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November 9, 2008

Weiße Nacht auf Schloss Wackerbarth

Es gibt schlimmere Aufgaben als die, sich in einer Nacht mit 40 Weißweinen anfreunden zu dürfen. Und es gibt langweiligere Dinge, als etliche der Winzer persönlich kennen zu lernen und mit ihnen zu schwatzen. Die (mitttlerweile sechste) Weiße Nacht einiger weinbesessener Dresdner hat's möglich gemacht: Rund 400 durch die Bank bestens gelaunte Gäste probierten sich in den Kellergewölben von Schloss Wackerbarth durch die Weine von A(ust) bis Z(immerling).

Matthias Gräfe und Jens Pietzonka
Matthias Gräfe und Jens Pietzo…
Die Reihenfolge der Weine konnte man selbst bestimmen - gut beraten war da, wer einen guten Berater an seiner Seite hatte! Wir schnappten uns wahlweise Jens Pietzonka (Restaurantleiter & Sommelier im Restaurant bean & beluga, Weinfunatiker) und Matthias Gräfe (Gräfes Wein & Fein, beredter Weinkenner) und bekamen auf diese Weise nicht nur gute Tipps, sondern auch die eine oder andere Bückware: Weine, die es nicht offiziell gab, die aber quasi im Privatausschank zu ganz besonderem Genuss verhalfen (kein Zufall: drei Rieslinge!).

Zu essen gab's natürlich auch was - sonst überlebt man so einen Abend ja nicht! Ganz fein fing's an mit Fingerfood vom bean & beluga. Sternekoch Stefan Hermann kam zwar erst später (nach dem Abendgeschäft im eigenen Restaurant), aber der Auftakt war sehr angemessen - übrigens auch optisch: Verglichen mit dem (qualitativ allerdings guten) Käse, den gegen Mitternacht ein anderer ehemaliger Sternekoch (Alois Koepf, Maurice) anrichten ließ, sogar um Welten besser: Dort wurde einem der Teller nahezu unappetitlich mit Käse aufgehäuft - ohne Sinn und Verstand - schade. Zwischendurch gab es am Buffet Kostproben von Ines Kuka und ihrem Restaurant Charlotte K. - mit phantasievollen Vorspeisen, Hauptgängen und Desserts - wir haben uns aber, aus Gründen des tendentiell zunehmenden Bauchumfangs, hauptsächlich an den feinen Vorspeisen gelabt und den Rest nur angesehen!

Was gab's noch? Eine Modenschau, alles tres chic - die Damen am Stehtisch diktierten den dazu gehörenden Herren die Liste der zu erstehenden Weihnachtsgeschenke hinters Ohr. Und die schönste Musik, die wir seit langem hatten, um danach zu tanzen - aufgelegt von Peter Bohn, im wirklichen Leben fürs Marketing auf Schloss Proschwitz zuständig.

Im nächsten Jahr gibt es wieder eine Weiße Nacht - wer will mitkommen? Einige Argumente (in der Reihenfolge wie von uns probiert) folgen:

Weinfunatiker Riesling "Slate" | Schwarz Müller Thurgau | Drei Herren Weissburgunder | Drei Musketiere Weissburgunder (Info zu den Drei Musketieren) | Haller Riesling | Tesch Riesling "Unplugged" | Matyas Grauburgunder | Pawis Müller Thurgau 2008 (!) | Proschwitz Grauburgunder | Schuh Grauburgunder | Fourrè Kerner | Battenfeld Chardonnay | Tesch Sankt Emiliusberg Lagenriesling (außer der Reihe) | Schwarz Müller Thurgau (again...) | Aust Müller Thurgau | Kalkbödele Pinot Gris | Hiestand Sauvignon Blanc | Wackerbarth Riesling Goldener Wagen große Flasche (außer der Reihe) | Castell Silvaner | Weinfunatiker Altenberg Riesling (außer der Reihe) | Zimmerling Kerner



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November 14, 2008

Apulische Augenblicke (18)

Im Land der Trabucchi

Trabucco und Leuchtturm
Trabucco und Leuchtturm
Da schlenderst du mit nur dem einen Ziel, kein Ziel zu haben, die Küstenpromenade von Vieste entlang - und plötzlich steht da so ein Holzding vor dir. Einer gigantischen Spinne gleich stakst das Etwas ins Wasser, und du fragst dich: Wat is denn ditte?

