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August 4, 2008

Charlotte K.

Restaurant Charlotte K.
Restaurant Charlotte K.
Das Restaurant liegt unspektakulär an der Straße von Radebeul nach Meißen, ein Haus von vielen. Einserseits. Andererseits: Nicht viele Häuse sehen so stimmig aus, was die farbliche Gestaltung anbelangt. Charlotte K. ist das (noch relativ neue) Restaurant in Radebeul, in dem man alte Bekannte wieder trifft: Ines Kuka, die Köchin und Inhaberin, ist zusammen mit Matthias Gräfe - dem Wein-Kenner und Geschichtenerzähler - von der Hoflössnitz hierhin gezogen, und ich denke: sie haben sich verbessert. Das alte Fachwerkhaus ist toll saniert und geschmackvoll eingerichtet, hinterm Haus sitzt man bei gutem Wetter im Garten, ein Dufthauch der Trompetenbäume umweht uns...

Essen bei Charlotte K.
Essen bei Charlotte K.
Ines Kuka kocht wie gehabt: Einfache Gerichte, die ohne viel Tamtam serviert werden - aber dafür sehr geschmacksintensiv sind. Zum Beispiel die Gazpacho: Auch wenn sie nicht tomatenrot aussah, schmeckte sie sehr aromatisch - und dass es dazu Salami gab, sah zwar befremdlich aus - aber es passte! Die Dorade auf Fenchel war kross und (nun meckern wir auf hohem Niveau!) leider ein wenig grätig - da kann man vorher mehr zupfen!

Als Highlight entpuppten sich Sülze mit Bratkartoffeln - das steht so auf tausenden von Karten und enttäuscht 999 Mal. Bei Charlotte K. aber war das ein Gedicht: Die Sülze ganz kleinteilig und würzig, mit angenehmem Gallert. Die dazu gereichte Remoulade sehr pikant - und die Kartoffeln außen kross und innen weich, zudem gut gekräutert. So sollte es sein!

Die Crème Brûlée erwies sich als passender Abschluss - wenn das nicht so unvorteilhaft für die Figur wäre, hätten wir am liebsten noch einen Nachschlag bestellt.

Ein Wort noch zu den Weinen: Angeboten werden Radebeuler Weine in netter Vielfalt! Es lohnt sich, den Empfehlungen des Personals zu folgen - die scheinen sich da auszukennen ;-)

Charlotte K.
Coswiger Straße 23
01445 Radebeul
Tel. +49 351 833 68 76

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August 10, 2008

Das Recht auf die katholische Kerze der Erinnerung

Sächsisch-Bayerische Nachhilfe
Sächsisch-Bayerische Nachhilfe
Man erspare mir den bayerischen Dialket - ich kann's nicht, also mach ich's auch nicht nach. Der Herr (grüner Umhängepullover) aber konnte und nutzte ihn. Er war, zusammen mit seiner Begleitung (roter Umhängepullover), in der Frauenkirche. Dort gibt es am Ausgang die Möglichkeit, Kerzen zu kaufen und - am ausgebrannten alten Kuppelkreuz - aufzustellen. Es sind dort oft bewegende Momente der Ruhe, trotz des Trubels der Touristenattraktion. Das Paar kaufte keine Kerzen (was sein gutes Recht ist), und er kommentierte: "Das haben sie uns abgesehen!" Die Frau, leiser: "Was?" Er: "Na das mit den Kerzen! Das haben doch die Evangelischen gar nicht! Das haben sie uns geklaut!"
So ging es, im Hinausgehen, noch ein wenig hin und her. Da überholte uns und das vor uns gehende bayerische Paar die Dame (kein Umhängepullover) und stoppte die beiden: "Entschuldigung..."
Sie wolle, sagte sie ruhig, nur etwas klar stellen. Vom Raub einer Sitte könne nämlich gar keine Rede sein. Und sie erzählte dem staunenden und argumentationsfrei zuhörenden Paar, wie das damals war, im Krieg, als die Bomben fielen. Und wie sehr die Dresdner das als Teil ihres Lebens aufgenommen haben - die, die es miterlebt haben sowieso, aber auch die Nachgeborenen. Die am 13. Februar, wenn abends zur Stunde des Bombenabwurfs die Glocken läuten, zum stillen Gedenken an die Frauenkirche gehen, dort Kerzen aufstellen, weinen, Trost suchen und finden, reden, nicht allein sind - und sich mit stillem Protest gegen jeden Krieg und jede Gewalt aussprechen.
Lange redete sie und eindrucksvoll.
Manchmal muss man sie einfach lieben, die Dresdner!

