August 2009
  Sun Mon Tue Wed Thu Fri Sat  
              1  
  2 3 4 5 6 7 8  
  9 10 11 12 13 14 15  
  16 17 18 19 20 21 22  
  23 24 25 26 27 28 29  
  30 31            

Archives

November 2009 (4)
October 2009 (3)
September 2009 (10)
August 2009 (9)
July 2009 (8)
June 2009 (1)
April 2009 (5)
March 2009 (4)
February 2009 (9)
January 2009 (8)
December 2008 (4)
November 2008 (4)
October 2008 (7)
September 2008 (1)
August 2008 (7)
July 2008 (8)
June 2008 (12)
May 2008 (6)
April 2008 (2)
March 2008 (9)
February 2008 (3)
January 2008 (8)
December 2007 (10)
October 2007 (2)
September 2007 (2)
August 2007 (6)
July 2007 (2)
June 2007 (5)

August 1st, 2009

Geschichten aus Sardinien (7)

Von den Nuraghen

Nuraghe Mannu
Nuraghe Mannu
Wenn man sich ein bisschen vorbereitet auf den Sardinien-Urlaub oder offenen Auges durch die Gegend fährt, stolpert man früher oder später über den Begriff „Nuraghe“. Das sind, erfährt man, so alte Türme, von den Nuraghern. Auf einer vornehmen Gesellschaft würde man an dieser Stelle wohl sagen: „Ach so, von den Nuraghern? Ist ja interessant!“ und sich schnell abwenden und dabei denken: „Was das nun wieder soll! Nuragher, nie gehört!“

Nuraghe Mannu
Nuraghe Mannu
Aber dann steht er eines Tages vor dir: Ein Turm aus großen Steinblöcken, ohne Mörtel einfach aufeinander gelegt. Wenn man Glück hat, steht neben dem Turm ein Mensch und erklärt einem ein wenig das Wie und Wann und vielleicht sogar das Warum. Wir hatten Glück: Der Nuraghe Mannu (der "große Nuraghe") ist Teil eines archäologischen Komplexes. Er liegt in schönster Lage etwa 200 Meter über dem Meer zwischen Cala Gonone und der Cala Luna, so ziemlich in der Mitte des Golfes von Orosei - aber um dahin zu kommen, muss man von der Straße abbiegen, die von Cala Gonone nach Dorgali führt, auf immer schlechter werdender Straße ins Landesinnere fahren und letztendlich noch knapp einen Kilometer laufen. Und dann kommt: Ein Kiosk! Der geringe Eintritt von drei Euro in das Areal zum Nuraghe Mannu, der dort entrichtet werden muss, lohnt schon deswegen, weil der Mann an der Kasse ein kompetenter Auskunftgeber ist. Er kam von der Kooperative Ghivine, sprach gut deutsch, wusste ordentlich Bescheid und beantwortete geduldig die Fragen unvorbereiteter Touristen. Außerdem hatte er, so klein ist die Welt, unserer Vermieterin beim Schriftverkehr mit dem Ferienhausvermittler geholfen!

Nuraghe Ola
Nuraghe Ola
Der "große Nuraghe" ist trotz seines Namens vergleichsweise klein, Durchmesser außen etwa zwölf Meter, verbliebene Höhe 4,70 m. Die Steinblöcke aus Basalt und Trachit liegen wuchtig übereinander, und vom Eingang, der Richtung Osten zeigt, führt links eine Treppe hoch. Weil dem Turm in den vergangenen Jahrtausenden oben der korrekte Abschluss abhanden gekommen ist, endet die Treppe irgendwie sinnlos im Nichts. Bei erhaltenen Nuraghen führt sie auf eine Aussichtsplattform, die ganz sicher nicht für Touristen gemacht wurde, sondern als Ausguck zur Beobachtung diente: Feinde kamen von weiter her, manchmal aber auch vom Nachbarn um die Ecke.

Nuraghe Nuradeo
Nuraghe Nuradeo
Nuraghen gibt es auf Sardinien sozusagen wie Sand am Meer - aber es gibt sie so nur auf Sardinien. Die von mir sehr geschätzte Wikipedia hält manchmal schöne Stilblüten bereit, denn wenn es um die Menge der Nuraghen auf Sardinien geht, kann man Folgendes lesen: „Nach neuerer Schätzung wurden etwa 6.500 errichtet. 1962 waren durch Lilliu (s. Literatur) noch Überreste von ca. 7.000 Nuraghen registriert worden.“ (Version 20:42, 27. Jun. 2009). Das ist schon spannend, dass da mehr registriert als gebaut wurden! Aber da das Zeitalter der Menschen, die diese Türme gebaut haben, schon sehr lange her ist, muss man sich doch gar nicht um die genaue Zahl streiten: Es reicht zu erwähnen, dass quasi das ganze Land mit diesen Türmen überzogen war und ist.

Nuraghe Ola
Nuraghe Ola
Die Nuraghenkultur wird immer noch kräftig erforscht: Was da zwischen etwa 1.800 und 300 vor Christi Geburt passierte und das Leben bestimmte, ist keineswegs gesichert. Wachtürme allein waren die Nuraghen sicher nicht, denn die archäologischen Grabungen brachten allerlei Alltagskram zu Tage. Der Nuraghe Mannu wurde 1927 erstmals von A. Tamarelli erforscht, der unter anderem herausfand, dass die Steine rund um den Turm viel jüngeren Datums sind und auf eine römische Siedlung zurückgehen. Seit 1994 buddeln über 700 Freiwillige unter archäologischer Anleitung, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Doch neben all dem Wissen, was dabei herauskommt, ist es letztendlich ein ganz unwissenschaftliches Gefühl, das das gewisse Kribbeln erzeugt: Diese Stufen sind vor 3.500 Jahren schon Leute hochgegangen, die sich am gleichen Stein festgehalten und aufs schon damals blaue Meer gesehen haben!

