ist die ganze Stadt das Wohnzimmer für die Leute - oder vielleicht doch besser die Kneipe, in der man sich trifft. Das zwanglose Miteinander schafft immer wieder eine nette Atmosphäre, die untergehende Sonne steuert das Ihre bei, diese Stunden des Tages zu ganz besonderen zu machen. Der Corso Vittorio Emanuele II bekommt eigentlich immer wenig Sonne ab, was in heißen Regionen ja durchaus erwünscht ist. Während unseres Aufenthalts signalisierte die gerade in die Straße scheinende Sonne den Beginn der Passegiata - ein nettes Arrangement!

Bank
Bank
Wir beginnen unseren Bummel am östlichen Ende des Corso - aus dem ergreifenden Grund, dass dort unsere Ferienwohnung liegt. Auch wenn sie das nicht täte, wäre das ein guter Start, weil es hier Parkplätze gibt und man sich die Stadt nett erläuft. Der untergehenden Sonne entgegen mühen wir uns über fettes Kopfsteinpflaster oder nutzen die für stoßdämpferarme Kutschen gedachten breiten Steinplatten, die heute noch Autofahrern mit richtiger Spurweite ihrer Kutschen Freude bereiten.

Kathedrale
Kathedrale
Erste Station links ist die Kathedrale. Läuft man von außen vorbei, ist sie unscheinbar, geht man rein, ist sie wunderbar. Also: Reingehen! 1809 wurde die Cattedrale dell'Immacolata Concezione geweiht - an einem Platz, auf dem seit dem 12. Jahrhundert Gotteshäuser standen. Das Kirchenschiff bietet viel Platz nach oben - und der Blick eben dahin wird belohnt mit einem sehr faszinierenden Anblick. Von außen - hätte man so ein großes Gewölbe mit feiner Struktur und Gemälden nicht erwartet. Tage später, bei einer Wanderung zur Burg hinauf, werden wir die Kathedrale erstmals aus der Vogelperspektive erfassen - mit zwei Kuppeln und einem gedrungen wirkenden roten Sandstein-Turm bietet sie aus dieser Perspektive ein eher ungeordnetes Durcheinander.

Hinter der Tür
Hinter der Tür
Zurück zum Corso, der wahrlich nicht breit ist. Die Häuser zur Linken wie zur Rechten sind imposant, viele haben kleine Balkons mit schmiedeeisernen Gittern. Das Bild trägt nicht unwesentlich zum mächtigen Eindruck bei, den Bosa hinterlässt. Herrschaftliche Häuser waren das offensichtlich alle einmal - einige sind es wieder, andere werden gerade renoviert, wieder andere warten offensichtlich noch darauf, von einem Investor wach geküsst zu werden. Wenn eine Tür offen steht, lohnt es sich, den Kopf einmal da rein zu stecken: Aufwendige Deckenbemalung! Prächtige Aufgänge im lichten Innenhof! Hier muss man mal sehr sehr reich gewesen sein, um so zu bauen.

Die Geschäfte in den Häusern sind von der kleinen netten Art, wie man sie bei uns kaum noch antrifft: Fisch, Gemüse, Fleisch und Wurst - ein Mann, seine Frau, das war's. Das Einkaufen hier macht Spaß, weil man - auch ohne allzu große Sprachkenntnisse! - wunderbar kommunizieren kann. Und weil dort beim Bezahlen auch schon mal abgerundet wird zum Wohle des Kunden. Einmal, als wir mit einem 50-Euro-Schein den Fisch bezahlen wollten und die Verkäuferin das nicht wechseln konnte, fragte sie nach unserem Kleingeld. Wir kippten aus, was wir mit hatten - sie zählte nach und meinte: Zwar zu wenig, aber OK! So etwas ist mir in Dresden noch nie passiert!

Ristorante Borgo San Ignazio
Ristorante Borgo San Ignazio
Die Restaurant-Situation in Bosa ist im Mai eher mager. Es gibt entlang des Corso das eine oder andere Lokal, aber manche Karte las sich arg touristisch (vornehm für: Schlechtes muss nicht preiswert sein!). Wir folgten eher intuitiv beharrlich einem Schild, das von vielen Punkten des Zentrums weg wies - und wurden nicht enttäuscht: Im Ristorante Borgo San Ignazio wird halbwegs authentische sardische Küche gepflegt. Billig ist es nicht, zu teuer auch nicht - es hat geschmeckt, die Bedienung war nett - und übers Ambiente im kuscheligen Gewölbe mit den hellen Lampen gibt es nichts zu sagen außer: so ist das in Italien - passt schon [Via S. Ignazio 33, 08013 Bosa, Tel. 0785374129]!



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October 6, 2009

Weltweiter Stammtisch

Das Internet, wir wissen es, ist eine Brutstätte des Bösen. Vor dem Internet gab es ja keine Kriege und auch keine Mörder, und deswegen musste man die Menschheit ja auch nicht vor Helden wie Hitler schützen.

