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February 3rd, 2009

Prager Palaver (9)

Blauer Fuchs
Blauer Fuchs
Die Kampa-Insel hat sich ein ganz eigenes Flair bewahrt - trotz der vielen Touristen, die sie mittlerweile heimsuchen, und trotz der Tatsache, dass sie gar keine richtige Insel ist: Im Süden hängt sie, unweit der Legii-Brücke, am Land. und auch sonst ist nicht viel Wasser drum herum: ein Nebenarm der Moldau, der Teufelsbach (Certovka) genannt wird, trennt sie vom Festland. Das und die nierige Lage der Insel hat aber gereicht, um das Kampa-Land in frühren Jahrhunderten regelmäßig zu fluten. Erst seit dem 15. Jahrhundert hat man hier gebaut - Wassermühlen, Häuser für einfache Leute und - am Moldauufer - ansehnliche Palais: Und genau dieser Mix macht den Charme aus, denn heute ist alles aufs Feinste restauriert und sehr ansehnlich.

Karlsbrücke
Karlsbrücke
Man kann die Insel von der Karlsbrücke besteigen: Die Brücke steht mit ihren westlichen Pfeilern nämlich auf Kampa, und eine wunderbar fotogene Treppe führt rauf wie runter, wie das Treppen nun einmal so zweiseitig in sich haben. Man landet direkt auf dem Dorfanger, ein gemütlicher Platz mit ansehenswerten Häusern am Rande und einer Flaniermeile mit Bäumen in der Mitte. Im Sommer finden hier (wie früher) Töpfermärkte statt, als wir da waren, gab es open air Kunst: Die Tschechische Republik hat im ersten Halbjahr 2009 die EU-Ratspräsidentschaft übernommen, und das merkt man immer mal wieder in der Stadt. Auf angenehme Weise wird man hier mit Politik konfrontiert, zum Beispiel mit Kunst.

Europe without Barriers
Europe without Barriers
"Europe without Barriers", ein Europa ohne Barrieren, ist das Thema, dem sich StudentInnen von tschechischen Kunst(hoch)schulen gestellt haben. Sie haben Poster entworfen, die nun auf dem Marktplatz von Kampa gezeigt werden. Schöne, anregende Werke sind dabei - und dass sie da so selbstverständlich mitten im Raum stehen, steht sowohl der Kunst wie auch der Politik bzw. der Auseinandersetzung von beiden ganz gut an. Die Namen der KünstlerInnen sind auf den Rahmen der Poster verzeichnet - aber eine gemeinsame Webseite habe ich nicht gefunden, auf der man alle Werke sehen kann, auch ohne in Prag zu sein. Muss man denn alles selber machen?

Babies
Babies
Ein wenig weiter südlich bzw. flussauf gibt es schon wieder Kunst, und zwar heftig: Da krabbeln drei Babies völlig nackicht über den Schnee. Sie haben wunderbar runde Knackärsche und einen gewöhnungsbedürftigen Gesichtsausdruck. Wer nun vermutet, dass so etwas Skuriles wahrscheinlich dem Herrn David Černý zuzutrauen ist: Stimmt. Krabbelnde Babies haben es ihm angetan, seit dem Jahr 2001 versuchen zehn dieser erstmals 1994 gezeigten Schnuckelchen, den Prager Fernsehturm hoch zu krabbeln...

Kampa Museum
Kampa Museum
Es ist natürlich kein Zufall, wo die drei Babies da auf der Insel Kampa sich rumtreiben: Direkt neben ihnen steht nämlich das Museum Kampa - eine umgebaute und für museale Zwecke erweiterte Mühle. Die private Sammlung von Jan und Meda Mládek ist hier zu sehen - wer moderne Kunst mag und/oder sich für architektionische Raumgefüge interessiert, sollte reingehen! Ein Spruch steht über dem Eingang, er ist das Motto des Hauses - man sollt sich ihn merken: If a nation's culture survives, then so too does the nation.

um halb fünf
um halb fünf
Die Legii-Brücke bringt uns trockenen Fußes über die Moldau. Es lohnt sich, ab und an flussabwärts zu schauen: Die Burg links, die Karlsbrücke voraus, der Altstädter Brückenturm und das ihn umgebende Ensemble lohnen sich bei jedem Licht, aber besonders in der blauen Stunde, die bekanntlich im Winter höchstens 15 Minuten dauert (wir sind deswegen nochmal zurück gekommen, weil's auf dem Hinweg noch zu hell war).

Jugendstilfront
Jugendstilfront
Am rechten Moldau-Ufer gehen wir weiter flussaufwärts. Die Häuserzeile am Flussufer wirkt sehr pariserisch - wobei stolze PragerInnen sicher sagen werden, dass ihnen die Häuser an der Seine sehr pragerisch vorkommen. Egal: Hier feiert der Jugendstil oft noch unrestauriert Urstände, und wenn es an der Magistrale nicht so laut wäre, könnte man hier mit Wahnsinnsblick auf Moldau und Kleinseite gegenüber wunderbar wohnen.

Dancing House
Dancing House
Das Ziel unserer Bummelei ist ein Haus, das 1996 fertig gestellt wurde uns damals - wie sich das gehört bei modernem dekonstruktivistischem Bauen - mit Aufschrei begrüßt wurde: Der tschechische Architekt Vlado Milunić hat das Tanzende Haus in Kooperation mit dem kanadischen Architekten Frank Gehry gebaut - und wie das so ist in unserer namenshörigen Zeit, erinnern sich die meisten nur noch an den Gehry als Architekten. Dafür bekommt der dann auch allein die Prügel ab, wenn Gerhard Matzig in der Süddeutschen Architekturkritik übt (Die Väter der Kulisse, SZ vom 2.2.2009). Das Ensemble wird übrigens manchmal auch Ginger und Fred genannt - wobei es erstaunlich ist, dass 1996 noch jemand Fred Astaire und seine Partnerin Ginger Rogers so gut kannte, um sie als Vorbild für ein Tanzpaar zu nehmen!

Oben auf dem Dach von Ginger und Fred gab es übrigens mal ein Restaurant, von dem man besonders die Aussicht rühmte. La Perle de Prague, das keineswegs preiswerte französische Küche servierte, hat zum 30. September 2008 geschlossen. (Die Webseite ist noch online, die Speisekarte auch).

Prager Spaziergänge mit Geotags bei Google

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February 4, 2009

Prager Palaver (10)

Blurred Friends
Blurred Friends
Schließlich war es Curly's Geburtstag, da muss man doch was ganz Besonderes organisieren! Da die Wünsche, die man sich selbst erfüllt, immer die nettesten Geschenke hergeben, überraschte ich Sylke dieses Mal mit einem nicht nur grenz-, sondern auch Fotocommunity-übergreifendem Stargast: Semmi, die zwar auch hier einen account hat, aber eigentlich drüben bei Flickr zu Hause ist. Dort hatte ich sie auch kennengelernt - und ihre Prager Detailkenntnisse haben mich über die Jahre immer wieder fasziniert.