Published at 20:20 / 3 comments / 157 visits
This post is public

August 3rd, 2009

Geschichten aus Sardinien (8)

Authentisches mit Wurst und Wein

Agriturismo Nuraghe Mannu
Agriturismo Nuraghe Mannu
Unweit des Nuraghe Mannu gibt es einen der zahlreichen Betriebe Sardiniens, die sich neben der Landwirtschaft auch mit Touristen beschäftigen. Wir hatten Gutes über Agriturismo Nuraghe Mannu gelesen und erinnerten uns an die einfachen Köstlichkeiten von Dona Efigenia auf La Gomera - also gar keine Frage: Da müssen wir hin. Nach dem Besuch des Nuraghe Mannu steuerten wir das Gehöft an, um zu reservieren, denn essen kann man dort entweder als Übernachtungsgast oder auf Vorbestellung.

Der nette Landwirt, dem wir als erstes begegneten, sprach nur die Landessprache, so dass wir es mit den üblichen Mitteln (Freundlichkeit und ggf. Zuhilfenahme der Hände) versuchten. Wagemutig bestellte ich also am Freitag für Montag, ließ mir die Startzeit nennen und hoffte, dass alles klappen würde. Unsere Namen waren dem Herrn zu schwer, er meinte, er würde den Tisch für "die Deutschen" reservieren.

Und so war es dann auch: Als wir am Montag exakt zur verabredeten Zeit kamen, waren alle eingedeckten Tische des Nebengebäudes bereits besetzt. Alle außer einem: Auf dessen rot-weiß-karierter Papierdecke stand schwungvoll mit schwarzem Filzer geschrieben: TEDESCI. Auf dem Tisch standen ein Krug Wasser und Krug mit Wein: Hier wurde nicht lange gefragt, hier ließ man Fakten sprechen.

Die freundliche Bedienung brachte, kaum dass wir saßen, die Vorspeise: Ein Holzbrett mit Speck, Wurst und Peccorino. Es war ein schönes altes Holzbrett - der Versuch, im Laufe des Urlaubs so etwas Authentisches zu kaufen, schlug fehl: Die angebotenen Touribretter hatten deutlich weniger Patina und Seele. Unpretentiös, einfach und gut kam so Spitzenfleisch und Käse auf den Tisch, zusammen mit einem Korb sardischen Brotes. Das ist hauchdünn, knusprig und - wenn es denn gut ist - leicht gesalzen. Dieses pane carasau war gut!

Der zweite Gang bestand aus Sardischen Gnocchi mit Ragout – wobei das Ragout wegen sparsamsten Fleischeinsatzes nicht weiter ins Gewicht fiel. Vielleicht gar nicht so schlecht, denn der Hauptgang bestand quasi nur aus Fleisch mit ein wenig Salat: In Wein geschmortes Zicklein, serviert wie gewachsen: manchmal viel Knochen und wenig Fleisch, aber wenn man der Bedienung sozusagen Dackelaugen machte, gab es beim Nachlegen auch viel Fleisch und kaum Knochen!

Beim Dessert stellte sich die Frage, ob gesund oder schlemmernd erst gar nicht: es gab beides! Zuerst Obst (Birne, Apfel, Orange), dann Seadas. Das sind frittierte Süßigkeiten, gefüllt mit Ricotta oder Ziegenkäse, außen mit Honig eingepinselt. Garantiert nicht kalorienarm - aber erstaunlicherweise finden derlei Süßigkeiten auch nach einem opulenten Essen immer noch ihren Weg. Und der Kaffee nebst Verdauer (Mirto gab's und noch einen anderen, dessen Namen ich vergessen habe) sind damit auch gerechtfertigt!

Wir zahlten im Mai 22 Euro pro Person, was schon fast unanständig wenig für das Gebotene war. Derzeit steht auf der Webseite ein Preis von 25 bis 35 Euro pro Person, je nach Angebot - auch das wäre in Ordnung gewesen für den Abend!

Published at 16:26 / 3 comments / 154 visits
This post is public

August 6, 2009

Geschichten aus Sardinien (9)

Von den Buchten

Golf von Orosei
Golf von Orosei
Der Golf von Orosei ist eine große Bucht im Osten der Insel. Das Schönste an ihr ist die Tatsache, dass sie aus zahlreichen kleinen Buchten besteht, die zu uneingeschränkten Freudesausrufen reizen. Aaaahhhh und Oooohhh sowie bo, ey oder Waaaahnsinn haben, mögen sie auch noch so banal dahergerufen sein, ihre Berechtigung. Die Buchten haben bezaubernde Namen: Cala di Luna! Cala Goloritze! Cala Cartoe! Cala Osalla! Die beiden Erstgenannten liegen südlich von Cala Gonone und sind nur mit dem Boot oder nach einer längeren Wanderung zu erreichen, die beiden anderen sind besser mit dem Auto zu erreichen, liegen nördlich des Urlaubsortes und somit außerhalb der Touri-Bootslinien. Ein wenig laufen muss man bei der Bucht von Cartoe allerdings auch, denn die Zubringerstraße endet reichlich zwanzig Gehminuten vor der Bucht.

Cala Luna
Cala Luna
Cala di Luna, die Mondbucht, war vor Jahrzehnten einmal das Lieblingsziel alternativer Touristen. Damals, als die Elterngeneration noch alles "Hippie" nannte, was nicht mit Neckermann reiste und Vollpension gebucht hatte, waren derlei Aussteiger auf Zeit den meisten Menschen suspekt - ach, was schreib ich da: Damals? Unangepasste sind auch heute noch ungewohnt und unerwünscht, und selbst dem Herrn Fohrer hört man die innere Abscheu an, wenn er im Sardinien-Buch des Müller-Verlags über die Hippies schreibt: "Nachts war man unter sich. 1982 verboten die Behörden das Nächtigen im Umkreis von 1 km von der Cala di Luna, seitdem nehmen die Boote keine Passagiere mit Gepäck mehr mit und die Idylle (?) hat ein abruptes Ende gefunden." Das Fragezeichen, lieber Kollege, verrät den heimlichen Spießer! Mal ganz abgesehen davon, dass man auch zu Fuß und mit Gepäck zur Bucht kommt, denn wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg.

