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January 2nd, 2008

Gomerisches Tagebuch (9)

Weißt du wieviel Treppen steigen...

La Calera
La Calera
Die Dörfer am unteren Ende des Valle Gran Rey sind alle (noch) eigenständig und mit sehr unterschiedlichem Charakter ausgestattet. La Calera gilt vielen als das schönste Dorf der Insel überhaupt (andere sagen, Agulo sei noch netter – was ich aber nicht finde). Borbalán hat irgendwie die Arschkarte, weil weder am Meer noch so nett am Hang gelegen wie La Calera. Dafür wohnt man dort aber echt preiswert und findet einen Laden, den zu besuchen sich lohnt, und eine Post haben sie auch dort. Vueltas ist der Ort mit dem Hafen: hier kommt an, wer den Garajonay-Expres gebucht hat. Auf dem Weg nach La Playa, dem Touristenparkhaus am anderen Ende der Talöffnung, kommt man durch La Puntilla und ist auch schon wieder raus, so klein ist das da.

Handwaschmaschine
Handwaschmaschine
La Calera
ist sehr sehr anstrengend. Es ist nämlich ein Treppendorf, was heißt: Man kann gar nicht so weit zählen wie man Stufen hoch und wieder runter läuft. Als Touri ist das sehr romantisch, mit dem täglichen Einkauf wahrscheinlich weniger. Selbst als an- oder abreisender Gast können die Treppen einem leid tun, wenn sie mit Flüchen bedacht werden, weil das Gepäck so schwer ist (jaja, wir wissen schon, warum wir im Urlaub gerne fußfreundlich direkt am Meer wohnen!). Von den vielen Treppen also einmal abgesehen ist es sehr schön im Treppendorf, zumal dort eben keine Autos und nicht einmal Mopeds die Luft verpesten. Ein ganz klein wenig sind Schicki und Micki bereits nach Calera gezogen, was es nicht unbedingt schöner macht, denn riesige Häuser mit trefflichen Zäunen drumrum und üppigen Dachgärten zerstören den ursprünglichen Stil des Dorfes, das sein Flair aus dem Arrangement eher einfacher und kleiner Häuser zieht. Vor einem Haus sahen wir sogar noch eine Handwaschmaschine – also ein Steinbecken mit Waschbrettbauch zum Rubbeln der Schlüpfer.

Treppen steigen
Treppen steigen
Die wichtigste aller Fragen bei Treppendörfern ist natürlich: Wie viele Stufen gibt es denn? Eine Antwort muss ich schuldig bleiben, denn immer, wenn ich so um die Gegend von 84 war, musste ich Luft holen oder ein Bild machen oder beides und habe darüber vergessen, exakt weiter zu zählen. Das ist peinlich, aber nicht zu ändern und wird sicher mit einem weiteren Aufenthalt auf La Gomera bestraft, bei dem streng gezählt und notiert wird.

Dokumentation muss sein
Dokumentation muss sein
La Calera hat jede Menge Unterkünfte, einige Restaurants und auch zwei tolle Saftbars. Die Unterkünfte haben wir gar nicht getestet, obwohl selbstverständlich ein „Casa Uli“ unsere natürliche Aufmerksamkeit aufs höchste erregte. Als Restauranttipp hatten wir das Orquidea empfohlen bekommen, weil dort die Portionen groß und die Aussicht auf die untergehende Sonne großartig sei. Derlei formulierte Empfehlungen senken die Erwartungshaltung – und das ist, wie man heutzutage formulieren würde, auch gut so. Oder, um es positiv zu formulieren: Der Sonnenuntergang ist wirklich grandios (zumindest wenn die Sonne im Meer und nicht in den Wolken versinkt). Und das Essen war nicht sooo schlecht, aber auch nicht einen zweiten Besuch wert. Wir hatten, um es mal auf den Punkt zu bringen, den Fisch frittiert und die Pulpos nicht so butterweich, wie sie frisch zubereitet hätten sein können. Aber die Behälter für mojo rojo und mojo verde waren schön!

Toller Saftladen
Toller Saftladen
Saft (frisch gepresst, natürlich) und Eis in etlichen Varianten gibt es unten direkt an der Straße bei Carlos. Man kann auch drinnen sitzen, aber wer macht denn sowas? Carlos selbst sitzt übrigens auch meistens draußen und palavert mit irgendwelchen anderen Männern. Wenn es gar nicht anders geht, kommt er auch zum Bedienen an den Tisch und ist dann auch ein ganz Netter, aber eigentlich delegiert er das lieber. Die Säfte und das Eis sind auf jeden Fall einen zweiten (dritten, vierten...) Besuch wert!

Gleich hinter dem Carlos sein Saftladen (ja, so sagt man das, wenn man ruhrgebietsdeutsch kann!) ist ein ganz berühmter Kreisverkehr. Dort gibt es nämlich erstens die Saftbar, zweitens den Taxistand, drittens die Bushaltestelle und viertens die Möglichkeit, sich zu entscheiden: rechts nach La Playa, links nach Borbalán, Vueltas und La Puntilla.

(lechts oder rings - die Auflösung in der nächsten Folge!)

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January 4, 2008

Gomerisches Tagebuch (10)

Die Geschichten vom vom geeken Gecko und dem urigen Wirt

Zur Erinnerung: Wir standen am Kreisverkehr (ja, hier, ganz unten). Und wir gehen nach links.