An Geburtstagen trifft man sich abends um 18 Uhr, das war schon in Paris mit Claudia so. Wir trafen also vor dem Hotel Semmi und ihren Gatten, der wahrscheinlich wegen seines für Nichttschechen ungewöhnlichen Namens Vojta (wie schreibt man das? musste ich sie fragen!) von ihr meist liebevoll "hubby" genannt wird. Das ist Irevo-Englisch und meint husband, also Gatte - und ist somit aus ihrer Sicht auch richtig. Aber ich kann ihn doch nicht "hubby" nennen, was sollen denn die Leute von uns denken!

Rotunde
Rotunde
Irene und Vojta hatten Plätze in einer kleinen Bodega gegenüber auf der Kleinseite reserviert - aber der direkte Weg vom Hotel über die Karlsbrücke ist doch langweilig, also stromerten wir zuerst ein wenig durch die Altstadtgassen, die im Abenddunkel besonders heimelig aussehen - vor allem, sobald man die von den Touristen ausgelatschten Pfade verlassen hat. Wir hatten ein Zwischenziel: 50°04'58.79" N 14°24'52.99" O in ca 201 Metern Höhe. Die Beiden sind nämlich Geocacher, ein Hobby, das man früher "Lerne Deine Heimat kennen" genannt hätte. Irene war ganz hibbelig und ahnte nur so ungefähr, wo wir hin mussten, und der Gatte versuchte seinem GPS-Gerät ein Signal zu verschaffen, auf dass es uns zum Ziele führen möge. Das mit dem GPS hatte ich schon am Tag zuvor aufgegeben: Unter der Inversionsdunstglocke und in den engen Gassen Prags machen sich die GPS-Signale rar. Aber irgendwie schaffte Wojta es, und so marschierten wir durch die Gassen dem Ziel entgegen.

Was ich schon vom Lesen ahnte: Irene kennt nicht nur jedes Haus, sondern jeden Stein in Prag. Und sie weiß auch zu Stein und Haus Geschichten zu erzählen, die köstlich sind. Beim nächsten Besuch buche ich mir die Frau als Stadtverführerin!

Geocached!
Geocached!
Nicht lange, und wir standen bei 50°04'58.79" N 14°24'52.99" O, was im wirklichen Leben gegenüber der Rotunda Nalezení Sv. Kříže ist. Der Bau stammt vom Ende des 11. Jahrhunderts und wurde 1865 rekonstruiert, so weit so gut. Aber wo ist der Schatz, den die Geotypies fangen müssen? Nicht an oder in der Rotunde, sondern gegenüber unter ... aber das verrate ich nicht, könnte ja sein, dass hier ein Geocacher mitliest! Und bitte auch keine Rückschlüsse vom Foto machen - wir sind Weltmeister im Verfremden!

Karlsbrücke
Karlsbrücke
Die Rotunde liegt gegenüber von einem Restaurant, plauderte Irene, das einem Adeligen gehöre. Manchmal würde er auch selbst bedienen, wenn einem danach sei, solle man nur einfach hingehen. Bürgerliche willkommen! Heute wollten wir aber nicht vom Adel geknutscht werden, sondern erst einmal über die Straße just an den Ort, an dem wir schon am Nachmittag Fotos von der Burg gegenüber gemacht hatten. Anschließend ging's über die Karlsbrücke, die in dieser Jahreszeit nach Sonnenuntergang schnell leerer wird - echt kein Bummelwetter.

Kaficko
Kaficko
Auf der Kleinseite fanden wir dann die Bodega, von der Sylke bereits am frühen Nachmittag vermutet (und ein wenig gehofft) hatte, dass es uns abends hierhin verschlagen würde. Es war rappelvoll, gut dass Irene reserviert hatte! Wir plauderten munter deutsch und englisch und verfielen sogar für einige Minuten ins Russische, was sehr lustig war. Marx sei Dank hörte kein Russe zu, er hätte sich wahrscheinlich gewundert, was für ein Dialekt da geredet würde! Als es ans Bezahlen ging, geriet die Angelegenheit kurzfristig zum Desaster - hatten wir doch unsere Gastgeber einladen wollen und darauf vertraut, dass man in Prag nahezu überall mit Kreditkarte zahlen kann. Hier nicht! Und ausreichend Bares hatte ich, dem Rat aller einschläigen Reiseführer, nicht mit. Gut, also wurde die Gastgeber kurzerhand wirklich welche und müssen dann eben beim Gegenbesuch in Dresden auf unsere Kosten leben! Sie können den Abend ja mit "Wir laden Euch ein!" beginnen!

Your Point
Your Point
So ungeradewegs wie wir kamen, gingen wir auch. Kurzer Stop am Moldauufer mit Blick auf die nächtliche Karlsbrücke und bei den Pinkelnden, die uns aber nichts Neues waren. Unser Ziel: Der Altstädter Ring - also über die Brücke, vorbei am Rudolphinum, ein wenig durch Josefa bis hin zum diesem kurz vor Mitternacht wunderbar leeren Platz. Den ganzen Weg über lernten wir ungeheuer hinzu - aber wer kann sich das schon um diese Tageszeit alles so genau merken, dass man es auch noch korrekt niederschreiben kannn? Ich nicht. Also müssen wir das nochmal machen, tagsüber, wenn es wärmer ist. Und vielleicht vor dem Wein am Abend ;-) Schließlich war es Curly's Geburtstag!

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February 8, 2009

Spitzentalente aus der Pfalz

W-einschenken
W-einschenken
Immer im Februar lädt das Gasthaus zur Post in Ladbergen zu einem Weinabend ein - meist ist es ein Winzer, der seine Weine vorstellt und den Chefkoch inspiriert, dazu Passendes zu kochen. Dieses Mal waren es gleich sechs Betriebe, die ihre besten Weine aufgefahren hatten - ausgewählt vom Gasthaus-Team in einem nicht leichten Prozess, über den wir schon vor einiger Zeit berichtet hatten. (Und damit das gleich am Anfang einmal geschrieben ist: Ich war dabei, weil ich für das Gasthaus arbeite - PR und Internet und so. Aber was hier steht, hat damit nichts zu tun und ist ehrliche Meinung, freiwillig und unbezahlt ;-)

Axel Biesler
Axel Biesler
Die Winzer vereint ein Gedanke: Qualität. Sie sind jung - und vom VdP Pfalz ausgewählt, sich zu mausern: Wenn sie wirklich wirlich gut sind, werden sie in den VdP aufgenommen, den Verband der Prädikatsweingüter. Eine Nachwuchs-Werbe-Aktion, sozusagen - aber eine sehr angenehme. Denn die Winzer machen feinen Wein! Und sie helfen der Pfalz, einen manchmal arg ramponierten Ruf zu restaurieren. Damit man ein wenig schlauer aus dem Gasthaus heraus geht als man herein gekommen ist, gab es einen kenntnisreichen Moderator: Axel Biesler, der gelernter Winzer, Sommelier und Weinjournalist ist und somit Weintheorie und -plauderei trefflich miteinander kombinieren kann.

