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June 1st, 2008

Spaziergänge im Welterbe (3)

Auf nach Schloss Eckberg

Schloss Albrechtsberg
Schloss Albrechtsberg
Wir sind immer noch auf Schlössertour und haben gerade ausgiebig auf der Außenterrasse des mittleren - der Villa Stockhausen - pausiert. Beim Aufbruch kommt die Frage auf, was mit diesen Schlössern eigentlich zu DDR-Zeiten los war? Sie waren, lautet die Antwort, voll ins System integriert. Schloss Albrechtsberg war seit 1951 Pionierpalast - bis zum Ende der DDR 1989 nutzten Kinder und Jugendliche das prachtvolle Schloss für kulturelle, sportliche und politische Veranstaltungen. Ein billiges Vergnügen - und das erklärt unter anderem den (zumal Anfang der 90er Jahre direkt nach der Wende) manchmal zu spürenden Groll auf das neue System: Was früher allen gehörte, war nun wenigen vorbehalten - nämlich denen, die genug Geld hatten, und das waren oft/meistens "die Wessis".

Lingnerschloss
Lingnerschloss
Das Lingnerschloss beherbergte seit 1957 den "Dresdner Klub", der ab 1972 "Klub der Intelligenz" hieß. Man muss die DDR in vielen ihrer Ausprägungen nicht wirklich mögen, aber für ihre Bezeichnungen muss man sie lieben: Klub (mit K, wie sonst?) der Intelligenz - das hat doch was! Wer wöllte da nicht Mitglied sein? Manfred von Ardenne hatte den Klub initiiert, in dem Künstler, Wissenschaftler und Intelligenzia durchaus nicht unkritische Treffen veranstalteten. Freilich war es ein geschlossener Zirkel - nicht offen für alle. Noch heute erkennt man diese Dresdner Kaste übrigens: Die Männer tragen gerne Baskenmützen - die mit der kleinen Stabantenne in der Mitte! Ob auch Frauen im Klub der Intelligenz waren, weiß ich nicht - vielleicht kriege ich es noch raus. Wenn ja, dann wäre auf jeden Fall interessant, was die auf dem Kopf trugen...

Denkmalschutz wurde in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht so groß geschrieben: Beim Umbau1956/57 unter Leitung von Gerhard Guder ging ein Großteil der historischen Innenausstattung verloren.

Heute gibt es im Lingnerschloss übrigens ein Büro des Dresdner UNESCO-Weltkulturerbes, und es gibt auch Ausstellungsräume dort. Was machen die bloß, wenn wegen des Waldschlösschenbrückenbaus der Titel aberkannt wird?

Schloss Eckberg
Schloss Eckberg
Schloss Eckberg, unser nächstes Ziel, war direkt vor der Wende Jugendtourist-Hotel. Erklärtes Ziel der DDR-Führung: Westliche Jugendliche sollten staunen und denken: Wow, was für ein tolles System, dass es Jugendlichen ermöglicht, in solch edlen Häusern zu schlafen - und das auch noch für kleines Geld (nur wenige Mark kostete die Übernachtung). Dass hier (fast) nur Westklassen schliefen, dass die Jugendlichen im Rahmen ihres Hotelaufenthalts ein gelenktes Programm mit geschulten Begleitern aufgezwungen bekamen - das merkten sie nicht unbedingt. Heute ist das Schloss ein Hotel für eher Betuchte, das gleiche gilt für das Restaurant. Aber es ist seinen Preis wert und hat - auf der Terrasse bei Sommerwetter - den bezaubendsten Freisitz in Dresden zu bieten.

Da müssen wir also hin! Zwischen Schloss Albrechtsberg und dem Lingnerschloss gibt es keine ersichtliche Grenze - man merkt heute noch das alte Zusammengehören der beiden Komplexe. Eckberg hingegen führt in jeder Hinsicht ein Eigenleben, weswegen es auch eine Mauer rundherum gibt. Allerdings eine mit Toren, und wenn man Glück hat, ist das zum Lingnerschloss "für Gäste des Hotels oder des Restaurants" geöffnet.

Schloss Eckberg entstand nur kurz nach den beiden anderen Schlössern, erlaubt sich aber einen ganz eigenen Stil. Neogotischer Tudorstil sagen die Architekurbeflissenen, Dornröschenschloss könnte man weniger fachmännisch sagen, und wer es kitschig findet, steht vielleicht auch nicht allein da. Sei's drum: Eckberg ist ein Hingucker, mit seinen Türmen und Zinnen. 1859/61 wurde es nach Plänen Christian Friedrich Arnolds für den Großkaufmann John Daniel Souchay erbaut - für den Geldadel also.

Sonnenanbeter
Sonnenanbeter
Offensichtlich konnte man Anfang des 20. Jahrhunderts mit Mundhygiene in Dresden gut reich werden: Odol-Lingner hatte die Villa Stockhausen gekauft, Schloss Eckberg gelangte 1925 in den Besitz des Zahncremefabrikanten Ottomar Heinsius von Mayenburg (“Chlorodont”). Für das Schloss und seinen Park durchaus ein Glücksumstand, denn Mayenburg galt als großer Gartenfreund und Botaniker - also ließ er den Schlosspark in einen prächtigen Blumengarten umgestalten und hielt - damals nicht selbstverständlich - das Areal in den Sommermonaten auch für die Allgemeinheit offen.

Von Mayenburgs Gestaltung haben auch heutige Besucher noch etwas - zum Beispiel stehen sie erstaunt-verwundert vor dem "Sonnenanbeter”, den der Dresdner Jugendstilkünstler Sascha (Alexander) Schneider geschaffen hat. Ein schöner Jüngling, den Mann sich gerne genauer ansieht! Eckbergs Garten steht den Besuchern auch heute offen (es sei denn, eine Großveranstaltung lässt dies nicht zu).

Schloss Eckberg
Schloss Eckberg
Augen hoch! Das Neogotische bietet dem Auge nämlich immer wieder Neues. Wenn man den richtigen Standort erwischt hat, kann man sogar durch die Rosen die Hochzeitssuite im Turm entdecken, und man hört die Braut förmlich "wie romantisch!" seufzen. Wir Irdischen, die nicht im Honeymoon schwelgen, gehen derweil in den Keller, wo einerseits die Toiletten untergebracht sind, andererseits aber auch eine Bar (welch praktische Nähe!). Dort gibt es Kunst zum Schmunzeln: Lothar Sell aus Meißen hat dort Muster seiner unverwechselbaren Plastiken stehen - und wieder freut man sich, dass in der DDR nicht alles schlecht war und man heimischen Künstlern bei einem Hotelneubau (1985) auch eine Chance gab.

(wird fortgesetzt)

[Karte des Spaziergangs]

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June 2nd, 2008

Spaziergänge im Welterbe (4)

Die Elbe unterhalb der Schlösser

Blaues Wunder
Blaues Wunder
Zum Welterbe gehören natürlich nicht nur die Prachtbauten an den Elbhängen - obwohl sie durchaus Teil des Ganzen sind. Um wieder direkt in die Elblandschaft zu gelangen, muss man leider meistens ein Stück viel befahrene Straße gehen. Theoretisch hat Schloss Eckberg am Ende seines weitläufigen Geländes ein Tor zur Außenwelt, aber das ist oft (meist?) verschlossen. Dann müsste man also zurück und dann doch so gehen wie wir - oder über eine Mauer klettern und reichlich tief runterhuppen (nicht empfohlen).

Mordgrund
Mordgrund
Wir gehen also zur Bautzner Straße und dort rechts in Richtung Weißer Hirsch bergauf. Laut, viel befahren, nicht lustig ist dieser Teil. Oben angekommen kann man runter in den Mordgrund sehen - kein vertrauenserweckender Name! Wahrscheinlich hat es mit Mord und Todschlag auch nichts zu tun, sondern ist ein Grenzgrund - aber die Sage ist doch viel viel schöner - wenn auch sehr kompliziert und etwas verwirrend, wenn man sich das Original (so es bei Sagen ein Original gibt) im "Sagenschatz des Königreiches Sachsen" von J. G. Th. Gräße aus dem Jahr 1874 antut.

Kurz gefasst geht es erstens um Liebe und zweitens um politische Intrigen. Die Liebenden heißen Elsbeth (19, wunderschön) von Clohmen und Benno (kein Alter, aber "ein schöner Mann") von Birken. BvB will EvC, bekommt sie vom Vater auch versprochen - aber während eines Studienaufenthaltes am Hofe des Meißner Markgrafen Friedrichs des Kleinen verscherbelte der 1289 seinen ererbten Besitz Dresden. Damals, muss man wissen, vererbten die Herrschaften ganze Städte und Gemeinden. Der böhmische König Wenzel kam so in den Besitz der schönen Gegend, in der auch die Herren von Clohmen einerseits und Birken andererseits zu Hause waren. Vater Clohmen fand das alles nicht schlimm, aber der Herr von Birken konnte oder wollte nicht mit den Böhmen. Also wurde ein böhmischer Graf geschickt, um alles in Ordnung zu bringen. Unbeweibt war er, und mächtig. Und er hielt um der schönen Elsbeths Hand an. Und bekam sie auch (blöder Vater, gelle? Aber die Macht! Die Ehre!).

