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May 25, 2008

Apulische Augenblicke (1)

"Wie war denn der Urlaub?"

"Ach", sagt das Hemd, "aus meiner Sicht sehr spannend!". Dabei blickt es stramm auf die sich von innen nähernde Wölbung.

Das Essen war also, wen wundert's?, offensichtlich gut.

"Und das Wetter?"

"Sieh uns doch mal an!" sagen die Füße. Merkwürdig: Streifenweise sind sie braun, dazwischen eher blass. War das Wetter also eher durchwachsen? "Quatsch!" sagen die Füße und verweisen auf die Sandalen, an denen sie so hängen.

"Eine Frage noch: Apulien - wo liegt das eigentlich?"

Süditalien. Wer sich Italien als Stiefel vorstellt (und wer tut das nicht?), findet Apulien da, wo die Wade ist, wenn der Stiefel ausgezogen ist. Und wenn er wieder angezogen ist, dann hat so ein Stiefel gerne einen Sporn (im Reiter- oder Soldatenleben gerne mit gezacktem Rädchen): Das ist das Gargano.

"Das Klima bietet milde Winter und heiße Sommer", lese ich in der Wikipedia und bin geneigt zu ergänzen: Der Mai kann erstaunlich kühl und durchwachsen sein, was den in Apulien lebenden Menschen mehr bekannt zu sein scheint als den Urlaubern: Letztere erkennt man an kurzen, weißen Hosen / Röcken / Kleidern und kurzärmeligen Hemdchen, die Einheimischen an Daunenjacken und durchweg eher dunkler Kleidung, die rein jahreszeitlch an den Übergang vom Herbst zum Winter erinnerte. Ich habe es dann aber nicht in den Wikipedia-Beitrag geschrieben (vielleicht will das ja jemand machen, eine Quelle könnte er (oder sie) hiermit ja angeben.

Apulische Augenblicke

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May 26, 2008

Apulische Augenblicke (2)

Im rüden Süden

Ferienhaus-Architektur
Ferienhaus-Architektur
„...und rufen Sie Familie M. ruhig an – sie sprechen beide deutsch!“ hatte uns die Ferienwohnungsvermittlerin geschrieben. Also riefen wir an, nachdem wir in Bari gelandet waren und den Mietwagen übernommen hatten. Während das Telefon klingelt und keiner rangeht außer der nicht deutsch sprechenden (natürlich nicht! Warum auch?) vollautomatischen italienischen Telekomdame, bleibt also Zeit, ein wenig abzuschweifen.

Bari ist die Hauptstadt Apuliens, und Apulien ist die Wade des italienischen Stiefels. So, nun weiß jeder wo wir sind: Im Mezzogiorno, am Flughafen, bei der Autovermietung. Und über die wollte ich ein wenig abschweifen, so zur Einstimmung, während das Telefon klingelt und keiner rangeht außer der italienischen Telekomdame. Wir hatten den Wagen laut Protokoll „ohne Altschaden“ übernommen und fanden ihn – mit drei Stellen von Kratzern, Lackabschürfungen und Beulen. Die Firma hatte schon jemand auf dem Platz, der, soweit ich das verstehen konnte, als Ausgleich für den mangelnden Service vor Übernahme des Wagens durch den Kunden die Bestandsaufnahme nur bei Beschwerden durchführte. Das aber nett und verbindlich sowie, natürlich, nur auf italienisch.

So, nun klingelt das Telefon wieder – und diesmal geht einer ran! Wenn der Italiener ans Telefon geht, begrüßt er sein Gegenüber mit „pronto!“ - und man kann sich aussuchen, ob er nun bereit ist oder schnell fertig sein möchte. Signore M. sprach kaum deutsch und war auch gleich wieder weg: Funkloch. Aber er rief, dem Loch nur ein bisschen entwichen, zurück, und wir teilten ihm mit, nun Bari zu verlassen. Wir verabredeten uns an einer Tankstelle – er meinte: in einer halben Stunde.