Borbalán liegt nicht direkt am Meer, obwohl man es sicher aus einigen Unterkunfts-Fenstern erblicken kann. Man ist allerdings in wenigen Minuten zu Fuß am Wasser und spart eine Menge Geld, weil die Unterkünfte hier die günstigtsten im Tal sind. Ansonsten hat das Dörfchen zwar von der Apotheke (mit der für das Valle Gran Rey großen Seltenheit, dass man dort weder englisch noch deutsch spricht) über die Post und zwei, drei Restaurants sowie einigen Touri-Shops eine nette Infrastruktur, aber nicht wirklich Gesicht, es ist – wie Izabella Gawin teffend beschreibt – im Übergangsstadium vom Weiler zur Feriensiedlung.

Gecko auf Apfel
Gecko auf Apfel
Um eine kleine Attraktion zu erleben, muss man allerdings nach Borbalán: Dort gibt es „Algo Diferente“, einen Klamottenladen für T-Shirts, Sweater und derlei. Antje und Andrea (wir erinnern uns: man gibt sich auf Gomera leger und familiär, da reichen Vornamen) betreiben den Laden und haben, um ihn bekannt zu machen, einen wundervollen Streit mit der Firma Lacoste inszeniert. Naja, eigentlich wollten sie ohne den Streit berühmt werden, aber es kommt ja meistens anders als man denkt. Sie haben also den Gecko, dieses possierliche kleine Tierchen, dergestalt gemalt, dass seine Hautmaserung das Wort Gomera ergibt. Diese schnuckelige Idee wollten sie patentieren lassen, damit nur ihre T-Shirts und Aufkleber geckohaft gomerisch daherkommen – gute Geschäftsidee! Beim Patentamt aber erhob Herr Lacoste Einspruch, weil er in einer Art Größenwahn den Maßstab verloren hat und behauptete, so ein Gecko könne mit seinem Krokodil verwechselt werden. Señor Patentamt aber sah sich Kroko und Gecko an und entschied wider Erwarten sehr lebensnah: nöö, keine Verwechslungsgefahr – so dass die beiden Mädels nun das Gomerageckoalleinverkaufsrecht besitzen (was, nur so nebenbei, natürlich alle anderen auf Gomera wurmt, die auch gerne Geckoaufkleber verkaufen würden, ohne Lizenz zahlen zu müssen).

Vueltas
Vueltas
Wenn man bei Antje und Andrea aus dem Laden stolpert und sich bemüht, nach links zu fallen, ist man auch schon aus Borbalán heraus und in Vueltas. Vueltas ist ein Hafenort, und das heißt: hier ist Remmidemmi! Es gibt hier alles! Supermärkte (natürlich in der Tante-Emma-ähnlichen gomerischen Niedlichkeit), Spezialläden für Bio, Fahrradfahren, Wandern, Träume und Gemüse, Cafés für den Tag, Restaurants für den Abend und Kneipen für die Nacht. Man spricht hier nicht nur deutsch, sondern manchmal sogar schweizerdeutsch! Wer in Vueltas wohnt, lebt am Puls der Zeit und hat es nicht weit zu allem. Vueltas ist ein Ort, an dem Spinner ernst genommen werden und Normalos ein wenig schräg beäugt werden, weil sie hier, irgendwie, ein wenig auffällig sind. Aber es gibt natürlich auch Refugien, wo alle gleich sind. Ein solcher Ort ist das El Puerto.

Das El Puerto ist ein Restaurant. Es liegt (bei dem Namen irgendwie naheliegend) am Hafen und hat sich auf Fisch spezialisiert. In meinen Augen das beste Restaurant am Platz – wobei wir längst nicht alle getestet haben und viele auch nur vom Kartelesen und Reinsehen kennen. Also schreib ich mal exakter: Unser Favorit!

El Puerto
El Puerto
Der Wirt vom El Puerto ist ein Unikum, das Küchenteam (ein drahtiger älterer Herr und eine resolute supernette jüngere Köchin) effizient bis zum Gehtnichtmehr, der Service flink als ob es Kilometergeld gäbe. Aber sie sind alle nichts gegen den Boss. Der hat einen bewundernswerten Knackarsch und einen begnadeten Bauch. Seine Berufskleidung ist eine eher ausgewaschene Blue Jeans mit schwarzem Ledergürtel und ein T-Shirt – nein, nicht mit Gecko drauf, sondern mit dem Hauslogo, zu dem natürlich ein Fisch gehört. El Chefe gibt jeden Abend den Miesepeter und den Grummeligen – aber das spielt er nur so, denn in Wirklichkeit ist er fürchterlich nett und immer für einen Scherz zu haben. Und wenn Kinder im Restaurant sind, sind die die Könige, denen el Chefe huldigt. Was er offensichtlich nicht mag, sind überhebliche Geldsäcke, die protzend ankommen und sich wundern, keinen Platz zu bekommen. Das macht richtig Spaß zuzusehen, wie er die in die Schlange der Wartenden einreiht und danach nicht mal ignoriert!

Wobei wir bei dem El-Puerto-Phänomen sind: Der Laden macht um halb sieben abends auf und ist um fünf nach halb sieben proppevoll – bei geschätzten 70 Plätzen (schon wieder habe ich vergessen zu zählen!). Das erste Essen kommt ratzfatz auf den Tisch, und nach einer Stunde gehen die ersten Gäste wieder, um der zweiten Schicht Hungriger Platz zu machen. Dabei wird alles frisch zubereitet und schmeckt hervorragend. Man darf auch länger bleiben, gehetzt wird hier nicht – es geht nur schnell! Wer wissen will, wie sein Fisch heißt, der anonym als Tagesangebot auf den Tisch kam, wird mit zur (Fisch-)Theke genommen und bekommt das Tier zwar tot, aber unzubereitet gezeigt – ein anschließender Hinweis auf das nebenan hängende Plakat zeigt die Stellung des Fisches im System der hier den Fischern in Netz gehenden Tiere und klärt somit vollends auf.

