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July 6, 2008

Apulische Augenblicke (13)

Alberobello

Alberobello
Alberobello
An die drolligen Trullis mit ihrer lustigen Zipfelmützenoptik hatten wir uns in der Landschaft des Itria-Tals und dessen Ausläufern ja schon gewöhnt. Nun also auf nach Alberobello, wo die Trullis sich zur Stadt zusammengefunden haben.

Da stellt man sich natürlich die Frage: Was machen die eher schlichten Häuser, die ohne Mörtel nur durch geschicktes Steinauflegen gebaut werden, in der Stadt? Sie passen prima in die Olivenhaine, sie bezaubern am Horizont von Wiesen mit roter Mohnblumenpracht und wogendem Getreide. Aber in der Stadt, mit Nachbarn links und rechts?

Alberobello
Alberobello
Die Erklärung ist einfach und hat (wenn sie nicht nur gut erfunden, sondern wirklich wahr ist) einen Hauch von symphatischer Schlitzohrigkeit. Graf Giangirolamo II. Acquaviva d'Aragona fand nämlich eine Lücke in der Steuergesetzgebung und nutzte sie aus. Besteuert wurde der Grundbesitz seinerzeit nach der Zahl der dort stehenden Häuser - und Trullis waren doch nichts anderes als Steinhaufen, oder? Also zumindest wenn Inspektoren und Steuereintreiber kamen, waren sie das tatsächlich: Die losen Steine ließen sich (relativ) schnell tatsächlich zu Steinhaufen zusammenbrechen - und wenn die Herrschaften dann fort waren, wieder zum Trullo aufbauen.

Alberobello
Alberobello
Wann das war? Unsere Reiseliteratur (Michael Machatschek, Apulien, Michael Müller Verlag) und die Wikipedia behaupten: Im 17. Jahrhundert. Im Fernsehen wissen sie es besser und behaupten, Ende des 15. Jahrhunderts, wissen es im Filmtext sogar ganz genau: "Er siedelte 1481 Bauern auf seinen Gütern im Itria-Tal und ließ die Trulli-Stadt Alberobello errichten." Ist ja auch egal, es ist lange her. Heute gibt es in Alberobello Trullis en masse – 1.430 in den beiden Vierteln Monti und Aia Piccola. Monti hat das größere touristische Potential - will heißen: Da wohnt kaum noch jemand Normales, weil Kneipen und Souvenirläden mehr Rendite bringen. Gegenüber ist es ohne Schnulli in den Trulli schöner. Erstens kann man da auf Hunderte von Zipfelmützen sehen, zweitens stören einen kaum (andere) Touris.

San Antonio
San Antonio
Ihren Reiz aber haben beide Viertel. Der Vorteil der touristischen Anbieter ist, dass sie die Leute in die Läden locken - man kann also in die Trulli gehen und manchmal lohnende Ausblicke von den Terrassen erheischen. Es gibt immer mal wieder Sensationelles - behaupten jedenfalls die Schilder an solchen Häusern. Nicht sensationell, aber sehenswert: Die Kirche San Antonio, die 1927 gebaut wurde und in 20 Metern Höhe – Trullidächer simuliert. Einerseits passt das zu Monti, andererseits ist ein Trullo nicht wirklich 20 Meter hoch, so dass diese Kirche auch gut in Disneyland stehen könnte, wo man auch nicht alles so ernst nehmen sollte.

Trullo Sovrano
Trullo Sovrano
Schon zweistöckige Trulli sind ja eine Sensation - normalerweise breiteten sich die Häuser nämlich eindimensional aus: Wurde es zu eng, baute man ein Trullo neben das vorhandene und verband sie miteinander. Auf diese Weise entstanden die Trulli-Drubbel, die man immer wieder sieht. So richtig in die Höhe geht der Trullo Sovrano, der mit zwölf der konischen Kuppeln bis zu 14 Metern hoch ist - und irgendwie gar nicht romantisch (und eigentlich auch nicht mal imposant) aussieht.

Santi Medici Cosma e Damiano
Santi Medici Cosma e Damiano
Das Haus steht auf der anderen Seite von Alberobello neben der Kirche Santi Medici Cosma e Damiano, der Wallfahrtskirche der Medici. Die ist ehrlicherweise nicht als Trullo getarnt, sondern empfängt den bergan steigenden Besucher mit einer neoklassizistischen Fassade aus dem Jahr 1885. Die Kirche selbst ist älter: Seit 1635 wurde an ihr gebaut, und Spuren der Renaissance entdeckt man vor allem in ihrem Innern. An den beiden Türmen gibt es eine Sonnenuhr und eine analoge normale Uhr, die sehr unterschiedliche Zeiten anzeigen - man kann hier sozusagen auch pünktlich kommen, wenn man zu spät ist.

Alberobello
Alberobello
Auf dem Weg dahin kommt man durch eher ursprüngliches Trullligebiet. Keine Häkelwarengeschäfte, kein Touristennepp - wunderbar. Das Museo del Territorio klärt viele Fragen rund um die Trulli. Es besteht aus etwa 20 Trulli, in denen man auch erfährt, was die großen weißen Zeichen auf den Schindeln der Dächer bedeuten, und wie vielfältig die Abschlusssteine der Dächer, die Pinnacoli, gestaltet sind.

Die Trulli von Alberobello gehören seit 1996 zum UNESCO Welterbe - und auch wenn sie kommerzialisiert werden, kommt dort kein Mensch auf die Idee, das Gesamtbild durch irgendwelche Baumaßnahmen zu zerstören. So dumm sind nämlich nur die Dresdner, die kräftig weiter an ihrer Waldschlösschenbrücke bauen und damit riskieren, den Titel zu verlieren und in die Welterbe-Geschichte einzugehen als Ignoranten und Arroganten. Aber das ist eine andere Geschichte...

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July 7, 2008

Spaziergänge im Welterbe (5)

Mit dem Dampfer nach Pillnitz und zurück (Erster Teil)

Krippen
Krippen
Unser heutiger Spaziergang ist etwas für Dampfschiffliebhaber(innen) und Fußlahme: Eine abendliche Schlösserfahrt vom Terrassenufer in Dresden nach Pillnitz, dort nicht aussteigen, denn es geht sofort zurück.

Unterwegs erzählt Matz Griebel allerlei Wissenswertes, und er tut es so, als ob er da oben auf der Brücke des Dampfers stünde. Tut er aber nicht, er steckt in den Lautsprechern und kommt aus der Konserve. Matz Griebel  - für all diejenigen, die dem Link im vorherigen Satz nicht gefolgt sind - ist ein Dresdner Original und der ehemalige Chef des Stadtmuseums. Sein Trick bei der Aufnahme ist, dass er offensichtlich ganz ohne Manuskript, sondern nur mit dem Kopf voller Wissen, so eine Dampferfahrt mitgemacht hat und live erzählt hat, was ihm einfiel. Sehr symphatisch und alles sehr gut vermittelt. Besonders die nicht rausgeschnittenen Pausen, die Ähms und die gelegentlichen Versprecher machen es sehr authentisch!