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August 10, 2008

Villandry

Villandry
Villandry
Die schlechte Nachricht zuerst: Die Crème brûlée hat nachgelassen - wenn man mal großzügig Radebeul mit eingemeindet in den kulinarischen Großraum Dresden, würde ich die beste der Stadt dort vermuten und nicht mehr, wie jahrelang erprobt, im Villandry. Das war's aber auch schon an Gemeckere, der Rest ist bestens: Uwe Haufe in der Küche und Bernd Haufe im Service haben mit ihren Teams ein verlässlich gutes Restaurant in der Neustadt etabliert, das eine ganz eigene frische Atmosphäre ausstrahlt, in dem man in einer heiteren und unverkrampften Atmosphäre sitzt und verlässlich gut isst und zu symphatischen Preisen den passenden Wein genießen kann.

Das (bis auf ein paar Klassiker) täglich wechselnde Angebot ist sehr übersichtlich und wird auf einer Schiefertafel gereicht: Vier Vorspeisen, vier Hauptgerichte, vier Desserts. Aber eine Karte mit Aperitifs und Digestivs und eine mit den Weinen (plus Empfehlungen, auch auf einer Schiefertafel). Zu wenig? Nein, gerade richtig und gut so, denn erstens findet man wirklich immer was, kann vegetarisch essen, Fisch und Fleisch kombinieren und es sich sonstwie arrangieren - und zweitens wird hier nichts alt, sondern ist wirklich frisch.

Uwe Haufe kocht, ohne dass das modisch sein muss, gerne mit leicht asiatischen Geschmacksnuancen und stelt manchmal Dinge zusammen, die man freiwillig nicht zusammen auftischen würde. Unser Gast, nachdem er alles gegessen und wohlig geschnurrt hatte: "Das hätte ich vorher nicht gedacht! Als ich das las, hatte ich Bedenken - aber nun würde ich glatt nochmal anfangen!" Das hat er sein gelassen, weil die Portionen zwar nett angerichtet und nicht überladen sind, aber durchaus ausreichend, um gut satt zu werden.

Zum Dessert hatten wir, ohne auf die tafel zu gucken, die Crème brûllée bestellt und waren enttäuscht, weil sie (anders als in den Vorjahren) irgendwie liebloser schmeckte - das war nichts Warmes mehr dran, es war nicht so fein pikant im Geschmack wie in der Erinnerung. Aber eigentlich sind wir froh darüber: Gibt's doch nun die Chance, auch einmal die anderen Desserts zu probieren. Die klangen schon immer gut, sahen auf Nachbars Teller auch meist so aus. Aber wir hatten uns nie getraut aus Ärger, was zu verpassen....

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August 14, 2008

Apulische Augenblicke (15)

Der Urlaub in Apulien war zweigeteilt: Nach dem Aufenthalt im eher unbekannten Carovigno mit reichlich Abstechern in die Umgebung folgte der Gargano mit der eher für touristischen Rummel bekannten Stadt Vieste. Den Weg vom einen zum anderen Quartier verbanden wir mit einem kleinen Umweg, um uns Altamura und Gravina in Puglia anzusehen.

Altamura

Altamura
Altamura
Eine gute Idee, samstags um die Mittagszeit in eine 65.000-Einwohner-Stadt hinein zu fahren. So gut, dass andere sie auch hatten: Wir stehen im Stau. Doch, das finde ich gut - gibt es doch auch dem Fahrer die Gelegenheit, dem bunten Treiben links und rechts der Straße zuzuschauen. Irgendwo scheint ein Markt zu sein - die Leute kommen gut bepackt aus dem Quartier zur Rechten. Wenn du die Stadt nicht kennst: Immer den größten Kirchturm im Auge haben und dahin, wo die Menschen her kommen!

Geklappt: Da ist tatsächlich ein Markt! Und dahinter lugen zwei Glockentürme hervor! Zwei Parksuche-Runden später sind wir mittendrin. Altamura, hatten wir gelesen, sei für sein Brot aus Hartweizen bekannt: außen kross und innen fluffig, und obendrein EU-geschützt. Quasi eine Art Dresdner Stollen, aber eben aus Brot und nicht in Dresden in Sachsen, sondern in Altamura in Apulien hergestellt. Wir haben es nicht probiert, weil die Chance auf einen Fehlgriff sicher hoch ist, wenn man sich nicht genau auskennt.