Bei unserem letzten Besuch haben wir uns mal wieder vollkommen übernommen – die Portionen sind üppig bemessen – und wollten das sich anbahnende Chaos im Magen mit einem Brandy regulieren. Also bestellte ich ihn beim Chef, der ihn vergaß, weil er mit kleinen Kindern schäkern und übermütige Neureiche ein wenig erziehen musste. Mit freundlicher Geste erinnerte ich ihn eine Viertelstunde später über die Distanz Tisch-Theke – worauf el Chefe verschmitzt-entsetzt guckte und quasi über Distanz Theke-Tisch Besserung gelobte. Nach neuerlichen zehn Minuten vergeblichen Wartens erlaubte ich mir, schelmisch den Verärgerten zu geben, nonverbal natürlich und wieder über eine Distanz, die normallautes Reden eh nicht erlaubt hätte. Da schaute el Chefe noch entsetzter als zuvor drein und brachte einen doppelten Brandy, den er dann auch prompt vergaß, auf die Rechnung zu setzen.

Habe ich schon gesagt, dass das El Puerto mein Lieblingsrestaurant ist?

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January 11, 2008

Römische Verhaftungen

Way out
Way out
Die spinnen, die Römer! Sie haben offensichtlich die abstrusesten Regeln, was das Fotografieren anbelangt. Als ich im Flughafen beim Warten aufs Gepäck den Schilderwald ablichtete und schon wieder auf dem Weg zum Band war, kam ein ganz süßer Mann in Grün hinter mir her. In perfektem Italienisch (da sind sie gut drin, die Italiener!) fragte er mich, ob ich Italiener sei, worauf ich in perfektem Englisch antwortete, dass ich aus Deutschland käme. Daraufhin bat er mich, ihm zu folgen. Sein Kollege interessiere sich für meine Bilder!

Hurra! Endlich interessiert sich mal jemand für meine Bilder! Aber warum kommt er nicht selbst, um nach einem Autogramm zu fragen, sondern schickt den Kollegen?! Egal. Der ordernde Kollege sah nicht so gut aus und sprach auch kein Englisch. Und er machte auch nicht den Eindruck, ein Fan zu sein oder werden zu wollen. Griesgrämig sah er sich die drei Bilder an, die ich mit meiner kleinen Pocketkamera gemacht hatte - zeigte sie etwa Verbotenes? Oder nicht das, was er sich erwartet hatte?

Ich habe es nicht erfahren, denn ich durfte wieder gehen - ohne die Bilder zu löschen. Das war meine erste Quasi-Verhaftung in Rom. Die erste, nicht die letzte...

Den zweiten Polizisten-Kontakt hatte ich beim Forum Romanum. Ich schleppte die DVCAM und ein veritables Stativ mit mir herum und baute beides mittig auf einer nicht befahrenen Straße auf, weil mein geschultes Auge mir sagte (jaja, mein Auge kann reden!): Das ist ein super Standort hier! Sylke sicherte das Unterfangen ab, indem sie mir den Rücken frei hielt - aber vergebens: Die Staatsmacht kam von vorne! Der Uniformierte hatte sich wohl gleich gedacht, dass ein Italiener es sich nie mitten auf der Straße bequem machen würde und redete mir auf englisch ein, dass ich hier nicht stehen dürfe! "Wie soll es da einen ultimativ tollen Rom-Film geben?" fragte ich mich, packte aber alles ein und verzog mich auf den Gehweg. Danach war Ruhe mit Pseudo-Verhaftungen, was vielleicht auch daran lag, dass ich wegen der einbrechenden Dunkelheit nicht mehr filmte.

Aber offensichtlich war mein Steckbrief über Nacht an alle einschlägigen Stellen geschickt worden. Am nächsten Tag traf mich die Gewalt der Uniformierten wieder zwiefach - wobei die Geschichte aus dem Pantheon sehr sehr schön ist.

Pantheon
Pantheon
Ich war mit DVCam und Stativ ins Pantheon eingezogen, um dort Aufnahmen für ein Filmprojekt der TU Dresden und der DFG (Deutschen Forschungsgemeinschaft) zu machen. Es geht um den Beton der Römer - und da kommt man um die Kuppel des Pantheon nicht herum. Ohne ordentliches Stativ sind aber solche Aufnahmen nicht zu gebrauchen, hatte ich in einer Schulung durch kompetente Kameraleute gelernt. Also baute ich das Teil auf. Doch zack, haste nicht gesehen, stand eine uniformierte Italienerin neben mir. Ja, bedeutete sie mir auf englisch: Filmen dürfe ich. Aber nicht mit Stativ! Dazu bräuchte ich eine Genehmigung, schriftlich - und sie untermalte das mit rollenden Augen und eindeutiger Handbewegung. Ok ok - wo könne ich die denn bekommen? fragte ich - worauf sie plötzlich kein englisch und auch keinen Spaß mehr verstand und mir nicht mehr so nett gestikulierend bedeutete, nun endlich abzubauen, bessser noch: abzuhauen.

Ich tat willig und filmte weiter. ich komme doch nicht nach Rom, um mir meine Aufnahmen versauen zu lassen! Hastewiedernichtgesehen stand sie erneut neben mir und wiederholte (irgendwie zu Recht, aber doch nervend) ihr "no tripod!". Nicht im Pantheon, draußen gerne!

Also ging ich raus. Dort baute ich direkt vor den imposanten Säulen des Pantheon mühsam die Zweieinigkeit von Dreibein und Kamera auf - und hatte erneut Miss Meckerliese neben mir: Hier sei zwar draußen, aber noch nicht der Platz. Und sie scheuchte mich rund achtzig Zentimeter weiter zurück. Großes Grinsen rundrum. Gut zwanzig Minuten hätten die Leute drinnen machen können, was sie wollten, denn meine persönliche Filmmitstativverhinderin ließ den Blick nicht von mir und erzählte die Unglaublichkeit einem Kollegen, der für die Sauberkeit des Pantheon zuständig war.