Kurz danach fuhr ich an einem Schild vorbei und las, dass es bis zur Tankstelle etwa 82 Kilometer seien. Wie mag er, angesichts der vielen Polizisten mit Tempolimitüberschreitungsgeldbörsen, das schaffen?

Banda Rumurosa
Banda Rumurosa
Gar nicht. Wir hatten uns nur missverstanden, wie seine nun wirklich deutsch sprechende Frau uns mitteilte. Die beiden lotsten uns zum Haus, das direkt an der Straße in einem riesigen Grundstück liegt. Die Straße beliebt kurz hinter dem Haus in eine Kurve zu münden, weswegen so genannte „liegende Polizisten“ oder, wie man in Italien sagt, eine banda rumurosa den rasenden und vielleicht müden Fahrer wecken und erschrecken sollen. Sie sind, auch 50 Meter weiter landeinwärts auf der Terrasse des Hauses, gut wwwwwwrrrrrrrrrrrrrrmmmmmmmm zu wwwrrrrrrrrrrrmmmmm hören wrrrrrrrrmm.

Auch sonst ist es hier sehr ruhig, die Züge auf der nahe gelegenen Strecke halten letztmals abends um elf mit tuut und pingpingping am nahe gelegenen Bahnhof (der, aus Sicht der Reisenden, mitten in der Pampa liegt, auch wenn er Carovigno heißt.

So, das war der Frust des ersten Abends – und da man ja jede Geschichte bekanntlich auf mindestens zweierlei Art erzählen kann, folgt hier Version zwei.


Südländische Freundlichkeit

Ferienhaus Carovigno
Ferienhaus Carovigno
Wir landen am Flughafen Bari. Wir rufen den Vermieter an, der nicht ans Telefon geht – aber (Rufnummernübertragung!) sofort zurück ruft. Wir verabreden uns an der Tankstelle im 82 Kilometer entfernten Carovigno – und werden dort von der Tankstellenpächterin freundlich begrüßt: Unser Gastgeber sei gleich da! Während ich noch überlege, wie sie uns erkannt hat, kommt auch schon der Vermieter mit seiner gut deutsch sprechenden Frau. Sie fahren mit uns zum Haus – es steht auf mindestens 2.000 Quadratmetern süditalienischem Garten,mit Olivenbäumen und Blumen! Unser Domizil ist riesig!

Das fängt ja richtig gut an – und so geht’s auch weiter. Zum ersten Abendessen fahren wir ans Meer (das man, wenn man dem Haus aufs Flachdach klettert, vom Feriendomizil aus sehen kann). In Torre Santa Sabina warten drei Restaurants auf Gäste – es ist halb acht, für italienische Verhältnisse noch recht früh. Egal: Wir wählen das Beste - natürlich. Frag' keine(r), wie wir das machen, aber offensichtlich ist es ein Urinstinkt: Um halb acht waren alle drei Restaurants gleich leer (und irgendwie auch gleich charmant, also nicht so heimelig wie bei uns. Aber das ist ein gutes Zeichen, wenn die Lampen hell und die Tische eher rustikal sind). Als wir gingen, war nur eins voll: Das, aus dem wir kamen. Noch Fragen?

Ach ja, sicher die: Was gab es denn? Wir hatten die Antipasti della Casa bestellt – den Vorspeisenteller des Hauses. Einmal für uns beide, weil wir nicht so viel Hunger hatten und danach ja noch einen Hauptgang zu uns nehmen wollten. Der recht rüde wirkende Kellner (er knallte jedem im Restaurant, das sich langsam füllte, die Wasserflasche und den Wein geräuschvoll auf den Tisch und wirkte irgendwie lustlos) kam mit vier kleinen Tellern verschiedener Vorspeisen, die er schwungvoll auf den Tisch stellte. Dann ging er – um sofort wieder zu kommen mit noch einmal drei Tellern. Er wünschte uns „Buon appetito!“, ging – und kam noch einmal mit vier Tellern. Wir mussten die Fensterbank als Abstellfläche missbrauchen, probierten alles und fühlten uns am richtigen Platz: Käse, hausgemachte Pasteten, Meeresfrüchte, Tintenfisch, Salat – alles bestens. Und der Fisch sowie die Pizza danach waren eigentlich überflüssig (aber auch so gut, dass sie gegessen werden wollten!)