Kathedrale
Kathedrale
Dafür waren wir in der Kathedrale, die "Der Staufer" der Stadt beschert hat. Er musste mal was tun, um die katholische Kirche zu beruhigen, namentlich dem Papst zeigen, dass er (Federico di Svevia) noch nicht vom rechten Glauben abgefallen sei. Und da Altamura noch keine große schöne Kirche hatte, ließ er eine bauen - es sollte seine einzige bleiben. Aber immerhin: mit prächtigem Löwentor und sowieso ganz schön gewaltig. 1232 wurde der Bau begonnen - das heißt also: was man heute dort an barocker Pracht sieht, kam später hinzu (aber das kennt man ja von Kirchen und Schlössern, dass sie nie fertig sind). Nach seiner noblen Geste, der Stadt eine Kathedrale zu schenken, war der Staufer dann wieder ganz er selbst: 1248 sorgte Frederick dafür, dass Papst Innozenz IV. die Kathedrale aus der Gerichtsbarkeit des Bischofs von Bari löste - sie wurde als "Pfalz-Kirche" so eine Art Palastkapelle...

Treppe
Treppe
Natürlich gibt's noch mehr in Altamura: In der Kathedrale eine Hochzeit, eine nette Schlendermeile (Corso Federico II di Svevo), eine Kirche der ehemaligen griechischen Gemeinde (San Nicola dei Greci), einen veritablen Palast (Palazzo Viti de Angelis) aus dem 15. Jahrhundert sowie ein Museum, das rund um den Skelettfund des Uomo di Altamura, des Mannes von Altamura belehrt. Außerdem gab es eine Riesenbaustelle, die uns bei der Weiterfahrt ein wenig narrte und noch 30 zusätzliche Minuten Besichtigung uninteressanter Vorortstraßen ohne Wegweiser bescherte. Aber da Sylke manchmal auch nach hinten sah, fand sie doch noch ein wegweisendes Schild und wir konnten raus aus der Stadt Richtung Gravina in Puglia.

Gravina in Puglia

Gravina in Puglia
Gravina in Puglia
Die Schluchtenstadt über Grotten und Höhlen empfing uns mit einem Abenteuer und einem ungewollt besinnlichen Moment. Das Abenteuer bestand darin, mit einem zwei Meter breiten Auto durch einsachtzig breite Gassen zu fahren. Okay, ich flunkere: das Auto war 1.687 mm und die Gasse 1.688 mm breit, aber aufgregend war es vor allem, weil spätestens nach der zwölften rechtwinkligen Kurve nicht absehbar, ob die Gassen sich noch weiter verjüngen wollten oder uns irgendwann auf einen Platz ausspucken würden.

Es war dann die Platz-Variante, aber lustig wurde es da nicht - ein beeindruckend langer Beerdigungszug bewegte sich langsam durch die Stadt. Die eher typische süditalienische Hektik wich, Vespafahrer stiegen ab, Männer nahmen sich den Hut vom Kopf, Automotoren wurden abgestellt. Später, beim Rundgang durch die Stadt, sah ich an der Katherale, dass sie den elfjährigen Giuseppe an diesem Tag zu Grabe trugen.

Antipasti
Antipasti
Vor dem Rundgang (und also auch bevor einem bildlich gesprochen der Kloß im Hals stecken bleiben konnte) sind wir unserer Lieblingsbeschäftigung nachgegangen: Wir haben ein Restaurant gesucht, das einen leidlich untouristischen Eindruck machte. Die Trattoria zia Rosa war in unserem Reiseführer als Tipp empfohlen - und wir können das Urteil bestätigen! Die Antipasti waren reichlich, einfach und gut, und natürlich konnten wir auch auf hausgemachte Nudeln mit Ruccola und Käse sowie Kaffee und Keks nicht verzichten. Das Gedeck, das in Italien obligatorisch ist, bestand hier übrigens nicht aus unattraktivem Brot, sondern war mit Wasser und zwei Vorspeisentellern mehr als ein Appetithappen. Bezahlt haben wir für all das und den ebenfalls obligaten Hauswein zusammen 35 Euro - da kann man nicht meckern.