Det is ein Trabucco! Ein Trabucco ist ein Pfahlbau (die Spinnenbeine!) zum Fischfang, der Dank einer ausgeklügelten Technik das Fangen "zufällig vorbei schwimmender Fische" (Wikipedia) ermöglicht. Trabucchi (so die Mehrzahl) gibt es an der Adria schon lange - und was muss ich da lesen? Das erste Teil haben im 14. Jhr. in San Vito Chietino ein Franzose und ein Deutscher gebaut!

Trabucco
Trabucco
Warum diese Bauten so filigran im Meer herumstehen, hat Franco Laner, Professor für Technologie in der Architektur am „iuav“ Venedig, in einem feinen Beitrag aufgeschrieben. Ich fasse mal sinngemäß kurz zusammen (obwohl der Originalartikel lesbar wie verständlich ist): Um den gewaltigen Kräften von Wind und Wasser zu trotzen, sind die Trabucchi so schlank und beweglich wie möglich gebaut. Nägel (und damit feste Verbindungen) kommen nicht vor: Seile halten die zierlichen Holzstangen zusammen. Insgesamt eine elastische Angelegenheit, was den Professor den schönen Satz schreiben ließ: Der Trabucco "widersetzt sich den Kräften nicht, sondern biegt sich, verformt sich, beugt sich, um seine ursprüngliche Gestalt anzunehmen, wenn sich das Meer wieder beruhigt hat."

Punta della Testa
Punta della Testa
Sowohl die Wikipedia als auch Prof. Laner nennen nur die Abruzzen-Küste in ihren Trabucco-Beiträgen - es gibt sie jedoch auch im Gargano. 16 Trabucchi sind auf der Tafel verzeichnet, die an der Punta S. Croce in Vieste angebracht ist. Es scheint sich um eine Art Aufforstung zu handeln: der Nationalpark des Gargano hat ein Projekt finanziert, Trabucchi neu entstehen zu lassen - als Denkmal oder zur Nutzung. Und während sich Prof. Laner (wahrscheinlich völlig zu Recht) darüber mockiert, dass einige Trabucchi an der Abruzzen-Küste im Rahmen der touristischen Erschließung offensichtlich sehr blauäuigig restauriert wurden, scheint man sich im Gargano mehr Mühe zu geben: Sogar beim offensichtlich kommerziell genutzten Trabucco am Monte Pucci beobachteten wir zum Beispiel die gewünschten Verbindungen mit Seilen.

Bei Rodi Gargano
Bei Rodi Gargano
Hier, weil es so schön ist, das Zitat aus Laners Beitrag über die "Fischermaschinen an der adriatischen Küste": "Um Sicherheitsstandards einzuhalten, wurden ... ungeeignete Sekundärstrukturen aufgesetzt, die sie ihrer ursprünglichen Natur beraubt haben, was den Schluss zulässt, dass Restaurierungen nur dann vorgenommen werden sollen, wenn man das Wesen und die Idee einer Struktur verstanden hat. Was den Trabucco so einzigartig macht, ist eben nicht nur das Erscheinungsbild, sondern das inhaltliche Konzept, das Zusammenspiel von Beobachtungen und Gedanken, die sukzessive in ihrer Materialisierung Realität wurden und zu höchster funktioneller und architektonischer Ausdruckskraft führten."

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November 16, 2008

Apulische Augenblicke (19)

Von Sandbaronen und Erdbeeren im Rotwein

Auf dem Wege nach Pèschici die Erkenntnis: Der Adria-Strand gehört den Sandbaronen, die Campingplätze direkt am Meer anlegen, sie umzäunen und mit schwerem Eisentor nur denen Einlass gewähren, die zahlen. Tagsdrauf kurz vor Mattinata fuhren wir munter in so einer stabilimenti balneari vor, drehten dann aber am Schild um, das uns verhieß, für Auto und zwei Personen sechs Euro zahlen zu müssen: Nur, um mal eben eine halbe Stunde zu bleiben, erschien uns das zu viel...

Baia di Manaccora
Baia di Manaccora
Einen Eingang zum Meer fanden wir kurz vor Pèschici: Zwischen zwei Privatstränden gab es einen unansehnlichen Weg zum öffentlichen Strand. Dort angelangt, konnte man die Baia di Manaccora komplett ablaufen – nach rechts Richtung Vieste zu einem Felsvorsprung (der Punta di Manaccora), nach links zur Grotta di S. Nicola – die (natürlich?!) verschlossen war: Mai ist Vorsaison, da ist es kalt und nix hat offen. Am Felsvorsprung gab es so eine Art Heiligenstation, an der eine Madonna mit den merkwürdigsten Dingen angebetet wurde. Besonders apart fand ich das Bändchen, das einen in Ferienanlagen als Gast kennzeichent. Arme Madonna!