An den Kellner hatten wir uns mittlerweile gewohnt – es war gar nicht so übel und missgelaunt, sondern schnell, freundlich, nett. Und er beeindruckte uns nachhaltig, als er alle Teller auf einmal abräumte und fortschaffte...

Apulische Augenblicke

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May 27, 2008

Apulische Augenblicke (3)

Carovigno

Tragfähig
Tragfähig
Eigentlich sollte es einem zu denken geben, wenn der Reiseführer Carovigno gar nicht erwähnt. Wo dort doch nahezu jede Milchkanne Erwähnung findet! Und findet man mal was über Carovigno, dann ist es auch nicht sehr hilfreich - so wie bei Theodor Mommsen in seinem 1850 erschienen Buch über "Die unteritalischen Dialekte": "Wenden wir uns endlich noch zu den grossen Inschriften, so sind die von Monopoli und Carovigno so schlecht copirt, dass nichts damit anzufangen ist." Mist!

Dazu passt dann auch, dass die örtliche Touristeninformation "Pro Loco" beim ersten Besuch geschlossen ist und beim zweiten nur zwei im Dunklen miteinander parlierende Damen präsentierte, die außer ihrer Muttersprache keine andere beherrschten. Freundlich zeigte die eine auf einen Stapel mit Broschüren, von denen eine (natürlich auch italienisch, wir sind schließlich in Italien) auf 28 Seiten ausführlich Auskunft über die Perle Apuliens gibt (Carovigno - perla di Puglia).

Also mit den Touristen aus aller Herren Länder wird's so nichts, aber vielleicht hat's uns ja auch deswegen so gut gefallen. Wir gehörten schnell zu einem Teil der Lebensgemeinschaft dieser Kleinstadt mit etwas über 15.000 Einwohnern, und das kam so: Jeden Morgen fuhren wir von unserem etwas außerhalb der Stadt gelegenen Domizil in die "Bar Jolly", in der wir schon am zweiten Tag als Stammgäste betrachtet wurden. Ähnlich nett begrüßte man uns beim Gemüsehändler (Stichwort frisch gepresster Orangensaft!) und im Kaufladen für Brötchen, Wurst und Käse.

Carovignos Castello
Carovignos Castello
Carovigno liegt, wie die meisten Städte in der Gegend, auf einem Hügel. Glücklicherweise gibt es genug Hügel in der Gegend, so dass man sich von Berglein zu Berglein zuwinken kann. Die Vorliebe für Anhöhen hat natürlich was mit der nicht immer ungeteilten Freundschaft der Menschen zueinander zu tun: Von oben herab ließ es sich besser verteidigen, und wenn der Ferind erstmal durch die Hitze den Berg ansteigen musste, mochte er die Burg gar nicht mehr erobern. Eine Burg, ein Castello, gehört im Apulischen zum guten Ton: Jede Stadt hat eine!

Carovignos Schloss ist 1163 erstmals urkundlich erwähnt, seitdem hat es viel Fehden, Meuchlereien, Piratenangriffe und andere unschöne Dinge gesehen. Wenn die Steine (die heute wunderbar restauriert goldgelb in der Sonne reflektieren) erzählen könnten, gäbe es nette Geschichten von Baronen, die ihren Verpflichtungen als Feudalherren nicht nachkamen (also nicht so viel zahlten wie sie sollten). Die Liste der Besitzer und Bewohner des Schlosses über die Jahrhunderte ist ein nettes Who is Who in Puglia - wer mag, kann es ja nachlesen - mit großem Amusement auch in der automatischen Übersetzung durch Google.