Wir kamen zu Fuß, aber dem Fohrer zur Ehr' ohne Gepäck. Die etwa zweistündige Wanderung beginnt entweder direkt in Cala Gonone oder am Ende der Stichstraße, die vom Ort bis zur Cala Fuili führt. Das ist eine nicht ganz so spektakuläre Bucht, deren einziger Vorteil die bequeme Erreichbarkeit ist. Der Fußweg von hier zur Cala di Luna ist ein ziemliches Auf und Ab: Jede Schlucht wird mitgenommen. Trotz des teils beschwerlichen Geröllwegs und leichter Kraxelpartien macht es Spaß, im Schatten der Bäume entlang zu wandern - wenn man ordentliches Schuhwerk hat. Wer da mit Flipflops langläuft, dürfte den Weg in weniger netter Erinnerung haben.

Während wir so dahin trotteten, überholte uns ein Familienclan, den wir schon lange hinter uns schnattern gehört hatten. Sie waren alle gut drauf und hatten einen Zacken drauf, als ob es am Ende ein Preisgeld geben sollte. Mir war das Tempo schon fast ein wenig peinlich - aber als wir eine halbe Stunde später den kompletten Club unter Bäumen rasten sahen und nun unsererseits die Führung übernahmen, bewahrheitete sich mal wieder die Weisheit: In der Ruhe liegt die Kraft!

Nussschale
Nussschale
Wer nicht läuft, kommt mit dem Boot. Von Cala Gonone schippern Nussschalen (pardon: Kutter) im Quasi-Linienverkehr die Buchten an. Die Tickets kosten so viel wie ein günstiger Flug nach Sardinien, die Bootseigner sind gegeelte Machos - aber sie haben die Macht und das Wissen, dass nur die ganz Harten die Wanderung hin und zurück genießen. Also löhnten wir für das One-Way-Ticket zurück von der Bucht in den Heimathafen fast soviel wie für die Rundreise - aber egal.

Cala di Luna
Cala di Luna
Was gibt's über die Bucht zu schreiben? Dass sie wirklich bezaubernd ist: Weißer Sandstrand. Blaues und kristallklares Wasser. Steile Felsen. Kuschelige Höhlen (ohne Hippies). So, wie es in jedem besseren Reiseführer steht. Und außerdem: Eine sehr knackige Kletterin, die die Wand hochkraxelte und dabei eine sehr überzeugende Figur abgab. Fotografiert wurde sie von zwei Mannsleuten, die ihre britische Herkunft weder leugnen wollten noch es konnten. Der eine ein Hagespecht, der andere eher so der gemütliche Typ. Beide mit schwerster Fototasche, prall gefüllt mit netten Objektiven. Später merkte ich dann, dass die Engländer ihre Motive so wenig bestellt hatten wie ich und auch nur nahmen, was vor die Wechseloptik kam.

Cala Goloritze
Cala Goloritze
Die Cala Goloritze gilt vielen Sardinien-Kennern als Perle unter den Buchten. Widersprechen mag man dem nicht, selbst wenn man vielleicht etwas anderes kennt, das auch ganz nett ist. Wie kommt's? Wahrscheinlich passt einfach ales: Karibisches Feeling beim Sandstrand und dem Türkiswasser. Wenig Menschen, weil die Bootstour bis hierhin am längsten dauert und am teuersten ist. Und der Fußmarsch hin und zurück ist noch ein wenig ungemütlicher als der zur Cala di Luna, denn er führt erst mal rund 50 Meter hoch und dann 460 Meter runter - und unter umgekehrten Vorzeichen natürlich wieder zurück. Die Chance auf ein Boot ist hier geringer - aber wer genießen will, nimmt das gerne alles in Kauf, zumal die Blicke auf die Bucht, die sich auf dem Hinweg ergeben, fantastisch sind.

Am Anfang bzw. eher am Ende der Tour bietet sich auf der Hochebene von Golgo die Gelegenheit, in ein Restaurant einzukehren. Hei, was zischt das Bier im Su Porteddu! Es kostet zwar ein Vermögen, aber die Cooperative denkt sich sicher: Woher sollen wir's denn nehmen, wenn nicht von den doofen Touris? Die kommen doch sowieso nicht wieder! Das Wort "Cooperative" steht auf Sardinien nach meinen Erfahrungen sowieso eher für teure als für preisgünstige Gelegenheiten, aber wenn man das weiß, ist es ja nicht schlimm!

[Die beiden eingangs erwähnten Buchten nördlich von Cala Gonone bekommen ihren eigenen Beitrag]

Published at 18:41 / 1 comment / 196 visits
This post is public

August 15, 2009

Ein Sommernachtstraum

Sommernachtstraum
Sommernachtstraum
Ein wenig Mut gehört schon dazu, in unseren Breitengraden in diesem - ähm: nennen wir es: Sommer? OK: - Sommer ein gediegenenes Event unter freiem Himmel anzubieten. Stefan Hermann, Sternekoch von "bean & beluga" auf dem Weißen Hirsch in Dresden, hat sich getraut - und das Glück des Tüchtigen gehabt: Bestes Wetter am Tag, ein lauer Sommerabend, keine Mücken, eine friedliche Wespe, Live-Musik zum Zuhören (beim Essen) und zum Tanzen (danach), gut gelaunte Menschen rundherum: Alles passte.

Der Konzertplatz auf dem Weißen Hirsch war vor hundert Jahren Teil des vornehmen und europaweit bekannten Areals des Kurorts Weißer Hirsch. Der Platz mit seiner am 1. Mai 1926 eröffneten Konzertmuschel drohte zu verfallen - in diesem Jahr hat Stefan Hermann den lauschigen Ort aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Hier kann man an Wochenenden eine gehobene Biergartenatmosphäre genießen - mit Gegrilltem, mit Bier, mit Säften, mit Weinen - alles mit dem Anspruch einer Crew, die sonst in einem Sternerestaurant mit Tagesbar Gäste bedient, aber zu deutlich angenehmeren Preisen.