Wir haben natürlich trotzdem die Hälfte (oder mehr) vergessen, weil die Bordgastronomie wir uns angeregt unterhalten und Bilder gemacht haben. Zur Strafe müssen wir nun selbst recherchieren und dürfen es dann dem Matze vorlegen.

Zwinger - Theaterplatz - Hofkirche

Zwinger
Zwinger
Unsere Tour beginnt, weil das Licht sooooo schön ist, mit einem klitzekleinen Spaziergang durch den Zwinger. Da ist das Licht sommertags eh ganz früh morgens oder eben am Abend am besten - um die Mittagszeit liegt nämlich die Seite mit dem Kronentor entweder im Gegenlicht oder im Schatten des gegenüber liegenden Staatsschauspiels und die Sempergalerie liegt entweder im Schatten oder im gleißenden Licht - beides dumm.

Aber wir sind ja schlau und gehen abends. Durchs Kronentor rein, zur Mitte der Anlage, zum Glockenpavillon (mit Taschenbergpalais im Hintergrund), zurück zur Mitte mit Fontänen im Gegenlicht und raus durch das Tor der Sempergalerie, wo uns schon ein Reiter erwartet. Also kein richtiger, sondern einer auf dem hohen Ross eines Denkmals.

Johann-Denkmal
Johann-Denkmal
Dieser Eine ist König Johann von Sachsen, das Denkmal ist von Johannes Schilling. Einer, der sich mit beiden beschäftigt hatte, meinte einmal lakonisch: Johann war besser als dies Denkmal. Aber so ist das: Johann ist tot, das Denkmal überlebt. Dieser Johann hatte zu Lebzeiten unter anderem unter seinem Pseudonym Philalethes Dantes Göttliche Komödie übersetzt - und zwar so gut, dass man das Buch in seiner Übersetzung noch heute kaufen kann.

Das Denkmal ist, egal wie man über die Qualität urteilt, ein deutlicher Punkt auf dem Theaterplatz, an dem man sich gut verabreden und auch einmal rundum blicken kann. Blick zurück, ganz ohne Zorn: Die Sempergalerie ist wie die auch hier verweilende Oper nach ihrem Baumeister Gottfried Semper benannt. Am 25. September 1855 eröffnete das “Neue Königliche Museum zu Dresden”, wenn auch nicht so bombastisch wie Semper das eigentlich geplant hatte. Dafür hat das Haus innere Werte: Wer die beiden süßen Engel kennt, die man überall in der Welt sieht, weiß es vielleicht nicht: Aber die sitzen zu Füßen der Sixtinischen Madonna vonRaffael - und das Bild hängt in den Alten Meistern in der Sempergalerie. Wenn's regnet: Auf jeden Fall reingehen. Wenn's Wetter gut ist - abwägen. Unter zwei Stunden kommt man da nicht raus, denn es gibt noch allerlei mehr zu sehen. Hier trifft sich, was Rang und Namen hat: Spanier, Italiener, Holländer! Namen gefällig? Bitte: Raffael, Giorgione und Tizian, Rubens, van Dyck, Rembrandt und Vermeer, Dürer, Holbein und Cranach. Und natürlich Canaletto mit seinen riesigen Vedouten. Also: Auch wenn die Sonne scheint, eigentlich müsste man das mit einplanen!

Genug zurück geblickt, nun wieder vorwärts. Zur Linken die Semperoper, zur Rechten die Hofkirche und das Schloss sowie - gerne vergessen, weil irgendwie untypisch für Dresden, die Schinkelwache. Das kleine Stückchen Berliner Klassizismus steht irgendwie verloren inmitten des Dresdner Barocks herum - aber es hat zwei wichtige Funktionen: Man kann dort Karten für die Semperoper kaufen (oder erfahren, dass es keine mehr gibt) - und man kann da Kaffee trinken.

Hofkirche
Hofkirche
Das Schloss ist natürlich einen eigenen Besuch wert, die Kathedrale auch - aber dafür ist natürlich keine Zeit mehr, denn um sieben legt ja der Dampfer ab. Also hirschen wir zwischen Schloss und Kirche hindurch, nicht ohne einmal links hoch zu sehen und etliche der 78 Heiligenstatuen des italienischen Bildhauers Lorenzo Mattielli zu betrachten. Schloss und Kirche sind mit einem gang verbunden - der wurde wirklich genutzt, es ging für Majestät direkt in die Königsloge der Kirche.

Ein anderer Übergang zwischen Schloss und Taschenbergpalais auf der gegenüberliegenden Seite ist allerdings ein Fake, auch wenn die rührselige Geschichte der meisten Städteführer so gut klingt. Die erzählen nämlich gerne, dass hier August der Starke immer schnell mal rübermachte zu seiner Geliebten, der Gräfin Cosel. Aber erstens gab es den Teil des Taschenbergpalais damals noch gar nicht - und zweitens merkt man bei genauem Hinsehen auch, dass diese Brücke zwischen den Häusern auf Taschenbergseite genau zwischen zwei Stockwerken ankommt: Sie sollte nur schön sein und die beiden Gebäude zum Ensemble verbinden.

Wir also durch den echten Durchgang hindurch, rechts ein Blick zur Konkurrenz: Am anderen Ende des Fürstenzuges sieht man die Frauenkirche, dann runter zum Terrassenufer. Dort wartet bereits die Krippen, einer der neun Schaufelraddampfer der Weißen Flotte.

(wird fortgesetzt)

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July 11, 2008

Spaziergänge im Welterbe (6)

Mit dem Dampfer nach Pillnitz
(Fortsetzung)

Dampfmaschine
Dampfmaschine
An Bord der Krippen geht es irgendwie gemütlich zu. 110 Leute passen passen auf Vorder- und Achterdeck, das ist ja noch recht übersichtlich. Die Krippen ist dampfgetrieben, aber – wie bei allen Schiffen der weltweit größten Schaufelraddampferflotte bis auf die Diesbar – die Maschine wird nicht mehr mit Kohle geheizt. Wer auf der Diesbar mal gesehen hat, was für eine Knochenarbeit das ist, gönnt es den Männern – obwohl man als Fotograf natürlich auf der Diesbar noch mehr Motive findet!