Rosettenfenster
Rosettenfenster
Auf dem Weg zum Schloss standen wir vor einer Kirche und suchten, wie so oft, mit der Kamera nach einem außergewöhnlichen Motiv. Da kam ein älterer Herr des Wegs und deutete uns freundlich an, ihm zu folgen. Er bog links ab in eine unspektakuläre Gasse und dann rechts in eine noch nichtssagendere. Einige Schritte noch ging er, dann hielt er, drehte sich um - und uns stand der Mund offen. Das Rosettenfenster der Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert. Das hätten wir hier nicht vermutet - Rosettenfenster gehören über den Eingang der Kirche und nicht versteckt um die Ecke herum!

Gar nicht so schlecht gedacht - denn unter dem Rosettenfenster war einmal der Eingang - man hatte ihn später lediglich verlegt. Vor dem jetzigen Eingang ist ein Platz (wie sich das für eine Kathedrale gehört), vor dem alten enges Gassengewirr, so dass - hätte uns der freundliche Insider nicht mitgenommen - wir das tolle Fenster vielleicht gar nicht entdeckt hätten. Mille grazie, signore!

Apulische Augenblicke

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May 28, 2008

Apulische Augenblicke (4)

Carovigno (2)

Balkon
Balkon
Italienische Städte haben eigentlich alle irgendetwas unterm Namen stehen. So nach dem Muster: Kleinkleckersdorf - die Stadt der großen Maler. Carovigno begrüßte uns bei der täglichen Einfahrt auf dem Weg zum Morgen-Espresso mit dem Hinweis, sie sei die Città della Nzegna.

Nzwasbitte? Mein kleines italienisches Handwörterbuch versagte, doch ein Blick in den Touristen-Prospekt verriet es: Die Nzegna ist ein Wettkampf der Fahnenschwenker, der zu Ehren der Heiligen Maria ausgetragen wird. Nur an drei Tagen im Jahr - dann aber heftig: Am Ostermontag und -dienstag sowie am Samstag nach Ostern vor den Toren der Stadt bei der Wallfahrtskirche von Belvedere aus dem 8. Jahrhundert.

Die ansonsten eher beschauliche kleine Stadt quillt dann über von Zuschauern, alles ist auf den Beinen, um zuzusehen, wie bunte Fahnen an langen Stöcken kunstvoll in die Luft geworfen und dann - wenn's klappt: Jubel und Applaus! - auch wieder aufgefangen werden. Zu Trommeln und Pfeifen (man kennt das von Mittelaltermärkten) mühen sich jeweils zwei Männer auf dem Platz ab, ziehen die Fahne samt Stange zwischen den Beinen hindurch, umschmeicheln die Fahne, tätscheln den Stock mit dem Fuß - ach, es ist so wie in den 50er Jahren beim Rock'n'Roll nur dass die Jungs damals statt der Fahnen mit Mädchen tanzten, was irgendwie graziler aussah. Aber wir haben es ja hier nicht mit irgendeinem Tanz zu tun, sondern mit Tradition. Das ganze Spektakel macht einen sehr karnevalistischen Eindruck, inklusive dem nötigen Ernst und dem unvermeidlich eintönigen Trommeln und Pfeifen.

Auf der Piazza
Auf der Piazza
Wir waren aber nicht zu Ostern da, sondern in ruhigeren Zeiten. Carovigno bietet dann typischen italienischen Alltag, mit Männergrüppchen hier und da und auch dort - es ist erstaunlich, was die alltäglich zu bereden haben. Frauen sieht man sehr gerne, wenn sie die Wäsche aufhängen oder einkaufen. Sie schwatzen auch miteinander, aber nicht so offensichtlich wie die Männer.

Was uns auffiel: Wir haben keinen ordentlichen Bäcker gefunden. Zwei, drei Läden hätten es der Aufschrift nach sein können, aber sie hatten geschlossen. Brot und Brötchen gab es im Supermarkt - zwar in ordentlicher Qualität, aber eben nicht aus der eigenen Backstube. Auch die Zahl der mobilen Händler (Fisch-Ape, Gemüse-Ape) tendierte gegen Null: Das war andernorts vielfältiger. Aber ansonsten gibt Carovigno schon einen guten Einblick in das italienische Einkaufsgefüge einer Kleinstadt.