Es kam wie es kommen musste: Der Böhme heiratet gegen deren Willen die hübsche Elsbeth, Benno von Birken streift - zufällig - nachts durch den finsteren Grund zwischen seinem und dem Clohmen'schen Anwesen, die Braut Elsbeth - ganz in weiß - kommt aus einer Pforte herausgestolpert, beide fliehen in die finstere Nacht. Der Sturm, heißt es in der Sage, tobt wild, die beiden wollen zusammen bleiben, bis dass der Tod sie trennt.

Happy End? Mitnichten, dann wäre der Name der Schlucht ein anderer. Denn nun kommt der Bräutigam, also der Böhme. Graf Lodomar will seine Braut wieder haben, doch Benno findet das nicht toll - und nun, weil's so spannend ist, ein Stück Originalsage. Es spricht Benno: "So wenig dieses Land je das Eigenthum Deines Königs werden wird, ebensowenig wirst Du diese Jungfrau je Dein nennen!” Mit diesem Worten drang er wüthend auf den Böhmen ein, der nothgedrungen sein Schwert zog, aber nach kurzer Vertheidigung tödtlich verwundet zu Boden sank. Da rief die Jungfrau: “Heil Dir, Du hast keinen Mord begangen, sondern nur Dein Vaterland von einem fremden Wütherich befreit, laß uns aber jetzt eilen, die Reise in ein Land anzutreten, wo uns keine Verfolgung mehr drohen kann, von Deiner Hand, mein Benno will ich sterben.” Mit diesem Worten reichte Elsbeth dem Ritter den scharfen Dolch, er setzte die Spitze desselben auf die Brust des geliebten Mädchens; doch seine Hand zitterte, da erfaßte die schöne Schwärmerin mit beiden Händen krampfhaft Bennos Hand und stieß sich den Dolch tief in ihre reine Brust. Sie schwankte, doch hatte sie noch soviel Kraft, den Stahl aus der blutenden Wunde zu ziehen, und matt lächelnd reichte sie denselben ihrem Benno mit den Worten: “es hat nicht geschmerzt, hier, mein Geliebter, nimm ihn und folge mir.” Ungestüm durchbohrte sich nun auch Benno und sank sterbend auf sie hin, und so hauchten sie Arm in Arm ihr Leben aus."

Da war also echt was los, und ehrlich gesagt mag das Verhalten der Braut zwar edel sein, aber ein wenig dämlich ist es ja auch: Sie hätte doch nun mit ihrem Schatz sich auf und davon machen können und irgendwie glücklich leben und all das - aber es gab halt Dolchgemetzel. Zum Andenken an die Verliebten ließ der nun wieder zu Verstand gekommene Vater von Elsbeth einen Vers in einen Baum schnitzen: "Vereint laßt uns sterben, es schließt ein Grab uns ein, / Wir werden noch verbunden in bessern Welten sein." Leider kann man den Baum heute nicht mehr sehen.

An der Elbe
An der Elbe
So, mit dem Ende dieser gruseligen Geschichte und einem Foto von der Mordgrundbrücke hinab in den Grund geht's dann zweimal rechts ab von der Hauptstraße in ruhigeres Gefilde, das uns bis hinunter an die Elbe führt. Sie ist hier von einem rumpeligen Radweg und einem noch holprigerem Fußweg gesäumt, weswegen nicht so viel los ist (der Elberadweg verläuft auf der anderen, linken Elbseite). Dann und wann kommt ein Schiff (aufpassen: die verbreiten hohe Bugwellen! Wenn man da zu nahe am Ufer steht, wird man unten rum nass!!), gelegentlich sieht man Badende. Idyllisch ist es, viel Natur: Die andere Seite vom Welterbe. Die Schlösser sind über einem, man sieht sie nicht. Einzig die hohen Mauern (so hoch, dass auch eine Jahrhundertflut nicht bis oben hin gelangt) begleiten uns.

Loch Albrechtsberg
Loch Albrechtsberg
Und wie kommt man wieder hoch? Ganz einfach: An der Saloppe führt eine Straße hoch. Wer oder was die Saloppe ist - davon ein Andermal. Oben an der Bautzner gibt es gleich wieder ein Tor in den Albrechtsberg-Park hinein - das nehmen wir. Im Teich linker Hand spiegeln sich die Bäume, und eine Entenmutti zeigte etwas verstört ihrer Ententochter eine wahrhaftige Seeschlange. Vielleicht war es auch das Ungeheuer von Loch Albrechtsberg, das haben wir so genau nicht mitbekommen, denn wir hatten Hunger und Durst und mussten nach Hause!

[Karte des Spaziergangs]

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June 3rd, 2008

Apulische Augenblicke (5)

Ostuni

Ostuni
Ostuni
Die Hauptattraktion von Ostuni ist - Ostuni. Die Stadt ist die Sehenswürdigkeit, nicht irgendein Haus, eine Kirche (obwohl es auch da was zu sehen gibt), ein Palazzo... Bevor wir uns der Stadt nähern (am besten von der Küste im Abendlicht, was für eine Erstbesichtigung zwar ein ungünstiger Zeitpunkt ist, aber den besten Lichteindruck bietet!), ein Wort zum Namen: Die Stadt ist keineswegs eine Hochschule im Osten - also nicht Ost-Uni, sondern Os-tuni sagen!

Ostuni nennt sich "Città Bianca", also die weiße Stadt. Zwar könnten die meisten der apulischen Städte mit dieser Bezeichnung antreten, denn weiße Häuser sind in der Mehrzahl - aber erstens nirgends so propper wie im historischen Zentrum von Ostuni, und zweitens haben die anderen irgendwelche anderen Alleinstellungsmerkmale, die sie sich aufs Ortseingangsschild schreiben können.

Die Altstadt von Ostuni ist auf drei Hügeln erbaut (zur Erinnerung: Um Hauptstadt zu werden, braucht man sieben Hügel) - nur dieser Teil ist ansehenswert. Der Rest ist belanglose moderne Architektur, die den Charme realsozialistischen Wohnungsbaus hat (vielleicht doch: Ost-Uni?). Wer mit dem Auto kommt, wird auf der Durchfahrt kräftig durch die neueren Viertel gelotst. Anhalten würde man hier nicht, außer vielleicht um einen Caffé zu trinken. Die Altstadt aber, das Centro storico, ist bezaubernd.

Das wissen die Leute von Ostuni auch, Tourismus ist eine der Haupteinnahmequellen der Stadt. Es gibt im Zentrum viele Läden, die den touristenüblichen Kitsch anbieten, aber es gibt auch noch ganz normalen Alltag hier. Wir hatten das große Vergnügen, in eine Hochzeit zu geraten. Die beiden vom Brautpaar engagierten Fotografen äugten schon komisch zu uns herüber, weil wir kräftig in Hochzeitsbildern übten - die Braut sah weniger skeptisch, sondern lächelte professionell freundlich in die Kamera.

Brautpaar
Brautpaar
Es war eine fröhliche und ungezwungene Hochzeitsgesellschaft, die in der Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert zum Feiern zusammen gekommen war. International ging es auch zu: Italienisch, englisch und französisch klang es auf dem Vorplatz - schön! Braut und Bräutigam fuhren im Fiat 500 vor und düsten damit auch ab - irgendwie kultig! Nervös wurde die Braut nur, als alle da waren - außer ihren Eltern. Aber es gibt ja cellulare, und kurz nach dem Telefonat kamen die beiden dann auch locker um die Ecke marschiert. Alles wird gut, die Trauung kann beginnen...

...und wir haben Zeit, uns die Kathedrale von außen etwas näher anzusehen. Sie steht, wie es sich gehört, auf dem höchsten der drei Hügel. So ist sie zwar dem Himmel am nächsten, aber auf majestätischen Platz muss sie verzichten: Die Piazza vor ihr ist gerade groß genug, die kleine Hochzeitsgesellschaft zu fassen. Natürlich müssen auf dem kleinen Platz auch noch Autos parken, außerdem stehen die Stühle einer Eisdiele einladend herum - insgesamt ist es sehr kuschelig.

Fensterrose
Fensterrose
Die Kathedrale ist ein munteres Treffen verschiedener Stile - Spätromanik, Gotik und Renaisance sieht man da. Die Front schwingt sich konvex und konkav in die Höhe - die beiden Seitenflügel geben dabei die Schulterpartie und das Mittelstück den sich nach oben verjüngenden Hals - das sieht lustig aus und ist ein echter Hingucker. Wenn man dann schon mal hinsieht, sollte der Blick an der großen Rosette über dem Eingangsportal ein wenig hängen bleiben. Eine Figur steht im Mittelpunkt (ich lese im vergnüglich-informativ geschriebenen "Apulien" von Ekkehart Rotter und Christin Löchel, es sei "Christus im kniefreien Gewand"), drumherum ein Kreis, der von zwölf kleinen dicken - nein, nicht Jüngern, sondern von so einer Art Kapitellen getragen wird. Das nächste Rund bilden 24 ausgeformte Säulen, und ganz außen ein mit Pflanzenwerk verziertes Einfassungsband. Ich zitiere noch mal meine Schlaumacher: "In dieses sind ringsum die zwölf Apostel geradezu versponnen." Das ist doch nett formuliert - und es stimmt! Also, mit einem Glas kühlen Weißwein in der einen und dem schlauen Buch in der anderen Hand könnte ich mir diese Fensterrose elendig lange ansehen und immer wieder was entdecken!