Carpaccio von der Jakobsmuschel
Carpaccio von der Jakobsmusche…
Sechs Gänge hatte Oliver Lisso, Chefkoch im Gasthaus zur Post Ladbergen, mit seinem Team vorbereitet: Zu jedem Gang gab es einen Wein von einem der Winzer der sechs Spitzentalente. Soweit der Plan. Und dann ging es gleich furios los: Im Glas ein 2007 Laumersheimer Kirschgarten, Sauvignon Blanc, Weingut Ernst und Mario Zelt, Laumersheim, bei dem die Nase grandios war: Fruchtig und frisch und zitronig roch es, ein Hauch von Neuer Welt kam aus der Pfalz ins Westfälische - und dazu brachte der Service, der bis kurz vor Mitternacht das Lächeln nicht verlor und immer aufmerksam und freundlich servierte, ein Carpaccio von der Jakobsmuschel mit Limonen-Crème fraîche und Friséesalat. Siehe da: Der Wein gewann, und als bekennender Jakobsmuschelfan hatte ich das gleich zum Nochmalessen nach dem Dessert vorgemerkt (es dann aber sein gelassen, aber dazu später mehr!).

Pochiertes Landei
Pochiertes Landei
Glaswechsel: 2007 Heißbühl, Grauburgunder, Weingut Jürgen Leiner, Ilbesheim. Der Herr Leiner, erzählte Axel Biesler, arbeite nach den Regeln biodynamischen Anbaus. Das ist noch ein Zacken schärfer als die Biowinzer, weil Rudolf Steiners Lehren da einfließen, es wird (wer schon mal mit Globuli seine Zipperlein kurieren wollte, versteht das) mit extremer Verdünnung gearbeitet und mit der Kraft, die beim Rühren ins Wasser eingeht. Nicht jedermanns Sache, diese Theorie um Hornmist und Hornkies (und auch der Herr Biesler klang so, als ob er nicht so recht dran glauben wollte) - aber der Wein war eine Überraschung. Und der Wein wurde zum Hammer, als der Service ein pochiertes Landei auf Blattspinat, Perigord-Trüffel und Sauce Hollandaise brachte: Die Kommentare am Tisch reichten von "sensationell!" über "sterneverdächtig" bis zum schlicht geseufzten "Hach!" Hier verschmelzen Wein und Gericht zu einem unvergesslichen Geschmackserlebnis. An unserem Tisch wollten sie das alle am nächsten Morgen zum Frühstück bestellen!

Dorade
Dorade
Wie sollte das nur weitergehen? Gang eins ein Knaller, Gang zwei sensationell? Und dann? Dann kam das kross gebratene Doradenfilet mit Auberginenkaviar und Kerbelpesto. Dazu gab es einen 2007 Kastanienbusch Taschberg, Riesling, Weingut Siener, Birkweiler - und das war natürlich nicht zu vergleichen mit diesem schlichten Landei. Eine Gemeinheit, denn für sich genommen waren die Dorade handwerklich extrem perfekt und das Auberginenkaviar ein schöner Ausflug ins Arabische - aber es passte erstens zueinander und zweitens auch hier wieder perfekt zum Wein.

Rebhuhn auf Rieslingkraut
Rebhuhn auf Rieslingkraut
Keine große und lange Diskussion bei der Dorade, aber mit dem nächsten Gang kam Debattierlust auf: Kann man denn so mittenmang im Menü schon eine Auslese servieren? Nun, man konnte: 2007 Heiligenberg, Riesling Auslese, Weingut Dengler-Seyler, Maikammer im Glas - und wer da naschte, ohne das Essen zu haben, tendierte schnell zur Zweifler-Fraktion. Aber dann brachte der Service Rebhuhn auf Rieslingkraut, glasierte Trauben und geräucherten Speck. Und plötzlich bröckelte die Zweiflerfraktion (so ganz verschwand sie nicht!) und es ging nur noch darum, dass man vielleicht, aber auch nur vielleicht etwas kleinere Portionen ab nun goutieren mochte. Wobei getreu dem Motto "Die schärfsten Kritiker der Elche warfen früher selber welche" die Verfechter kleinerer Portionen schon mal die Reste vom Partnerinnen-Teller nahmen und auch noch sichtlich genossen!

Das Beste vom Müritz-Lamm
Das Beste vom Müritz-Lamm
Ähnlich heiße Debatten entspannen sich mit Blick auf den Hauptgang (Das Beste vom Müritz-Lamm, geschmorte Gemüse, Thymianjus) bzw. dem dazu gereichten Wein: ein 2005 Syrah, Weingut Rings, Freinsheim. Rotwein aus der Pfalz? Und dann auch noch ein Syrah? Ein nicht zu lösender Glaubenskrieg, bei dem man nur sagen kann: Erstaunlich, dass in der Pfalz so etwas wächst (bzw. ausgebaut wird, denn die Kunst des Weinmachens sollte man nicht verachten). Dem stillen teilnehmenden Beobachter reichte die Notiz: Alle Gläser ausgetrunken, gerne auch noch um Nachschenken gebeten. Ein Wort noch zum Gericht: Das "Beste" war ganz offensichtlich ein Filetstück, dann aber noch - auch sichtbar, aber längst nicht so bekannt, ein Stück Bries auf Artischocke und gut versteckt in der Tomate geschmorte Lammschulter. Ein überzeugender Dreiklang, der mit dem Wein absolut harmonierte. Ein Gag am Rande: Am Filet lehnte etwas, was aussah wie Emmentaler. Aber es war Kartoffel - was zweifelsohne auch deutlich besser passte!

Dessert
Dessert
Das Finale war noch einmal ein ganz gaumenkitzliger Tusch: Marinierte Ananas mit Gewürz-Blätterteigschnitte und Nougatmousse mit einer 2007 Scheurebe Beerenauslese vom Weingut Kranz, Ilbesheim. Da kamen, was die Harmonie und den Schmelz an der Zunge und dem Gaumen anbelangte, Erinnerungen an das Landei auf. Lecker lecker lecker. Besonders gut für uns: Axel Biesler hatte ein kleines Quiz veranstaltet, und die Siegerin saß an unserem Tisch. Ihr Preis: Eine Flasche von der Beerenauslese. Ihre nette Geste: Öffnen und ausschenken an alle am Tisch. Wir haben es genossen!