Schlucht und Höhlen
Schlucht und Höhlen
Gravina, das kennen wir vom Besuch in Massafra, heißt Schlucht (und Puglia ist Apulien). Also führt der Verdauungsspaziergang an den Rand der Schlucht - wo es den in diesem Fall berechtigterweise so genannten "spektakulären Blick" wo-auch-immer-hin gibt, zum Beispiel auf die Höhlen am Rande der Schlucht. Die Grottenkriche San Michele ist - Vandalismus sei Dank - abgesperrt, einen Tür öffnenden Menschen soll es im Museo capitolare arte sacra neben der Kathedrale geben - wir haben es nicht geprüft, weil dies ja nur ein Zwischenstopp sein sollte.

Vor der Kathedrale
Vor der Kathedrale
Die Kathedrale liegt an einem beeindruckend großen Platz. An diesem Samstag war er zugeparkt: Wir hatten den Eindruck, dass halb Gravina zur Beerdigung gekommen war. Eine Besichtigung der Kathedrale verbot sich unter diesen Umständen - aber schon von außen ist der im Kern über 900 Jahre alte Bau imposant. Eine Kuriosität entdeckt man übrigens an einer viel kleineren Kirche, die ebenfalls an der Piazza Cattdrale liegt: Die Familie Orsini gönnte sich dort 1644 die Privatkirche Chiesa del Purgatorio Santa Maria dei Morti, über deren Portal zwei Skelette nicht gerade einladend wirken.

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August 16, 2008

Apulische Augenblicke (16)

Vieste (1)

Feuerwerk
Feuerwerk
"Just a curiosity: on your arrival date: 10/05 in Vieste will be holy day, in fact on 09/05 is holy day for Santa Maria di Merino (Vieste' patron Saint). So do not scare yourself because on about 12.00 in the night will hear fireworks !!!!" Schrieb mir Anna vom Reisebüro, das die Anlaufadresse für unsere Ferienwohnung war, im Februar.

Als wir am 10. Mai in Vieste ankamen und die Vermieterin des Hauses anriefen, damit sie uns den Weg zeigen konnte, war sofort klar: Das muss ein wichtiges Fest sein, denn Signora und ihr Mann waren schon festlich gekleidet. Ihr Ziel war, gleich nach der Ankunft, auch unser Ziel: Das historische Zentrum von Vieste, dort die passegiata auf dem Corso Lorenzo Fazzini - das Schaulaufen der lokalen Schönheiten und der (im Mai noch nicht so zahlreichen) Touristengockel.

Festschmuck
Festschmuck
Wenn Italiener ein Kirchenfest oder einen Heiligen (respektive Maria als kirchliche Quotenfrau) feiern, gibt es ein ganz bestimmtes Setting: Ein paar Tage zuvor kommt ein Lastwagen mit drei, vier wohlgelaunten jungen Männern vorbei, die dann bunte Lichterbögen aufbauen. Also streng genommen sind es weiße Bögen, an denen bunte Lampen hängen. Nächtens sieht das wunderbar kitschig aus, aber für eine festliche Promenade unterm Lichterbogen muss das so sein.

Die Promenierenden machen sich hübsch, dass es nur so eine Art hat: Stöckelschuhe (die Frauen) und die edlen Braunen (die Männer), feinen Zwirn, frische Frisur, güldene Handtäschchen (Ladies only) - schlampert läuft man da besser nicht rum! Die Eisdielen (davon gibt es reichlich!) haben zusätzliche Stühle herausgestellt und Schülerinnen als Aushilfskräfte engagiert, die munter giggelnd ihre Nachbarn, Lehrer und zukünftigen Lover bedienen. Freundlicherweise gibt es in den Eisdielen auch Wein und, wenn man mehr als ein Glas bestellt, etwas zu knabbern.

Padre Pio ist immer dabei
Padre Pio ist immer dabei
Gleich nebenan kann man Pizza zum Mitnehmen erstehen, der Laden ist höchstens zehn Quadratmeter groß. Über dem Kühlschrank mit nur alkoholfreien Getränken lächelt Padre Pio milde auf den Trubel herunter, neben ihm kämpft einer vom Pferd aus mit irgendeinem Unbill, wahrscheinlich ein Drachen (das war damals so). Aber wer sieht da schon hin und kümmert sich um die jungen und alten Heiligen? Hier sind alle, trotz der Enge, gut drauf, und der Chef weist darauf hin, dass man doch bitte gerne die Stühle und Tische draußen nutzen könne. Die stehen (schließlich ist das kein Restaurant) nur während der Feierlichkeiten hier, werden aber gerne genommen. Nebenan spielt eine Band den üblichen Italoschmalz, der die Herzen bewegt und die Füße klammheimlich mitwippen lässt.

