Mit über 3.400 Kletterwegen und 239 Gipfeln ist das Bielatal für Kletterer einfach spitze. Bei gutem Wetter klickt und klackt es vernehmlich von den Felsen herunter, und über allen Wipfeln sind hier Gipfel. Man muss aber nicht Kletterer sein, um es im Tal der Biela bzw. an den Hängen links und rechts des 18 Kilometer langen Nebenflusses der Elbe liebreizend, wild-romantisch, bizarr und überaus angenehm zu finden. Gut ausgeschilderte Wanderwege gibt es reichlich - wir probierten den eher gemütlichen (wundert das jemand?) Rundweg mit dem gelben Punkt.

Abstich-Gewölbe Starten kann man, das haben Rundwege ja so an sich, eigentlich überall - wir begannen nach Anfahrt mit dem PKW an einem Parkplatz etwas vor dem immer bestens ausgeschilderten Rundweg (siehe Karte der Tour), um den alten Fußweg vom Hochofen Brausenstein bis zur Schweizer Mühle auszuprobieren. Nicht spektakulär aber nett und gleich am Anfang sogar lehrreich: man lernt etwas über Eisenerz-Verarbeitung in der Gegend. Als "Denkmal hießiger Produktionsgeschichte" (so das Schild) sieht man Reste des Hochofens.

Treppauf Dann geht's aber erst mal 60 Meter hoch und dann zwischen Wald und Feld bzw. durch einen Wald entlang: Sehr ruhig, sehr schöne Luft, sehr weicher Boden, sehr sehr schön! Dann führt der Weg gleich wieder runter, und zwar zur Schweizer Mühle - einem Restaurant, zwei Bushaltestellen links und rechts in wenigen Minuten, einem Parkplatz (wenn man also hier anfangen will: auch gut!).

Wir lernen die Vorzüge eines Tals kennen: Auf der anderen Straßenseite müssen wir wieder hoch. Klingt anstrengend - ist es aber nicht wirklich, denn wir sind ja nicht in den Alpen: 354 m hoch ist der Parkplatz, dann rauf bis 400 Meter, dann wieder runter auf 354 und nun hoch auf 380. Geht also! Außerdem verordnet die Landschaft hier Zwangsaufstiegspausen en masse, man könnte zum Romantiker werden - aber die gab's ja schon früher hier.

Bielatal Der Berthablick hat (nichts gegen alle Berthas dieser Welt) ja einen selten dämlichen Namen, möchte man meinen. Berthablick! Aber was muss ich lesen? Hier soll sich einst das hübsche Zimmermädchen Bertha in den Tod gestürzt haben, da der Mann ihrer Liebe, sich abwandte. Ist ja schröcklich! Wir also hin und ruff uff de Bertha - und wow! Der erste Rundblick runter ins Tal, in dem sich die Biela munter plätschernd in der Sonne spiegelt. Drüben die Berge sind gerade noch sonnenbeschienen, was die bunt gefärbten Bäume besonders nett aussehen lässt.

Rosengarten Diese Abstecher vom Rundweg machen die Tour übrigens länger als sie auf dem Plan aussieht - wegen der paar zusätzlichen Meter und der reichlich zusätzlichen Fotos! Gleich hinter Bertha lädt die "Kleine Bastei" zum erneuten Rundblick, aber außer dass man Bertha nun im Blick statt unter den Füßen hat, gibt's nichts Neues zu sehen. Anders beim Gedächtnishain und dem Rosengarten: Das sind zwei benachbarte Felskessel - der eine als 1890/91 als Andacht-Stelle für die Mutter des Fabrikanten Dölitzsch errichtet, der andere zur gleichen Zeit von Dr. Linke aus Dresden ausgestaltet als Ehrengarten - weil es der Lieblingsort seiner Mutter war. 1890/91 waren mutterfreundliche Zeiten!

Spitze Der Wanderweg hat sich ein wenig vom Tal entfernt, am Waldrand kann man auf ein weites Feld sehen. Hinterm Hügel lugt die Spitze eines Kirchturms hervor - es ist die von Rosenthal-Bielatal. Das ist ganz grob auch unsere Richtung - obwohl wir, nach gemütlicher Waldwegbummelei, an der Straße genau die andere Richtung einschlagen: Abwärts ins Tal! Das Wegeschild macht neugierig - es geht zur zerklüfteten Wand! Zum Bielablick! Zu den Herkulessäulen! Zur Felsengasse!

Treppen Habe ich schon gesagt, dass eine Wanderung durch das Bielatal wie das wirkliche Leben ist? Ein ewiges Auf und Ab! Nachdem wir die Straße (wenig Verkehr, also nicht schlimm!) herunter gegangen waren (und uns an den schmucken, meist super restaurierten Villen erfreut hatten), mussten wir natürlich wieder hoch. Wie immer geht das ein wenig auf die untrainierte Pumpe - aber oben angelangt hüpft das pochende Herz noch einmal doppelt, weil es bei so viel schönen Ausblicken gar nicht anders kann. Ein Turm gleich nebenan (bei dem ich nicht aufgeschrieben habe, was es für einer war - oder es stand kein Schild da, nicht mal das kann ich erinnern) ist über eine lawede Holzbrücke zu erreichen.