Manchmal gibt es aber eben auch Sonderveranstaltungen - vor einer Woche den Sommernachtstraum, morgen beim 1. Winzerfest mit fünf Winzern von "Message in a Bottle". Und die sind dann wieder deutlich mehr Sternerestaurant als Biergarten. Beim Sommernachtstraum am 7. August wurden wir gleich gut eingestimmt: Empfang vom weinkundigen und freundlichen Restaurantleiter und Sommelier Jens Pietzonka mit einem Glas Pinot Rosé vom Weingut Egon Schmitt, die Tische edel eingedeckt.

Dann das Menü, das die Crew um Stefan Hermann unter freiem Himmel hinter den Holz-Kiosken vorbereitet:
Mild geräucherter Lachs mit Kaviar-Creme-Fraiche
Ravioli vom Hummer in asiatischer Würze
Rinderfilet im Blätterteig gebacken mit Selleriepüree und Pfifferlingen
Törtchen von Grießflammerie mit Aprikosenkompott und Honig-Rosmarineis

Das Team hat Catering-Erfahrung, man merkt es: Alles kam so perfekt auf den Tisch, als ob es in der Profiküche des Restaurants fertig gestellt wäre. "Bis zu 200 Leute" würde er am Konzertplatz bewirten können, meinte Stefan Hermann im Gespräch. Unprätentiös wie die Titel (kein "an-bei-auf-a la") werden via Geschmacksnerv die Augen der EsserInnen angeregt: Sie verdrehen sich schwärmerisch und senden direkt (nach dem Herunterschlucken, wir sind ja gut erzogen) dem Sprachorgan ein Signal: "Hhhmmmm..."

Published at 10:28 / 2 comments / 127 visits
This post is public

August 16, 2009

Gelungene Vermählung zweier über 300jähriger

Weinlunch
Weinlunch
Der Silvaner wird in diesem Jahr 350 Jahre alt - das Gasthaus zur Post in Ladbergen feierte vor einem Jahr sein 365jähriges. Die beiden Alten trafen jetzt erstmals aufeinander - und es war eine gelungene Vermählung beim ersten Weinlunch im Gasthaus, bei dem mit dem Weingut am Stein aus Würzburg ein würdiger Silvaner-Vertreter zu Gast war.

In der familiären Atmosphäre des Gasthauses begann der Lunch mit einem Empfang im Garten. Dort gab es den beliebten Dreiklang aus Aperitif, Fingerfood und Smalltalk. Der ausgeschenkte 2007er Silvaner Brut war eine prickelnde Einstimmung, und erstmals (aber nicht zum letzten Mal an diesem Mittag) hörte man ein verstohlenes "DAS soll Silvaner sein?".

Ja - das war Silvaner. Bis in die 70er Jahre war die Rebe weit verbeitet in Deutschland, mit rund 30 Prozent Marktanteil. In dieser Zeit haben Weintrinkerinnen und Weintrinker nicht immer die besten Erfahrungen mit dem Silvaner gemacht - die Weine schmeckten oft beliebig, hatten keinen Charakter. Wer schon damals nicht irgendeinen Silvaner getrunken hatte, sondern - pardon: - einen guten, ist der Rebe treu geblieben. Und wahrscheinlich auch den Winzern oder Lagen, von denen der Silvaner weiland kam.

Am 10. April 1659 wurde erstmals nachweislich Silvaner in Deutschland gepflanzt - im fränkischen Castell. 1665 pflanzte Alberich Degen, Abt von Kloster Ebrach, erstmals eine Silvaner-Rebe in der Weinberganlage „Würzburger Stein“. Und genau von dort kamen die Weine des Weinlunches. Ludwig Knoll und sein Team bewirtschaften unter anderem den Würzburger Stein - eine Steillage mit 30 bis 80 Prozent Hangneigung! Silvaner macht 25 Prozent der Rebsorten auf den insgesamt 24 bewirtschafteten Hektar aus - Tendenz steigend.

Als fachkundigen Vertreter des Weinguts konnte Günther Haug vom Gasthaus zur Post den Winzer und Vertriebsleiter Christian Lau begrüßen. Der kommt aus Hamburg und führte nicht nur mit viel Fachwissen, sondern auch mit fabelhaftem norddeutschen Humor durch das Menü (Kostprobe: "Eine unserer Lagen ist der Stettener Stein. Goethe kam dort nicht vorbei. Da sind wir stolz drauf!"). Von Lau konnten die Gäste - allesamt nicht unerfahren, was Wein und Genuss anbelangt, noch hinzulernen. Seine Beschreibungen waren nachvollziehbar und, wie ein Gast im Gespräch bemerkte, "nicht so blumig in der Wortwahl". Mein Lieblingsausdruck: die "vinophile Ernsthaftigkeit", die Lau dem 2008er Würzburger Stein, Silvaner Kabinett trocken, attestierte.

Den Kabinett gab's zu einem Risotto mit Pfifferlingen und gebratener Wachtelbrust - die mit dunkler Sauce serviert wurde und gleich die Frage aufwarf: Ob das wohl gut gehen würde? Nur Zweifler am Tisch - außer dem Winzer, natürlich, denn der ahnte schon, was die anderen dann schmecken sollten: Es geht! Nein: Es geht sogar bestens! Die klare Eleganz des Weines harmonierte perfekt mit dem Gericht, das, so ganz nebenbei, gerne zweimal hätte serviert werden können, so gut war es mit perfektem Risotto und feinen Pfifferlingen.