Stütze
Stütze
Aber es gab keinen Wein, statt dessen Schlenderei. Die Gassen von Ostuni sind ein regelrechtes Wirrwarr, aber ein geordnetes (wie ungeordnetes Gassenwirrwarr aussieht, werden wir später sehen, wenn wir Vicolo del Gargano besuchen - aber das dauert noch ein wenig). Das Schlendern macht viehisch Spaß, denn man sieht im ewigen Auf und Ab (drei Hügel!) der verwinkelten Gassen schnuckelige weiß getünchte Häuser mit veritablen alten Sandsteinfassaden, man trifft schwatzende oder einfach nur auf kühlem Stein ausruhende Leute, man geht durch Torbögen und wird plötzlich geblendet, wenn sich die eher dunklen Gassen öffnen und den Blick zum Meer frei geben. Man könnte es ganz einfach formulieren: Es ist sehr, sehr schön in Ostuni!

Säulenheiliger
Säulenheiliger
Am Rande der Altstadt steht eine Säule. Obendrauf ein mir bis dahin unbekannter Heiliger, der es aber immerhin zum Schutzpatron von Ostuni gebracht hat: Der Heilige Sankt Orontius (Sant'Oronzo) errettete 1657 die Stadt vor der Pest - und was hat er nun davon? Er steht 21 hoch auf einer spätbarocken Säule und schaut sich das Treiben auf der Piazza Libertà an - ein stiller Teilhaber, sozusagen. Dabei geht unter ihm die Post ab: An den Ausgrabungsstellen treffen sich die alten Männer zum Reflektieren der tagespolitischen Ereignisse, nebenan in der Szenekneipe die jungen Mädels zum Gedankenaustausch über das Schöne, im Caffé sehen sich alle - ein Kommen und Gehen.

Taverna della Gelosia
Taverna della Gelosia
Bei der Bummelei in der Altstadt von Ostuni kann man sich nicht wirklich verlaufen, denn "La Terra" (wie dieser Teil der Stadt auch genannt wird) ist nahezu kreisförmig angelegt. Sehr angenehm. Auch angenehm ist die Vielfalt offensichtlich guter Restaurants. Wir konnten zwei testen - ein einfaches am Mittag und anderntags eins der besseren am Abend. Die "Taverna della Gelosia" nennt sich schlicht eine Antipasteria - aber hinter diesem Wort steckt ein verführerisches Konzept. Die Chefin läuft ein wenig wie eine Diva herum und man denkt, sie sei der Impressario (die Impressaria?) eines Theaters. Aber: Es ist sehr geschmackvoll eingerichtet drinnen wie draußen im romantischen Hof zwischen zwei Höhenlinien des Ostuni-Gassensystems. Es schmeckte nicht exorbitant, aber gut: Vorspeisen (15 EU/Person, erst ab zwei Personen, also 30 EU Mindestumsatz). In Erinnerung bleibt das Soufflee mit Trüffel, frittierte Spinat-Käse-Kugeln, frittierte Zucchini. Später gab's schwarze Orichietti (die Tinte!), grüne Spaghetti (Spinat und Kräuter!), beides sehr ordentlich. Der Service agierte etwas über-engagiert, wir fühlten uns beobachtet, und leere Teller wurden immer sofort unter der noch schwebenden Gabel weggeräumt.

Keine italienischen Gäste, sondern nur Urlauber - aber wir haben den Ex der Chefin kennen gelernt! Paolo kommt aus Norditalien und spricht (außer natürlich italienisch) deutsch, französisch, spanisch, englisch. Er hat im Norden ein wenig Geld gemacht und engagiert sich jetzt im Süden, indem er sein Geld in Immobilien anlegt. Wenn er sie alle so geschmackvoll restaurieren lässt wie die "Taverna", dann soll er bitte weitermachen!

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June 5, 2008

Apulische Augenblicke (6)

Im Zipfelmützen-Land

Zipfelmützenarchitektur
Zipfelmützenarchitektur
Eine Trulla ist, ich schreibe es offen und gerne unter Anweisung einer Zahlung von fünf Euro in die Chauvi-Kasse, eine dumme Kuh (Protest der Vereinigung Allgäuer Milchkuhzüchter, Abscheu und Entsetzen bei der Interessengemeinschaft „Emmanze e.V.“). Ein Trullo wäre demnach, wenn man es in Analogie von „ciao bella“ zu „ciao bello“ nimmt, ein Dämlack (Rücküberweisung der fünf Euro aus der Chauvi-Kasse wegen teuflischer Ausgewogenheit, kein Protest von niemand).

Gut ausgedacht, aber leider falsch (und daher keine Rücküberweisung der Chauvi-Taler): Ein Trullo ist ein Haus, das einer Zipfelmütze ähnlich sieht und das man in nennenswerter Anhäufung wundersamerweise nur im Valle d'Itria sieht. Rund 5.000 Trulli – so die Mehrzahl - soll es noch geben, davon über 1.000 allein in Alberobello. Die Trulli sind oben rum so rund, dass die meisten Autoren sich zum Begriff „kreisrund“ hinreißen lassen, was natürlich dumm ist, denn quadratrund geht ja nun mal gar nicht. Unten sind zumindest die neueren Trulli nach gelungener Quadratur des Kreises rechteckig, so dass man sie mit eckigem Mobiliar von IKEA und so bequemer einrichten kann.

Durch das Trulliland zu wandern, ist ein optisches Vergnügen, denn die kegelförmigen Dächer mit meist weißem Anstrich an der Spitze bieten einen ungewohnt heiteren Anblick. Es gibt auch alte, unsanierte steingraue Trulli – auch die sind als quasi-historische Reminiszenz ansehenswert.

Locorotondo

Eine erste intensivere Trulli-Begegnung fand ihren Start in Locorotondo. Der "runde Ort", beeilen sich meine Reiseführer zu erklären, sei tatsächlich rund. Da freuen wir uns aber und machen uns, nachdem das Auto mühsam einen Parkplatz gefunden hat, zu Fuß auf den Weg. Locorotondo liegt, das kennen wir ja schon, auf einem Hügel - also geht's etwas bergan. Die Häuser sind fast alle weiß, auch das ist nichts Neues. Die "runde Stadt" hat allerdings eine spitze Spezialität: Die Dächer haben recht steile Giebel - in dieser Gegend eher die Ausnahme als die Regel. Dennoch heißt Locorotondo weder "weiße Stadt" noch "die mit den Giebeln pranzt": Locorotondo nennt sich aus gutem Grund "Città del vino bianco", die Stadt des Weißweins. 1929 wurde hier die erste Winzergenossenschaft Apuliens gegründet, und in der Cantina entstehen heute noch süffige Weißweine.

Locorotondo
Locorotondo
An der ersten Kirche herrscht großer Auftrieb - der Gottesdienst ist gerade vorbei, und die Menschen stehen auf dem Platz davor und schnattern wie wild herum. Gleich neben der Kirche ein Stadttor, dahinter "Pro Loco", die Touristeninformation - natürlich zu, als wir kamen! Den Bummel durch die Gassen kann man aber auch ohne Führer riskieren, und die Hauptkirche des Ortes, San Giorgio Martire, kann man eh nicht übersehen. Sie wurde zwischen 1790 und 1825 errichtet und ist nicht weiß. Man kann sie, sandsteinig wie sie die weißen Giebel überragt, auch von weitem hervorragend erkennen. Früher, als die Leute kein GPS und kein Navi hatten, kannten sie alle die Formen der Kirchen und wussten, wo es lang geht. Irgendwie symphatisch!

Vom Belvedere, dem Balkon mit der schönen Aussicht, machten wir uns zu Fuß auf in die nächste Stadt: nach Martina Franca.

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June 9, 2008

Apulische Augenblicke (7)

Zu Fuß nach Martina Franca

Mit dem Wandern haben es die Puglier nicht so. Man fährt Auto oder allenfalls Vespa, manchmal auch die Ape. Aber es gibt natürlich Wege - wenn man sie findet, sind sie gut zu laufen. Von Locorotondo nach Martina Franca ist der Wanderweg eine kaum befahrene Nebenstraße, also gut zu laufen und einfach zu finden.

Trulliland
Trulliland
Den Einstieg findet man am Belvedere - das ist der Balkon Locorotondos, von dem aus man in der Ferne bereits das Ziel sieht: Auf dem nächsten Hügel steht Martina Franca. Das Land hier hat so viele Städte wie es Hügel hat, sehr praktisch, denn man sieht sie immer schon von weitem. Wir also erst mal runter, zuerst über eine schöne Treppe, dann einen Feldweg entlang. Weit kommen wir nicht, denn ein Blumenfeld in mohnblumenroter und weißnichtwasfüreinegelber Pracht will unter die Linse genommen werden. Und wenn man da erst einmal reinstapft, zeigt sich auch die Stadt Locorotondo mit den Spitzgiebeln in immer wieder neuer Schönheit. Umsichtig laufen wir voran und finden es bezaubernd.

Natürlich ist außer uns keiner da. Keiner? Natürlich: Es gibt Hunde. Von überall kläffen sie uns entgegegen, die meisten sind aber angekettet (was sie daran hindert, mit uns spielen zu wollen) oder hinterm Zaun. Und das muss man den Süditalienern lassen: Ihre Zäune haben sie gut in Schuss, da kommt so schnell kein Hund raus! Fabelhaft!