Auf dem Weg zur Felsspitze wird es ruhiger, an einem Tisch sitzen alte Männer am Straßenrand und plaudern, ohne auch nur ein Getränk vor sich zu haben: das sind Zuständigen des Kommitees für das nächste Fest. Die Altstadt, die sich auf dem Felssporn ins Meer streckt, ist an diesem Abend ruhig: Heute wird rund um den Corso gefeiert!

Italo-Kuschelrock
Italo-Kuschelrock
Um Mitternacht, hatte Anna geschrieben, soll es ein Feuerwerk geben! Das wollten wir von unserer Unterkunft aus ansehen, die bergan mit Blick auf Hafen und Altstadt praktischerweise mt einem begehbaren Flachdach ausgestattet war. Nahezu pünktlich um Mitternacht Londoner Zeit ging es dann auch los - ein wenig unspektakulär im Bereich des neuen Hafens, also nicht vor der klassisch-schönen Kulisse. Nach und nach steigerte sich das Feuerwerk zu einem ganz ansehnlichen pfffft und rmmmmms in rot und grün und gelb und weiß und manchmal auch in blau.

Ach, dachte ich und hob genießend das Glas, eigentlich könnte man doch als ankommender Tourist immer so begrüßt werden!

[Vieste, Teil 2 | Alle Apulischen Augenblicke]

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August 27, 2008

Wohnen im Grünen

Wohnen im Holzhaus
Wohnen im Holzhaus
Bei einer Gartenschau erwartet man nicht unbedingt Anregungen für alternatives Leben oder Bauen. In Neu-Ulm gibt es aber genau das: In einem der drei Bereiche, die zusammen die dortige Landesgartenschau bilden, gibt es – eingebettet in Gartenlandschaft, soviel Bezug zum Thema muss sein – Beispiele für Wohnexperimente in Theorie und Praxis.
Wohnen im Holzhaus – gibt’s natürlich schon, aber immer wieder sieht man neue Möglicheiten. Die Firma artecto hat ein Haus mit großer Glasfront und integrierter Küche sowie nahezu hausgroßer Dachterrasse aufgestellt – was im Sommer die Wohnfläche im Ernstfall glatt verdoppelt.

Unkonventionell die Idee, im Plastikkubus zu wohnen – als Wochenendhaus denkbar, sagte Volkes Stimme bei der Begehung, doch wenn da mehr als zwei solch marsianischer Ensemble stehen, wird’s schon wieder langweilig bis abschreckend. Energiemanagement hingegen, ebenfalls in einem eher futuristisch anmutenden Pavillon angepriesen, ist ein Thema, das kommt. Man kann die Erkenntnisse ja auch im normalen Bau anwenden und muss nicht in ein Haus auf dem Mars ziehen…

Bauen mit Beton
Bauen mit Beton
Dass es bei Beton darauf ankommt, was man daraus macht, sagen die Betonhersteller schon lange. In Neu-Ulm demonstrieren sie eindrucksvoll (aber in der Umsetzung ein wenig wirklichkeitsfremd), wie sie das meinen: Ein recht großer Komplex demonstriert, wie die junge Mutter ihrer zehnjährigen Tochter im perfekten Denglisch erklärte, Outdoor-Wohnen mit allen Schikanen. Sichtbeton, Ultraleichtbeton, lichtdurchlässiger oder sich selbst reinigender Beton bilden einen ansehnlichen und beeindruckenden Komplex mit Wasserfall, Teich, Wänden mit Durchblick, Sitzmöbeln und Küche. Überdacht ist da allerdings nichts, was die Anlage zu einem sehr luxuriösen Zusatzangebot macht.

Gar nicht großzügig leben die drei Bewohner von Minimalwohnräumen. Fast wie im Zoo (“Vorsicht! Löwe nässt durchs Gitter! Nicht füttern!” deutet ein rotes Schild auf das Experiment hin: “!Achtung! Diese raum.27-Objekte sind bewohnt”. Der Kfz-Sachverständige Eberhard Knopf sitzt vor seinem 3×3x3-Meter-Kubus und trinkt Kaffee. Er scheint öfter draußen zu sitzen, braungebrannt wie er ist. Bereitwillig gibt er Auskunft, antwortet immer geduldig, obwohl er sich sicher oft aktiv den Satz ins Gedächtnis rufen muss, dass es keine dummen Fragen gibt…

Leben im 9-Kubikmeter-Haus
Leben im 9-Kubikmeter-Haus
Seine Nachbarin Bärbel Schmid sieht er nicht, weil ihr Haus versetzt hinter seinem ist. Sie werkelt in der kleinen Hütte herum, ein Plakat im – traditionell ausgedrückt: - Vorgarten gibt Auskunft. Frau Schmid ist ein Kunstwerk, sie gibt Performances.