Frauenkirche
Frauenkirche
Wenn der Dampfer ablegt, sieht man gleich einige Highlights - die man sonst so nicht mitbekommt. Die Kuppel der Frauenkirche schwebt über den Dächern der Kunstakademie - und im richtigen Augenblick tanzen die Putten am Dachrand der Akademie quasi bodenlos frei um die Laterne der Frauenkiche. Dann geht's vorbei an der Hochschule für Bildende Künste. Constantin Lipsius erbaute 1887 bis 1894 das Gebäude mit der markanten Glaskuppel: Die ist auch als Zitronenpresse bekannt und war nach dem Weltkrieg mit der Zerstörung Dresdens die einzige Kuppel in der Stadtsilhouette - jetzt steht sie wieder im Dialog mit dem Sandstein der Kirche. Für Sekunden der Vorüberfahrt rücken die beiden eng zusammen und unterhalten sich sozusagen auf Augenhöhe.

Dresdner Dächer
Dresdner Dächer
Das Schiff unterquert die erste Brücke - die Carolabrücke. Im Innenstadtbereich stehen drei Brücken nah beieinander: Von der Marienbrücke (über die die Eisenbahnen fahren, wenn man bis oder vom Hauptbahnhof fährt) bis zur Augustusbrücke (die von der Hofkirche abgeht) sind es etwa 793 Meter, von dort entlang der Brühlschen Terrasse bis zur Carolabrücke etwa 487 Meter, wir bewegen uns gerade zur dritten, der Albertbrücke: 569 Meter. Danach kommt erst mal viereinhalb Kilometer keine Brücke bis zum Blauen Wunder.

Die Stadtplaner wollen, dass sich das ändert: In Höhe des Waldschlösschens (einer Brauerei, wo man nett drinnen oder draußen sitzen und den Haustrunk genießen kann) soll eine neue Brücke entstehen, die Waldschlösschenbrücke. Um die gibt es seit Jahren elendig viel Streit - so viel, dass sogar die Wikipedia zwei Beiträge über den Dresdner Brückenstreit und die Waldschlößchenbrücke braucht...

Der Streit ist kaum sauber nachzuerzählen, er teilt die Dresdner Bevölkerung in Befürworter und Gegner - aber von was? Es gab mal einen Bürgerentscheid, in dem sich eine Mehrheit der Wahlgänger für eine Brücke dort aussprach. Und es gibt den Titel "Welterbe" für das Elbtal bei Dresden, das mit seinen Auen im Innenstadtbereich und den Weinhängen schon eine sehr einmalige Angelegenheit bildet. Dass im Zentrum neben der Natur-Kultur auch noch menschgemachte Kultur hinzukommt und die beiden sich aufs Feinste ergänzen, ist sicher auch ein Teil des Charmes, den diese Stadt hat und der zur Verleihung des Welterbe-Titels führte.

Nun sagt aber die UNESCO: Die Brücke, die ihr da plant, zerstört die Landschaft, und wir erkennen euch den Titel ab, wenn ihr nicht die begonnenen Baumaßnahmen einstellt und den alten Zustand wieder herstellt. Und da haben wir also: Volksentscheid gegen UNESCO-Votum. Und als Würze Naturschützer, die die Kleine Hufeisennase in dem Gebiet ausgemacht haben und ihren Schutz fordern.

Waldschlösschenbrücke
Waldschlösschenbrücke
Argumente werden hin- und hergebrüllt (leise Argumente gibt es kaum in diesem Streit, hat es den Anschein) - und eine Lösung ist angesichts der Gemengelage demokratischer Prozesse, richterlicher Sprüche und gesunden Menschenverstandes auch nicht wirklich einfach. Zu leicht machen es sich allerdings all diejenigen, die sagen: Wir lassen uns von der UNESCO nicht erpressen, dann sollen sie uns doch den Titel nehmen! Denn wer beim Spiel "Welterbe" mitspielt, macht das aus eigenem Antrieb (die Stadt Dresden hatte sich beworben) und erkennt damit die Spielregeln an - und zu denen gehört, dass der Verleiher des Titels aufpasst, dass auch alles so bleibt, wie es gelobt wurde.

Das alles (und noch viel mehr) geht mir durch den Kopf, als wir am Waldschlösschen vorbei dampfen. Die Baustelle ist deutlich zu erkennen - und es ist schon traurig anzusehen, wie hier die Landschaft kaputt gemacht wird. (Ich war übrigens beim Volksentscheid für die Brücke, weil ich glaube, dass eine Stadt mit einem Fluss in ihrer Mitte Brücken braucht. Aber erstens wusste ich nicht, wie mächtig und wenig elegant die Brücke sein soll - und zweitens hatte uns Wählern keiner gesagt, dass wir mit der Brücke letztlich gegen das Welterbe stimmen. Wer sich also heute auf das Ergebnis von damals beruft, kann auch daneben liegen - Meinungen können sich ändern angesichts höherer Ziele!)

Damit diese Folge nicht so nachdenklich-ernst endet, schippern wir noch ein wenig stromauf, vorbei an Badenden (ja, das geht wieder in der Elbe, auch wenn es mir keinen Spaß machen würde bei der geringen Tiefe und den Kieseln). Wer jetzt an den Bug des Schiffes geht, sieht linker Hand mit der nächsten Elbbiegung die drei Elbschlösser vor sich - und die Saloppe.

Saloppe
Saloppe
Die Saloppe ist ein schöner Industriebau: 1875 ging hier das erste Dresdner Wasserwerk in Betrieb. Damals gab es Trinkwasser - heute kommt aus dem Uferfiltrat nur noch Betriebswasser für Infineon im Norden der Stadt. Die eigentliche Bedeutung der Saloppe für die Stadt liegt für viele aber auf ganz anderem Flüssigkeitsgebiet: Die Saloppe ist eine wunderbare Sommerwirtschaft. Kann es sein, dass hier die ersten Afterwork-Parties der Nachwendezeit in Dresden gefeiert wurden? Ich glaub schon. Auf jeden Fall passt das: Die Saloppe war nämlich früher weit mehr als ein Wasserwerk. Ein großer Bau, nicht ganz zu Unrecht als "viertes Ebschloss" tituliert, gilt als die älteste Schankwirtschaft Dresdens...

(wird fortgesetzt)

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July 12, 2008

Spaziergänge im Welterbe (7)

Nach Pillnitz (nun wirklich) und zurück!

(Fortsetzung)

Seemannsgarn
Seemannsgarn
Gleich hinter der Saloppe muss man immer nur nach rechts gucken, wenn man alles verpassen will. Da sieht man weite Elbwiesen, sonntags irre viel Menschen (laufende und radelnde, mit und ohne Hund, mit und ohne Familie) - und das war's. Links hingegen, das erwähnt auch Matz Griebel in seiner charmanten Art während der Elbfahrt, löst ein Höhepunkt den nächsten ab: Die Elbschlösser! Dinglingers Weinberg! Der Weiße Hirsch und Loschwitz mit Schwebe- und Standseilbahn! Also: Stromauf fahren = links sitzen = viele Fotomotive.