Was nichts, aber auch gar nichts gegen den Rest des Menüs spricht:

Carpaccio vom Yellow fin tuna mit gefüllter Roma-Tomate
2007 Silvaner, trocken

Cremiges Risotto mit Pfifferlingen und gebratener Wachtelbrust
2008 Würzburger Stein, Kabinett, trocken

Kaninchen und Taschenkrebs, mediterranes Gemüse, Polenta
2007 Würzburger Stein, Spätlese trocken

Mille Feuille von der Himbeere
Trester vom Silvaner, Barrique

PS: Das Rezept zur Mille Feuille von der Himbeere mit Zitronenmelisse haben wir Chefkoch Oliver Lisso abschwatzen können - es steht auf den Seiten des Gasthauses!

Published at 14:14 / 9 comments / 140 visits
This post is public

August 20, 2009

Geschichten aus Sardinien (10)

Die Buchten nördlich von Cala Gonone

Golfo di Orosei
Golfo di Orosei
Während die Schiffe (Schiffe? Kutter! Seelenverkäufer!) wie verrückt die Buchten südlich von Cala Gonone anfahren, meiden sie die Tour gen Norden. Das hat einen Vorteil: Die Buchten dort sind leerer! Man erreicht sie mit dem Auto und gegebenenfalls ein bisschen Tippelei - aber keineswegs mit Wanderaufwand: kleine Spaziergänge reichen - und lohnen sich!

Der Weg zum Spiaggia Cartoe und zum Spiaggia Osalla führt von Cala Gonone über einen alten Pass mit kurvenreicher schmaler Straße. Gegenverkehr gibt's hier häufiger von Schafen und Ziegen als von Autos - aber die Vierbeiner haben natürlich auch ihren Stolz und können einen schon ein wenig aus der Fassung bringen. Bei Schafen auf der Straße ist es wie bei einem Feuer im Hochhaus: Als erstes muss man Ruhe bewahren. Wenn die einen stur angucken - einfach zurückfotografieren. Wenn sie näher kommen - einfach Gas geben (aber langsam, Tierfreund!). Irgendann geben die Schafe meist auf und gehen wieder auf die Wiese, wo sie sich Geschichten von touristischen Autofahrern erzählen, denen sie es mal wieder ordentlich gegeben haben. "Hast du gesehen, mit was für einer miesen Kamera der uns fotografierte?" und ähnliche Kommentare könnte man da hören, wenn man nur richtig schäfisch spröche!

Gegenverkehr
Gegenverkehr
Die Schafherde auf dem Weg zur Cala Cartoe kam gesenkten Hauptes auf uns zu - so als ob sie den Asphalt abfuttern wollten. Je mehr sie sich unserem Panda (jaja: ein Panda!!!) näherten, desto häufiger lunschten sie auch mal hoch. So aus dem Augenwinkel. Das blieb eine ganze Weile so, und erst nach etlichen Minuten mähten die Schafe deutlich hörbar ein "Der Klügere gibt nach", drehten sich um und trollten sich, als ob nichts gewesen wäre, von hinnen.

Spiaggia Cartoe
Spiaggia Cartoe
Die Straße zum Strand von Cartoe endet irgendwann einfach, genauer: Sie hört auf, eine komfortable Straße zu sein. Freundlicherweise gibt es kurz vorher einen Parkstreifen, an dem man das Auto abstellen sollte, denn bei Weiterfahrt drohen nur das Nichtfinden eines besseren Parkplatzes und eine längere Rückwärtsfahrt, weil es zum Wenden zu eng wird. Man läuft also die letzten paar hundert Meter zum Strand hinab und wird - wie so oft - mit bezaubernden Blicken belohnt. Hinten das wirkliche Meer, im gewohnten Blau des reflektierenden Himmels, vorne ein kontrastierend gelbes Blütenmeer von Mittelmeer-Margeriten, in dem sich zur großen Fotografenfreude hin und wieder eine rote Mohnblume verirrt hat.

Der Strand selbst ist vor allem eins: fast menschenleer. Weitere Pluspunkte: Feiner Sand, Wasser mit Wellen, schönes Hinterland. Nachteil: Keinerlei touristische Versorgung, aber wir hatten natürlich unsere Wasserflaschen dabei.

Lonely Tree
Lonely Tree
Auf dem Rückweg stellten wir übrigens fest, dass die Steigung erträglich ist. Der leichte Aufstieg zum Parkplatz bot, das liegt in der Natur der Sache, völlig neue Blickwinkel, zumal die Sonne mittlerweile deutlich tiefer stand als bei der Ankunft. Der einsame Baum hoch oben auf dem gegenüberliegenden Felsen war uns auf dem Weg zum Strand entgangen - jetzt war er der Blickfang schlechthin. Beachtlich, was die Natur da manchmal so in die Landschaft stellt, nur um uns Heimwanderern den Weg zu versüßen!

Jump!
Jump!
Der Spiaggia Osalla ist nur eine Bucht weiter - aber geregelt kommt man von Cartoe nach Osalla nur, indem man die Straße mehrere Kilometer landeinwärts fährt und dann nahezu parallel wieder zur Küste. So ist das in Landschaften, wo sich Bergzüge und Täler abwechseln. Zwischendurch gibt es von der Straße einen schönen Blick auf die Bucht mitsamt Fluss, der freilich nur kurz vor dem Meer diesen Namen halbwegs verdient. Dafür sind seine Ausläufer extrem sprunganimierend und somit ein nie versiegender Born der Heiterkeit.

Spiaggia Osalla
Spiaggia Osalla
In der Saison ist hier deutlich mehr los als am Strand von Cartoe - man kommt halt noch leichter hin und kann mit dem Auto quasi vorfahren. Bei unserer STIPvisite war es schön leer (und zu kalt zum Baden), obwohl der Sandstrand und das blaue Wasser recht einladend waren. Kioske und Strandbars gibt es hier auch, aber mangels Touristenansturm hatten sie noch geschlossen. Dafür schlenderte ein Verkäufer heimischen Obstes den Strand entlang und pries seine Waren an.

Schiffe versenken - Treffer
Schiffe versenken - Treffer
Einen kleinen Hafen gibt es hier auch, bei dem ein Schiff beim beliebten "Schiffe versenken" deutlich den Volltreffer abbekommen hatte. Es lag als Wrack so für sich hin und wird da wohl neben der Hafenmauer auch liegen bleiben, bis es verrottet ist - als Fotomotiv, als Versteck für kleine Fische, für Taucher - was weiß ich.