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February 13, 2009

Frauenkirche 13. Februar 2009

Frauenkirche 13. Februar 2009
Frauenkirche 13. Februar 2009
Es ist der 13. Februar 1945. Bomberverbände nähern sich Dresden, um 21.45 beginnen sie ihr makaberes Handwerk.

Es ist der 13. Februar 2009. Die Glocken aller Kirchen läuten in Dresden.

Und die Dresdner gedenken der Bombennacht, mittlerweile recht unterschiedlich. Viele leise, mit Blumen und Kerzen an der Frauenkirche. Es sind dies keineswegs nur die Älteren, auch viele Junge sieht man. Doch bedrückend sind die Worte der Älteren, für sich gesprochen meist, nicht für ein Publikum. "Die ist für den Opi", sagt die Frau, als sie die Kerze zu den vielen anderen stellt - "weil er uns aus den Trümmern gerettet hat!"

Frauenkirche 13. Februar 2009
Frauenkirche 13. Februar 2009
Weiter weg demonstrieren die Linken gegen die Rechten. Sie haben den Gedenktag für sich entdeckt, instrumentalisieren ihn. Die Musik ist eher krachig und geschmacklos, das ganze hat Event-Charakter. "Ihr solltet Euch schämen!" sagt die Frau, die vom Alter her schon 1945 dabei gewesen sein könnte.

Mindestens 18.000 und maximal 25.000 Tote (so die Historikerkommission) hat es in dieser Bombennacht und den Tagen darauf gegeben, als das Feuer durch die Stadt tobte. Viele sprechen deswegen von einer "sinnlosen Bombardierung" - was aber immer auch impliziert, dass es eine sinnvolle geben würde. Aber dem ist nicht so. Auch die Bomben der Deutschen auf Coventry waren mörderisch. Dass in Dresden mittlerweile Menschen aus Coventry und Dresden gemeinsam der Toten gedenken können und sich gegen jedweden Krieg aussprechen, ist die gute Nachricht des 13. Februar 2009 in Dresden.

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February 15, 2009

Prager Palaver (11)

Pfeil
Pfeil
Prag hat eine Burg, na klar. Aber eigentlich hat die Stadt zwei Burgen: Die jeweils andere kann man (kein Nebel vorausgesetzt) ganz gut am anderen Moldauufer sehen. Der Vyšehrad wurde bereits im 10. Jahrhundert gegründet - was ja eigentlich schon alt genug ist. Die Legende jedoch hätte es gern noch älter: Der Fels rechts der Moldau sei Sitz der sagenhaften Fürstin Libussa (Libuše) gewesen, heißt es. Stimmt aber nicht, meinen die Archäologen und verderben mit Wissenschaft den Spaß - egal.

Handschuh
Handschuh
Auch wenn es nicht stimmt - es macht sich doch gut zu hören, dass hier die Wahrsagerin Libussa vor mehr als tausend Jahren gestanden haben und die Gründung von Prag vorausgesagt haben soll! Ein klassischer Ort ist die "hohe Burg" aber auch ohne Legendenzauber: Die Přemysliden, das böhmische Herrschergeschlecht, hatten hier in der Tat zeitweise ihren Sitz, und Karl IV befand den Ort für so wichtig, dass er festlegte: Wer König werden will, muss seinen Krönungsweg zur Burg auf dem Hradschin auf dem Vyšehrad beginnen - zu Fuß und in vollem Ornat, versteht sich.

Nusle-Brücke
Nusle-Brücke
Wir kamen mit der U-Bahn. Die Station am Kongresszentrum liegt oberirdisch - und wenn man rauskommt, merkt man: Die U-Bahn war kurz vorher schon hoch in der Luft, denn sie befährt einen Hohlkasten unterhalb der Brücke (Nuselsky most). Eine interessante Konstruktion, über die - wer will - Details nachlesen kann. Zum Vyšehrad sind es einige Minuten trostlosen Fußwegs, da muss man durch - so wie dann auch durch die beiden Tore, die in die Burg führen. Aber die sind schon gar nicht mehr trostlos!

Leopoldtor
Leopoldtor
Tor Nummer eins ist das Tábor-Tor. Es wurde, entnehme ich der Wikipedia, um 1655 im Frühbarock an der äußeren barocken Befestigung errichtet. Dahinter lag die mittelalterliche Vorburg. Für Fotografen etwas mehr her macht das Leopold-Tor, 1678 im Stil norditalienischer Festungsarchitektur gebaut. Früher gab es hier einmal eine Zugbrücke, aber sie wurde 1842 durch eine Straße ersetzt, wohl weil die Burg da schon längst nicht mehr vor Feinden zu verteidigen war. Und die Touristen lässt man ja so rein...

Maria auf den Schanzen
Maria auf den Schanzen
...und nach dem Leopold-Tor ist man dann auch drin. Im Vergleich zur Burg am anderen Ufer ist es hier sehr ruhig und beschaulich, es gibt Kleinode am Wegesrand wie die St.-Martins-Rotunde, die Kapelle der Jungfrau Maria an den Schanzen oder das vor 1685 errichtete Marterl - eine Pestsäule aus Sandstein, bei der das Mosaik mit den Heiligenbildern aber erst viel später hinzukamen (Anfang des 20. Jahrhunderts). Aber besonders schön ist eigentlich die Weite des Areals, verbunden mit den wenigen Besuchern: da lässt es sich schön Bummeln!

Kirchtor
Kirchtor
Immer wieder sieht man natürlich schon, was dann früher oder später Höhepunkt des Besuches sein wird: Die St.-Peter-und-Paul-Kirche, deren Anfänge im 11. Jahrhundert zu finden sind. Aber was man heute sieht, ist deutlich jüngeren Datums: Josef Mocker, der es gerne neogotisch hatte und dafür auch mal gerne die vorherige Form vergaß, hat die Kirche 1885–1887 umgestaltet, die dominierende Doppelturmfassade wurde sogar erst 1902–1903 angefügt. Auch der Fassadenschmuck und die Innenausstattung stammen fast ausschließlich aus dieser Zeit. Das Hauptportal und die Tür hatten es uns besoners angetan - drinnen war zuerst wieder geschlossen (wir kommen gerne zur Mittagszeit an!) und später fanden wir es nicht so spektakulär - was aber auch an uns gelegen haben kann.