Die Elbschlösser haben wir ja schon zu Fuß erkundet - und die noch schöneren Bilder mit Distanz ergeben sich bei einem weiteren Spaziergang am (in Fluss-Richtung) linken Ufer. Aber wenn das nicht klappt, sieht man Albrechtsberg (mit dem Weingut vom Winzer Müller kurz vorher), das Lingnerschloss und Eckberg auch vom Dampfer aus ganz gut. Wer übrigens rechts sitzt und denkt: da bin ich ja auf dem Rückweg auf der richtigen, auf der rechten Seite - der hat zwei Dinge vergessen: Erstens ist es auf dem Rückweg schon dunkel - und zweitens sind die Dampfer stromab echt speedy und machen es einem nicht leicht, sich alles genüsslich anzusehen.

Aber wir sitzen ja auf der richtigen Seite und können ergo genießen! Die vielen Weinreben, die man sieht, sind übrigens teils eine recht junge Wiederaufrebung. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Elbhänge bei Dresden mit Wein bewachsen. Dann kam die Reblaus und naschte sich – zum Ärger der Winzer und zur Freude der Grundstück-Spekulanten – durch die Weinberge. Das Aus für die Weinwirtschaft bedeutete Aufschwung im Villenbau, in bevorzugter und von der Sonne verwöhnter Lage.

Nun wird also, wo es noch geht, wieder aufgerebt, was dem Hang gut bekommt. Pessimisten sehen im Bau der Waldschlösschenbrücke übrigens den Anfang vom Ende sensiblen Bauens und fürchten, dass dann auch das letzte Grün vom Elbhang verschwindet und man die Grundstücke zur Bebauung, schlimmer noch: zur rentablen mehrstöckigen Bebauung freigibt. Mit fehlendem Welterbetitel geht das natürlich einfacher.

Dinglingers Weinberg
Dinglingers Weinberg
Dinglinger's Weinberg heißt so, weil ab 1692 der Goldschmied Johann Melchior Dinglinger sich hier ein Landhaus als Sommerwohnsitz errichten ließ. Dinglinger und seine beiden Brüder Georg Friedrich und Georg Christoph betrieben für August den Starken von 1692 bis 1731 eine der bedeutendsten Goldschmiede-Werkstätten Europas. Sie schufen dabei so wertvolle Schätze wie das „Goldene Kaffeezeug“, das „Bad der Diana“ und den „Hofstaat zu Dehli am Geburtstag des Großmoguls Aureng-Zeb" - im Grünen Gewölbe kann man sich diese Kostbarkeiten ansehen.

Die Hangbebauung wird dichter, das ist der Stadtteil "Weißer Hirsch". Um 1900 herum hatte der Hirsch einen weltweit guten Ruf wegen der Sanatorien dort oben, die Bebauung ist entsprechend großzügig. Ein Haus am Hang fällt besonders auf: Die Sternwarte, die zum Forschungsinstitut Manfred von Ardenne gehört. Hier forschte Manfred Baron von Ardenne, ein Multitalent mit "rund 600 Erfindungen und Patente in der Funk- und Fernsehtechnik, Elektronenmikroskopie, Nuklear-. Plasma- und Medizintechnik" (Wikipedia).

Blaues Wunder
Blaues Wunder
Voraus das Blaue Wunder! Ein wenig erinnert es an den Eiffelturm, aber der ist ja nicht blau und steht zudem aufrecht. Doch die Ähnlichkeit kommt nicht von ungefähr: Das Blaue Wunder stammt aus der gleichen Zeit. Am 15. Juli 1893 wurde die Brücke eingeweiht. Doch so ganz traute man damals dem Brückenschlag zwischen Loschwitz und Blasewitz ohne Pfeiler in der Elbe nicht, das Foto der Belastungsprobe mit Fuhrwerken und mutigen Anwohnern zeigte durchaus zweifelnde Gesichter. Die Spannweite des Bauwerkes beträgt 280 Meter, zwischen den Trägertürmen 146 Meter. Die Brücke hielt der Belastung stand – schnell hatte der Volksmund die damals offiziell nach dem regierenden König Albert benannte Brücke umgetauft: Blaues Wunder! Bis 1923 kostete eine Überquerung übrigens noch Brückenzoll: Fußgänger, Radfahrer, Straßenbahn-Fahrgäste sowie Hühner und Gänse zahlten je drei Pfennig.

Direkt vor und auch hinter dem Blauen Wunder lohnt sich auch ein Blick nach rechts: Da liegt Blasewitz, das Schiller im Wallenstein beiläufig erwähnte ("Was? Der Blitz! Das ist ja die Gustel aus Blasewitz!"). In Blasewitz gibt es drei gastronomisch besuchenswerte Einrichtungen: Die Villa Marie - die sieht nicht nur sehr italienisch aus, sondern ist auch so. Nicht preiswert, aber sehr gutes Vitello Tonnato und eine schöne Lammkeule - und immer wichtiges Sehpublikum. Hier treffen sich gerne Professoren mit ihren Studentinnen, man sieht Künstler und Anwälte und freut sich, dass es hier fast so ist wie in der Toskana. Nur dass die keine Elbe und keinen Blick aufs Blaue Wunder haben dort! Direkt neben der Villa Marie ist das Café Toscana. Wer (noch) einmal vornehme alte Damen beim Kaffeekränzchen sehen will, hat hier große Chancen! Der dritte Ort im Bunde ist der Schillergarten - auf der anderen Straßenseite, gleiche Elbseite - man kann unter der Brücke durch. Ein toller Biergarten an einem Ort, wo es seit siebzehnhundertdunnekirchen schon ein Gasthaus gab. Das Publikum dort ist kunterbunt - bei unserer Dampferfahrt verließ Georg Milbradt, da schon nicht mehr Ministerpräsident des Landes Sachsen, den Dampfer, um mit ein paar übrig gebliebenen Parteifreunden einen trinken zu gehen.

Loschwitzer Elbhang
Loschwitzer Elbhang
Wir blieben an Bord, sahen nach links und erfreuten uns am Loschwitzer Elbhang mit der Schwebebahn. Aus dem Fenster eines eher unscheinbaren Hauses am Hang winkte die Oma einer Mitreisenden dem Schiffe zu - Dresden ist eben ein Dorf, in dem man sich kennt.

Bei der Weiterfahrt bleibt es erst einmal links interessant - mit dem Elbdorf Wachwitz und dem Fernsehturm. Das ist aber ein Ziel eines eigenen Welterbe-Spaziergangs, deswegen dazu später mehr. Der Elbhang ist nun wieder mehr bewaldet als behaust, was ihm sehr gut steht. Am anderen Elbufer passieren wir Laubegast und die Schiffswerft, gucken aber schon wieder nach links, weil hier eine Kirche Farbe bekennt. Maria am Wasser lässt eine Welterbe-Fahne aus dem Fenster hängen und bekommt dafür an dieser Stelle Applaus! Klapp klapp klapp...