Der vier Kilometer lange Strand hinterm Hafen bietet im Rücken noch eine nette Besonderheit: ein Pinienhain mit Fluss. Dann und wann eine Brücke über den Osalla ermöglichen Rundspaziergänge: Fabelhaft, hier im Schatten zu schlendern!

Published at 18:44 / 1 comment / 101 visits
This post is public

August 22, 2009

Geschichten aus Sardinien (11)

Zur Schlucht Gola su Gorroppu

Gola su Gorroppu
Gola su Gorroppu
Die Genna Silana ist ein windiger Pass, 1017 Meter hoch mit schönem Rundumblick auf die Gipfel des Supramonte. Vor allem aber gibt es hier einen Parkplatz an einem der verlassenen roten Häuser entlang der SS 125: Startpunkt der Wanderung zum Riu Flumineddu, der sich einen Weg durch das Massiv des Monte Oddeu gebahnt und dabei „die großartigste Schlucht Sardiniens“ (Eberhard Fohrer im Wanderführer Sardinien) geschaffen hat.

Um das zu erleben, muss man vom Pass 600 Meter runter (und später ebensoviel auch wieder hoch) laufen. Als unvernunftbegabte Wesen suchten wir uns für diese Wanderung einen schönen heißen Tag gleich am Anfang des Urlaubs aus - ein wenig Training kann ja nicht schaden.

Cowgirl Sylke
Cowgirl Sylke
Unsere Tour hatten wir im sehr schönen Wanderführer von Sandra Lietze (MM-Wandern Sardinien) gefunden. Alle 35 Touren des Buches gibt es auch für das eigene GPS-Gerät, da macht die Wanderung dem Tech-Man gleich doppelt Spaß. Manchmal ist die vorgegebene GPS-Route wirklich hilfreich - hier, wo es nur einen Weg runter gibt, spielt das weniger eine Rolle. Also bleibt Zeit für die Beobachtung von Naturphänomen links und rechts des Weges. Wilde Alpenveilchen in der Wasserrinne begeisterten nicht nur die Blumenfotografin, und Kühe oder Wildschweine (naja: zahme Wildscheine, vielleicht sogar, nein: wahrscheinlich Hausschweine) sind eine Herausforderung der besonderen Art. Wie so oft bibbert das Herz - fragt sich nur, ob das der Tiere oder unsere heftiger schlugen.

Erdbeerbaum
Erdbeerbaum
Wir kamen an merkwürdigen Bäumen vorbei und debattierten im Abstieg die bemerkenswerten baumerotischen Formen und mögliche Folgen für nicht aufgeklärte Kinder - ein sehr schönes Thema, wenn sonst nichts ansteht. Auch die Fragen, warum sich Äste umeinander ineinander verschlingen und warum es so etwas wie einen Erdbeerbaum gibt, kürzten die gefühlte Wegezeit erheblich ab - und dank GPS wussten wir auch immer, dass wir auf dem Strich gingen, also nicht ob unserer philosophschen Naturbetrachtungen vom Wege abgekommen waren.

So ein Wanderführer (nun wieder: das Buch!) ist sowieso was Feines, denn er sagt einem, was man sieht: Ein Geröllfeld. Marmorierte Felsen. Eine verlassene Schutzhütte. Und haste nicht gesehen sind wir unten am Fluss, der eher bächleinmäßig vor sich hin plätschert. Deutlich lauter sind die Wandergruppen, die hier zusammen treffen (es gibt mehrere Wege zur Schlucht, unser war nahezu menschenleer und schon deswegen sehr schön). Ein buntes lautes Palaver!

Gola su Gorroppu
Gola su Gorroppu
Aber es gibt auch stille Ecken. Oh, pardon, da sitzen schon zwei, leicht entkleidet. Aber nebenan ist Platz! Das Wasser steht hier im weißen Fels, es sieht algengrün aus. Sylke wollte nach der Brotzeit in die Schlucht hinein, ich fand die Idee auch reizvoll: Bizarre Felsen, immer mal wieder ein wenig Wasser, steil aufsteigende Felsen links wie rechts sind schon gute Argumente. Doch nach gut 50 Metern wilden Rumgekraxels ließ der Reiz deutlich nach, und nach weiteren zwölffuffzich erblasste er vollends: zu viele Fehlversuche, zu wenig Orientierung. Also kehrten wir um - und das war gut so.

Gola su Gorroppu
Gola su Gorroppu
Denn wir mussten ja zurück. 600 Meter hoch! Und es war immer noch warm, da kennt die sardische Sonne nichts. Und wir waren ja so verdammt untrainiert, dass jede Pause als "Fotostopp" getarnt wurde. Der eine oder andere hat sich allerdings wirklich gelohnt, zumal einige Felsen plötzlich in ganz anderem Licht standen. Sogar beim Geröllfeld tat sich was: Eine Gemse heischte sich an, vorbei zu huschen. Als sie uns sah, blieb sie stehen und sagte: "Mensch, was hast du mich erschrocken! Du riechst ja wie ein Schaf!" Ich entschuldigte mich und gelobte nach der schweißtreibenden Tour ein Duschbad. Aber da hatte dann die Gemse nichts mehr von.

Published at 11:35 / 3 comments / 119 visits
This post is public

August 26, 2009

Geschichten aus Sardinien (12)

Orosei und Galtelli

Wir waren an der Küste des Golfes von Orosei unterwegs und wollten auch die Marina Orosei kennen lernen - zumal der Reiseführer auf der Stichstraße zum Strand ein Restaurant empfahl, das einen Mittagsbesuch wert erschien. Natürlich kamen wir wieder mal zu spät: mittags geöffnet bis 14.30 Uhr, und es war schon kurz vor drei. Aber es saßen noch Leute dort, und so fragten wir. Naturalmente könnten wir noch was essen und trinken - nur bitte keine Pizza mehr, der Ofen sei schon aus! Große Freude unsererseits, und der kleine Mittagsimbiss im La Veranda wurde auch vom Geschmack her ein Vergnügen: Insalata die Mare und ein großer Teller mit Muscheln in Weißweinsauce, dazu pane karasau und ein leicht perlender leichter lokaler Wein waren genau das, was wir haben wollten! (La Veranda, Via del Mare 83, Orosei).