Due caffé
Die Bar ist eine wunderbare italienische Institution: Man kommt rein - und wenn man dort bekannt ist, stehen schon schwupps schwupps zwei Untertassen auf der Theke. Von einer monumentalen Kaffeemaschine nimmt der Barmann (ganz ganz selten: die Barfrau - aber wenn es eine ist, dann ist sie meistens supergut!) zwei Espressotassen, die schön heiß sind und stellt sie unter die Maschine. Ins Kaffeesieb kommt das Pulver, der Siebträger in die Maschine über dieTassen - und heraus läuft gaaaaanz langsam eine schwarze Brühe, die alsbald schaumig und bräunlich wird. Dann macht der Chef die Maschine aus, stellt die Tassen auf die Unterteller und holt zwei Gläser, die er mit Wasser füllt. Wenn man neu ist, fragt er, ob das Wasser sprudeln soll oder nicht; am zweiten Tag erübrigt sich die Frage natürlich. Man kennt sich!
Nebenan stehen Bauarbeiter, Rechtsanwälte, wasweißich, jedoch selten mal eine Frau. Wie heißt es in der Sendung mit der Maus: Das klingt komisch, ist aber so. Andererseits musst du als Frau auch keine Angst haben, besonders blöd angeguckt zu werden, nur weil du einen Espresso willst. Manchmal trinken die Anwesenden - auch frühmorgens - nicht nur ihren Caffè, sondern auch härtere Sachen. Meistens passiert das alles im Stehen - aus gutem Grund: Da kostet's nicht so viel. Wir haben durchschnittlich 90 Cent pro Tasse Espresso bezahlt (nie mehr als 1 Euro, einmal nur 70 Cent - und das war nicht der schlechteste!)
Ab dem dritten Tag war der Caffé schon in der Mache, wenn wir rein kamen - der Chef hatte sich unser Auto gemerkt! Irgendwann irritierte ihn offenbar, dass wir so lange in Carovigno blieben: Ob das unser letzter Tag sei, wollte er wissen - es war der vorletzte, und natürlich waren wir auch am letzten dort - mit bereits gepackten Koffern im Auto. Soviel Abschied muss sein!

Frutta e verdura
Die zweite Station des Tages war fast immer der kleine Gemüseladen. Ein Familienbetrieb, wie so oft in den kleineren Städten Italiens: Er brachte das Gemüse an und wuchtete Kisten, Sie kassierte und beriet, packte auch mit ein, wenn nichts los war. Hinzu kam ein erwachsener Junge, der ein wenig deutsch konnte - aber er war nicht immer da, so dass ich nicht mehr dazu gekommen bin ihn zu fragen, wo er das her hat. Es war offensichtlich mehr, als für eine rein touristische Kommunikation nötig ist. Egal. Von der Frau lernten wir das italienische Wort für Kirsche (ciliega)- und sie von uns das deutsche Wort für ciliega (Kirsche). Das ging problemlos, weil wir einfach drauf zeigten, und es hat beiden Seiten viel Spaß gemacht!
Zur angenehmen Seite dieser Einkaufskultur gehört sehr viel: Offensichtlich gab es dort wirklich Marktpreise - die (natürlich handgeschriebenen) Preisauszeichnungen variierten von Tag zu Tag. Und wenn man (weil es Fisch gibt) nur eine Zitrone kaufen will, geht das nicht: Man bekommt sie geschenkt. Auch werden Preise gerne abgerundet (jawohl: ab!). Derlei Kundenbindung gefällt mir besser als jede Kundenkarte, denn sie kommt wirklich dem Kunden zu gute und dient nicht dem Sammeln von Daten und anderen Erkenntnissen.