Friedhofsarkaden
Friedhofsarkaden
Lange Zeit verbrachten wir hingegen auf dem Friedhof vor der Kirche. Der ist nämlich kein gewöhnlicher Pfarrfriedhof. sondern eine nationale Begräbnisstätte. Wer Friedhöfe mag, wird diesen lieben, und immer mal wieder bekannnte Namen zu finden, ist eine willkommene Abwechslung. Besonders unter den Friedhofsarkaden, die prächtig ausgestattet sind, wird man fündig - und natürlich ist der Slavin als gemeinsame Ehrengruft verdienter Persönlichkeiten des tschechischen Volkes ein Ort, tschechische geschichte Revue passieren zu lassen. Ein Tipp: Am Eingang zwischen den rechten und linken Arkaden ist draußen ein Schild mit den Orten einiger sehenswerter Gräber - wer gezielt etwas suchen will, kann es natürlich auch im Internet.

Glühwein
Glühwein
Den Abschluss des Spaziergang bildete - wer hätte anderes erwartet? - ein Kurzbesuch in einer Gaststätte. Ausnahmsweise mal nicht zum Essen, sondern nur auf einen Glühwein, waren wir im Rio's Vyšehrad. Damit ist nichts gegen das Essen gesagt - Irene hatte uns das Rio's als Feinschmecker-Restaurant empfohlen. Aber wir wollten uns ja nur kurz aufwärmen. Der Glühwein war lustig: Ein Glas a la minute warm gemachter Rotwein (im Wasserkocher) mit einer Orangenscheibe, dazu eine Stange Zimt, Zucker, ein Zitronenschnitz und ein Päckchen Honig. Aber was soll ich sagen: Hat geschmeckt!

Der Spaziergang ist auf der rote Weg auf der Prag-Karte - und er geht, wie man sieht, noch weiter ;-)

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February 19, 2009

Prager Palaver (12)

Spiegelung
Spiegelung
Hoch oben auf dem Berg mit der Burg - der anderen, also auf dem Vyšehrad - hat man einen schönen Blick auf die goldene Stadt. Jaja, so nennt man Prag - aber aus gutem Grund kam dieser Begriff hier noch nicht vor: Unter der winterlichen Inversionsdunstglocke wirkte selbst das Güldene nicht so strahlend - aber der wunderbare Blick wird im Dunst ganz besonders. Man kann sich dran gewöhnen und es sogar schön finden. Wenn nur die Kälte nicht wäre!

Sylke
Sylke
Es gibt zwei Wege zu Fuß in die Stadt: Einen flussnah und einen am anderen Ende, in der Verlängerung des Weges, der uns in die Burg geführt hat. Wir nahmen natürlich den Weg mit Blick auf die Moldau, haben deswegen eigentlich sehenswerte kubistische Architektur nicht gesehen, statt dessen aber sich in der Moldau spiegelnde Pappeln. Es gab barock anmutende Ausbuchtungen, die zum Ausguck einluden - und zum Aufnehmen echt touristischer Erinnerungsfotos. Natürlich muss man sowas auch mal machen!

Grand Hotel Europa
Grand Hotel Europa
Unten am Fluss fahren Straßenbahnen - wir sind in die nächstbeste eingestiegen und wurden nicht enttäuscht: Sie fuhr in die Innenstadt. Jetzt Augen auf und an der richtigen Haltestelle rausgehupft: Václavské náměstí, Wenzelsplatz. Der Mittelpunkt der Prager Neustadt macht gar keinen Platz-Eindruck: 50 Meter breit und 700 Meter lang - das erinnert eher an eine breite Straße mit Mittelstreifen. Aber was hat dieser Platz nicht alles gesehen! 1348 als Rossmarkt angelegt, im 19. und 20. Jahrhundert als prächtiger Boulevard ausgebaut - mit dem Nationalmuseum am oberen Ende (schlau gemacht in der Wikipedia: Neorenaissancegebäude, 1885 - 1890). Dann 1968 Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts, um den Prager Frühling zu beenden - und am 16. Januar 1969 die Selbstverbrennung von Jan Palach als Protest genau dagegen (dem Link zu Jan Palach zu folgen und in der Wikipedia zu lesen, wie das damals war, empfehle ich ausdrücklich).

Wnimanie Dresden
Wnimanie Dresden
Wir waren als Studenten aus Münster im damals noch sozialistischen Prag und wohnten in einem der Hotels am Wenzelsplatz - schon da konnte mich der Platz überhaupt nicht begeistern. Lediglich das Grand Hotel Europa mitsamt Café hatte eine gewisse Ausstrahlung, der Rest war - schon damals - Nippes. Das ist nach der "Samtenen Revolution" 1989 nicht besser geworden: Dieser Platz ist einer, den man schnell wieder verlassen sollte. Am besten mal wieder Richtung Altstadt! Auf dem Weg gibt es zahlreiche Geschäfte - nein, eigentlich: Shops oder Stores, denn hier ist Prag mittlerweile so beliebig bestückt wie jede andere Metropole. Auch die Preise sind, soweit wir das verglichen haben, angepasst. Keine besonderen Schnäppchen, keine allzu großen Übersohrhauereien. Nett fand ich die russischsprachige Einladung zu Tagestouren von Prag aus an einem Kiosk. Nummer eins: nach Dresden! Okay...

Gemeindehaus
Gemeindehaus
Erfreulich schnell ist man am Platz der Republik - der quasi das Bindeglied zwischen Neu- und Altstadt ist. Der Pulverturm macht klar: Es wird wieder alt (1475) mit schönen Durchblicken! Gleich nebenan hat einen der Jugendstil wieder - das Gemeindehaus (1906 - 1912) lädt zu ausgiebigen Betrachtungen ein: Hochgucken und die Steine des Mosaiks zählen! Unten rein und einen Kaffee trinken! Ein Restaurant gibt's auch noch, und Ausstellungsräume (alles nicht gesehen, weil keine Zeit!).

Durch den Pulverturm hindurch geht's die Celetná entlang zum Altstädter Ring - vorbei an vielen Geschäften, Gaststätten und betrachtenswerten Fassaden. Waren wir hier nicht schon mal? Na klar: Gleich bei unserem ersten Spaziergang! Der Kreis schließt sich...

Alle Spaziergänge mit Foto-Geotags bei Google-Maps.

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February 24, 2009

Apulische Augenblicke (21)

Bar C'era Una Volta
Bar C'era Una Volta
Rodi Garganico hat 4.000 Einwohner, etwa 40 davon haben wir kennen gelernt – in der Bar C'era Una Volta. Die resolute Chefin mit den orangefarbigen Haaren hat alles im Griff – und präsentiert eine wunderbar unanständige Rechnung: Das Glas Rotwein 50 Cent, der Espresso 70 Cent – Bruschetta und Tramenzini gratis.