Lawede, liebe Leserin und lieber Leser außerhalb Sachsens, ist eins der vielen schönen Worte der hier benutzten Umgangssprache. Nicht mehr ganz in Ordnung, aber auch noch nicht ganz kaputt ist diese Brücke also - aber wer hat denn soviel Zeit für so einen langen Ausdruck, wo man doch auch lawede sagen kann? Es sei das am meisten bedrohte Wort der sächsischen Sprache, befand eine Jury. Aber wir retten das schon im Rahmen unserer Aktion: Worte für den Duden (die wir mit dem ebenfalls viel zu selten benutzen Begriff Ausländerfreundlichkeit begannen). Der Turm ist auch nicht mehr, was er einmal war - mit ohne Dach steht er da malerisch herum, und Fenster hat er in der offensten Form. Aber dafür nette Spinnweben, Spitzbögen und Stufen mit viel Moos.

Suchscheinwerfer Der Hochwald hier steht dicht und lässt die Sonne nur blinzelnd durch - an nebelwabernden Morgen sicher ein schönes Bild für den Fotografen, aber das verpennen wir ja immer. Macht nichts, denn jetzt ist es auch nett anzusehen, außerdem ist es wärmer als in der Früh. Am Rande des Waldes dann wieder bemerkenswerte Ausblicke mit allen Farben des Herbstes. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich zugebe, dass zum Klicken der Kletterer das der Kameras kam...

Herbst-Bild Der Biela-Blick ist das nächste größere Ziel. Eigentlich nichts Besonderes - man steht, wie so oft, auf dem Felsen am Rande des Abgrunds, ruft der Gegend seine "Aaaahs" und "Ooooohs" entgegen, verbraucht mehrere Megabyte Pixel auf der Speicherkarte und erfreut sich erneut an den Reizen der Landschaft. Aber der Biela-Blick heißt auch Kaiser-W.-Feste, wobei ilhelm für das Schild zu lang war und deswegen statt des Punktes hinterm W zu ergänzen ist. Der Kaiser hat mit dem kleinen Viereckbau nichts zu tun, aber ein Baumeister aus Rosenthal hatte 1880, angeblich nach einer Stammtischwette, die glorreiche Idee, diese Bastion zu erbauen. Der Herr hieß Kaiser, J.G. Kaiser. Aus dem (auch offenen, das scheint hier Mode zu sein) Häusel kann man wunderbar rausgucken und hat für seine Bilder gleich einen (Fenster-)Rahmen, das ist doch praktisch!

Kletterin Die Kletterspechte mit ihrem Klick Klick werden lauter, unterbrochen von anregenden Rufen wir "Kaffee ist fertig!" und "Kinder, hier gibt's Kuchen!" Den Geräuschen und einem Schild folgend landen wir an den Herkulessäulen, die in stoischer Ruhe das Gekraxel übender und könnender Kletterer über sich ergehen lassen. Am Fuß der Felsen: eine riesige Picknick-Landschaft gerade nicht kletternder Seilschaften. Wer klettert, scheint auch Kraft zum Kindermachen zu haben - unter zwei geht da offensichtlich nichts, und die Lütten hängen erstaunlich früh in den Seilen.

Herkulessäulen Klettern in der Sächsischen Schweiz ist hierzulande so etwas wie ein Volkssport. Einen eigenen Stil haben die Sachsen auch entwickelt: "Das Klettern in den Sandsteinklettergebieten Sachsens beruht seit 1910 auf dem Grundsatz des „freien Kletterns" ohne Verwendung künstlicher Hilfsmittel", steht in den Kletterregeln des Sächsischen Bergsteiger Bundes - und dem folgen offensichtlich alle beherzt. Es macht Spaß, da zuzusehen - auch wenn man angesichts eines Barfußkletterers doch stutzt - und von der eigenen Höhenangst und fehlender Schwindelfreiheit wollen wir jetzt mal lieber gar nicht anfangen...

Farbrausch Unsere durchschnittliche Wandergeschwindigkeit war angesichts der vielen Menschen, Felsen, Sensationen zusehends gesunken - wir gelobten, nun einmal ordentlich zuzuschreiten. Aber ach, wie denn? Hier ein Hinweisschild zum Schiefen Turm, da eins zum Kanzelturm, dort eins zum Dachsenstein. Aussichten, so unsere Einsicht, sind nicht zu vernachlässigende Punkte weitschweifiger Augenblicke. Nach so viel ungeplanter Pausen waren wir froh, mal wieder bergab zu laufen und im Ortsteil Ottomühle die Namen gebende Örtlichkeit ("Gasthof und Herberge seit 1548") aufsuchen zu können, denn nichts geht über ein Wanderbier zur rechten Zeit!

[Schilderungen des Rückwegs und des spektakulären Abendessens folgen in einem seperaten Bericht]