Supermercato
Die Supermärkte in den Kleinstädten haben noch einen Hauch von Tante Emma: Sie sind übersichtlich, es laufen dort richtige Menschen herum, die einen (meistens hinter gar nicht so schlecht bestückten Fleisch- und Käsetheken) nett bedienen. An der Kasse gibt es selten Schlangen, weil so viele Leute da nicht reinkommen und notfalls eben der Chef an die Kasse nebenan geht. Wenn nicht viel los ist, kommt jemand und hilft beim Einpacken - was unsere amerikanischen Freunde ja auch kennen - aber wir in Deutschland eben nicht (ich mag es ja gar nicht schreiben: Ausgerechnet ein Azubi und ausgerechnet beim örtlichen Lidl hilft auch regelmäßig, die Tüten zu füllen und ist auch ansonsten ganz der Dienstleister. Aber er ist leider die Ausnahme).
An der Bedientheke macht es immer großen Spaß, sich nur eine oder zwei oder vier Scheiben von diesem und jenem geben zu lassen: Das geht problemlos, keiner meckert - und man hat die Sachen wirklich frisch.

Verpasst haben wir auch was - die Osteria gia Sotto l'Arco. Sie gilt als das beste Restaurant Apuliens, liegt mitten in der Stadt. Gesehen haben wir sie, bei unserem ersten Stadtbummel - aber dass es sich gelohnt hätte, da auch hinein zu gehen, das habe ich erst nach dem Urlaub gelesen. In der Osteria kocht die Autodidaktin Teresa Buongiorno, und ihr Mann Teodosio hat sich als Sommelier einen Namen gemacht. Wir müssen nochmal da hin!

Apulische Augenblicke

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May 31, 2008

Spaziergänge im Welterbe (1)

Welterbe erforschen
Welterbe erforschen
Dresden ist Welterbe - zwischen Pillnitz und Übigau ist ein Gebiet von neunzehneinhalb Kilometern Länger und knapp 20 Quadratkilometern Fläche seit Juli 2004 mit diesem Titel ausgezeichnet. Wie lange die Stadt sich noch mit dem UNESCO-Titel schmücken kann, ist fraglich - der vorgesehene (und bereits begonnene) Bau einer Brücke mitten durchs Elbtal hat die Erbetitel-Vergeber vergrätzt, sie wollen der Stadt den Titel aberkennen. Auf der roten Liste gefährdeter Kulturgüter steht Dresden schon. Zum Welterbe-Tag am 1. Juni daher ein wenig Werbung für den Erhalt dieser unvergleichlichen Kulturlandschaft. Wir machten einen Spaziergang mit Besuch aus Bremen - "The Guenni" mit Fotoapparat nebst Frau und Hund begleiteten Sylke und mich auf einer kleinen Schlössertour.

Die drei Elbschlösser

Elbe bei Dresden
Elbe bei Dresden
Die drei Elbschlösser in Dresden stehen auf der rechten Elbseite zwischen Loschwitz (Blaues Wunder) und dem Waldschlösschen hoch über der Elbe am Hang. Am besten sehen kann man sie vom anderen Elbufer, wobei die Touri-Busse ihre Knipser-Ladungen an der Straße abkippen und die meisten Fotos von dort sicher nicht die schönsten sind. Blickt man so auf die Schlösser, erkennt man von links nach rechts Schloss Albrechtsberg (1850/51), die Villa Stockhausen (1850/53) und Schloss Eckberg (1859/61) - ein einmaliges Ensemble, das man abseits der ausgetrampelten Touristenpfade gut erkunden und Dresden dabei von einer etwas anderen Seitekennen lernen kann.

Schloss Albrechtsberg
Schloss Albrechtsberg
Start der Tour könnte zum Beispiel bei Schloss Albrechtsberg sein - da gibt es meistens einen Parkplatz, und eine Bahnhaltestelle ist auch nicht weit. Das Schloss hat eine nette Geschichte - weil sie einen kleinen Einblick in die piefigen Regeln des Adels im 19. Jahrhundert erlaubt. Unsere Geschichte beginnt mit James Ogilvy - einem schottischen Adligen, der 7. Earl of Findlater, 4. Earl of Seafield, Viscount of Reidhaven sowie Baron of Deskford and Cullen war. Außerdem war er schwul, weswegen er aus seiner Heimat ausgewiesen wurde und in Dresden quasi Asyl fand. Er kaufte, Geld hatte er offensichtlich genug, fünf zusammenhängende Weinbergsgrundstücke. Das Areal war groß genug, um später drei Schlössern Platz zu bieten (eben jenen drei Elbschlössern, die man heute sieht). Er selbst erlebte das jedoch nicht - bevor sein Landhaus an der Stelle des heutigen Schlosses Albrechtsberg 1811 fertig war, verstarb Lord Findlater.