Oder ist das alles ganz anders? Könnte es etwa sein, dass es eine Menge Menschen gibt, die das Internet als eine ziemlich geniale Möglichkeit nutzen, Neues kennen zu lernen, den eigenen Horizoint zu erweitern, sich miteinander zu vernetzen - über die engen Grenzen von Kleinkleckershausen hinweg? Könnte es sein, dass dieses Medium, das nur noch Ahnungslose "neu" nennen, mehr für die Demokratisierung leistet als alle demokratischen Politiker(innen) zusammen, dass wir hier eine Technik haben, die vielleicht Musikverlagen nicht gefällt - aber Musikern? Willkommen im Land der Kreativen, der (Quer-)Denker, der Aktiven, der Aufgeschlossenen (und das alles schließt, obwohl nur in der männlichen Form geschrieben, selbstredend auch und gerade die Frauen ein).

Unsereins, der sich gerne und oft auch virtuell herumtreibt, stößt ja häufig auf Unverständnis. Aber das ist ja nichts wirklich Bemerkenswertes bei Dingen, die anderen (noch) fremd sind: Als Berta Benz am 5. August 1888 zur ersten Fernfahrt mit einem Auto startete (ohne Wissen ihres Mannes übrigens), sprangen die Menschen längs ihrer Route entsetzt zur Seite und bekreuzigten sich - heilig's Blechle. Eine Kutsche ohne Pferde - das kann doch nicht gut gehen!

Wenn wir heute, zum Beispiel, twittern, dann ist das eigentlich nicht anders. Zwar bekeuzigt sich kaum einer, aber einen Vogel gezeigt bekommt man heute schon noch von vielen - was ja sehr angemessen ist, denn to twitter ist englisch und heißt zwitschern. Aber so wie das Auto eine Kutsche ohne Pferd ist, so ist Twitter vielleicht ein weltweiter Stammtisch: Hier kommen Menschen zusammen, um miteinander zu klönen, zu debattieren, um Geschäfte zu machen. Nicht alles ist sinnvoll - aber zeige mir einer eine Eckkneipe, in der es nur hochphilosophisch zugeht.

Bei Twitter sucht man sich die Leute aus, mit denen man Kontakt haben will, deren Geschreibsel man lesen und goutieren möchte, mit denen man sich austauscht. Manche wohnen in der gleichen Stadt, manche weiter weg. Einer von denen, die ich über Twitter kennen gelernt habe, ist Metzgermeister und wohnt in Visbek. Auch wenn die Leute aus Visbek das nicht gerne hören werden: Man muss die Gemeinde nicht kennen - sie liegt 50 Kilometer südwestlich von Bremen. Aber dennoch fuhren Sylke und ich jetzt dorthin - um eben jenen Metzgermeister kennen zu lernen, der recht netzaktiv ist - mit eigenem Blog "Essen kommen!" und der famosen Shop-Adresse World Wide Wurst.

Ludger Freese
Ludger Freese
Es war Sonntagnachmittag, als wir von Bremen kommend Zeit für eine STIPvisite beim @lusches hatten - und natürlich twittert man sich zusammen. Was ich mit ein wenig vorbereitendem Lesen im internet (!) hätte wissen können - aber nicht ahnte - erfuhr ich bei der Ankunft: "Herzlich willkommen! Kommt rein! Wir feiern gerade einen Geburtstag - meinen!" Die Belegschaft hatte den Chef zum Kaffee überfallen - pardon: überrascht, und dann auch noch wir, die beiden Unwiesen aus dem Osten! Aber egal: Bei Nusskuchen, Kaffee und reichlich Spaß fühlten wir uns wie bei alten Bekannten.

Bei einer Betriebsführung lernten wir dann die Visbeker Zentrale der World Wide Wurst kennen - freuten uns, im Laden die Saftboxen von Kirsten Walther aus Arnsdorf bei Dresden zu entdecken, begeisterten uns am Eisenhandschuh, der das Abgleiten der rattenscharfen Metzgermesser zum teuflischen Vergnügen macht, weil nichts passiert, waren tief beeindruckt vom Kalb, das da hälftig in der Kühlung abhing.

Keep cool
Keep cool
Lustig fand ich, dass das Kalb aus meiner Heimat Ostfriesland stammt und dort hinterm Deich auf den Salzwiesen futterte - mit dem fremdbestimmten Ziel, nun demnächst von einem Ostfriesen in Dresden nach sanfter Garung auf den Tisch des Hauses gebracht zu werden (Bericht folgt später!). Und dass ein Metzger den weiten Weg von Visbek bei Bremen bis nach Norddeich hinter Leer fährt, nur um gutes Fleisch zu haben, erregt ein schönes Gefühl der Hochachtung: Da nimmt einer seinen Beruf noch ernst und tut dem Kunden Gutes.