Krippe vor dem Petersdom
Krippe vor dem Petersdom
Da bin ich also nochmal davon gekommen und trollte mich weiter, Richtung Vatikan. Auf dem Petersplatz war eine Krippe aufgebaut, mit lebensgroßen Figuren. Ich schlich drumherum, zuerst mit der Speigelreflex und dann mit der Filmkamera - ohne Stativ. Ich hatte gerade die erste von geplanten acht Szenen abgedreht, da sprach mich auch schon ein netter Polizist an. Ob ich professionelle Aufnahmen machen würde? Angesichts der Tatsache, dass ich die Kamera mal gerade erst drei Tage hatte, log ich nicht und sagte: Nein! Das glaubte er natürlich angesichts des doch profihaft aussehenden Modells nicht und wollte die Aufnahmen der letzten fünf Minuten sehen. Ich solle doch mal bitte mitkommen, auch seine Kollegen seien sehr interessiert! Darauf bildete ich mir nichts mehr ein, Polizisten sind nicht an Kunst interessiert. Also zeigte ich den Schrunz der vergangenen fünf Minuten, darunter zehn Sekunden Krippe. "Halt!" sagte der, der der Boss zu sein schien. Von hier an solle ich die Kamera zu Boden halten und die Aufnahmen überspielen. Mit Dackelaugen beteuerte ich, dass das nicht ginge, weil diese Kamera das nicht könne. "I must do it on a computer, you know?!" Okay, vielleicht kann die Kamera es, aber ich kann es definitiv nicht - also ging's nicht. Wir hatten dann noch ein nettes Gespräch über was man darf und was nicht, in dem ich mich als vehement kooperativer Partner der italinenischen Aufpasser outete.
So viel Spaß musste sein!

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January 13, 2008

Römische Restaurants

Der Italiener als solcher ist ja sehr berühmt wegen seiner Lebensart, die natürlich auch mit Essen und Trinken zu tun hat und mit den Orten, wo man dies tut. Die Tasse Espresso am Morgen (am Vormittag, am Nachmittag) an der Theke stehend eingenommen ist ein preiswerter und köstlicher Genuss. Mit 80 Cent ist man dabei und kann darob wahrlich nicht meckern. Gegenüber von unserem Hotel, auch das gibt's, wollte man zwei Euro von dort im Hotel wohnenden und drei Euro von fremden Gästen - was der Dame an der Espressomaschine aber selber peinlich war...

Free
Free
Apropos Hotel: Wir hatten, nomen es omen, ein Hotel namens Romae gefunden. Der Preis unseres Zimmers laut Schranktüraushang: 210 Euro. Bezahlt haben wir (bei Buchung via HRS) 54 Euro - Frühstück inklusive. Den Preis war es allemal wert: Es liegt zentral unweit des Bahnhofs Termnini und dennoch relativ ruhig, das Personal (laute junge Typen, die alle hervorragend englisch reden) superfreundlich, es gibt eine Bar mit freiem Kaffee und auf dem Zimmer WLAN - auch umsonst. Die Zimmer sind klein, das Bad sehr klein, der Aufzug dahin extrem klein - aber alles ist sauber und nett eingerichtet.

Mama Angela
Mama Angela
Das Frühstück gab's nebenan in der Trattoria Mama Angela. Gleich hinter der Tür saß eine Frau, die ich mal "typisch italienische Mutti" nenne, obwohl sie eigentlich schon eher eine Oma war. Sie hatte den Wettbewerb für grimmiges Gucken unangefochten gewonnen und streckte jedem, der reinkam, die Hand entgegen, um den Frühstücksbon abzufassen. Und wehe, man schlich an ihr vorbei! Nicht dass sie aufsprang (das ging nicht, Gesetze der Masse und der Altersträgheit): Sie machte ihre Bedienung spitz, und die musste die Tickets eintreiben. Das Frühstück selbst war sehr italienisch: Kuchen, Weißbrot, nichtssagender Kaffee, geschmacksneutraler Käse, eine Wurstsorte und einige Plastiktöppe mit Marmelade - aber besser als nichts. Und für die Zeit danach gibt's ja die Espresso-Bars.

Zu den berechtigten schönen Vorurteilen gehört, dass das italienische Leben sich draußen abspielt. Also saßen wir, am 9. Januar, nachmittags draußen, wie alle mit Mantel an, aber glücklich. Einen Weißweinkühler mussten wir nicht verlangen, aber für Rotwein wäre es deutlich zu kühl gewesen! Zum Glas Wein (drei Euro) bekamen wir einen ordentlichen Topp mit Erdnüssen - ein netter Ohnmachtshappen auf dem Weg zum richtigen Essen. Der Espresso kostete für uns draußen Sitzende 1,50 - auch in Ordnung!

Abends sind wir im Restaurant Edy gelandet - nicht weit von der spanischen Treppe, noch näher an der Via Margutta mit all den Antiquitätenläden - und exakt in der Vicolo del Babuino 4. Wir kamen glücklicherweise etwas zu früh für italienische Verhältnisse - um acht geht da noch keiner aus, und es war erst halb acht also wir hungrig dort strandeten. Ab neun Uhr ist dann aber der Bär los - viele Italiener, was immer ein gutes Zeichen ist. Am Tisch neben uns feierte eine Familie aus der Nachbarschaft. Zuerst kam Mama nebst Tochter, dann diverse Mannsleute, noch eine Frau und zum Schluss: Luigi. Was für ein Mann! Das Haar zum Zopf gebunden, rotbestrumpft (sah aus wie eine Strumpfhose) und sofort Mittelpunkt des Clans. Sie haben gut getafelt, wir aber auch: Carpaccio und Gebackene Auberginen mit Parmesan. Zum Hauptgang gab's für Mutige Lammhirn in Bierteig und Rinderfilet in Pfeffersauce - beides sehr ordentlich. Der Service auch hier sehr nett - beim nächsten Rom-Besuch sind wir wieder da, garantiert!