Aus dem Feldweg wird eine Fahrstraße - aber kaum ein Auto kommt uns entgegen oder fährt an uns vorbei - die Hauptverbindungsstraße nebenan ist bequemer und schneller! Links und rechts gibt es immer wieder Trullis, und da wir diesen eigenartigen Bauten erstmals in nennenswerter Menge und akzeptabler Nähe begegnen, läuft die Kamera heiß.

Trullo antico
Trullo antico
Trullis, das muss man bis hierhin nicht unbedingt gewusst haben, sind aus fetten Feldsteinen in Trockenbauweise errichtete Häuser - ursprünglich ganz einfach, ursprünglich mit nahezu quadratischem Grundriss und eben jenem Zipfelmützendach. Zur Dachspitze gibt es auch noch etwas zu sagen, aber das spare ich für Alberobello auf, wo wir gut tausend Trulli auf einen Schlag sehen werden. Die modernen Trulli sind natürlich ganz anders: Sie gleichen oft mehr und mehr Villen, verstecken sich hinter alarmgesicherten Zäunen und protzen so vor sich hin. Man gönnt den Leuten ja den Fortschritt, und ohne Fenster oder WC muss man ja im 21. Jahrhundert nicht mehr leben - aber wenn es eine Villa sein soll, kann man vielleicht auch auf die Disneylanddächer verzichten, die in diesem Kontext unangemessen erscheinen und kitschig wirken.

Die Gegend wellt sich zwischen den beiden bestädteten Hügeln aufs Angenehmste dahin, sie ist grün von Bäumen und Wiesen mit bunten Tupfern von Blumen und Blüten. Steinmauern begrenzen die Parzellen - offensichtlich ist das hier eine steinreiche Gegend! Zwischen den Baumwipfeln lugen immer wieder Trulli hervor, wir sind entzückt ob so viel Lieblichkeit.

Rost und Blumen vor Martina Franca
Rost und Blumen vor Martina Fr…
Irgendwann drehen wir uns nicht mehr um: Locorotondo hinter uns verliert sich in der Ferne, statt dessen taucht vorne Martina Franca auf. Wie so oft in der Gegend: Weiße Häuser und alles überragend eine mächtige Kirche aus braunem Stein. Das ist gut, dass man sie sieht, so verläuft man sich nicht: Wir also den Hügel "nach Gefühl" hoch, die ersten Gassen von Martina Franca links (knips!)- rechts (knips!) - rechts (knips!) - links (knips!) entlang und schwupps öffnen sich die ansonsten eng an eng stehenden Häuser zum großzügigen hellen Platz, und der Dom San Martino grüßt zur Linken...

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June 12, 2008

Von der Pferdewechselstation zum Feinschmeckertreff

Ladbergen muss man nicht kennen - ein kleiner Ort im Münsterland, zwischen Osnabrück und Münster. Schlecht ist es allerdings nicht, wenn man Ladbergen kennt - denn im dortigen Gasthaus zur Post lässt sich das Leben genussvoll verbringen. Seit zehn Jahren habe ich das ganz große Vergnügen, das Gasthaus in Sachen PR zu betreuen (das hier bekomme ich allerdings nicht bezahlt, das schreibe ich freiwillig!).

Heute hatten wir die Presse eingeladen, weil es das witzig runde Jubiläum von 365 Jahren zu feiern gilt: Exakt am 17. Juni 1643 fand der erste Pferdewechsel auf der neu eingerichteten Postlinie zwischen Münster und Osnabrück statt. Die Post war nötig geworden, weil der später "Dreißigjährige" genannte Krieg bereits seit 25 Jahren tobte und nun endlich auf dem Verhandlungsweg zum Ende gebracht werden sollte - der Name lässt darauf schließen, dass die Verhandlungen in Osnabrück und Münster noch einige Zeit andauern sollten. Die reitenden Boten derer von Taxis machten auf halbem Weg zwischen den Verhandlungsorten Station, einige Vorverhändler sollen sich auch hier getroffen haben.

Was als Station zum Pferdewechseln begann, ist im Laufe der Zeit zu einer guten Adresse für Reisende und Feinschmecker geworden. Am 1. April 1998 übernahmen Günther und Elisabeth Haug die Leitung des Familienbetriebes – diese zehn Jahre gilt es ebenfalls zu feiern. Und wie kann man das besser machen in einem Gasthaus als mit einem Essen?

Vom 14. Juni bis zum 12. Juli kocht Oliver Lisso, neuer Küchenchef im Gasthaus zur Post seit gut zwei Monaten, vier Wochen lang jeden Abend das Jubiläumsmenü. Beim Preis taucht die Jubiläumszahl irgendwie wieder auf: € 36,50. Mit der Presse wurde heute schon mal Probe gegessen:

Entenleberterrine
Entenleberterrine

Amuse bouche: Entenleberterrine mit Apfelspalte
 

Millefeuille vom Sherry-Matjes mit Teltower Rübchen und Steinbeißerkaviar
Millefeuille vom Sherry-Matjes…
 
Millefeuille vom Sherry-Matjes mit Teltower Rübchen und Steinbeißerkaviar

Cappucino von der Erbse mit Minzschaum und Buttercroûtons
Cappucino von der Erbse mit Mi…
 
Cappucino von der Erbse
mit Minzschaum und Buttercroûtons

Kalbstafelspitz mit gebratenen Pfifferlingen, grünem Spargel und Kerbelpüree
Kalbstafelspitz mit gebratenen…
 
Kalbstafelspitz mit gebratenen Pfifferlingen,
grünem Spargel und Kerbelpüree

Marilleneis-Knödel mit Rohrzuckerschaum
Marilleneis-Knödel mit Rohrzuc…
 
Marilleneis-Knödel
mit Rohrzuckerschaum

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June 15, 2008

Auf dem Jakobsweg

Lengerich - Ladbergen

Seit nahezu tausend Jahren beschreiten Pilger den Jakobsweg - sie alle haben ein Ziel: Santiago de Compostella. Das ist, zumindest nach den Vorstellungen der Alten, am Ende der Welt. Und dahin zu gehen, zu Fuß hunderte von Kilometern zurück zu legen, war schon eine besondere Leistung - denn atmungsaktive Schuhe und Hightech-Klamotten waren den Pilgern damals fremd, um das einfach mal so in Erinnerung zu rufen.

Wer heute pilgert (und es werden immer mehr: 1978 kamen 13 Menschen Santiago an, im "Heiligen Jahr" - wenn der 25. Juli als Festtag des hl. Jakobus d. Ä. auf einen Sonntag fällt - sind es schon immer mehr gewesen, 2004 aber bislang unschlagbare 179.944), wer also heute pilgert, hat meist andere Gründe als die Pilgerväter. Die Wikipedia, der ich auch die eben genannten Zahlen entnehme, nennt einen nicht unwesentlichen: "2007 machte sich der "Kerkeling-Effekt" auf dem Camino francés bemerkbar. Nach Angaben der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft stieg die Zahl der deutschen Pilger, die bei ihrer Ankunft in Santiago registriert wurden, im Vergleich zum Vorjahr überproportional von 8.097 auf 13.837. Damit waren 12 Prozent aller Pilger, die in Santiago angekommen sind, Deutsche."

Pilgermenü am Westfälischen Jakobsweg
Pilgermenü am Westfälischen Ja…
Moderne Pilger benehmen sich also durch und durch anders als traditionelle Büßer - und da kann man es sich auch erlauben, nur mal so einfach einen Wegeabschnitt zu laufen, weil er eine nette Wanderung abgeben könnte. In Westfalen wurden im April dieses Jahres die Wege der Jakobspilger in Westfalen komplettiert, und eine Station ist Ladbergen. Da wollte ich immer schon mal zu Fuß hingehen, wenn auch nicht aus Dresden (das wäre mir zu lang!) - aber aus Lengerich, der nächsten größeren Stadt, könnte ich mir das gut vorstellen!

Im Gasthaus zur Post in Ladbergen bieten sie ein Pilgermenü an - ein leichtes dreigängiges Essen, das der Küchenchef Oliver Lisso aus dem aktuellen Angebot zusammenstellt. Das sollte die Belohnung sein für meinen Einstieg in die Pilgerei!

Die Pilgermuschel
Die Pilgermuschel
In Lengerich geht's an der Evangelischen Stadtkirche (St. Margareta) los. Wenn man die Döppen auf hat ("Döppen" ist westfälisch und meint die Augen!), sieht man einen Findling mit dem Zeichen der Jakobspilger, einer Jakobsmuschel. Das vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der die Wegführung erforscht hat, herausgegebene Buch mit den Wegen der Jakobspilger in Westfalen lässt einen gleich am Anfang etwas im Stich - wie in allen Städten, wo die dezente Pilgerbeschilderung (gelbe Jakobsmuschel auf blauem Grund, geschätzt zehn Quadratzentimeter klein) im kommerziellen Werbeschilderwald untergeht: "Wir verlassen", lese ich da leicht verzweifelt, "die Innenstadt nach Süden." Wir sind wahrscheinlich erst mal nach Norden gegangen, was aber auch sehr hübsch war, durch ein altes Torhaus hindurch, das sie heute "Römer" nennen, ohne zu wissen warum.