Schloss Albrechtsberg
Schloss Albrechtsberg
Sex in the City, Part 2 folgte 1850: Prinz Albrecht von Preußen heiratete nach herrschender Meinung gleich doppelt falsch: Er hatte seine Ehefrau verlassen, weil er sich in ihre Hofdame verliebt hatte. Eine zweite Heirat nd dann auch noch nicht standesgemäß - das war zu viel. Auch Prinz Albrecht, der jüngste Bruder des späteren Kaisers Wilhelm I., suchte und fand Asyl in Dresden. Ausgerechnet in Sachsen, werden die Preußen gedacht haben. Wie auch immer: Im Auftrag des Prinzen erwarb Baronin Ernestine von Stockhausen, die Frau seines Kammerherrn, einen Großteil von Findlaters Weinberg. Ein Preuße - der Hof- und Landbaumeister Adolf Lohse - entwarf dann eins der wenigen spätklassizistischen Bauwerke Dresdens: Schloss Albrechtsberg. Lohse, ein Schinkel-Schüler, greift auf klassische Formen zurück - vielleicht wirken die drei Elbschlösser im ansonsten ja eher barocken Dresden deswegen auch so wohltuend anders.

Die Parkanlagen mit geschwungenen Wegen (die wir nun gleich gehen werden) hat auch ein Preuße entworfen: der Gartenbaumeister Eduard Neide, der (ebenfalls preußische) Hofgärtner Herrmann Sigismund Neumann führte sie aus. Es gibt Teiche, Felsen, einen Wasserfall, ein Viadukt und andere Brücken - ein abwechslungsreiches Stück Dresden umgibt das Schloss!

Elbhangweinfass
Elbhangweinfass
Wenn man vor dem Schloss steht und rechts dran vorbei geht, kommt man zuerst zu einem Winzer, der hier einen netten Wein macht. Man kann ihn (den Wein) dort kaufen und auch trinken - der Garten hinter dem Kavaliershaus ist grandios, und hoch über der Elbe gibt es (ich denke mal: nur für vorab angemeldete Gruppen) auch ein lauschiges Plätzchen, wo es schlimmeres gibt, als ein Glas Wein zu trinken. Besonders im Abendlicht ist die Stimmung hier unbeschreiblich, weswegen ich da auch gar nicht erst mit anfange...

Schöner Blick vom Balkon
Schöner Blick vom Balkon
Vom Winzer geht es parallel zur Elbe wieder Richtung Schloss. Man landet auf der hinteren Terrasse und sollte sich das Schloss zumindest von außen ansehen - auch mal nach oben sehen, nette Figuren! Den Blick runter zur Elbe wagen wir dann und sind bitte wieder voll begeistert, denn er ist einfach hinreißend schön. Ein Springbrunnen drängt sich ins Blickfeld zwischen uns und die Elbe. Den wollen wir von unten sehen!

Es geht etliche geneigte Wege und einige Stufen runter, man kommt an, will wieder hochsehen und bleibt erst einmal unten hängen: Hinter der schon von oben entdeckten Wassersäule und viel Wasser rund um sie herum gibt es einen Säulengang. Das "Römische Bad" ist das hier, man sieht es auch (wenn natürlich weit weniger detailiert) vom anderen Elbufer. Chic chic...

(wird fortgesetzt) [Karte des Spaziergangs]

PS: Einen Welterbe-Kalender hatte ich 2005 im Weblog Aufgelesen veröffentlicht. Zwölf Bilder und zwölf kurze Texte zum Thema!