Der oder die dritte im Bunde ist nicht zu sehen, der Wohnraum geschlossen. Vielleicht ist er/sie geflohen, weil die Mülltonne voll war (sie stand, mit Dosen gut angereichert, mitten im Raum). Vielleicht aber wollte er/sie sich auch nur informieren, was es sonst noch für Möglichkeiten alternativen Wohnens gibt oder Nachschub holen…

[Original geschrieben für den BauBlog der Dresdner Bauingenieure]

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August 31, 2008

Spaziergänge im Welterbe (11)

Von Pillnitz nach Birkwitz und Kleinzschachwitz

Himmelwärts
Himmelwärts
Wanderer, betrittst Du das Welterbe Dresden linkselbisch bei Zschieren, komme besser nicht vom Weg ab! Du könntest Dich verbrennnesseln.

Diese Warnung vorab soll ja nur Lust auf Schadenfreude weiter unten im Text machen, denn unsere Wanderung durchs Welterbe Dresden begann (und endete, ein Rundgang sozusagen) am Tag des offenen Weinguts ganz normal in Kleinzschachwitz. Dort kann man sein Auto parken, dorthin kann man mit der Straßenbahn oder dem Bus anreisen und dann mit einer Fährüberfahrt Richtung Pillnitz angemessen die Erkundung dieses Welterbe-Abschnitts beginnen.

Löwenkopfbastei Pillnitz
Löwenkopfbastei Pillnitz
Von der Fähre aus gibt es touristische Superlativ-Blicke: Elbabwärts sieht man Maria am Wasser, elbaufwärts das Schloss Pillnitz. Letzteres ist unser erstes Ziel. Erstens weil es immer schön ist dort, zweitens weil es bei blauem Himmel mit Photocumuluswolken ein Muss ist (auch wenn man da schon hundert Mal war, immer mit Kamera) und drittens weil ja Tag des offenen Weinguts war und Klaus Zimmerling - einer der besten Winzer der Gegend - seinen Weinkeller (noch, er baut einen neuen) im Schloss Pillnitz hat und man bei einem Ausschank dort seine Weine probieren kann. Wir definierten also das Kürzel www neu und begannen die Welterbe-Wein-Wanderung mit einem Glas Weißburgunder.

Schloss Pillnitz

Schloss Pillnitz
Schloss Pillnitz
Pillnitz ist aber nicht nur wegen des Weines durch und durch Lust. Es fängt mit der merkwürdigen Architektur an: So haben sich die Menschen China vorgestellt, als noch kaum jemand da gewesen war: Phantasievolle Exotik.

Für August den Starken bildete Schloss Pillnitz den “indianischen Auftakt” einer auf 24 Lustschlösser angelegten Konzeption königlicher Zerstreuung, für die da schon nicht mehr Geliebte Gräfin Cosel war der zwangsverordnete Umzug vom Taschenbergpalais nach Pillnitz der Anfang vom langen Ende auf Burg Stolpen. Matthäus Daniel Pöppelmann lieferte die Entwürfe, die ihre Vorbilder sowohl in der Toranlage zum Palast des Kaisers von China als auch im Palastbau von Venedig haben sollen.

An August erinnert heute noch die Gondel im Park, die dem Kurfürsten der Annäherung an Pillnitz über die Elbe diente, an die Cosel nichts mehr...

Der Schlosspark von Pillnitz wartet mit mancherlei Überraschungen auf: Teils folgt er der strengen Formsprache des Barock, teils ist er als englischer Landschaftsgarten gestaltet – und dann gibt es natürlich die Kamelie. Sie gilt als Europas älteste Pflanze dieser Art und blüht nun schon seit 1801 zwischen Februar und April, wenn 35.000 glockenförmige und karminrote Blüten den Frühling einläuten.