Der Römer
Der Römer
Wir mogeln uns also aus Lengerich heraus und wählen als Wiedereinstieg einen Punkt, der leicht zu finden ist: Die L 555 kreuzt den Jakobweg - beziehungsweise: Der neue Jakobweg, wie wir ihn laufen, kreuzt den ursprünglichen, der schon damals die Verbindung zwischen Lengerich und Ladbergen war und heute ziemlich viel befahrene Landstraße ist: Die L555 also ist der ursprüngliche Jakobsweg - da bin ich schon mehrfach mit dem Auto lang gedüst, nichts ahnend.

Allee
Allee
Die neue Wegeführung ist fußgängerfreulicher und geht parallel zur 555 durch die wunderschöne münsterländische Parklandschaft. Den Einstieg kann man nicht verfehlen, denn die Allee zu Haus Vortlage ist ausgeschildert. Haus Vortlage ist ein Gräftenhof und liegt - der Öffentlichkeit nicht zugänglich - gut versteckt im Park. Gräften hat man im Münsterland gerne: Das sind Wassergräben rund ums Gehöft, die ungewünschten Besuch auf Distanz halten. Die Vortlage'sche Brücke über die Gräfte ist aus barocken Zeiten und macht sich sehr gut in der Idylle. Ansonsten scheint der Privatbesitz hermetisch abgeschirmt, und auch auf den informativen Seiten des Landschaftsverbandes findet man vielsagende Sätze wie diesen: "Nach mündlichen Hinweisen ist auf der Begräbnisinsel eine Gruft aus dem frühen 20. Jahrhundert angelegt."

Fachwerk
Fachwerk
Aber man kann sich ja umdrehen und woanders hinsehen: da gibt es direkt am Weg ein nettes Fachwerkhaus mit roten Fensterläden und Bank davor - Postkartenmotiv! Das nächste Fachwerk ist ein Klinkerbau (das davor war weiß gekalkt) und trägt die Jahreszahl 1787 im Balken. Die Inschriften auf den Balken zu lesen lohnt übrigens immer - man bekommt einen tiefen Einblick in die westfälischen Machtverhältnisse und merkt, dass bestimmte Namen immer wieder auftauchen...

Parklandschaft
Parklandschaft
Zwischen den Häusern: Weite offene Landschaft. Wiesen, Baumgruppen, Getreidefelder, zwei Vögel im Duett, hoppelnde fette Hasen, grasende Kühe in der Ferne. Nur der Blick nach oben könnte besser sein: Da dräut sich was zusammen! Graublaue Wolken sind die, die nichts Gutes verheißen! Kaum ist der Gedanke ausgedacht, fängt es an zu dröppeln (westfälisch für: zu tropfen). Und kaum ist der Kameradeckel auf dem Objektiv, hört es auf zu dröppeln - um wie ein Sturzbach sich zu ergießen. "Eine Pilgerreise ist kein Zuckerschlecken!" kann ich Sylke noch zurufen, aber das will sie glaub' ich gerade nicht hören. Wir suchen Schutz unter den dichten Blättern der Allee-Bäume, und ich erinnere mich an eine FAZ-Reportage, in der vom täglichen Regen in Galizien die Rede war. Jakobspilger scheinen es nass zu lieben...

Sturzregen
Sturzregen
Vergleichweise schnell war die Gießkanne da oben bei Petrus im Garten leer, so dass es weiter gehen konnte. Die Strecke ist gut ausgeschildert, wenn man sich einmal auf die blau-gelben Zeichen eingeguckt hat, klappt es. Außerdem sind die Pilger- und Wanderwegmacher im Westfälischen nicht so kreativ, für jeden eigenen Marketing-Weg einen eigenen Verlauf zu finden: Der (neue) Jakobsweg folgt zwischen Osnabrück und Münster weitgehend dem Friedensweg, der mit 1648 oder einem X markiert ist - beides in weiß und leicht zu sehen. Irgendwann später gesellt sich noch ein Radwanderweg hinzu, kurz vor Ladbergen kommen die Jungs und Mädels vom Nordic Walking auf der gleichen Strecke entgegen. Wegevielfalt ist Wegeeinfalt!

Hast Du mal ein Zucker?
Hast Du mal ein Zucker?
Uns war das egal, wir waren nahezu allein unterwegs. Schöne Straßennamen haben sie in Westfalen: "Schäfers Ruh" , "Am Piekel" und "In der Wildbahn" lassen erahnen, wie dort die Post abgeht! Wir laufen vergleichsweise häufig über Asphalt und hätten theoretisch auch mit dem Auto pilgern können, aber diese Idee haben wir als stillos verworfen: Man sieht nur mit der Entschleunigung des Fußgängers gut!

Hin und wieder taucht ein Gehöft auf - in der Bauerschaft Settel haben sie rührige Vereine (die Schützen und der Männergesang!), die alle großen Bauernhöfe abgelichtet und auf eine Tafel  gebracht haben. So könnte man, wiederum rein theoretisch, durchs Gehei pirschen und die wildfremden Leute gleich mit korrektem Gruß anreden: "Tach, Grote-Pöppelskirchen, wie geiht jü dat?"

Die meisten Häuser sind tip-top herausgeputzt - im Münsterland hat man erstens das geld dazu und zweitens immer genug lästernde Nachbarn, wenn man sich und die Ordnung ums Haus gehen lässt. Ein munterer Wettbewerb des manchmal doch arg kleinbürgerlichen Kitsches, aber insgesamt nett anzusehen.

Hof Große Stockdiek
Hof Große Stockdiek
Wir überqueren - es hat mal wieder angefangen zu regnen, damit wir unsere Büßerhaltung mit leicht gebeugtem Haupt wahren können - die L 555 und sind dankbar, dass das nicht als offizieller Jakobsweg ausgeschildert ist: Zu viel moderne Fortbewegungsmittel! Hof Große Stockdiek liegt gleich hinter der 555. Ein schöner Hof, das Jahr 1733 steht über dem großen Tor. Mittlerweile hat die Moderne hinter den Kulissen Einzug gehalten: Eine 500-Watt-Biogasanlage kann etwa 1.000 Haushalte mit Strom versorgen. Mais, Gülle und Grassilage wird hier vergoren, und aus der Abwärme wird Heizluft fürs Wohnhaus und die Stallungen.

Sonne kann Große-Stockdiek nicht zaubern, die Technologie ist also ausbaufähig. Wir stapfen weiter, kommen an einen See. Der Angler grüßt eher missmutig und bringt die dritte Rute in Stellung. Regentropfen pitschen aufs Wasser - als Fisch würde ich bei so einem Scheißwetter nicht raus gehen! Am anderen Ende des Teiches steht ein Schild: "Fischzuchtteiche. Baden und Angeln verboten!"

Sanddünen vermutet man als Laie ja nicht mitten im Münsterland - aber es gibt sie! Bis vor hundert Jahren wanderten die Dünen noch, aber nun geben sie Ruhe. Eichen und Birken formieren sich zum Waldgebiet - schöne Schattenspender, theoretisch. Aber wir wollen nicht meckern: Kurz bevor wir Ladbergen erreichen, bricht die Sonne hervor. Ein Zeichen, ganz sicher!

In Ladbergen selbst wird die Führung durch Zeichen und unser Wanderbuch wieder etwas spärlich - aber wir kennen uns ja aus und finden nach einem schönen Abschluss-Abschnitt entlang des Mühlbaches unser Ziel: Das Gasthaus zur Post. Dort soll es ein Pilgermenü geben, und wir sind gespannt, wie das wird - das Haus ist ja eher für engagierte und nicht so sehr für einfache Kost bekannt. Es ist schon fast Nachmittag, aber der Chefkoch Oliver Lisso ist noch da, kommt selbst an den Tisch. Wir beratschlagen uns kurz und lassen uns dann überraschen.

Das Dreigangmenü (für 19,50 EU) hat nichts Spartanisches: Vitello Tonato vorweg, als Hauptgang frisch zubereitete (wissen wir, weil der Chef in unserem Gespräch den Hecht erwähnte, den er noch habe) Hechtklößchen mit Flußkrebsen in Rieslingsauce, glasierten Gurken und Petersilienkartoffeln und als Dessert gratinierte Früchte mit Waldmeistersabayone. So macht Pilgern Spaß...

Vitello Tonato
Vitello Tonato
Hechtklößchen mit Flußkrebsen in Rieslingsauce, glasierten Gurken und Petersilienkartoffeln
Hechtklößchen mit Flußkrebsen…
Gratinierte Früchte mit Waldmeistersabayone
Gratinierte Früchte mit Waldme…

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June 19, 2008

Apulische Augenblicke (8)

Martina Franca

Martina Franca
Martina Franca
Wenn man aus einer Stadt kommt, die am liebsten im Barock verweilen würde bis in alle Ewigkeit, dann ist der Besuch einer Barockstadt natürlich eine Herausforderung. Martina Franca ist überall ein wenig barock - aber mit Dresden kein Vergleich! Ist das gut so? Ja, ist es: Martina Franca ist bürgerlicher Barock. Manchmal erinnern nur die opulenten Portale der ansonsten nach außen schlicht wirkenden weißen Häuser an barocke Baukunst, manchmal komplette Palazzi.