Pillnitz mit Elbsandsteingebirge
Pillnitz mit Elbsandsteingebir…
Voraus erkennt man im Abenddunst das Elbsandsteingebirge. Bis dahin kommen wir heute nicht mehr, unser Ziel ist aber auch schon sichtbar: Schloss Pillnitz. So haben sich die Menschen China vorgestellt, als noch kaum jemand da gewesen war: Phantasievolle Exotik! Für August den Starken bildete Schloss Pillnitz den “indianischen Auftakt” einer auf 24 Lustschlösser angelegten Konzeption königlicher Zerstreuung, für die da schon nicht mehr Geliebte Gräfin Cosel war der zwangsverordnete Umzug vom Taschenbergpalais nach Pillnitz der Anfang vom langen Ende auf Burg Stolpen.

Schloss Pillnitz
Schloss Pillnitz
Matthäus Daniel Pöppelmann lieferte die Entwürfe, die ihre Vorbilder sowohl in der Toranlage zum Palast des Kaisers von China als auch im Palastbau von Venedig haben sollen. An August erinnert heute noch die Gondel, die ihm der Annäherung an Pillnitz über die Elbe diente, an die Cosel nichts mehr. Das Schloss ist einen Besuch wert - aber der Dampfer der Abendtour hält nur zum Aus- und Einsteigen, also bleiben wir drauf und besuchen das Schloss ein anderes Mal.

Sonnenuntergang über der Elbe
Sonnenuntergang über der Elbe
Vor Pillnitz liegt eine Elbinsel im Strom - für Menschen freundlicherweise gesperrt. Die Schiffe nutzen den Arm am Schloss entlang, dampfen noch ein wenig stromauf - und drehen dann. Zurück geht's dannn mit reichlich Geschwindigkeit - wenn man Glück hat, dampft es einen in einen wunderbaren Sonnenuntergang hinein.

Bei der Ankunft in Dresden hat die Blaue Stunde, die ja leider immer nur 15 bis 30 Minuten dauert, gerade eingesetzt - ein Spaziergang über den Theaterplatz und durch den Zwinger ist jetzt eigentlich ein Muss!

Hofkirche mit Hausmannsturm
Hofkirche mit Hausmannsturm
Zwinger mit Taschenbergpalais
Zwinger mit Taschenbergpalais
Zwinger
Zwinger
 

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July 19, 2008

Spaziergänge im Welterbe (8)

Im historischen Zentrum: Zwinger

Zwinger
Zwinger
Wer das erste Mal nach Dresden reist, kommt natürlich nicht um die klassiche Tour herum: Zwinger, Semperoper, Hofkirche, Brühlsche Terrasse, Frauenkirche - und wenn Zeit ist, Synagoge und Terrassenenufer. Wir gehen nirgendwo rein, denn das würde aus dem einstündigen Spaziergang mindestens eine Tagestour machen - vielleicht auch eine Zweitagestour, aber das ist nicht weiter schlimm, denn gegen Abgabe eines geringen Taschengeldes kann man es sich ja im Taschenbergpalais gemütlich machen und auf den Spuren der Gräfin Cosel pennen.

Beginnen wir im Zwinger! Zwinger nennt man im Festungsbau den Raum zwischen äußerer und innerer Festungsmauer. Der Zwinger in Dresden hat auch so begonnen – bis August der Starke sich 1709 eine Orangerie für frostempfindliche Pflanzen wünschte. Die Militärs äußerten Bedenken: Das sei nicht die Funktion eines Zwingers! Aber es sollte – aus der Sicht der Offiziere – noch schlimmer kommen: Ab 1711 wurde der Zwinger zum Festplatz ausgebaut! Der Plan sah eine gigantische Anlage vor, die sich bis zur Elbe ziehen sollte. Matthäus Daniel Pöppelmann, ein Westfale, baute den Zwinger und prägte damit den Sächsischen Barock. Verwirklicht wurde der ursprünglichePlan übrigens nicht nicht, doch mit den vier rechteckigen und zwei ­runden Pavillons entstand im Laufe der Zeit ein Meisterwerk des Barock. Eine „Faschingslaune der Architektur“ nannte der Kunsthistoriker Wilhelm Lübke den Zwinger einmal, und er verband mit dem Begriff Fasching nur Gutes! Im Zwinger steckt so viel Kunst, so viel Sehenswertes innen wie außen, dass ein gemütlicher Spaziergang durch Glockenspielpavillon, Kronentor und Nymphenbad eigentlich nur ein Appetit­anreger ist.

Glockenspielpavillon
Glockenspielpavillon
Durch den Glockenspielpavillon betreten wir den Zwinger - und wissen gleich nicht, wohin mit den Augen: Voraus, um das atemberaubende Panorama der Anlage zu genießen? Oder umgedreht und Augen hoch zu den Glocken, die zwar immer nur kurz spielen - aber dafür aus Meißner Porzellan sind, was man ja so oft auch nicht findet.

Gegenüber vom Glockenspielpavillon sieht man in etwa 200 Metern Entfernung den Wallpavillon, unser nächstes Ziel. Links (meist im Gegenlicht, es sei denn man ist Frühaufsteher oder es regnet, aber dann gibt es gar kein gutes Licht zum Fotografieren!) das Kronentor, rechts die Sempergalerie, die bei entsprechender Zeit unbedingt einen Besuch lohnt.

Beim Quicki durch die Alten Meister sehen wir Raffaels Sixtinische Madonna (die von den Kunstbanausen weltweit auf die beiden kleinen Süßen am unteren Ende des Bildes reduziert wird), ein wenig Rubens und ganz viel Canaletto, der seit 1747 Hofmaler war und monatlich ein Bild abliefern musste. Er ließ sich nicht lumpen und wählte trotz des Stresses ein großzügiges Format voller Details. Canalettos Stadtansichten sind erstens in Ermangelung der damals noch nicht erfundenen Fotografie ein nettes Abbild der Zeit und zweitens neben der Detailliebe auch noch humorvoll arrangiertes Stilleben. Wer Dresden – das ja nicht umsonst Elbflorenz genannt wird und klimatisch (sehr zur Freude der Winzer in der Gegend) durchaus nennenswerte Durchschnittstemperaturen zu bieten hat – wer also Dresden bei Regen erwischt, kann sich bei Canaletto die Sonne zumindest in den Sinn holen.

Wallpavillon
Wallpavillon
Der Wallpavillon ist einer der drei Hingucker im Zwinger (das Glockenspiel und das Kronentor sind die beiden anderen). Die Literatur ist sich einig: Das ist der bauliche Höhepunkt der Anlage! Balthasar Permoser, der Hofbildhauer, konnte sich hier richtig austopben und schuf Weltklasse. Den Hercules Saxonicus, der den Pavillon mitsamt der Weltkugel krönt, hat er als einziges Werk im Zwinger signiert. Wer will, kann hier reichlich Götter und noch mehr Sagengestalten von Aphrodite bis Zeus entdecken.