Weinbergkirche

Weinbergkirche 2008
Weinbergkirche 2008
Unser Weg führt diesmal aber nicht durch den Garten, sondern heraus aus dem Schloss zu den Weinbergen. Wir biegen in den Bergweg ein, der später (an seiner schönsten Stelle!) Weinbergweg heißt, und besuchen die Weinbergkirche. Auch sie ist ein Werk Pöppelmanns, der damals ganz groß im Geschäft war in Dresden, ein Stararchitekt sozusagen. Der Anlass für den Bau dieser heute (zu Recht) so beliebten Kirche war ein Bauskandal: August wollte Schloss Pillnitz nach seinen Vorstellungen umgestalten, und da stand die alte Pillnitzer Kirche im Weg. Sie musste weg da - aber der Kurfürst ließ sich nicht lumpen, stellte das Grundstück im Königlichen Weinberg zur Verfügung und übernahm auch die Baukkosten - und mit Pöppelmann stellte er auch seinen besten Baumeister ab.

Die Geschichte der Weinbergkirche, die nach 1990 komplett restauriert wurde, kann man auf den Seiten der Kümmerer (leider very old style mit frames) nachlesen. Die Interessengemeinschaft engagiert sich nicht nur, sie bezieht auch Stellung: "Die Mitglieder der IG Weinbergkirche setzen sich auch weiterhin sehr aktiv für den Status "Welterbe Dresdner Elbtal" ein, da die Weinbergkirche ausdrücklich Bestandteil dieser Auszeichnung ist." Also weht die Welterbe-Fahne am Turm - ein netter und wichtiger Farbtupfer!

Wein und Kunst

Rysselkuppe
Rysselkuppe
Man kann von der Weinbergkirche schön in den Weinberg sehen und bemerkt weiter oben auch einen weiteren Weg - aber man kommt von der Kirche aus nicht rauf, und wir wollten es sowieso nicht (den Weg heben wir uns für eine weitere Wanderung auf) und gehen den Bergweg weiter bis zum Winzer Klaus Zimmerling. Der wohnt unterhalb der von ihm bewirtschafteten Rysselkuppe mit seiner Frau Malgorzata Chodakowska, und die beiden sind nicht nur extrem symphatische Zeitgenossen, sondern auch Künstler für mehrere Sinne. Klaus Zimmerling produziert einen vortrefflichen Wein, wenn ich richtig informiert bin: aus Überzeugung biologisch angebaut, aber nicht damit protzend.

Kunst und Wein
Kunst und Wein
Und Malgorzata Chodakowska schafft unabhängig und doch aufs trefflichste dazu passend Figuren aus Holz. Ihre Stammfrauen, selten auch Stammmänner, sind von solch faszinierender Schönheit, dass man es gar nicht fassen kann. Wenn man Glück hat, sieht man das zum Stamm passende Modell, wie es leibhaftig bei den beiden zu Besuch ist - da ist es besser, man hat nicht zuviel vom feinen Kerner "R" oder dem Gewürztraminer probiert - die haben es nämlich in sich und können bei lebhaftem Zuspruch leicht zu Sinnestäuschungen führen.

Weinprobe bei Klaus Zimmerling
Weinprobe bei Klaus Zimmerling
Wir hatten übrigens gelesen, dass der Herr Zimmerling vom offiziellen Gedöns des offenen Weinguts ausgeschlossen wurde, weil er nicht drei seiner Weine zum Wahnsinnsschnäppchenpreis von zusammen sechs Euro anbieten wollte. Grinsend begrüßten wir ihn also mit "Hallo, Ausgeschlossener! Kann man hier Wein bekommen?", worauf er zurück grinste und uns die ganze Palette anbot. Jeder Wein hat hier, auch zum Probieren, seinen Preis - und den ist er allemal wert. Wir haben ihn genossen und gerne mehr gezahlt als sechs Euro, denn im Laufe der Wanderung durften wir noch erleben, wie billiger Wein schmeckt.

Reelle Wegebezeichnungen

In Oberpoyritz laufen wir eine Straße mit dem schönen Namen Viehbotsche entlang, passieren die Feuerwehr (dort geht man dem Feuerwehrmännerlieblingshobby nach und kokelt, gezielt auf dem Grill und hinter dem Einsatzwagen) und gehen dann immer über Wege, die vermuten lassen, dass man früher noch redlich arbeitete: An der Schmiede, Marktweg, Ziegelweg und Schmiedeweg gehen nahtlos ineinander über. Heute müsste man ja dauernd nur umbenennen: New-Economy-Drive in Seifenblasengasse, Dresdner-Bank-Straße in Commerzbankalle und so...