Peschici
Peschici
Pèschici liegt, wie auch Vieste und Rodi Garganico, auf einem Felssporn. Das heißt: Es geht treppauf, treppab. Und: Man sieht immer mal wieder das Meer – am schönsten von der Spitze, wo es ein altes Kastell gibt (was nicht wirklch verwundert: hier scheint jeder Ort so ein Castello zu haben, natürlich immer an exponierter Stelle). Das Gassenwirrwarr eröffnet auch immer wieder nette Blicke auf alte morbide Gemäuer und wundervolle Torbögen, etliche davon mit offensichtich wirklich alten Türen.

Rotwein mit Beeren
Rotwein mit Beeren
Pèschici im Regen kann man, wie jede andere Stadt, ganz gut ertragen, wenn man eine nette Bar findet. Die „Bar del Corso“ verschaffte uns die Premiere eines Rotweins mit Erdbeere (im Wein!) und zwei Maulbeeren (am Glasrand), außerdem gab's zur Bestellung „due vini“ auch noch ungefragt Chips, Mortadellabrote und Mozarellakugeln. Wir nahmen dankbar an und wurden nicht enttäuscht. Trotz exponierter Lage kostete das übrigens kein Vermögen: zwei Euro pro Glas Rotwein, 3,50 Euro für die Beilagen. Sie schmeckten, und mit 7,50 sowie nettem Wirt, sehr nettem deutsch sprechendem italienischem Gast (der uns als Dolmetscher für einen sehr beredten Sechsjährigen aushalf) war das ein hübsches Mittagsvergnügen.

Schlösser
Schlösser
Oben an der Burg hat man bei gutem Wetter eine gute Sicht - wir hatten drei Minuten später Regen, entsprechend keine Sicht. Aber die vielen Vorhänge-Schlösser, die da offensichtlich als Brauch am Rost der Reling angebracht waren, konnten wir natürlich sehen. Machen das Liebespaare? Offensichtlich: Innig verwoben rosten die Vorhängeschlösser vor sich hin (anders als alte Liebe, die bekanntlich nicht rostet). Auch das einsame Einzelschloss mit der nicht sehr kreativen aber sicher herzlich gemeinten Inschrift "Ti amo sempre e otre" kann man noch als Sehnsuchtsschrei wahrscheinlich unerhörter Liebe deuten (sonst wären es ja zwei Schlösser, oder?). Aber was soll ich sagen, wenn da munter zwei Schlösser an einem rummachen?

Besser nichts und weiter gehen! Hier oben an der Spitze des Sporns, auf dem Peschici gebaut ist, stehen die Häuser kuschelig eng beieinander, man sieht verfallene Häuser mit abblätternden farben und gute Restaurants, die es sich leisten können, ein wenig fernab der normalen Touristenströme zu liegen.

Illusionen
Illusionen
Eine Kirche taucht auf - und wie wir es oft in der Gegend gesehen haben, wird man nicht gerade freundlich begrüßt: Zwei Totenköpfe grinsen uns an (soweit man ohne Muskeln und Haut grinsen kann...) Um die Ecke wird's dann aber wieder sinnenfroh: Die sehr naturalistische Darstellung eines Ladens auf der Sützmauer einer Treppe erfreut uns - es wird nicht die letzte Malerei auf Hauswänden sein, die wir in Peschici sehen, und alle sind irgendwie kitschig schön.

Auf dem Weg zum Strand endlich mal wieder eine Begegnung mit einem räudigen kläffenden Köter - ich wusste schon gar nicht mehr wie das ist, Angst um seine Waden zu haben. Aber bellende Hunde sind nicht nur im Sprichwort selten beißend, und so kamen wir beschleunigten Schriten die knapp hundert Meter vom karstigen Sporn herunter an den Strand. Der war, bei dem nieseligen Wetter, menschenleer und eher grau.

Die Restaurants hatten geschlossen, was beim stärker werdenden Regen doppelt fies war. Dafür gab es es nettes Schild: "Wir haben die schönsten Kunden der Welt" verkündete das Surfbrett - auf italienisch und deutsch, woran man schon erkennt, wer hier im Sommer seinen Urlaub hauptsächlich verbringt. So gesehen war es doch gar nicht so schlecht, in der Vorsaison da zu sein...