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May 31, 2008

Spaziergänge im Welterbe (2)

Die Tour begann im Gelände von Schloss Albrechtsberg. Wir fanden es schon schön, ohne drin gewesen zu sein - mit wunderbaren Blicken aufs Schloss, seine Details und ins Elbtal. Über die Stufen und Wege geht's wieder etwas hoch - aber nicht zum Schloss, sondern rechts weiter durch den Park. Das Ziel ist das so genannte Lingnerschloss.

Villa Stockhausen / Lingnerschloss

Lingnerschloss
Lingnerschloss
Der Herr Lingner ist der Mann, der uns Odol beschert hat. Das Mundwasser machte aus ihm einen reichen Mann, und als solcher konnte er sich 1906 den Kauf des Schlosses leisten. Gebaut wurde es schon früher - zeitgleich mit Schloss Albrechtsberg. Wer aufgepasst hat, erinnert sich: Prinz Albrecht von Preußen hatte die Baronin von Stockhausen - die Frau seines Kammerherrn - beauftragt, einen Grundstücksdeal zu tätigen. Auf dem Areal von Findlaters Weinberg enstand Schloss Albrechtsberg - und nebenbei als Dank für den Kammerherrn und seine Gemahlin noch die Villa Stockhausen. Der Architekt ist der vom Schloss: Landbaumeister Adolph Lohse. Die Villa, die (wie die volkstümliche Bezeichnung nach dem prominenten Dresdner Kaufmann Lingner nahelegt) durchaus respektable Ausmaße hat, war eher fertig als das Schloss, so dass Prinz Albrecht hier vorübergehend wohnte.

Lingnerschloss
Lingnerschloss
Lingner ließ später kräftig umbauen, wohl auch, um seine verrückten Ideen zu verwirklichen: Es gab eine Standseilbahn bis an die Elbe herunter, es gab eine Orgel im Haus mit Direktübertragung in alle Zimmer, es gibt ein Mausoleum im Park, in dem Lingner begraben ist. Aber Karl August Lingner war nicht nur sehr reich und ein bisschen, sagen wir mal: exzentrisch, sondern auch ein modern und sozial denkender Mensch. Er unterstützte gemeinnützige Einrichtungen, er kümmerte sich um die Volksgesundheit (das Dresdner Hygiene-Museum wurde 1912 nach der ebenfalls von ihm initiierten I. Internationalen Hygiene-Ausstellung von ihm gegründet). Und bei seinem Tod hinterließ er der Stadt ein Testament, an dem man heute noch knackt: “Der Park ist der gesamten Bevölkerung zugängig zu machen, in dem Hauptgebäude ist thunlichst ein Restaurant oder Café mit billigen Preisen einzurichten... Ich wünsche kein Etablissement für nur reiche Leute. Ich will, daß die gesamte Bevölkerung in die Lage gebracht wird, mit einer Ausgabe von 20 bis 30 Pfennigen die Schönheit dieser herrlichen, in Europa einzigartigen Lage zu genießen. Ich würde wünschen, daß sich ein intelligenter Leiter findet, der diese Stätte zu einer allgemeinen Freudenstätte organisiert...

Die Dresden vor dem Lingnerschloss
Die Dresden vor dem Lingnersch…
Das mit den 30 Pfennigen vergessen wir mal - das mit der Schönheit aber stimmt! Und der Wein, den es da oben (derzeit noch aus einem Container draußen und nur im Sommer) gibt, war sowohl vom Geschmack wie auch vom Preis in Ordnung. Mit anderen Worten: Hier kann man gut pausieren. Zu sehen gibt es immer die Elbe, oft auf derselben einen Raddampfer, ein sich laufend wandelndes Schloss - die Restaurierung ist in vollem Gange - und manchmal auch Leute, die man zu kennen glaubt. Als wir da waren, drehte gerade eine Fernsehcrew zusammen mit Uta Bresan: Viel Volk, alle ganz wichtig - und sie haben alle viel Zeit für Bussi Bussi und Klönschnack.

(wird fortgesetzt)

[Karte des Spaziergangs]

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