Die anderen Gäste in der Bar tranken lustige Mixe: Daumendick Rotwein, der Rest Weißwein. Oder ein fast volles Glas Rotwein mit einem Schuss Orangensprudel. Einer kam, las Zeitung und ging. Zwei spielten Karten ohne zu verzehren – das hatten sie vorher getan ohne Karten zu spielen.

Hinter der Stadt: das Meer
Hinter der Stadt: das Meer
Wir hätten den ganzen Tag hier bleiben können und uns sicher nicht gelangweilt. Aber das war ja nicht der Sinn des Besuchs. Wir also raus auf die Piazza Rovelli, wo gerade - es ist Mittagszeit - nicht so arg viel los ist. Rodi Garganico macht, im Vergleich zu Peschichi oder Vieste, sowieso einen sehr ruhigen Eindruck. Dabei hat es doch ähnliche Attribute vorzuweisen: Es liegt auf einem Felssporn hoch überm Meer, das hier mit zwei langen und mehr als passablen Stränden ausgestattet ist. Es gibt einen kleinen Hafen, der allerdings eher modern als romantisch ist. Von der Mole starten Schiffe zu den Tremiti-Inseln, die wir lediglich aus Zeitgründen nicht besucht haben. Zu lohnen scheint es sch - aber man braucht ja immer wenigstens einen Grund, um wieder zu kommen.

Bei Rodi Gargano
Bei Rodi Gargano
Zur Piazza führen belebtere Straßen, doch links und rechts davon wird es wie so oft bezaubernd verwunschen in den Gassen. Da Rodi Garganico nicht so groß ist, kann man im wahrsten Sinne des Wortes planlos herumlaufen und landet garantiert nicht irgendwo, sondern entweder am bereits bekannten Platz (kannten wir da nicht eine vorzügliche Bar?) oder, immer wieder überraschend schön, am Rande der Stadt mit Blick aufs Meer. Einen Trabucco sahen wir bei so einem Ausstieg aus den Gassen auch - offensichtlich einen der frisch rekonstruierten.

Capoiale
Capoiale
Das nächste Ziel ist der Lago di Varáno. Uns empfängt eine Brachialromantik, die man nicht gesehen haben muss. Die Isola ist die Landzunge, bei der es auf der einen Seite der Straße das nicht sichtbare (weil Pinienwälder daszwischen sind) Meer gibt, mit langen Sandstränden. Viele Stichstraßen führen ans Wasser, wir entschieden uns wegen des netten Namens für den Lido del Sole. Dort war es dreckig: Menschenmüll, nicht weggeräumt..

Zum Hafen Capoiale fallen einem viele beschreibende Worte ein – pittoresk, sonst bei Häfen im Mittelmeerraum gern genutzt, gehört nicht dazu. Miesmuscheln wurden früher im Lago vorgezüchtet, seit der biologisch tot ist, gibt’s die Muscheln nur noch aus dem Meer. In Capaiole werden die Muscheln umgeschlagen. Im Sommer, wenn es mehr Menschen als Muscheln da gibt, spielen die Fischer Fähre und setzen zu den Tremiti-Inseln über.

San Nicola Varano
San Nicola Varano
Bei der Weiterfahrt - wir wollen den Lago umrunden für die Rückfahrt - taucht plötzlich eine Geisterstadt mit Kirche auf: San Nicola Varano. Eine Erklärung für die Ruinen findet sich nirgendwo, das Areal verfällt schlummernd vor sich hin. Sogar die Schlange ist tot, die mir beim Aussteigen aus dem Auto kursfristig einen Schreck eingejagt hat. Ein wenig Recherche hat dann ergeben, dass dieses früher wohl eine Station für Wasserflugzeuge war. "Wer die Straße von Cagnano Varano her kommt, wird überrascht sein, ein Dorf zu sehen mit modernen und eleganten Bauten, die aber völlig fehl am Platz sind in einem Gebiet, das sonst Brachflächen und Gestrüpp vorbehalten ist." Die Anlage stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts, wurde aber 1915 zu dem, was sie ist - und hauptsächlich im Ersten Weltkrieg benutzt. Aha, und seitdem will es offensichtlich keiner mehr haben. Dabei sieht das aus wie eine Feriensiedlung...

Bunter Verfall
Bunter Verfall
Das nächste Ziel auf der Rückreise ist Vico del Gargano. Mittelalter pur. Fehlte nur noch, dass die Scheiße die Gassen entlang fließt. Auch hier ein Stauffer-Castello, 1240 unter Friedrich II. gebaut, nur von außen als wuchtige Anlage erkennbar – aus der Innenansicht ist es ein eher unauffälliger Teil der Stadt und bewohnt! Die Häuser stützen sich mit Bögen gegenseitig, der Platz dazwischen ist eng, sehr eng. Moosige Treppen deuten auf Feuchte – kein Wunder, denn Sonne kommt da nie hin. Hinter jeder Ecke neue ah-und oh-Blicke, Treppen, Stürze, Bögen. Alles sieht alt aus, alles scheint bewohnt.

Abendspaziergang
Abendspaziergang
Jetzt, in den Spätnachmittagsstunden, sieht man auch manchmal Menschen auf den Gassen und Plätzen. Drei alte Damen (nein, sie tanzen nicht Tango mitten in der Nacht, wie im Chanson) treffen sich auf einem Platz, eine strickt, eine fegt, alle reden miteinander. Eine nette Szene vor der Kirche: Die Männer waren während der Messe draußen auf einen Schwatz. Die Glöckchen aus der Kirche, die den heiligen Moment der Wandlung einläuten, unterbrach den Plausch subito: Man stob auseinander und zurück in die Kirche.

9.000 Einwohner hat Vico del Gargano, davon leben viele im historischen Zentrum. Die ältesten Teile der Stadtmauern (es gibt eine äußere und eine innere) sind tausend Jahre alt. Aber sie haben Strom in der Stadt...

Wandmalerei
Wandmalerei
Abendessen in Peschici. Ein Tipp in einem unserer mitgenommenen Bücher führte uns zur Vecchia Peschici – sah von außen ok aus und hatte in der Tat einen atemberaubend schönen Blick von der Terrasse gen Sonnenuntergang hinterm Hafen – der aber leider wegen aufziehender Wolken nicht sichtbar stattfand. Das Essen (Vorspeise Meeresfrüchteteller 9,50, aus den Primis Orecchiette mit Stängelkohl, Seezunge nach Art des Hauses mit Sauce aus (und mit) Tomaten, gelber Paprika, Kapern) war ordentlich, aber nicht umwerfend. Das Ambiente – außer der Sicht – eher uncharmant: Die Tische nicht vorher eingedeckt, die Bedienung eher lustlos und uninspiriert wie das Essen. Außer uns nur vier Gäste aus Schwaben/Bayern, über die zu schreiben die Höflichkeit verbietet und drinnen ein Paar – es war sozusagen leer. Verdientermaßen?