Tre Archi
Tre Archi
Ein Kriterium für gutes und nicht überteuertes Essen ist sicher der Besuch von Einheimischen. Wenig effekthaschende Beschilderung draußen und eher helles Licht drinnen sind andere Hinweise. So fanden wir für den Mittag unseres zweiten Tages das Ristorante Tre Archí in der Via dei Coronari 233 (auf dem Weg zu Engelsburg und Vatikan, vom Pantheon kommend). Hier saßen hauptsächlich Geschäftsleute, die Bedienung - wie fast immer in Rom: Ein Mann - mischte auch in der Küche mit - und es schmeckte wirklich römisch-gut: Antipasti misto (ein Teller für zwei), Involtini (Kalbsroulade!) und Spinatflan.

Man kann auch reinfallen bzw. es nicht ganz so nett treffen: Abends im Szeneviertel Trastevére glaubte ich, dass uns die Vinothek Rucantino vor dem Verdursten retten könnte und ließ mich auch von dämmrigem Funzellicht nicht abschrecken. Es war ziemlich leer, als wir kamen - und noch leerer, als wir nach einem Glas Wein gingen. Der preiswerteste Wein aus dem offenen Angebot kostete 5 Euro pro kleinem Glas, natürlich gab's hier keine Nüsse gratis dazu. Besser Als die Hausweine, die es andernorts gab, war das auch nicht unbedingt - und auch nicht wirklich gemütlicher.

Gino in Trastevere
Gino in Trastevere
Wir fanden dann für den Restabend Gino di Trastevere: Grelles Licht! Jahrgang 1951 - ein guter! Alte Kellner mit freundlichem Gesicht! Laut lachende Geburtstagsgesellschaft mit drei Männern und drei Frauen, genau so getrennt sitzend! Holzofenpizza! Hauswein für 9 Euro - aus der eigens etikettierten Flasche! Kochen können sie da auch: Pulpo frittiert und als Salat, beides köstlich (die frittierte Variante ein Gedicht!), Pizza mit hachdünnem Boden und schwarzem Trüffel bzw. Büffelmozarella und Tomaten, und dann ein selten gutes Tiramisu und ein Tartufo. Zwischendurch nette "Salute!" zum fröhlichen Nachbartisch - italienische Abende können einfach nur nett sein!

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January 16, 2008

Römische Plätze

Pantheon
Pantheon
Rom, sagt das Sprichwort, sei nicht an einem Tag gebaut worden - allerdings an einem Tag gegründet ist es schon: der Sage nach am 21. April 753 v. Chr. (Quelle: Wikipedia). Wer die Stadt nur ein oder zwei Tage besucht, muss sich einschränken. Welche der zahlreichen Originalschauplätze der Geschichte man da ansteuert, ist fast egal: alles ist sehenswert. Und wenn man etwas nicht sieht, ist das Teil auch nicht beleidigt - macht also nichts. Weswegen man die römischen Ruinen durchaus mal links liegen lassen und sich der Jetztzeit widmen kann!

Römische Plätze sind also nicht nur das Kolosseum oder das Pantheon oder das Forum Romanum oder oder oder - es sind auch die vielen Plätze im wörtlichen Sinne, die Märkte, die Straßen: Italienisches Leben findet draußen statt, auch im Januar! Und natürlich die Kaffee-Bars und Restaurants!

Die Italiener lieben die Kommmunikation: Sie reden gerne und laut und nicht nur miteinander, sondern auch mit uns! Mit dem Nachbartisch im Restaurant oder dem Nebenmann / der Nebenfrau an der Kaffeetheke ins Gespräch zu kommen, ist ein Leichtes - und es macht Spaß. Sie italienisch, wir deutsch, beide englisch: schön, sehr schön. Und wenn gar nichts geht, helfen Gesten, ein Lachen, ein "Salute".

Man muss nicht alle Plätze besuchen in dieser Stadt - außer einem: Den Trevi-Brunnen. Denn nur, wer dort eine Münze hinein wirft, darf wieder kommen. Oder so ähnlich...

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January 17, 2008

Gomerisches Tagebuch (11)

Streiten bis zum Bussi

Hafen von Vueltas
Hafen von Vueltas
Da stehst du nun im Hafen von Vueltas und hast wieder die Wahl: Hier bleiben und an den Strand oder in die Hafenkneipe gehen? Weiter Richtung Schweinebucht (die heißt wirklich so!) wandern und den Fruchtgarten der Schraders besuchen oder sich bei den Baghwans in der Bucht von Argaga erleuchten lassen? Oder ganz anders über La Puntilla bis La Playa laufen, um dort bei der legendären Maria einen Absacker zu nehmen und auf das Spektakel des Sonnenuntergangs zu warten?