Eine Treppe führt durch den Pavillon hinauf auf die Gallerien. Das Nymphenbad, eigentlich ein von vielen Touristen kaum entdecktes Muss, wird derzeit runderneuert, so dass dieser lauschige Platz der Ruhe inmitten der Stadt gerade nicht zur Verfügung steht - und auch die Putti mit ihren knackigen Hintern sind in den Werkstätten, um entsalzt, gereinigt und konserviert zu werden.

Einmal oben auf dem Zwinger sollte man die Langgalerie entlang zum Kronentor schlendern und von dort aus herrliche Blicke genießen: Zu Zwingerteich und -graben (ja, es war eine Wehranlage - da macht sich Wasser immer gut!), zum Staatsschauspiel, , auf die goldene Krone (August der Starke war König von Polen!), in den Zwinger hinein auf die Sempergalerie, am Glockenspielpavillon vorbei hinüber zur Frauenkirche.

Wenn es dabei im Auge ein wenig sticht und schmerzt, dann liegt das sicher an der gerade entstehenden Überdachung des Schlosshofes: ein Stahl-Glas-Kuppeldach versaut die gesamte historische Dachlandschaft der Stadt aufs Unangenehmste, und ich frage mich: wer konnte das genehmigen, wo sich die Stadt doch sonst so engagiert um den Denkmalschutz kümmert?

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July 20, 2008

Spaziergänge im Welterbe (9)

Im historischen Zentrum: Theaterplatz

Johann-Denkmal
Johann-Denkmal
Steht man in der Mitte des Zwingers, kann man die ganze Pracht der Anlage noch einmal genießen. Wir verlassen den Zwinger nun aber - und plötzlich steht sie vor dir: Die Sächsische Staatsoper Dresden, kurz „Semperoper“. Am Theaterplatz mit dem Reiterdenkmal von König Johann (der unter seinem Pseudonym Philaletes Dantes „Göttliche Komödie“ nach Meinung von Fachleuten hervorragend übersetzt hat) kumuliert das alte Dresden: Die Semperoper (seine zweite am Platz, Nummer eins brannte 1869 ab) wurde wie fast alles im Februar 1945 ein Opfer der Bomben. Wiedereröffnet exakt 40 Jahre nach der Katastrophe am 13. Februar 1985, ist sie jetzt nicht zuletzt durch den Bierwerbespot ein Muss für alle Touristen – wobei denen, die zu Hause nie in die Oper gehen, die musikfreien Führungen tagsüber empfohlen seien, weil die sehenswerte Architektur die gleiche ist wie während der Aufführung…

Richtung Elbe liegt das „Italienische Dörfchen“, eine Gaststätte. Zu ihrem Namen kam sie, weil in der augusteischen Zeit dort Baubuden standen, in denen die der Steinmetze aus Italien wohnten, die die Hofkirche bauten. Architekt Gaëtano Chiaveri und seine Bauleiter kamen ebenfalls aus Italien: Des starken August Sohn – Friedrich August II. – hatte sie gerufen, um Sachsens größte Kirche (und Dresdens letzten Barockbau) zu errichten. Die Dresdner, so scheint‘s, hatten mit den Zugereisten allerdings offensichtlich Probleme: Nach zehn Jahren Bautätigkeit reiste Chiaveri mit dem Gefühl ungenügender Unterstützung ab.

Seine jetzige Form erhielt das Italienische Dörfchen übrigens erst Anfang des 20. Jahrhunderts – ebenfalls von einem Nicht-Dresdner, nämlich vom Bamberger Hans Erlwein, der auch an anderen Stellen der Stadt beachtliche Spuren hinterlassen hat. Wo früher die Steinmetze wohnten, gibt‘s heute Gastronomie für alle – auch italienisch geprägte: eine späte Verneigung vor den Namensgebern des Ensembles?

Nett wär‘s ja und eine richtige Geste allemal. Zumal es gerade ein Wesenszug von in Dresden Geborenen zu sein scheint, dass eben nur gebürtige Dresdner das richtige Gefühl für die Stadt entwickeln können – was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, wie viele Zugereiste das Stadtbild wesentlich geprägt haben und einen klanghaften Namen hinterließen: Der Zwinger von Pöppelmann (aus Westfalen!) und Permoser (ein Oberbayer, der zuvor in Italien gearbeitet hatte), die Oper von Semper (ein Hamburger), die Kirche von Chiaveri. Am Schloss haben naturgemäß über die Jahre so viele rumgemährt, dass es sich verbietet, nur einen Namen zu nennen. Das Taschenbergpalais, das unser nächstes Ziel ist, ist das Werk der Westfalen Karcher und Pöppelmann, und das neue Haus am Zwinger dahinter vom Wiener Architekten Heinz Tesar.

Die Geschichte des Taschenbergpalais erzählt sich immer besonders gut, und weil sie etwas länger währt, könnte man die Chance nutzen und hineingehen: Das Palais ist nämlich mittlerweile ein Hotel mit Cafés und Gaststätten. Vom schnellen Espresso in der Kaffeebar über den vornehmen Kaffee oder Fünf-Uhr-Tee im Vestibül des Hotels mit Blick auf das Pöppelmannsche Treppenwunder (eine doppelläufige Anlage, die den Bombenangriff im Februar 1945 halbwegs überstand und beim 250 Millionen Mark teuren Wiederaufbau zum Hotel originalgetreu einbezogen wurde), vom urig-deftigen Essen nach bayerischer Art im Paulaner‘s oder im Sophienkeller (mit echten alten Stadtmauern und Gewölben aus dem 13. Jahrhundert sowie nachgebautem „Zeithainer Lager“ aus augusteischen Zeiten) bis zum hoteleigenen Restaurant Intermezzo ist für nahezu jeden Geschmacksnerv (und unterschiedlich voluminöse Geldbeutel) etwas dabei.

Wir sitzen also nun in dem Palais, das August der Starke seiner Gräfin Cosel erbauen ließ. Die Cosel war nicht die Frau des Kurfürsten, sondern - so etwas war seinerzeit nicht unüblich - seine Mätresse. Anders als heutzutage die heimlichen Geliebten waren das durchaus akzeptierte Nebenfrauen. Die Cosel, die August einem seiner Minister ausgespannt hatte, ertrotzte sich sogar einen richtigen Ehevertrag. Der half ihr allerdings, als die Liebe des potenten Potentaten vorbei und die Interessenslage des Königs von Polen sich verändert hatte, auch nicht mehr – und so landete die Gräfin Cosel auf Burg Stolpen, knapp 30 Kilometer Richtung Elbsandsteingebirge von der Residenz entfernt, im Gefängnis. Das war, auch wenn es sich heute wunderbar restauriert und publikumsnah gestaltet präsentiert, kein Zuckerschlecken!