Der Besuch im wirklichen Leben, das stellten wir auf dem langen Weg nach Dresden fest, ist die Krönung der virtuellen Kommunikation. Aber ohne die wäre das alles (und noch viel mehr...) gar nicht möglich.

Gefahrenquelle Internet?

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October 21, 2009

Ambitioniert Klingendes und Bodenständiges

Seit 15 Jahren Restaurant mit Anspruch: Gutshof Puschwitz bei Bautzen

Gutshof Puschwitz
Gutshof Puschwitz
Huch!“, sagte die Chefin, als sie den Grappa am Ende des Abends einschenkte. „Huch, das ist ein bisschen viel geworden! Aber Sie vertragen das schon...“ Klasse, wie sie so unsere Standfestigkeit einschätzt. Aber es stimmt ja: Bei einem guten Grappa darf's ruhig ein bisschen mehr sein! So gesehen fanden wir das eher lustig – auch wenn eine Bedienung sich mit Äußerungen zum Alkoholgenuss ihr fremder Gäste besser zurückhalten sollte.

Wir waren in Puschwitz! Der Gutshof in dem etwa zwölf Kilometer nordwestlich von Bautzen gelegenen Ort kann auf eine wechselhafte und lange Geschichte zurückblicken, in der sich Adlige und Bürgerliche durch Verkauf (und auch durch Enteignung) die Klinke in die Hand gaben. Seit Anfang der 90er Jahre ist ein neues Kapitel im sorbisch geprägten Landstrich aufgeschlagen: Das Gutshaus ist zum Restaurant geworden und bietet auf einer übersichtlichen Karte ambitioniert klingende Gerichte an: Lammleber mit Apfel-Zwiebelconfit und Salat zum Beispiel oder Filet vom Angusrind mit Rotweinschalotten. Aber es gibt auch Bodenständiges wie eine sorbische Hochzeitssuppe und ein sorbisches Hochzeitsessen – andernorts heißt das hier Servierte Tafelspitz mit Meerrettichsauce. Und zum Abschluss locken selbst gemachte Sorbets...

Das Ambiente des Restaurants ist – wie soll ich sagen? Vielleicht so ein bisschen Himmel und Hölle. Der Himmel: Ein schönes altes Gewölbe – der Gutshof hat Geschichte und kann Geschichten erzählen. Die Hölle: Die Möchtegern-Landhaus-Stil-Einrichtung. Dieses Mobiliar strahlt einen unendlichen Nachwende-Charme aus. Geschichten erzählen werden die nie können! Die Sammlung käuflich zu erwerbende Präsentkörbe, eine Tibet-Fahne, eine überdimensionale Mohnblume, tatsächlich lagernde und nur zur Schau ausgestellte Weine komplettieren das Still-Leben.

Die Weinkarte ist unvermutet groß. Als wir uns unschlüssig waren, brachte die Chefin die Flaschen und stellte sie uns auf den Tisch – was die Entscheidung nicht wirklich leichter machte. Aber der Spanier war dann ganz in Ordnung... Bei den Weißweinen schreibt man übrigens den Riesling beharrlich mit ß - wobei doch "Rießling" vor hundert Jahren vielleicht gerade noch richtig war.

Das Essen wurde flott serviert, vielleicht zu flott. Die Suppe: Lecker, kräftig – aber mit zu weichem Gemüse. Die Leber: Definitiv tot gegart – schade. Der Salat darunter hingegen fein abgeschmeckt, die Äpfel mit den Zwiebeln angenehm. Das Steak: Auf einer Seite viel zu lang gebraten und auf der anderen nur ganz kurz, daher nur auf einer Seite wirklich medium (wie gewünscht). Mit Niedergarmethode wäre das nicht passiert! Gut hingegen die dazu gelieferten Kräuter-Kartoffeln. Der Tafelspitz: Auch zu trocken, aber dank reichlicher Meerrettich-Sauce gut zu ditschen. Das Dessert (Brombeersorbet) war ein sehr versöhnlich zart schmelzender Traum... Allen Gerichten außer dem Dessert gemein war ein Überwurf dekorativ verstreuter Petersilie, um den Tellerrand geschmackvoll zu gestalten. Zu den Hauptgängen gehörten zwingend Cocktailtomaten.

Übrigens: Auf der Rechnung stand der versehentlich zu viel eingeschenkte Grappa als doppelter drauf. Das hatten wir nicht bestellt und fanden es nun nicht mal mehr lustig.

Gutshof Puschwitz
Am Puschwitzer Park 4
02699 Puschwitz

Telefon/Fax: +49 35933 30336
Internet (veraltet, Seiten mit Stand 21.1.2007): www.gutshof-puschwitz.de

geöffnet
Dienstag bis Sonntag
11:00 Uhr bis 14:00 Uhr
17:00 Uhr bis 22:00 Uhr

[Eine kürzere Version dieses Beitrags erschien am 22. Oktober 2009 in PluSZ, Beilage zur Sächsischen Zeitung]

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