Fürs Erste geht's am Meer entlang nach La Playa, und vielleicht noch ein wenig weiter - mal sehen. La Puntilla, das kleine Kap, habe ich bereits beschrieben - wir haben dort bei beiden Gomera-Aufenthalten gewohnt, weil man es nicht weit zum Hafen und nicht weit zum Baden hat und (von unserem Appartement aus zumindest) direkten Blick aufs Meer hat. Den Krach der Brandung verschweigen romantisierende Schreiberlinge gerne, weswegen er auch hier nicht erwähnt werden soll. Spannend ist es allerdings, am Morgen den Grapschern zuzusehen. Diese ehrenwerte Männer riskieren nasse Füße und fitschen mit der Hand aus den Pfützen im Meer, was abends auf der Karte der Fischrestaurants steht und lecker ist. Eine mühsame Plackerei, die den Preis der Leckereien erklärt!

Den Weg durchs Meer sollte man bitteschön nur bei Ebbe wählen - das Wasser kann schneller steigen als man denkt, und hastenichtgesehen ist man nassen Fußes vom Wasser umzingelt. Gar nicht auszudenken, was da passieren kann, wenn die Krebse und Krevetten sich für das morgendliche Eingesammeltwerden rächen! Außerdem ist es ungesund, im Salzwasser zu ertrinken, weswegen wir die Straße entlang gingen.

Vorbei geht's an einer kleinen Hotelanlage, die wir vom morgendlichen Brötchenholen kennen. Die Leute essen dort im Souterrain, wie man den ausgebauten Keller in Prospekten nennt. Ich finde es immer lustig, wenn die Leute über den Tellerrand schauen und unsere frisch geduschten Füße erst hin und dann - schon nicht mehr ganz so frisch - her schlendern sehen. Aber ansonsten sind die Hotel und Wohnanlagen in La Puntilla klein und unauffällig, kein Vergleich zu Bettenburgen anderer Inseln.

In den kleinen Geschäften der Nebenstraßen kaufen natürlich auch die ausgewanderten deutschen Neugomeros ein. Manchmal kann man auf offener Straße schöne Gespräche mitbekommen, so wie dieses zwischen Helga und Sabine. "Tschüs, meine Liebe!" - "Ja, ciao, bella!" - "Du, was ich noch sagen wollte: Das fand ich gestern echt nicht toll!" - "WIe, verstehe ich nicht, was war denn dabei?" - "Hätt' ich nicht von Dir erwartet, echt nicht!" - "Aber ich wollte doch nur..." - "Nichts wolltest Du, echt mal, das war eine Riesensauerei! Du hättest mich doch auch einladen können!" - "Nee, Du, das ist jetzt echt nicht fair! Du weißt doch genau, dass das nicht ging!" und so weiter und so weiter - alternativer Zoff auf höflicher Basis, steigerungsfähig bis zum - Bussi am Schluss, was sonst?

Was muss man noch über La Puntilla wissen? Dass es da einen Wandershop gibt, indem es einschlägiges Zubehör und Wanderführer gibt. Rucksäcke und Schuhe zu marktüblichen Preisen, die Wanderführer eher etwas überteuert: Um die 30 Euro bei Gruppengrößen bis zu 16 Personen. Aber wer's mag, kann ja gerne mitmachen!

La Playa ist das touristische Sammelbecken des Valle. Noch in La Puntilla aber mit Blick auf die Bucht von La Playa liegt das Hotel Gran Rey, im Ort selbst gibt es auch noch etliche Unterkünfte - und Maria: das ist DIE Institution am Orte. Mit Restaurant / Bar und Unterkunft - wobei wir das essen dort nicht probiert haben, weil es, naja, nicht soooo überragend aussah, was an den Nachbartischen serviert wurde. Aber der Wein war in Ordnung, und die Sonnenuntergänge bei Maria sind einfach ein Muss. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte...

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January 17, 2008

Gomerisches Tagebuch (12)

Sonnenuntergangsparty bei Maria um die Ecke

Sonnenuntergang bei Maria
Sonnenuntergang bei Maria
Die Sonnenuntergänge an der Westküste von La Gomera sind legendär. Wenn man allerdings Pech hat, bekommt man sie gar nicht mit, was aber nicht wirklich was macht, denn gefeiert werden sie an einem Ort der Insel nahezu kultartig ohne Rücksicht auf die wetterbedingte Realität.

Prinzipiell tut sich ja jede Westküste mit Sonnenuntergängen relativ leicht. Die Sonne sinkt und sinkt und sinkt und mutiert zur Freude der Fotografen vom unansehbaren hellen Fleck zum roten Ball, der günstigstenfalls wie aufgeblasen und mit immer röter werdenden Wangen im Meer versinkt. Glitzer im Wasser, kitschigrosarote Reflexe auch an den Wolken, Blende acht und ein Hundertfünfundzwangzigstel, prima Bild. Zum Leidwesen der später daheim zum Bilderansehen Eingeladenen bleibt's in der Regel nicht bei dem einen Foto – Sonnenuntergänge machen Fotografen süchtig.

Die Küstenlinie des Valle Gran Rey ist für Fotografen mit Sonnenuntergangsneigung (also für alle!) ein idealer Ort, theoretisch zumindest. In der Praxis lacht sich die Sonne jedoch an vielen Tagen eins ins Fäustchen und versinkt nicht im Meer, sondern tupft sich vorzeitig in Wolken, die eigens deswegen am Horizont aufgefahren wurden, wie es scheint. Und wer in Vueltas und La Puntilla steht, um dem Spektakel mit der Kamera zu Lichte zu rücken, wundert sich vielleicht über die nie verschwindende wohlgeformte tief liegende Wolke, die in Wirklichkeit gar keine ist: El Hiero, die Nachbarinsel, schiebt sich zwischen Sonne und Fotografen und verhindert den ultimativen Reflex auf dem Wasser.