Sonntagnachmittag auf der Piazza
Sonntagnachmittag auf der Piaz…
Unser inoffizieller Wanderweg brachte uns nach einem Aufstieg entlang eines wenig atraktiven Pfades durch einige Gassen direkt zur Hauptkirche des Ortes, dem Dom S.Martino an der Piazza Plebiscito. Barock, natürlich, und nach all den Trullis mal was anderes! Vier Heilige stehen in den Nischen, und überm Portal sieht man den Heiligen Martin auf dem Pferd, wie er gerade seinen Mantel teilt. Dreht man sich um und wendet der Kirche den Rücken zu, öffnet sich der großartige Platz Piazza Maria Immacolata mit prächtigen Kolonaden im halbrund. Schöne Restaurants gibt's da - aber für uns in Wanderklamotten erschienen sie nicht angemessen. Wir trauten uns in die Osteria Piazetta Garribaldi - alte Steingewölbe, weißes Tischtuch, Gerberasträuße in Keramikkrügen auf den Tischen. Angesichts der leicht vorgeschrittenen Zeit und unserer rustikalen Kleidung in Verbindung mit nebenan sitzenden vornehmeren Herrschaften fragten wir, ob wir auch nur eine Kleinigkeit zu essen bekommen könnten. Aber sicher doch!

Wie so oft bestellten wir die Antipasti und wurden nicht enttäuscht. Alles sehr einfach, aber alles sehr lecker - und nicht enden wollender Nachschub. Sowohl der Chef des Hauses als auch die Chefin brachten uns - wie die sorgenden Vogel-Eltern ihren piepsenden Jungen - immer wieder einen Teller mit dem Hinweis, das sei echt gut und wir sollten nur probieren. Wenn wir nicht irgendwann abgewunken hätten, hätte man uns nach Locorotondo zurück rollen können.

Arte Funebre
Arte Funebre
Aber wir wollten doch laufen! Zuerst durch die Stadt und ihre verwinkelten nahezu menschenleeren Gassen (später Sonntag Nachmittag!) - was einerseits auch wunderbar geklappt hat, andererseits aber so ganz ohne Plan und Führer doch nicht alles offenbarte, was man hätte sehen können. Wir sahen also nicht den prächtigen Palazzo Ducale, erlebten dafür aber die verschiedenen Phasen einer Fernsehaufzeichnung des offenbar wichtigen Bestattungsunternehmers Basile: Arte Funebre, die Kunst des Sterbens, im Interview mit einem kleinen knorrigen Typen - die Sendung hätte ich gerne gesehen.  Den Weg zum hiesigen Belvedere, von dem man ins Valle d'Itria und zum Sart- wie Zielort Locorotondo sehen kann, haben wir gefunden. Den Blick hingegen, den schönen, fanden wir nicht: Wenn unterhalb der Terrasse gleich alles bebaut und mit Sat-Antennen zugepflastert ist, lohnt es sich nicht!

...Trulling home

Mohn
Mohn
Lang windet sich die Straße hinunter ins Land, den Barock lassen wir hinter uns und weitere Trullis des Itra-Tals liegen vor uns. Die Wegebeschreibung unserer Wahl war mal wieder befremdlich und passte an entscheidenden Stellen nicht - wir wählten daher die Variante, den Kirchturm des Zielortes anzusteuern und kamen auch tatsächlich an.

 Der Weg zurück nach Locorotondo war länger als der Hinweg (weil nicht so gradlinig), aber er war auch liebreizender: Palmen, Olivenbäume, allerlei anderes Grün, Wein, Mohnblumen, Gerstenfelder, Gräser. Und Trullis, Trullis, Trullis. Vereinzelte und als Dorfansammlung, moderne und zerfallene: Die Kamera war schier besoffen von Zipfelmützen.

Trulli
Trulli
Locorotondo rückt näher, die Häuser bekommen Konturen, ihr Weiß changiert im Abendlicht ins Rötliche. Dennoch gibt es keinen Kitschalarm, was man der Landschaft ganz schön hoch anrechnen muss. Einzig der Aufstieg zur runden Stadt beginnt etwas merkwürdig: Man muss ganz mutig die Straße verlassen und auf einem Trampelpfad - natürlich an bellenden Hunden vorbei! - einen finsteren Tunnel ansteuern, der unter der Umgehungsstraße lang geht. Hat man das geschafft, ist die Welt aber sofort wieder in Ordnung: Eine lange Treppe führt zur Stadt hoch, vorbei an einer kleinen Kapelle und einem alten Steintor. Oben angekommen sind wir wieder am Belvedere und genießen im Abendlicht den Blick ins Land. Links der Straße unser Hinweg, hinten am Horizont Martina Franca, rechts die Landschaft des späten Nachmittags. Keine ausgezeichneter Wanderweg, aber - passt schon!

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June 21, 2008

Apulische Augenblicke (9)

Eine Runde Monopoli

Mohn und Oliven
Mohn und Oliven
Schöne Städtenamen haben sie in Apulien: Über Ostuni haben wir ja schon sinniert, ob es nach einer Uni im Osten benannt sei, dann gibt es dort noch ein Torre Canne und ein Monopoli: Da wollen wir hin!

 Auf dem Weg nach Torre Canne kommen wir an einem gigantischen Mohnblumenfeld mit alten Olivenbäumen vorbei. Anhalten und über die Mauer klettern! Mohnblumen machen süchtig, sagt Sylke, und meint es rein fototechnisch. Steine liegen auf dem Feld und vereinzelt stehen uralte Olivenbäume herum. Das sieht so unorganisiert, so uneffizient aus - und doch (oder deswegen?) so schön!

Die Kraft der zwei Brillen
Die Kraft der zwei Brillen
Nach dem ausgiebigen Stopp geht es weiter nach Torre Canne. Der Ort erinnert an englische Küstenbadeorte: Nur erträglich, wenn viel los ist, und selbst dann eher unerträglich! Die unermüdliche Quelle fröhlichen Recherchierens, die Suchmaschiene von Google, scheint das ähnlich zu sehen und bietet kaum Wissenswertes zum Ort. Lediglich die Wikipedia vermeldet, dass sich hier ein vom rechten Weg abgekommener deutscher Polizeiobermeister im Herbst 1985 selbst richtete - die ganze Geschichte kann man ja nachlesen. Wir wussten davon nichts, liefen straßauf und -ab, lichteten den Namen gebenden Turm ab und tranken einen leidlich guten Weißwein in einem Restaurant über dem Meer, das zur Hochsaison sicher nicht erträglich ist, weil es dann dort von öligen Leibern nur so strotzt. So waren wir aber vorsaisonal fast allein, und die am Nebentisch Zeitung lesenden Italiener empfanden wir eher als sehr angenehm.

Himmelsblick
Himmelsblick
Die Strandstraße nach Monopoli führt am Ort Savelletri vorbei, wo man überraschend gut die Mittagspause verbringen kann: im Ristorante "la risacca" gab es Meeresfrüchtesalat, Antipasti italienische Art und Weißwein für drei Euro den halben Liter. Der Wirt empfahl nachdrücklich, abends noch einmal vorbei zu kommen, weil seine Pizza wenn wahrscheinlich die beste der Welt, aber auf jeden Fall wenigstens die beste im Umkreis von zehn Metern sei. Okay, er hat es anders formuliert, aber es klang sehr begeistert.

Castello von Monopoli
Castello von Monopoli
Mit aufziehenden Wolken erreichten wir Monopoli: Viele alte Häuser und Kirchen haben sie da, wobei sich manchmal der Eindruck aufdrängte, dass es mehr Kirchen als Häuser gab - aber das täuschte. Der alte Hafen ist pittoresk, aber der aktive Teil mit dem Fischfang sah nicht so überzeugend aus - ob wegen oder trotz der Tatsache, dass die abendliche Versteigerung die größte Fischauktion der Costa di Bari ist, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht waren ja auch nur zu falschen Zeit da - wer weiß?

Monopoli
Monopoli
Die Steine der Häuser und Kirchen und Paläste in Monopoli haben schon viel gesehen, sie stammen teilweise aus dem 12. Jahrhundert. Der Name ist griechischen Ursprungs und beinhaltet so etwas wie einen Alleinvertretungsanspruch: ΜΟΝΟΠΟΛΗ, mono polis, die einzige Stadt - das war einmal. Mit knapp unter 50.000 Einwohnern ist Monopoli nicht mehr wirklich die einzige, wenn auch eine durchstreifenswerte Stadt in Apulien. Also streifen wir, planlos und es einfach nur schön findend, von Gasse zu Gasse, von Kirche zu Kirche, vom Hafen zur alten Kanone am Rande des Castello, die jetzt nur noch zwei sich Liebenden als Schmuserückhalt dient und ihr grafitti-verziertes Rohr sinnentleert auf einen einlaufenden Kutter richtet.