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November 19, 2008

Apulische Augenblicke (20)

Monte S. Angelo

Rione Junno
Rione Junno
Monte Sant'Angelo liegt ein wenig im Landesinnern vom Gargano. Der 15.000-Einwohner-Ort gilt als Wallfahrtsort der Superlative, was auf jeden Fall stimmt, wenn man die Beliebtheit bei Touristen als Maßstab nimmt. Wirkliche Pilger hingegen mag es geben, aber nicht an diesem Tag. Das lag vielleicht daran, dass die Stadt ihren Höhepunkt gerade hinter sich hatte: das Patronatsfest ist am 8. Mai, wir waren am 14. da. Aber der Erzengel Michael zieht auch so, und gleich neben dem Busparkplatz lassen die Touri-Nepper mit wattstarkem Ethno-Disco-Pop die Luft vibrieren. Da hilft nur: Ohren zu und durch. Um die Ecke in der Seitengasse wird es ruhig, es gibt uralte Gassen mit ebenso alten Häusern: Die Reihenhäuser im Stadtviertel Rione Junno haben schon einige Jährchen auf dem Giebeldach - aber ihre Wirkung bei der Einfahrt in die Stadt ist ebenso unvergleichlich wie beim Bummel durch die Gassen.

Flying Arcangelo
Flying Arcangelo
Die Grottenkirche des Erzengels ist natürlich das erste Ziel. Der Erzengel Michael (auch zuständig für den Mont Saint Michel - das war aber vor seinem Italientrip) hatte die Grotte quasi eigenhändig geweiht - als ein sehr zögerlicher Bischof (ihm waren Michaels Worte, obwohl mit Engelszungen vorgetragen, nicht geheuer) mit einigen Mitchristen im Jahr 493 erstmals die Grotte betrat, fand er sie "himmlisch erleuchtet" vor. Eine sehr schöne etwas verwirrend dargestellte Nacherzählung gibt es dazu auch im Netz.

Grottenkirche
Grottenkirche
Wir fanden die Grotte eher angemessen spärlich beleuchtet vor. Wie offensichtlich fast immer, fand gerade ein Gottsdienst statt. Die touristischen Heerscharen pilgerten in nicht enden wollender Schlange, immer rechts an der Wand lang, mehr oder minder andächtig vorbei, kümmerten sich mehr oder meist weniger um das Fotografierverbot, machten am Ende der Grotte einen U-Turn und gingen den gleichen Weg zurück - immer noch an der rechten Wand, die nun aber die gegenüberliegende von vorhin war. Dort drängten die Grottenansteher unaufhörlich nach - Alltag im Heiligtum, ist doch normal.

Die Stadt ist, wenn man aus den Touri-Strömen ausgebrochen ist, bezaubernd. Nahezu allein schlenderten wir - bei meist eher durchwachsenem wolkenverhangenen Wetter, um das auch einmal zu schreiben - durch die verwinkelten Gassen und erfreuten uns an Treppen, Wäscheleinen, Balkonen und Blumen - auch solchen, die aus dem Gemäuer sprossen. Das volle italienische Programm, wenn man so will.

Es gibt noch eine Menge anderer Kirchen, und links und rechts des (nach all der Einsamkeit beim Stromern abseits der empfohlenen Pfade) sehr geschäftigen Corso Vittorio Emanuele sieht man den einen oder anderen Palazzo - freilich erkent man die Prachtbauten aus dem 18. Jahrhundert nur bei genauem Hinsehen (Türen! Bögen! Erker!) oder wegen der erfreulich oft angebrachten Hinweisschilder, die einen (auf italienisch und englisch) dann auch noch ein wenig über die Geschichte des jeweiligen Hauses schlau machen.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz (keine Abzocke: 2,50 mit unbegrenzter Parkdauer) stehen vor einer Trattoria zwei Männer, die uns den Durst ansahen. Ob wir nicht hinein gehen wollten? Wir wollten – und stellten fest, dass der Laden eigentlich noch gar nicht auf hatte - alles dunkel drinnen. Nur die Tür stand offen – hatten wir das nicht schon einmal? Aber für uns wurde Licht angemacht, der Wirt - einer der beiden draußen vor der Tür – stapfte in den Keller und kam mit zwei Glas Rotwein wieder, servierte dazu zwei Anis-Brezel, fragte, ob wir nicht zum Essen bleiben wollten. Nein? Der andere kam rein und lobte das Haus und wie sehr es sich doch lohnen würde, hier zu essen. "Aber wir müssen doch noch bis nach Vieste und würden gerne im Hellen fahren, um etwas von der Landschaft zu sehen!" Na, das ist doch ein Argument: kein Problem, macht zwei Euro zusammen!

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