Sunset Drums
Sunset Drums
Da haben es die Untergangsanbeter in La Playa besser: dank eines besseren Blickwinkels lassen sie El Hiero quasi links liegen. Auch die restlichen Randbedingungen sind ideal, so dass sich ein allabendliches Ritual ausbilden konnte: es gibt die Kneipe von Maria, wo man günstig Bier und Wein zum Mitnehmen über die Straße erstehen kann. Jenseits der Straße befindet sich der große Sandstrand, mit einem offensichtlich eigens für den Sonnenuntergang ins Wasser gelassenen Felsen (Fotografen haben gerne einen Vordergrund, da macht sich ein Felsen gut). Hier trifft man sich viertel vor Sonnenuntergang bis halb danach. Der süßliche Geruch der Handgedrehten vermischt sich mit dem allgegenwärtigen salz der Brandung, Trommler aus aller Herren Länder hauen aufs Fell, dass es nur so eine Art hat – Volkskundeforscher würden die Mischung aus Hasch und Bongo wahrscheinlich als uralten Stammesbrauch deuten, mit dem sich das Volk in Ekstase bringen will. Meist erwischt es aber dann einen, der gar nicht geraucht hat: irgendein Köter springt immer wie verrückt herum. Außerdem ist es in wirklichkeit natürlich alles viel profaner: Einer der Trommler geht mit dem Spendenbeutel herum (von der Kirche lernen heißt reich werden lernen) und verteilt Werbung. Auch wenn man gar nichts gegeben hat, bekommt man so einen Zettel. Da aus dem Tag nach dem Sonnenuntergang nahezu dämmerungsfrei die Nacht wird, ist der Zauber auch schnell vorbei, und Hunderte von Touris machen sich von dannen, die Nacht zu feiern oder einfach schlafen zu gehen. Morgen ist ja wieder ein Sonnenuntergang, da sehen wir uns – bei Maria.

Abends in La Playa
Abends in La Playa


PS: Natürlich gibt es auch einen Sonnenaufgang, aber da pennen noch alle und haben keine Lust, sich wegen so eines alltäglichen Vorgangs zu treffen.

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January 30, 2008

Gomerisches Tagebuch (13)

Unterwegs im schönen Tal

Terrassenkultur
Terrassenkultur
Lange Zeit habe ich mich gefragt, warum wir den Rother Wanderführer wie eine Bibel mit uns rumschleppen, wo doch die Wanderwege auf La Gomera so wunderbar vorbildlich ausgeschildert sind? Die Antwort gab endlich die Tour 41 „Von Vallehermoso zum Marichal-Stausee“ – denn dort haben die Autoren endlich mal Pfade beschritten, die nicht vom offiziellen Wegenetz erfasst sind. Und während mich die Bemerkungen von Klaus und Annette Wolfsperger häufig zum Schmunzeln gebracht haben („aussichtsreiche Höhenbummelei“ verspricht z.B. Tour 31, allerdings gilt es 1000 Meter Höhenunterschied zu bewältigen...), beschreiben sie hier alles nahezu genau so wie es dann war. Naja, wenigsten fast.

Die Tour war von uns als leichter Sonntagsspaziergang gedacht, entpuppte sich dann aber doch als eine ganz ordentliche Wanderung an einem Sonntag, die alles in sich hatte, was uns so erfreut. Startpunkt ist ein Dorf unweit von Vallehermoso, das den schönen Namen Banda de las Rosas trägt. Es ist mit dem PKW zu erreichen, wobei der Fahrer / die Fahrerin gelegentlich gute Nerven haben muss auf der einspurig schmalen steilen Straße, um den Gegenverkehr an den passenden Stellen zu bewältigen. Durchaus aus Eigennutz und mit der angeborenen Höflichkeit lässt sich aber immer ein Begegnungs- bzw. Ausweichplätzchen finden. Schwieriger ist auf so einer Straße mit direkt daran geklatschten Häusern schon die Suche nach einem Parkplatz, aber auch den findet man im Dorf.

Die Wanderung geht mit einem offiziellen Weg (PR LG 8, wem's hilft) los und endet eine Minute später mit einem inoffiziellen Köter, der das typische Wechselspiel von lautem Kläffen und begierigem Blick auf die Wanderwaden gibt. Immerhin erzeugt das Kläffen ein verhaltenes Echo, scheint also ein tolles Tal zu sein, was sich hinter dem Höllenhund eröffnet. El Perro hat auch ein Herrchen, das – oh Wunder – nach dreimalig vergeblichem Zurückpfeifen seines kleinen Lieblings sogar die Beobachterstation am Fenster des Hauses aufgibt und den potentiellen Wadenbeißer auf den Arm nimmt. ¡Hola! und ¡Gracias!, nun aber weiter (Honig hätte man dort auch kaufen können, wahrscheinlich sogar beim gleichen Mann, aber die Lust war mir auf den Hund gekommen).

Landschaftsporno?
Landschaftsporno?
Von da an geht’s bergauf: 300 Meter, sehr gemütlich. Vor allem: nur eine Menschenseele weit und breit, ein Gomero, der in einem Rucksack irgendetwas sammelt. Was es in Massen gibt, sind ah-und-oh-Blicke. Landschaftspornos, weiß Sylke, habe ein Fotograf das mal genannt. Nun gut, dann bin ich halt Porno-Fotograf. Mit Schäfchenwolken, Vordergrund und Bildaufbau.