Marina Orosei
Marina Orosei
Die Marina selbst haben wir nicht genossen - farblose Großanlagen mögen wir nicht. Auf dem Weg dahin fiel uns noch eine Plastik auf, die den hier in der Gegend vorkommendem Marmor huldigt. Die Abbaugebiete südlich von Orosei hattten wir ja schon auf der Hinfahrt nach Cala Gonone gesehen und waren not amused über den Raubbau an der Landschaft. Dieser Eindruck hat sich beim zweiten, diesmal gezielten Besuch nicht geändert.

Orosei
Orosei
Orosei ist eine beschauliche Kleinstadt mit vielen alten Kirchen, die alle in einem angeblich ausgeschilderten Rundgang besucht werden können. Wir verloren relativ schnell den Anschluss, waren aber nicht wirklich böse. Man kann nämlich auch einfach so durch die Gassen schlendern und bekommt dennoch fasst alles mit: Erstens gibt es genug alte Kirchen und zweitens nicht so viel Gassen. Beim planlosen Schlendern kann man sogar noch unverhofft auf eine Eisdiele treffen, die natürlich im historischen Kirchen-Corso nicht vorgesehen ist. Die Gelateria Smeralda macht leckeres Eis!

Frauenschwatz
Frauenschwatz
Beim Altstadtbummel fielen die Frauen in traditioneller Kleidung besonders auf. Schwarzer Rock, schwarze Bluse, blaue Schürze mit weißem Blümchenmuster oder die eher ins Graue gehende Variante mit zusätzlichem lila Kopftuch sind normal im sardischen Alltag - außer fotografierenden Touristen guckt sich keiner danach um. Und man sollte vielleicht erwähnen, dass eher die älteren Frauen sich so kleiden. (Über die Männer gibt's an dieser Stelle nichts zu berichten: Die saßen, wie immer, auf Bänken im Schatten und palaverten vor sich hin.)

Galtelli
Galtelli
Noch mehr Kirchen auf noch weniger Raum gibt es übrigens ein paar Kilometer weiter im Landesinneren in Galtelli. Die zentrale Kirche begrüßt uns mit schönem Glockengeläut. Auch hier bewundere ich wieder die palaverfreundliche architektonische Feinheiten: Die Kirche wirft um diese Spätnachmittagszeit gerade ein, zwei Meter Schatten: Und genau da ist eine Bank angebracht, damit die beiden Männer sich nicht unter brütender Sonne unterhalten müssen. Im Innern von Sanitissimo Crocifisso ist es übrigens seit dem 14. Jahrhundert schon deutlich kühler, aber drinnen ist ja der Pfarrer und feiert mit drei Frauen in Tracht und mit schwarzem Kopftuch eine Abendvesper.

Für die vielen Kirchen von Galtelli gibt es natürlich eine Erklärung: das Örtchen war bis ins 18. Jahrhundert Bischofssitz. Aber hier unten im Tal des Cedrino wütete, Bischofssitz hin, reichlich Kirchen her, die Malaria doch zu sehr - da zog es die Amts-Kirche ins höher gelegene und gesündere Nuoro. Die Malaria ist überwunden, der Bischof aber dennoch nicht zurück gekommen.

Bar in Galtelli
Bar in Galtelli
Wir bummelten durchs Städtchen und erheischten immer wieder einmal einen Blick über die Dächer auf den 806 Meter hohen Monte Tuttavista. Ein Abstecher noch in eine lokale Bar an der Hauptstraße, wo eine jungsche Bedienung mäßigen Landwein servierte, und dann hielt uns nichts mehr in Galtelli.

Lago del Cedrino
Lago del Cedrino
Der Lago del Cedrino auf der Heimfahrt und eine gar liebliche Landschaft auf dem Weg dahin sollten vielleicht noch Erwähnung finden! Also lobpreise ich die Hügel, die Pinien, die Olivenhaine - und alles das in feinem abendlichen Licht, das der Optik ja sowieso schmeichelt. Dass es dann noch so nette Kleinigkeiten wie eine Schafherde (ausnahmesweise nicht auf, sondern neben der Straße) mit niedlichem Nachwuchs und dem einen sprichwörtlich schwarzen Schaf gab, ging ebenfalls in die Plusliste des ereignisreichen Tages ein.

Published at 22:11 / 1 comment / 90 visits
This post is public

August 27, 2009

Mit gemischten Gefühlen

Das Gourmetrestaurant Maurice im Dresdner Hotel Suitess hat einen neuen Chefkoch

Maurice
Maurice

Das Restaurant liegt oben im fünften Stock des Suitess-Hotels - einfach mal eben reinsehen geht nicht: Die Dame der Rezeption bringt uns mit dem Fahrstuhl hoch - und oben werden wir in Empfang genommen von einem Herrn in Frack, dem zum stilechten Aussehen allerdings die Lackschuhe fehlen. Das "Maurice" gibt sich vornehm und ein wenig steif - vom Personal über die Unsitte der Damenkarte ohne Preise (am Nebentisch tauschten die Herrschaften gleich mal aus: "Sie" war die Finanzministerin der Familie und zahlte später auch) bis zur gestelzten Sprache ("und der Hauptgang war Recht gewesen?").