Karte mit Ortsmarken und der Reiseroute

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February 26, 2009

Apulische Augenblicke (22)

Wandern im Wald

Foresta Umbra
Foresta Umbra
Als Wanderer hat man ganz andere Probleme denn als Schreiber. Ich fang mal mit dem Schreib-Problem an: Das riesige Naturschutzgebiet im Kern des Gargano heißt Foresta Umbra. Das ist, nicht verwunderlich in der Gegend, italienisch und, grammatikalisch gesehen, weiblich: Foresta heißt Wald, aber aus italienischer Sicht eben nicht der Wald, sondern die Wald. Umbra, entnehme ich der Vieste-Webseite, kann naheliegend Schatten bedeuten - oder auch auf den umbrischen Menschen meinen. Und wo ist das Problem? Mein Problem ist, dass nahezu alle deutschsprachigen Quellen "die Foresta Umbra" schreiben, ich aber, weil es doch um den Wald geht, von nun an "der Foresta Umbra" tippen werde.

Viel Moos
Viel Moos
So, das wäre also geklärt. Gut, dass wir drüber gesprochen haben. Und was sind die Probleme des Wanderers? Die sind viel diffizilerer Natur. Die Gegend da ist nämlich eigentlich gar keine Wandergegend. Also, sie ist es schon ein bisschen, aber nicht wirklich dolle. Weswegen es zwar 52 offizielle Wanderführer durch den Park gibt, aber keinen vernünftigen Wanderführer in Buchform. Und die Karte, die sie im Informationszentrum des Nationalparks verkaufen, ist eine schöne bunte Lachnummer im Maßstab 1:25.000. Fünfzehn Touren sind da (italienisch und englisch, immerhin) andeutungsweise beschrieben, wobei hauptsächlich die Parkplätze von Start und Ziel und die mutmaßliche Dauer angegeben sind, was ja nicht sehr viel ist.

Regenwald-Erinnerung
Regenwald-Erinnerung
So richtig doof ist allerdings, dass die eingezeichneten Wege nur eine kleine Auswahl der tatsächlichen Wege zeigt. Die Karte hat pädagogischen Dünkel und ist so etwas wie eine "für die Jugend bearbeitete" Ausgabe von Büchern - in denen dann die wirklich spannenden Teile fehlen: Foresta Umbra, für doofe Touris bearbeitete Ausgabe. Diese verrückte Idee war bei der ersten unserer beiden Wanderungen nicht weiter hinderlich - bei der zweiten hingegen führte die falsche Karte dazu, dass wir in weiten Teilen komplett anders liefen als vorgesehen. Aber: Wir befanden uns auf Wanderwegen - auf alten, ausgedienten. Sie waren noch leidlich beschildert, ein wenig Orientierungssinn und einige Fixpunkte auf der hübsch geschönten Nationalparkkarte lieferten den Rest: Das war dann völlig unerwartet eine richtig schöne Tour!

Für die erste Begegnung mit einem kleinen Teil des etwas über 10.000 Hektar großen Nationalparks wählten wir den Einstieg unweit vom Besucherzentrum. "Falascone" heißt der Punkt, eine nette Grillstation für Sonntagsbesucher ohne große Lauflust (Entfernung zum Parkplatz: etwa 50 Meter). Sonntags ist es im Sommer hier rappelvoll: Die Italiener bevorzugen die deutlich kühlere Luft im meist über 700 Meter hohen Buchenwald und machen es sich dann am Grillfeuer gemütlich.

Rastplatz
Rastplatz
Die gut ausgeschilderte Tour 7 Richtung Laghetto d'Umbra stellte sich als extrem schlendrig heraus, so dass wir an der nächstbesten Kreuzung nach rechts in die Tour 9 zur Caserma Murgia abbogen. Auch keine Herausforderung, sondern eher ein gemütlicher Spaziergang. Das Gebäude sah aus wie ein altes Forsthaus. Wie es so mitten im Buchen-Urwald plötzlich "da" war: das war dann doch eine Überraschung. Die Caserma Murgia war nicht bewohnt, aber offensichtlich ab und an noch genutzt. Wir machten es uns draußen gemütlich: Tisch und Bänke luden zur Brotzeit ein!

Steintreppe
Steintreppe
Die gekaufte Karte war an dieser Stelle dann doch nicht so unnütz, da wir munter weitere Teilstrecken zu unserem ad-hoc-Wanderweg machten: Von der Caserma Murgia folgten wir der Tour elf und ließen uns, als "die elf" uns nicht mehr weiter brachte im Rundweggedanken, nahtlos in Tour zehn gleiten. Ein gefährlicher Weg, ein höchst gefährlicher sogar: Der Weg war nämlich immer wieder garniert mit riesigen Fladen mehr oder minder frisch verdauter Masse. Die frischen Fladen waren ungefährlich: Wer da rein tritt, hat nicht aufgepasst. Aber die schon ausgehärteten - waren es oft gar nicht. Außen kross und innen weich - das kann einen Wandersmann ganz schön stinkig machen! Anders als die reichlich sich hier labenden Mistkäfer genossen wir den Fladenkot der Wildschweine kein bisschen. Manchmal fragten wir uns, ob es vielleicht gar keine Wildschweine waren, die sich da ausgeschissen hatten, sondern Dinosaurier. Der Menge wegen...

Rundgang 10 führte uns (immer ausgeschildert, nett nett!) via Coppa Pasqualone (780 Meter) und Coppa Croci (803 Meter) zurück in die Nähe der Caserma Murgia. Via Tour 8 wanderten wir wieder Richtung Falascone (751 Meter), begleitet nur von vielfältigem Vogelgezwitscher. Touristen sahen wir nicht - Füchse und Wildscheine auch nicht, jedenfalls nicht direkt.

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February 27, 2009

Apulische Augenblicke (23)

Wandern auf der weiß-roten Route

Foresta Umbra
Foresta Umbra
Die zweite Wanderung durch Foresta Umbra war prinzipiell ein wenig geplanter als der erste Trip und sollte auch länger ausfallen - eine Tagestour. Zwischenzeitlich drohte das Unterfangen zwar zur Tortur zu werden - doch dazu später mehr. Wir begannen die Wanderung frohen Mutes an einem wunderbaren Parkplatz in der Nähe eines Picknickplatzes - zum Wiederfinden: Kurz hinter Kilometer acht auf der Straße von Vieste zum Informationszentrum.