Roque Cano
Roque Cano
Dominierend, wenn man sich gerne mal umschaut oder nach links sieht, ist der Roque el Cano. Sein massiver Schlot leuchtet in der Sonne (wenn sie scheint und er nicht im Schatten der Wolken liegt). Es geht immer weiter hoch, dreihundert Meter sind zwar nicht viel, für einen Sonntagsspaziergang aber ausreichend. Außerdem nutzt ein Teil des Wegs das menschliche Hebelgesetz dergestalt, dass so eine Art Treppe es angeblich leichter machen soll. Nun ist es aber so, dass (Sie können wählen, ich nehme mal als Beispiel:) das linke Bein sich hebt, bis es etwas über Stufenhöhe angelangt ist. Bis 33 Grad ist das noch ok, aber diese hier machten ein rechtwinkliges Anheben des Oberschenkels nötig, bis der Fuß weiter unten korrekt in der Luft hängt. Ein leichtes Vorwärtsschlenkern des Schienenbeins samt dran hängendem Fuß sorgt dafür, dass der Fuß (Version links) Halt findet. Nun muss über einen komplizierten Mechanismus das linke Bein durchgedrückt werden, wobei das irgendwie daran hängende Gewicht (einige Kilo zuviel und als add-on noch der gefüllte Rucksack mit Regenklamotten, Futterpack und Foto-Utensilien) angehoben werden müssen. Das für kurze Zeit frei schlenkernde rechte Bein inklusive Schiene und Fuß hat jetzt die Wahl: entweder es stellt sich neben den linken Kumpel oder, in der Regel effizienter, es übernimmt die aktive Rolle und sucht selbst den Weg nach vorn. Vorne bedeutet aber auch: wieder hoch, das Spiel beginnt von neuem.

Rast
Rast
Kammweg
Kammweg
Sicher hat schon mal jemand ausgerechnet, was die ideale Stufenhöhe zum Treppensteigen ist. Wer immer es war, wo immer er (oder sie) es veröffentlicht hat: die Natursteigplaner auf La Gomera haben das Traktat nicht gelesen. Will sagen: die Treppen auf PR LG 8 sind viel zu hoch, sie bedeuten richtig Arbeit. „Gut so!“ sagt die Hausärztin und referiert an dieser Stelle über die Zusammenhänge von Bluthochdruck, Ausdauer, Kondition, Gesundheit im Allgemeinen und im Besonderen. Aber natürlich ist sie nicht dabei und kommt quasi nur als Gedankenblitz mit auf die Insel. Und ohne ihre zweifelsohne richtigen Auslassungen muss ich nochmal sagen: der Weg ist teilweise arg ungemütlich.

Cruz de la Cuesta
Cruz de la Cuesta
Nach einem Stück Kammweg ohne weitere Schwierigkeiten (will heißen: er ist breit genug – doch zu dem Thema an anderer Stelle und auch später mehr) erreicht man das ausgeschilderte Zwischenziel „Cruz de la Cuesta“. Das ist ein Baumholzkreuz und vor allem Punkt der Entscheidung: rechts weiter, um auf der (unbefahrenen) Piste via Los Loros zurück zum Parkplatz zu gelangen, oder links herum – einen gänzlich unausgeschilderten und nur von den Wolfspergers beschriebenen Weg entlang?

Natürlich links rum!

Marichal-Stausee
Marichal-Stausee
Auch dieser Weg folgt zuerst der erwähnten Piste. Sie führt zum Marichal-Stausee, der klein und unscheinbar in der Landschaft liegt. Wenn man ihn erreicht hat, wird’s etwas abenteuerlich, denn es geht an einer Palme recht steil bergab und dann mehr durch als neben ein Bachbett weiter herunter. „Mitunter stark verwachsen“ steht im Wanderführer, was den Schmerz reichlich unzulänglich beschreibt, der einem da an einem heiligen Sonntagnachmittag hinzugefügt wird. Die Verwachser haben nämlich sehr gerne Dornen und sind extrem anhänglich. Sie ratschen über Arm und Hände, sie kletten sich an der Jacke fest und machen auch nicht halt vor unliebsamen Gegenden wie dem so genannten Schritt. Also eigentlich kratzen und kletten sie überall da, wo man's nicht gerne hat. Belohnt wird derlei Mühsal – wie immer bei guten Wanderungen – durch geile Blicke. Und wenn man sich erst mal ans Pieksen und Bluten gewöhnt hat, ist es auch lustig, durchs Gehei zu strolchen, nur mit dem Kopf raus zu gucken und irgendwann den Punkt zu erreichen, an dem man das Bachbett verlässt, um wieder einer Art Weg zu folgen.

Die mit dem Gestrüpp tanzt
Die mit dem Gestrüpp tanzt
Langweilig wäre nun, einen ausgelatschten Spazierweg vor sich zu haben. Statt dessen erwartet man irgendetwas Schmales, wo es links oder rechts steil runtergeht. Vielleicht noch mit Abrutschgefahr nach vorherigem starken Regen? Gerne doch, bitte sehr, haben wir. Bei Wegen, die dem schwindelnden Wanderer zu keck erschienen, haben wir das bei der Wanderung von El Guro nach El Cercado erprobte Rezept des Händchenhaltens erneut erfolgreich angewandt. Ich trottete also hin und wieder wie ein geblendeter alter Gaul hinter der trittsicheren schwindelfreien Sylke hinterher.

Treppendorf
Treppendorf
Dächer
Dächer
Insgesamt war's sehr schön, wieder mit Sonne und El Cano. Urplötzlich sahen wir die andere Seite von Banda de las Rosas: Ein Treppendorf ist das, nur nicht so bekannt wie La Calera beispielsweise. Auch nicht so pittoresk, dafür aber urtümlicher und voll eigenem Reiz, wenn man die Mischung aus gewachsener Langeweile und träumerischer Romantik mag. Die wenigen Menschen, die einem hier begegnen, sind jedenfalls sehr freundlich, und manchmal wünschte ich mir schon, etwas mehr spanisch zu können...

Wolkenbedrohung mit Lichtblick
Wolkenbedrohung mit Lichtblick

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