Aber wir sind ja primär zum Essen gekommen - und, zugegebenermaßen, auch um den Blick zu genießen, den man von der Terrasse des Restaurants auf die Kuppel der Frauenkirche hat. Die Karte kommt auf einem Blatt ausgedruckt, sie soll besonders sein und ist deswegen versiegelt. Was erwartet den Gast? Je zwei Vorspeisen, Suppen, Zwischengerichte, Fischgerichte, Hauptgänge und drei Desserts. Die Preise sind gesalzener als das servierte Essen, das manchmal ein wenig fad schmeckte. Salz vom Brot-Begleit-Teller half nach (wobei wir eher salzarm essen, also nicht notorische Nachwürzer sind - ich male mir meine Picassos ja auch nicht mit dem Pelikan-Tuschekasten schön!).

Das Maurice war ja sehr furios gestartet - mit einem Koch, der einmal zwei Sterne hatte, es in Dresden aber während seiner Amtszeit nicht einmal zu einem brachte. Anfang des Jahres löste dessen Sous-Chef (umgangssprachlich könnte man sagen: sein Stellvertreter) André Mühlfriedel den unbesternten Sternekoch Alois Koepf ab - und so wie sein Vorgänger mit der Zwei-Sterne-Mär unangenehm auffiel, lässt der neue Chef in der offiziellen Hotel-PR mutmaßen, er sei ein Mitglied der anerkannten Jeunes Restaurateurs. In den Mitgliedslisten wird er freilich nicht geführt, kann das auch nicht - denn die Jeunes sind alle ihre eigenen Herren und nicht angestellt.

Sei's drum, wir waren ja wie gesagt zum Essen und nicht zum Kritikastern gekommen. Also bestellten wir weder das 6-Gang-Menü für 93 Euro, noch das kleine Abendmenü für 67 Euro, sondern stellten individuell zusammen. Der Thunfisch auf Avocado mit Zitronengras-Wildkräutercannelonie (sic! - 21 EUR) war zwar falsch geschrieben, aber optisch wie vom Geschmack her ein Gedicht: Der Tuna in perfekter Qualität, die Canneloni waren süßer Krokant und umhüllten Tuntartar mit Creme und Kräutern. Ich weiß, man tut das nicht - aber das war zum Reinsetzen! Die Gebratene Jacobsmuschel und gebackener Langustino auf Wasabi-Erbsenpüreé (17 EUR) hingegen gaben erstmals Anlass zum Aufmerken: Wo war Wasabi-Geschmack beim Püreé? Und il Langustino rief nach Salz, um zu schmecken.

Beim Fischgang ähnliche Erfahrungen: Gebratener Knurrhahn mit Felsenoctopus und Spinat-Couscous an Ingwer-Limonenschaum (31 EUR) kam mit deutlich übergartem Knurrhahn und sehr naturell belassenem Octopus auf den Tisch. Der Spinat vom Couscous war allenfalls Spinatfarbe - aber das mag ja als Kochkunst noch durchgehen. Dem Octopus half das Meersalz vom Brotkorb - dem Knurrhahn war nicht mehr zu helfen.

Bei Niedertemperatur gegartes Kalbsfilet mit sautierten Pfifferlingen, Romanesco und Serviettenknödel (34 EUR) als Hauptgang erinnerte an den alten Nouvelle-Cuisine-Witz: "Wie fanden Sie die Pfifferlinge?" - "Och, zufällig: Unterm Fleisch!" Die Atomisierung von Zutaten mag ja gut aussehen, aber so recht konnte man mangels Masse weder Pfifferlinge noch Romanesco schmecken. Und wer bei Knödel gewisse optische Vorstellungen mitbringt, möchte die bitte auch an der Rezeption abgeben: Daumenhoch, Durchmesser etwa der eines 1-Euro-Stücks. Drei Knödel dieser Art waren mir allerdings reichlich genug - und insgesamt ist man schon angenehm gesättigt nach dem Menü. Vielleicht ist also der Koch doch schlauer als die Erwartungshaltung des Gastes beim Lesen der Karte?

Die beiden Desserts waren Auswahl von Rohmilchkäse mit Chutneys (16 EUR) und Gefüllte Waldhonigwabe mit schwarzen (sic!) Johannisbeersorbet (17 EUR). Der Käse nicht als Auswahl zum selber Aussuchen und eher normal als vom Hocker reißend in der zugelieferten Auswahl, die Waldhonigwabe natürlich keine Wabe, sondern wieder so eine Art Canelloni, nur eben in Wabenform. Das Sorbet freilich verdient das Prädikat hinreißend! Optisch bot beides, wie auch bei den anderen Gängen, ein schönes Bild: Die Kameras klickten.

Die Weinkarte ist umfangreich, aber hochpreisig kalkuliert. Ein 2006er Riesling "R" von Klaus Zimmerling, den es in einem Dresdner Restaurant mit Sternekoch für 40 Euro gibt, kostet hier 56 Euro. Den 2007er Riesling & Traminer vom Weingut Schwarz gibt es andernorts für 48 Euro, im Maurice für 70 Euro: Hier stellt sich beim Kenner der Gourmetlandschaft doch irgendwie das Gefühl der Abzocke ein. Offene Weine gibt es übrigens nicht - weder in der Karte noch auf Nachfrage. Eigentlich ein KO-Kriterium, denn die angebotenen halben Flaschen sind bei den aufgerufenen Preisen wahrlich kein Ersatz für einen guten Offenen.

Maurice
im Hotel Suitess
An der Frauenkirche 13
01067 Dresden

Tel. 0351/417270
http://www.suitess-hotel.com

geöffnet
Montag - Freitag 12.00 - 14.00 Uhr
Montag bis Samstag von 18.30 bis open end
Küchenzeiten: Montag bis Samstag von 18.30 bis 23 Uhr

[Eine gekürzte Version des Beitrags erschien am 27. August 2009 in PluSZ, Beilage zur Sächsischen Zeitung (die Kritiken sind dort immer so kurz, also rein formal, nicht inhaltlich begründet ;-)]

Published at 11:22 / 5 comments / 208 visits
This post is public

( 9 posts )

 

Català | Čeština nové | 中文 | Deutsch | English | Español | Esperanto | Ελληνικά | Français | Galego | Italiano | Nederlands | Português | More...