Polignano a Mare

Polignano
Polignano
Über Grotten liegt, etwa 25 Meter über dem Meer, die hübsch zurecht gemachte Stadt Polignano, in der ein spekatakulärer Anblick (bzw. Ausblick)den nächsten jagt. In der Weinbar haben wir für ein Glas mehr gezahlt als anderswo für einen halben Liter (nämlich 3 Euro 50) – aber die Qualität rechtfertigte das! Die nicht bestellten, aber von der Wirtin dazu gestellten und von uns nicht ungern gegessenen Oliven kosteten einen Euro, die Häppchen (ebenfalls nicht bestellt und ebenfalls auch gegessen) 4,50. Macht zusammen 12.50 – und das ist in der Summe zu viel, denn die Neppgrenze in der Gegend liegt bei 10 Euro ;-)

Was aber schlimmer war: Dem Himmel graute es ebenfalls, Wolken zogen auf - und wir ab...

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June 28, 2008

Apulische Augenblicke (10)

Auf Fischfang

Um frischen Fisch zu bekommen, fährt man am besten ans Meer. In Villanova, dem Strandort von Ostuni, gibt es vier bis sechs (ich habe sie nicht gezählt) Fischläden – und alle hatten keinen Fisch. Als wir einmal abends da waren, fand ich das gut: Abends muss Fisch entweder noch ungefangen im Meer schwimmen (vom Fisch bevorzugte Variante) oder auf dem Herd stehen (meine Vorzugsversion). Aber jetzt, am Morgen? Wir wollten doch Pesce Spada kaufen, den von uns so geliebten Schwertfisch!

Wir hätten vor Ort in Carovigno suchen sollen: dort entdeckten wir - eigentlich schon auf dem Weg zu unserem Tagesziel - eine Pesceria, und sie hatten dort alles, auch Schwertfisch. Mama sagte den Preis an (22 Euro/Kilo) und verzog sich dann zu einem Schwatz mit anderen Kunden, Sohnemann wetzte die Messer und ging dem Prachtkerl an die Kiemen. Genüsslich schnitt er den Kopf ab, legte ihn (Johannes der Täufer lässt grüßen) wieder in die Theke, kümmerte sich ausgiebig-liebevoll um die blutigen Innereien und grinste uns an: ob wir kotzen wollten? Eine derbe Ansprache für einen Fischhändler seinen Kunden gegenüber, aber wir wollten nicht. Wir wollten den Schwertfisch! Je nach Durchmesser ein, zwei oder drei Tranchen – da sind wir seit unserem Erlebnis auf den Liparischen Inseln vorsichtig geworden! Drei Tranchen sind es geworden, 600 Gramm – gerade richtig für zwei Schwertfischliebhaber!

Oria

Vor dem Gewittter
Vor dem Gewittter
Unterwegs nach Oria. Ein veritables Gewitter mit senkrecht niedergehendem Blitz und blitzartig (haha!) folgendem Donner. Es gab helle Stellen am Himmel, aber da fuhren wir nicht hin. Wir fuhren nach Oria, hielten vor dem Tor zum jüdischen Viertel, gingen zur Piazza Manfredi - ein sizilianischer König, dieser Manfred, Sohn von Friedrich II. Über den könnte man Bücher schreiben, man könnte auch viele über ihn bereits geschriebene lesen. Der Schwabe aus Sizilien hatte jedenfalls einen Narren gefressen an Apulien und dem Land vor 800 Jahren gut getan. Viele Städte berufen sich heute auf ihn, die schönsten Friedrich-Orte haben wir aber gar nicht gesehen (und müssen also noch mal hin, auf den Spuren des ganz alten Fritz, sozusagen). Oria verdankt seine Burg jenem "stupor mundi" (dem "Staunen der Welt" - ein netterer Beiname als des zuvor über Apulien gekommenen Robert Guiscard, den man "terror mundi", Schrecken der Welt nannte). Friedrich II. war ein bemerkenswerter Mann, der eine eigene Apulien-Rundreise (mit entsprechend vielen netten Geschichten) wert wäre. Mal sehen, vielleicht in einem der nächsten Jahre...

Jüdisches Tor
Jüdisches Tor
Wir sind also in Oria. Es ist die alte Königsstadt der Ur-Apulier, der Messapier - die Geschichte reicht also weit zurück. Zwei Stadttore sind gut erhalten, wir begannen unseren Rundgang bei der Porta Ebra, dem "Jüdischen Tor". Dahinter liegt - was dann nicht weiter verwundert - das ehemalige jüdische Viertel. Sehr heimelige Gassen und Häuser, viele Fotomotive! Wer durchs andere Tor kommt, der Porta Manfredi, landet hingegen mitten im Trubel des Hauptplatzes, der Piazza Manfredi. Tor wie Platz haben, wie bereits eingangs erwähnt, ihren Namen nach Manfred, König von Sizilien und Sohn von Friedrich II. Laut Wikipedia lebte Manfred 1231 - 1266, laut Straßenschlaumachschild in Oria 1232 - 1266. Auf jeden Fall war er aus der Liason mit Bianca Lancia der Jüngeren hervorgegangen. Der tolle Friedrich und die schöne Bianca hatten drei Kinder gemeinsam. Geheiratet hat der Kaiser seine Geliebte aber erst, als sie schon im Sterbebett lag - so konnte er Sohn Manfred für legitim erklären. Die wahren Geschichten von Friedrich II und seinen insgesamt 19 Kindern, davon die meisten außerhalb der offiziellen Ehe gezeugt und geboren, sind sicher auch spannend!

Antica Trattoria Luce
Antica Trattoria Luce
Am oberen Ende der Piazza fällt ein schmales Haus auf - das ehemalige Gerichtsgebäude, in dem heute die Polizia Urbana beheimatet ist. Interessanter erschien uns aber ein äußerlich unauffälliger Bau am unteren Ende des Platzes, in Tornähe: Dort befindet sich die „Antica Trattoria Luce 1898“, ein eher schlichtes Restaurant. Sylke sah durchs Fenster rein, es war offensichtlich geschlossen - um halb drei ist das ja auch okay. Aber nichts da: Eine Signorina kam raus und bat uns rein. Sie ist nicht mehr die Jüngste, irgendwo zwischen 68 und 86. Ihre älter und zumindest klappriger wirkende Schwester verzog sich gerade in die hinteren Gemächer. Die beiden haben die schönen Vornamen Chichina und Titina - aber ich habe versäumt zu fragen, wer denn nun wer sei!

Küche im "Luce"
Küche im "Luce"
Das Restaurant ist am besten mit dem Adjektiv "urig" zu beschreiben, was sich vor allem auf die liebenswürdig diktatorischen Züge der allein regierenden Chefin bezieht. Ob wir essen wollten? Eigentlich nicht, wir waren nur neugierig, also sagte ich "Ja, natürlich!" Auch trinken? Na klar: Wasser und Wein. Das reichte als Generalbestellung, und wir bekamen – sozusagen par ordre de mufti – Pasta al Forno. Normalerweise verbrennt man sich daran die Zunge, diese waren handwarm. Aber lecker: Makkaroni, Tomaten, Eier, vielleicht auch Käse. Dann kam ein Salat (extra-saurer Essig) mit frischem Brot, dann folgten Polpette – Hackfleischbällchen in Tomatensauce. Wir tranken Rotwein aus einer unetikettierten Flasche und zogen einen Limoncello den als Dolce offerierten Bananen vor. Fotografieren war – ich habe gefragt! - ausdrücklich erlaubt. Nachdem sie aufgeräumt war, wurde ich sogar in die Küche gebeten (und zwei Stunden später, als wir draußen zufällig wieder vorbei gingen, erneut herein gerufen: Ich sollte doch zusehen und fotografieren, wie sie Makkaroni macht). Ob 30 Euro für das Gastmahl recht seien, fragte sie uns nach dem Essen – wir bejahten, das war es wert!

Kathedrale
Kathedrale
Doch Oria zu bummeln macht Spaß: Jede Menge Heilige grüßen aus Wandnischen, die Kathedrale (Spätbarock, falls das jemanden interessiert) bietet eine grün-gelb-violett bunt geflieste Kuppel und - sozusagen am anderen Ende, nämlich unten in der Gruft – 15 aufrechte Mumien - letztere sind allerdings nur auf Anfrage zu besichtigen, was wir uns verkniffen haben. Ganz weltlich: Beim Weg zum Castello trifft man hier auf eine Filiale der Deutschen Bank, gut bewacht von einem Mann mit schwarzer Sonnenbrille - obwohl es gerade mal wieder regnete.

Torre Guaceto
Torre Guaceto
Das Kastell, an dem nicht nur Friedrich II gebaut hat, sondern alle jeweils aktuelllen Herrscher, kann man besichtigen, wenn man will. Wir wollten nicht, weil es schon später Nachmittag war und es uns nach Natur lüstete und nicht nach Mauern. Also verließen wir Oria, um auf dem Heimweg m heimeligen Abendlicht schon mal die Küste zu inspizieren: "Torre Guaceto" heißt das liebreizende Naturschutzgebiet, das sich vom Wasser bis ins Landesinnere erstreckt. Wir erklärten es zum Halbtagesausflusgziel - später also mehr darüber.

Pesce Spada

Abends zu Hause erwarteten uns drei Tranchen Pesce Spada, die wir kalt auswuschen, trockneten, salzten und pfefferten. Dann haben wir sie in wenig Öl in der Pfanne angebraten, gewendet und auch von der anderen Seite kräftig angebraten.