Die besten Tage ihres Lebens aber verbrachte Gräfin Cosel im Taschenbergpalais – dem Palais, das August ihr zu Ehren hat bauen lassen. Die Verbindung, die es heute zwischen Schloss und Palais gibt, wurde übrigens wie der gesamte Ostflügel erst später errichtet, so dass die nette Geschichte vieler Stadtführer, dass August nächtens über diesen Gang zu seiner Geliebten schlich, leider nur als gut erfunden eingestuft werden muss.

Wirklich lustig allerdings ist, dass der Frauenheld den Bau doppelt bezahlt hat: Einmal beim eigentlichen Bauen, dann später nochmal, als er die Cosel rausgeworfen hatte und das Palais für sich wieder haben wollte (soviel gab der Vertrag dann doch her): Rückkaufen hat also auch Tradition hierzulande.

Auch nach dem unfreiwilligen Auszug der Cosel erlebte das Taschenbergpalais gute Zeiten, mit An- und Umbauten. So entstand in Dresdens erstem barocken Palais einige Jahre später eine Hauskapelle, die als Höhepunkt des Rokoko in Dresden gefeiert wird. Beim Wiederaufbau des Palais (1992–1994) hat man die Kapelle in den Ausmaßen erhalten, aber nicht dem Überschwang des Rokoko nachempfunden: Schlicht gestaltet steht sie als Teil des Hotels für Tagungen zur Verfügung.

Auf dem Weg vom Taschenbergpalais Richtung Elbe lassen wir das Schloss erst einmal rechts liegen. Linker Hand die Schinkelwache ist eine passable Adresse, um mit Blick auf die Oper auszuruhen und einen Kaffee oder ein Glas Wein zu trinken. Außerdem gibt es hier Karten für die Oper - wenn es noch welche gibt. Die Schinkelwache wurde 1830-1832 von Joseph Thürmer nach Entwürfen des Berliner Architekten Karl Friedrich Schinkel erbaut - als Altstädter Wache. Es ist das einzige klassizistische Gebäude mitten im barocken Dresden.

Semperoper und Italienisches Dörfchen links liegen lassend, gehen wir die Stufen zum Flussufer hinab zu Marion. Marion ist ein Boot - mit einem feinen kleinen Theater und dem Restaurant Kahnaletto, in dem man nett italienisch essen kann (mittags übrigens erstaunlich günstig).

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July 25, 2008

Spaziergänge im Welterbe (10)

Im historischen Zentrum:

Hofkirche – Frauenkirche – Synagoge

Im Stadtzentrum finden sich drei bemerkenswerte Sakralbauten: Die Kathedrale, meist Hofkirche genannt, die Frauenkirche und die Synagoge.

Hofkirche
Hofkirche
Die (katholische) Kathedrale St. Trinitatis ist das erklärte Gegenmodell zur (protestantischen) Frauenkirche. Friedrich August II. holte dazu den italienischen Architekten Gaëtano Chiaveri, der sich seine Bauleiter ebenfalls aus Italien mitbrachte. Nicht weniger als Sachsens größte katholische Kirche entstand – und mit ihr Dresdens letzter Barockbau.

Die Dresdner, so scheint's, hatten mit den Zugereisten (die im „italienischen Dörfchen“ lebten) allerdings offensichtlich Probleme: Nach zehn Jahren Bautätigkeit reiste Chiaveri 1749 mit dem Gefühl ungenügender Unterstützung ab. Natürlich führten andere das Werk fort, so dass es 1754 vollendet werden konnte. Das Innere der Kathedrale ist hell und eher schlicht - zumindest auf den ersten Blick. Der optische Eindruck trügt: eine Silbermann-Orgel, eine Kanzel von Permoser, ein Hochaltar von Anton Raphael Mengs und andere wertvolle Ausstattungsgegenstände sind schließlich nicht ohne...

In 49 Sakophagen der Katholischen Hofkirche ruhen die katholischen Kurfürsten und Könige Sachsens sowie deren engste Verwandte. Von August dem Starken ist nur das Herz hier begraben – er wollte in Krakau begraben sein, aber sein Herz sollte in Dresden die letzte Ruhestatt finden.

Die Kathedrale, die nach Chiaveris Vorstellungen der besseren Wirkung wegen nicht die klassische Ausrichtung nach Osten hat, sondern schräg zur Augustusbrücke steht, nimmt eine Fläche von 4.800 Quadratmetern ein. 78 Steinfiguren, jede drei Meter fünzig hoch, schuf Lorenzo Mattielli: Die Apostel, Heilige und Kirchenfürsten schmücken die Ballustraden und Nischen der Kathedrale.

Frauenkirche
Frauenkirche
Über die Frauenkirche ist schon viel geschrieben worden. Am 20. Oktober 2005 wurde sie geweiht. Viele waren gegen den Wiederaufbau - und wer Dresden besucht und auch dagegen ist, wird meist beim Anblick bekehrt: Das “Wunder von Dresden” zieht die Menschen an und nimmt sie für sich ein. Wie die Zeit des Wiederaufbaus war, habe ich am Abend der Weihe aufgeschrieben - und in der März-Ausgabe des Photoblogs Magazine ist ein Beitrag auf englisch erschienen, der die ganze Geschichte gut zusammenfasst: Das Titelbild des Magazins zeigte ein detail aus dem Innern der Kirche. “The Return of a Baroque Church” ist der Beitrag überschrieben, der auf den Seiten elf bis 16 der PDF abgedruckt ist.

Das Innere der Frauenkirche ist alles andere als schlicht: Üppige Ausschmückungen, Gold und zartes Rosa dominieren - aber es wirkt zu keinem Moment kitschig (diese Gefahr besteht ja). Wie immer: Einschlägige Kunstführer sind besser für detaillierte Informationen, deswegen hier nur der Hinweis auf das Kreuz am Ausgang. Es ist das Turmkreuz, das nach dem Bombenangriff mit der Kuppel einstürzte und verbrannte. Ein Zeichen, das zum Nachdenken anregen soll und als Erinnerung an die Grauen aller Kriege bewusst in die Schönheit der Frauenkirche einbezogen.

Die neue Dresdner Synagoge steht nahe der ursprünglichen Synagoge, die nach Entwürfen und unter Leitung Gottfried Sempers 1838 errichtet wurde. Die Nazis hatten sie 1938 am 9. November zerstört. 63 Jahre später, am 9. November 2001, wurde die neue Synagoge geweiht.

