"Auch im vergangenen Jahr wäre großes Unheil vermieden worden, hätten der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Erkenntnis die Menschen geleitet: der Krieg im Kaukasus hat tausende Menschen gewaltsam aus dem Leben gerissen, und war doch nur eine sinnlose, schon fast vergessene Fußnote der Geschichte.
In diesen Tagen kreisen viele Gespräche um die Folgen der Finanzkrise, die zum „Wort des Jahres“ geworden ist. Rund um den Erdball sorgen sich Menschen um ihre Zukunft, ihre Arbeitsplätze und ihren Lebensunterhalt, und besonders die Schwachen sind betroffen. Dabei handelt es sich nicht um ein Verhängnis, das aus heiterem Himmel über die Menschen gekommen wäre, vielmehr sind die Ursachen nur zu gut bekannt. Diese Krise ist entstanden aus Gier und Geiz und Hochmut.
Die Gier ist das Immer-mehr-haben-wollen, der rastlose Willen zur Mehrung des eigenen Besitzes ohne Rücksicht auf die Mitmenschen oder die Gebote der Gerechtigkeit; der Geiz eine ichsüchtige Verkrümmung in sich selbst, die nichts kennt als kalte Berechnung des Vorteils, nichts von der Freude weiß, großzügig zu geben. Und es gibt eine Überheblichkeit, die meint, die eigenen Kräfte und Möglichkeiten seien unbegrenzt, so dass die Möglichkeit des Scheiterns ausgeschlossen scheint – das ist der Hochmut, der vor dem Fall kommt.
Wenn Gier, Geiz und Hochmut überhand nehmen, kann es nicht gut werden. Dieses Unheil hätte vermieden werden können - durch den Geist der Weisheit und der Erkenntnis, der zur Einsicht und zur Bescheidenheit und zur Großzügigkeit gegenüber den Mitmenschen führt.
Nein, das alles ist nicht neu, und wiederholt sich doch immer wieder. Weder die Fehler, die gemacht wurden, noch die Hilfe, die es dagegen gibt, weder die Laster noch die Tugenden sind unbekannt. Man möchte meinen, nichts Neues geschieht unter dem Himmel, die Menschen können nicht anders, als sich selbst immer wieder zu gefährden, das Unheil über sich zu bringen, das sie doch längst zu fürchten gelernt haben."
Aus der Predigt von Landesbischof Jochen Bohl bei der Weihnachtlichen Vesper vor der Frauenkirche