Ein Stück Butter begab sich in die Pfanne, gefolgt von einer geschnittenen Zwiebel und etwas gehacktem Knoblauch (ich glaub', es waren drei Zehen für uns zwei). Der Saft einer Zitrone, über den Fisch geträufelt, löschte alles ab. Ein Schluck Weißwein (der, den wir auch tranken!) kam hinzu, eine Hand voll klein gehackter glatter Petersilie ebenfalls.

Dazu gab es Blattspinat (mit Zwiebel und Knoblauch in Butter gedünstet).

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June 29, 2008

Apulische Augenblicke (11)

Torre Guaceto

Torre Guaceto
Torre Guaceto
Türme gibt es an der apulischen Küste wie Sand am Meer. Torre hier, Torre da - sie sind nicht zufällig in Sichtweite zueinander aufgestellt, denn sie bildeten eine Verteidigungslinie gegen (damals: türkische) Angreifer. Mit Rauch (tagsüber) und Feuer (nächtens) wurden die Signale im 16. Jahrhundert gegeben - Mobiltelefone waren damals einfach zu teuer!

Einer der Türme ist der von Guaceto. Es ist insofern ein besonderer Turm, weil er Namensgeber für ein komplettes Naturschutzgebiet ist. Die 1.000 oder 1.200 ha große Riserva Naturale dello Stato di Torre Guaceto hat rund acht Kilometer Küstenlinie - ideal für eine Strandwanderung! 

Olivenhain
Olivenhain
Das Gebiet ist gut erschlossen: Die Staatsstraße 379 von Bari nach Brindisi führt mitten hindurch. Nördlich der Straße ist der schmalere Landstreifen, in dem es viel mediterrane Macchia gibt, aber auch (dünn) besiedeltes Gebiet. Südlich herrschen Olivenplantagen vor und Landwirtschaft. Das Informationszentrum liegt touristisch etwas abseits im Südwesten. Der Weg zum Centro visite Torre Guaceto lohnt nicht wirklich, es sei denn, man möchte sich Fahrräder mieten, um das Gebiet zu durchradeln. Es gibt dort ansonsten: Hunde vor der Tür (die beißen nicht, sie wollen nur pennen), eine minimalistische Bildertafel-Ausstellung, zwei leidlich englisch sprechende Auskunftsdamen und eine nahezu nutzlose Karte mit der schematischen Darstellung der verschiedenen Zonen des Naturschutzgebietes.

Die Damen empfahlen den offiziellen Parkplatz  an der S.S. 379, den aber kaum jemand nutzt, so lange es direkt am Meer an der Punta Penna Grossa ausreichend verbotenen Parkraum gibt. Wir hatten diese Stelle bereits auf dem Rückweg von Oria nach Carovigne kennen gelernt und wussten: Hier steht man gut, wenn man weiter gehen will!

Gruß aus der Karibik!
Gruß aus der Karibik!
Das Wasser nördlich der Bucht  gehört zur so genannten "Zone B" - was heißt: Hier darf man baden. Eine gute Entscheidung, denn der Sandstrand ist von der Art "Bilderbuch" mit feinem Sand und steinfreiem Zugang zum Wasser, das zu allem vergnüglichen Überfluss auch noch schön blau den Himmel reflektiert. Wer sich zuvor für die Variante "Fahrradtour" entschieden hat, merkt jetzt: Dumm gelaufen - denn hier kann man nicht radeln. Schuhe aus und barfuß durch den Sand gewandert ist es aber höchst genussvoll! Das Wasser zur Linken  gibt sich viel Mühe, nicht so langweilig Adria-blau zu sein, sondern immer mal wieder karibisches Türkis vorzugaukeln. Rechter Hand gibt es Ansätze von (und einmal sogar richtige) Dünen. Kleine Pfade führen hinein in die Macchia, die verführerisch riecht - und wenn man zur richtigen Jahreszeit dort ist, kommen Blütenfotografinnen voll auf ihre Kosten.

Wegweisend
Wegweisend
Der ersten weitläufigen Badebucht folgen mehrere kleine, die etwas wilder sind. Jede hat ihren eigenen Charakter, so dass es nicht langweilig wird. Am spannendsten war die unangekündigt sich auftuende Bucht der verlorenen Schuhe, am lustigsten der Wegweiser nach "Kosovo, Croazia, Albania". Leider macht sich, wer den Schildern folgt, strafbar: Wir befinden uns bereits in Zone A des Naturschutzgebietes, und da ist schwimmen verboten. Wie also soll man da rüber machen?

Torre Guaceto
Torre Guaceto
Den Torre Guaceto hat man nahezu den ganzen Weg lang gesehen, er wurde - wie sich das gehört, wenn man einem Gegenstand näher kommt - immer größer. Und plötzlich stand er vor uns: Eindrucksvoll ungemütlich, wie es sich für einen Turm mit dieser Aufgabe gehört - aber von einsichtigen Mitdenkern mit einer Bank zum Pausieren ausgestattet. Ehrensache, einmal den Turm zu umrunden, in die Ferne (nach Kroatien?) zu sehen, zurück zum Punta Penna Grossa zu blicken und auf die nächste Bucht - in der, zu meiner Freude, zwei Inseln liegen. Mitten in Zone A - also kann man nicht hinschwimmen (als Mensch - Tiere dürfen!). Landeinwärts steht viel Schilf, die Sumpfzone des Reservats lässt grüßen.

Dünen
Dünen
Zurück zu unserem Ausgangspukt wählen wir die Route etwas landeinwärts - und sind erneut entzückt: Bäume, Blumen, Blüten! Und Dünen mit verschlungenen Wegen! Zwei Radfahrer überholten uns - hier geht's also!

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June 30, 2008

Apulische Augenblicke (12)

Die Bucht der verlorenen Schuhe

Schuhe
Schuhe
Plötzlich lag sie vor mir, einsam, verlassen, getrennt vom Partner, der ihn Zeit ihres Lebens in guten wie in schlechten Zeiten begleitet hatte: eine doppelt geschnallte Sandale mit Halteriemen an der Ferse. Gleißendes Licht umspielte die Verlassene, die aufrecht im Sand lag. Ich bedauerte die Sandale, versuchte sie zu trösten ("weißt du, beim letzten Waschgang fand ich auch eine verlorene Socke - so was kommt vor!") und ging weiter.

Nach nur wenigen Minuten traf ich auf zwei weitere Alleingelassene, die sich offenbar gerade getroffen hatten: Ein schwarzer Flipflop aus "Itale", die Richtung Westen geht, begegnet steuerbord eine blaue Flopflip mit blassblauem Plastikschmetterling vorne, der ostwärts steht. Die Blaue scheint etwas zu haben: Sand in den Schuhen und ein unwirscher Blechdraht deuten darauf hin, dass irgend etwas nicht stimmt.

Ich gehe weiter, nachdenklich. Das waren nun in kürzester Zeit schon drei einsame Schuhe - ein linker und zwei rechte. Hatte das etwas zu bedeuten? Ich konnte nicht lange nachdenken, denn ich traf Fila, eine blaue alte Dame mit zermürbtem Leder - und voller Sand! Und nicht nur das - beim zweiten Blick musste ich erkennen, dass hier nun wirklich alles zu spät war: Das Vorderblatt begann sich bereits aufzulösen, der Reißverschluss zwischen Quartier und Zunge steht schlapp offen.

Wenig weiter nur stolpere ich beinahe über eine Sandalette. Auch sie hatte ihr eigentliches Leben deutlich hinter sich gelassen. Ein Stoffstriemen hing nur noch an einem zerrottetem Faden, die lila Blüten, einst als Schmuck gedacht und eine Zierde des schlanken Fußes der Trägerin (sie war hübsch! das sieht man der Sandalette jetzt noch an!) - die lila Blüten verblassen.

Ich ging weiter - und das jämmerliche Bild wollte gar kein Ende nehmen, Schuhsohle um Schuhsohle, ohne Rücksicht auf Material und Herkunft, alle lagen sie im Sand, alle allein, alle verlassen. Kein rechter Schuh fand sich für die linken verlassenen, kein linkes Stück findet den rechten Anhang. Nacheinander fand ich schwarzes Gummi, mit der Oberseite nach unten, eine Holzsohle mit Blümchenplastikriemen, ein schwarzes Plastikgestell, das wie ein Hummer gebeugt über dem Sand steht, ein bis auf Naht und Sohle zerfallener Mokassin, eine schwarze Sandale mit starker Profilsohle, eine weitere schwarze Sandale mit rostigen Schnallen (nein, kein Paar: beides rechte Füße!), eine einfache "37", ein kleiner Schuh in bleue, ein frottierter mit bedruckter Sohle.

Wer hat diese Schuhe hier in der Bucht ausgesetzt? Wer hat sie, vielleicht nach turbulentem Liebesspiel in der Einsamkeit des Naturschutzgebietes, einfach vergessen? Und was ist mit den anderen, hier nicht liegenden, aber genau so einsamen Schuhen, die ihren Partner verloren haben?

Vielleicht ist es aber auch alles ganz anders. Vielleicht hat sich hier ja der Club der Einbeinigen getroffen und sich demonstrativ von den künstlichen Gliedmaßen getrennt, sie als Opfer der Adria übergeben - natürlich so, wie der Orthopäde sie geschaffen hatte. Für die Schuhe war dann keine Verwendung mehr, sie wurden der Freiheit dieses schönen Reservats überlassen...

Published at 19:06 / 8 comments / 494 visits
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