Birkwitz

Via Saxonia
Via Saxonia
So erreichen wir auf einem Weg, der vom Pflaster her auch die Via Appia sein könnte, Birkwitz und seine hinweisschildergepflasterte Hauptkreuzung. Ein großes Dreieck weist zum Einkaufsparadies, das nach etwa 50 Metern rechts auch hinter einem lamellenbehangenen Wohnzimmerfenster auftaucht. Hinter dem anderen Wohnzimmerfenster des Doppelhauses bietet ein Friseursalon seine Dienste an - soll keiner sagen, in Birkwitz sei nichts los. Eine Wohnresidenz direkt an der Elbe mit Blick auf die Fähre gibt es auch - etwas protzig, aber Birkwitz muss ja nicht immer dörflich bleiben!

Die Personen-Fähre tuckert nach Bedarf, also faktisch immer hin und her. Am anderen Ufer - Überraschung! - steppt der Bär. Hier wurde nämlich die Beachbar Heidenau errichtet: Also Sand (feiner weißer Sand, schöner als mancherorts am Meer), Liegestühle, Strandkörbe, ein Grill und eine Bar mit Getränken. Voll ist es und alle sind guter Laune, und manchmal kommt sogar ein Schiff vorbei hinter dem Elbradweg, der die Beachbar vom Elbestrand trennt. Der Wein ist natürlich unvergleichlich zum Zimmerlingschen, aber besser als erwartet, und die Ohnmachtsbratwurst, die wir dringend benötigen, trieft zwar etwas vom Eigenfett, ist aber gut gewürzt.

Ein Schild verrät, dass wir knapp vier Kilometer vor Pillnitz und 16 Kilometer vom "Zentrum" entfernt sind - wahrscheinlich meint das Schild Dresden. Eine andere Zeichenorgie warnt uns, dass es hier glatt sein könnte und ein Winterdienst nicht stattfindet, dass man nur als Fußgänger oder Radfahrer hier lang darf - es sei denn, man ist Teil der Fluorchemie, für die der Weg auch frei ist.

Elbaue mit Brennnesseln
Elbaue mit Brennnesseln
Wir entschieden uns, Fußgänger zu sein und schritten wacker fürbass. Als wir wieder den Raum des Dresdner Welterbes betraten, kamen wir kurz vom rechten Weg ab, weil der gepflastert und langweiliger erschien als ein Pfad, der rechts ab zur Elbe führte. Den nahmen wir, gingen ihn auch weiter, als er langsam immer weniger Pfad wurde. Aber so eine kleine Brennnesselwiese kann uns doch nicht davon abhalten, durch die Natur zu streifen! Sylke beschloss irgendwann, dass es wohl aussichtslos sei und kehrte um - ich pirschte weiter voran, weil das langsam immer höhere Stellen erreichende Kuscheln der saftig grünen Brennesseln irgendwie prickelig war. Etwa fünf Meter vor dem Ziel (ein Parkplatz an der Elbe bei Zschieren) tat sich dann allerdings eine übermannshohe geschlossene Brennnesselwand auf, so dass auch ich die Gegend einmal von der anderen Gehrichtung aus betrachten durfte. Schön ist sie!

Zur Elbinsel

Nicht mehr lang und man sieht die Elbinsel bei Pillnitz. Hier gibt es auf Zschachwitzer (also jetzt "unserer") Seite die Gaststätte "Zur Elbinsel", die ein wundersames Überbleibsel der DDR zu sein scheint. Das Fachwerk nimmt man dem L-förmigen Erdgeschossler mit Beinaheflachdach nicht ab, und die Karte ist üppig: Von der Soljanka (die sogar ganz ordentlich war) über Bratkartoffeln oder Omelett bis hin zu so exotischen Dingen wie Känguruhnuggets oder Froschschenkeln gibt es alles, was das Herz begehrt. Und es sind viele Herzen, denn der Laden ist voll. In der Karte steht, dass alles frisch zubereitet wird, und keiner wundert sich, dass es, auch bei vollem Laden, nicht länger als drei bis vier Minuten dauert. Bedient wird auch draußen im Garten, aber zahlen musst du drinnen bei der Chefin - das hat doch Charme! So wie der Wahlspruch, der auf der Karte steht: "Ihr Wunsch wird unser Service sein, von Party, Fete, bis zum Schwein!"

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Der Spaziergang als Karte bei Google Maps

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