Auf den ersten Blick erkennt man nicht, wie feinsinnig dieses Haus des Saarbrücker Architektenbüros Wandel, Hoefer, Lorch ist: 3.000 tonnenschwere Quader formen den 24 Meter hohen Beinahe-Würfel des 23 x 26 Meter großen fensterlosen Sakralbaus. Der massive Formstein erinnert an Sandstein – und an die Klagemauer Jerusalems. Der Kubus ist in sich gedreht – pro Steinlage um sechs Zentimeter. So kann trotz der nicht ganz korrekten Lage des Grundstücks der Kultraum der Synagoge nach Osten ausgerichtet sein. Ein Vorhang aus goldglänzendem Metallgewebe bildet diesen Kultraum und entspricht dem transportablen Stiftszelt für die Bundeslade, während die massive Außenwand den festgefügten salomonischen Tempel symbolisiert.

Das Eingangstor ist eine zweiflüglige Holztür von 2,2 Meter Breite und 5,5 Meter Höhe. Der vergoldete Davidstern über der (5,5 Meter hohen) Eingangstür ist das einzige gerettete Originalstück der Sempersynagoge. Der Dresdner Feuerwehrmann Alfred Neugebauer rettete ihn nach der Pogromnacht. Auch der Wahlspruch (in hebräisch) über dem Eingang erinnert an die alte Sempersynagoge: "Mein Haus sei ein Haus der Andacht allen Völkern".

Im Gemeindehaus gegenüber, das man über einen baumbestandenen Innenhof erreicht, gibt es neben Bibliothek und Gemeindesaal auch ein Café, in dem man koschere Weine und Gerichte erhält.

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July 27, 2008

Apulische Augenblicke (14)

Massafra

Massafra
Massafra
Apuliens Küste ist lang. Der italienische Stiefel ist aber kein Stöckelschuh, und so hat auch der apulische Hacken stattliche Ausmaße. Der größte Teil des Landes grenzt an die Adria, doch am Innenteil der Hacke ist es das Ionische Meer, das die Strände bespült. Io war übrigens eine Geliebte des Zeus, und Segler lieben das Meer wegen seiner steten ruhigen Winde - ob es da Zusammenhänge gibt, weiß ich nicht, weil ich Io zu wenig kenne.

Massafra liegt etwas oberhalb des Ionischen Meers, nicht weit von der Hafenstadt Tarent, an zwei Schluchten: Der größte Teil Massafras ist links und rechts der Gravina di San Marco erbaut, am Ortsausgang beginnt die vier Kilometer lange Gravina Principale, die 40 m tief und 30 bis 50 m breit ist.

Höhlen in Massafra
Höhlen in Massafra
Na und? Genau, nur Stadt an einer gravina, einer Schlucht zu sein, kann imposant sein, aber wo bleibt das Besondere? Hier kommt's: Die Hochebene von Apulien, die Murgia, besteht aus Kalk - und der ist bekanntlich relativ leicht wasserlöslich. Ideale Voraussetzugen für eine Karstlandschaft mit Grotten und Schluchten! In Massafra haben wir beides: in den Wänden der Schluchten jede Menge Höhlen, davon rund 50 als Kirche genutzt. In diesen Höhlen lebten nicht nur die üblichen Verdächtigen (Hirten, Einsiedler), sondern auch Mönche auf der Flucht sowie Piraten und Invasoren (wahrscheinlich war auch ihr Beweggrund nicht der Reiz der Landschaft).

Die Mönche waren Flüchtlinge aus Kleinasien und dem Balkan, denen man dort die Ikonenmalerei verboten hatte. In den Höhlen von Massafra jedoch durften sie malen - und sie taten es! Sie malten die zu Grottenkirchen ausgebauten Höhlenkichen aus - vergrößerte Ikonenmalerei sozusagen. Man kann die Höhlen besichtigen, allerdings nur bei Führungen. Die wiederum gibt es nur nach telefonischer Voranmeldung (die Initiative, die sich um die durch Witterung und Vandalismus zerstörten Höhlen kümmert, erreicht man im Touristenbüro) - nichts für Halbtagsspontanbesucher also.

Lampendetail
Lampendetail
Es lohnt sich allerdings auch die Bummelei durch die Altstadt mit ihren Gassen und teils morbiden Häusern. Wie es sich für eine bedeutende Stadt in Apulien gehört, gibt es auch in Massafra ein Castello, und natürlich ist es ein normannisches. Es ist restauriert und wird genutzt: vom (als wir da waren geschlossenen) landwirtschaftlichen Museum Museo dell'olivio e del vino und von der Stadtbibliothek. Bevor wir dazu kamen, uns über besucherfeindliche Öffnungszeiten von Museen zu ärgern, erschien ein Mann am anderen Ende der Treppe und winkte uns heran. Er war offensichtlich der Bibliothekar, der uns alle Räume seines Bereichs aufschloss, damit wir von dort aus Fotos machen konnten! Das war mal wieder Balsam für unsere Seelen, denn derlei Freundlichkeit und (pardon für dieses banale Wortspiel) Aufgeschlossenheit hat man selten. Dabei kostet es nichts und bringt viel: Wir haben das Castello von Massafra in bester Erinnerung! La ringrazio, signor Bibliotecario!

Auf dem Rückweg zum Auto, das wir am Stadtrand geparkt hatten, stolperten wir auf der Suche nach einem Absacker zum Abschied von der Stadt in ein Viertel, das wir ohne diesen dringenden Wunsch verpasst hätten. Il Quartiere dei Santi Medici di Massafra, dem die heimische Kaufmannschaft noch das Attribut magico hinzufügt - irgendwie zu recht.

Quartiere dei Santi Medici
Quartiere dei Santi Medici
Während man im übrigen Massafra wunderbare Motive des Verfalls sehen kann, ist dieses Viertel komplett saniert: weiße Häuser, verwinkelte Treppen und Gassen - und eine Osteria! Die Türen zum "Il Basilico" standen offen - wir also hinein. Da war aber keiner, aber man weiß sich ja bemerkbar zu machen. Es erschien: der Koch. Eigentlich sei ja geschlossen... Und uneigentlich? Ob wir jeder ein Glas Wein bekommen könnten? Der Koch guckte, als ob er sich selbst fragen würde - und er entschied: Natürlich! Roten oder weißen? Noch bevor wir, angesichts der Temperatur, bianco sagen konnten, kam il patrone um die Ecke und sagte: Den Roten! Auf jeden Fall den Roten! Den nahmen wir dann auch. Zwei Euro wollte er haben, zusammen – so unverschämt wenig wie noch nie für einen wirklich sehr annehmbaren Nachmittagswein! Der Chef erklärte uns dann noch die Gewölbe im Felsen: Harter Felsen und Tuff bildeten das Gemäuer. Hier hätten wir gerne etwas gegessen (es gibt dort Antipasti, Pizza und die ülichen Primi und Secondi) – aber die offizielle Öffnungszeit ist 20.30 Uhr, und so lange wollten wir nicht warten (Via SS Medici, Tel. 328 0059116).

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