Unsere Absicht: Die Wanderung 2 aus dem Plan der Parkverwaltung zu finden.

Auf den alten rot-weißen Spuren
Auf den alten rot-weißen Spure…
Unsere Wanderung: Schön, aber nicht die gewollte. Die Entscheidung zum schönen falschen Weg fiel früh an einer Kreuzung, die es auf der Karte gar nicht gab. Die Karte ist nämlich pädagogisch wertvoll und damit fürs Leben nicht brauchbar: Es stehen nur Wege drauf, die man gehen darf; solche, die man nicht gehen soll, sind schlichtweg nicht eingezeichnet. Man kann sich also so gut wie gar nicht orientieren, denn wenn man Karten nach dem Motto „Was nicht sein soll, zeigen wir nicht“ zeichnet, kann man es auch gleich sein lassen. Lustig: Die Wege, die wir gingen, waren ausgeschildert (zuerst gelb, dann weiß-rot und schließlich weiß-rot und gelb) – aber wohin sie führten, blieb das Geheimnis der Baumanmaler. Mittlerweile weiß ich, dass es Zeichen eines alten Wandernetzes sind - eines Wegesystems, das nicht mehr gepflegt wird.

Wir ließen das Los entscheiden zwischen rotem Kreis, weiß-rotem Balken und gelbem Strich und entschieden uns - für weiß-rot. Ein wunderbarer Weg, wenn auch der falsche! Wenn ich das im Nachhinein richtig einschätze, führte er immer südlich vom Wunschpfad durch sich sauber voneinander abgrenzende Vegetationszonen. Bäume, Blüten, Schmetterlinge - langweilig war's nie! Wir ahnten bald, dass wir uns irgendwann falsch entschieden hatten, wussten aber weder genau wann noch wo wir waren – außer: auf der weiß-roten Route.

Ist denn schon wieder Freitag?
Ist denn schon wieder Freitag?
Plötzlich erreichten wir eine Lichtung mit zwei Badewannen an einem altem Brunnen: Das konnte nur Piscina di Picone sein – ein Punkt auf der Karte, zu dem absolut kein Weg führte. Die Wannen machten keinen sehr einladenden Eindruck, und auch das Brunnenwasser sah nicht nach Spitzenplatz einer Apulischen Wasserqualitätshitliste aus. Also ließen wir die Piscina in the Middle of Nowhere hinter uns und taperten munter weiter: Es war ja schön, und die Bäume trugen ausreichend oft weiß-rote Streifen! Irgendwann wurden die Auszeichnungen spärlicher. Das ist dann die richtige Zeit und zweifelsohne auch der richtige Ort, über Orientierungssinn, Kartenlesevermögen und Umkehrpläne zu diskutieren. Als hilfreiches Argument erwies sich ein plötzlich auftauchendes richtiges Schild. Leider war es nicht für uns, denn es wies Radfahrern den Weg: Rechts zweimal in den Wald, links zur Caserma Caritate, nahe unserem Ausgangspunkt.

Im Schattenwald
Im Schattenwald
Na, den nehmen wir doch, selbst wenn wir zu Fuß sind! Außerdem geht der Weg immer schön bergab und gehört zu den schönsten Strecken, die man hier gehen kann. Wir erlaufen uns die offizielle (!) Tour drei, laut Parkverwaltungsplan. Obendrei begehen wir die Wanderstrecken "gelb" und "weiß-rot", laut den Bäumen links und rechts. Wir marschieren erneut durch die Vegetationsebenen: Besonders bei den Ginstern, die in der Sonne strahlend gelb leuchten (wie Ginster das so machen, wenn die Sonne scheint) ging uns das Herz der Begeisterung über. Und als wir, so ganz ohne Beschreibung, tatsächlich wieder da ankamen, wo wir los gegangen waren, war auch für die gerne ein wenig an meiner Orientierung zweifelnde Sylke wieder die Welt in Ordnung...

Bullenfotografie
Bullenfotografie
Die nächstmögliche Krise hätte sich anbahnen können, als auf der Heimfahrt die Straße urplötzlich gesperrt war. Nein, keine Baustelle, kein Giro d'Italia, kein umgestürzter Baum: Bullen standen auf der Straße und sahen uns hochinteressiert an. Nach kurzer Diskussion in einem uns nicht verständlichen Cowderwelsch verwandelten sich die ausdrucksstarken Gesichtsmuskeln, die hellhäutige Gesellschaft guckte plötzlich nur noch kuhl und zottelte gelassen an uns vorbei. Dass diese Begegnung nicht zur Krise ausartete, lag am Mut meiner Beifahrerin - und vielleicht auch am nicht so genauen Hinsehen. Tapfer hatte Sylke das Auto verlassen, um sich den "Kühen" fotopirschend zu nähern - und es ist ja auch nichts passiert, außer wahrscheinlich einem netten Foto (das ich hier aber noch nicht gesehen habe).

Agrotourismus Cimaglia
Agrotourismus Cimaglia
Hej, nun waren wir abenteuerlustig und bogen bei nächstbester Gelegenheit von der Hauptstraße ab. Grobe Richtung: Küste. In Wirklichkeit aber landeten wir an einem Ort, den wir schon seit drei Tagen heimlich gesucht hatten (soooo ein Zufall!): Einem Weinbauernhof mit kleinem Restaurant, Übernachtungsmöglichkeit und Außer-Haus-Verkauf. Wir suchten keinen Übernachtungsort, klar. Aber die Cantine Cimaglia, die in Agritourismo macht und als "grüner Punkt" sich heimischen Produkten verschrieben hat, war uns als ein Ort leckeren und unverschämt günstigen Weines beschrieben worden.

Fünf Liter fünf Euro. Und lecker.
Fünf Liter fünf Euro. Und leck…
Hier gibt es Vino da Tavola Rosso in einem Gebinde, das Weingenießern die Tränen in die Augen treibt: 5 Liter im Plastkkanister für 5 Euro. Wenn man freilich um Wein nicht so ein Gewese macht, sondern ihn einfach produziert und sauber ausbaut, kann er lecker sein und billig. Nur Wasser (auch aus und in Plastikflaschen, übrigens – und das nicht mal geächtet) ist günstiger.

Die Cantine hatte, wie es uns schon so oft auf unserer Reise wegen unmöglicher Einkehrzeiten passiert war, offiziell geschlossen - aber genug Menschen wuselten auf dem Hof herum und ließen uns herein. Und wie auch schon häufig erlebt: Die Menschen waren freundlich, offen, geduldig mit uns. Die zwei Glas, die wir – um den Wanderstaub aus dem Körper zu entfernen – vorher tranken, gab's übrigens gratis.

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