Im historischen Zentrum: Zwinger

Zwinger Wer das erste Mal nach Dresden reist, kommt natürlich nicht um die klassiche Tour herum: Zwinger, Semperoper, Hofkirche, Brühlsche Terrasse, Frauenkirche - und wenn Zeit ist, Synagoge und Terrassenenufer. Wir gehen nirgendwo rein, denn das würde aus dem einstündigen Spaziergang mindestens eine Tagestour machen - vielleicht auch eine Zweitagestour, aber das ist nicht weiter schlimm, denn gegen Abgabe eines geringen Taschengeldes kann man es sich ja im Taschenbergpalais gemütlich machen und auf den Spuren der Gräfin Cosel pennen.

Beginnen wir im Zwinger! Zwinger nennt man im Festungsbau den Raum zwischen äußerer und innerer Festungsmauer. Der Zwinger in Dresden hat auch so begonnen – bis August der Starke sich 1709 eine Orangerie für frostempfindliche Pflanzen wünschte. Die Militärs äußerten Bedenken: Das sei nicht die Funktion eines Zwingers! Aber es sollte – aus der Sicht der Offiziere – noch schlimmer kommen: Ab 1711 wurde der Zwinger zum Festplatz ausgebaut! Der Plan sah eine gigantische Anlage vor, die sich bis zur Elbe ziehen sollte. Matthäus Daniel Pöppelmann, ein Westfale, baute den Zwinger und prägte damit den Sächsischen Barock. Verwirklicht wurde der ursprünglichePlan übrigens nicht nicht, doch mit den vier rechteckigen und zwei ­runden Pavillons entstand im Laufe der Zeit ein Meisterwerk des Barock. Eine „Faschingslaune der Architektur“ nannte der Kunsthistoriker Wilhelm Lübke den Zwinger einmal, und er verband mit dem Begriff Fasching nur Gutes! Im Zwinger steckt so viel Kunst, so viel Sehenswertes innen wie außen, dass ein gemütlicher Spaziergang durch Glockenspielpavillon, Kronentor und Nymphenbad eigentlich nur ein Appetit­anreger ist.

Glockenspielpavillon Durch den Glockenspielpavillon betreten wir den Zwinger - und wissen gleich nicht, wohin mit den Augen: Voraus, um das atemberaubende Panorama der Anlage zu genießen? Oder umgedreht und Augen hoch zu den Glocken, die zwar immer nur kurz spielen - aber dafür aus Meißner Porzellan sind, was man ja so oft auch nicht findet.

Gegenüber vom Glockenspielpavillon sieht man in etwa 200 Metern Entfernung den Wallpavillon, unser nächstes Ziel. Links (meist im Gegenlicht, es sei denn man ist Frühaufsteher oder es regnet, aber dann gibt es gar kein gutes Licht zum Fotografieren!) das Kronentor, rechts die Sempergalerie, die bei entsprechender Zeit unbedingt einen Besuch lohnt.

Beim Quicki durch die Alten Meister sehen wir Raffaels Sixtinische Madonna (die von den Kunstbanausen weltweit auf die beiden kleinen Süßen am unteren Ende des Bildes reduziert wird), ein wenig Rubens und ganz viel Canaletto, der seit 1747 Hofmaler war und monatlich ein Bild abliefern musste. Er ließ sich nicht lumpen und wählte trotz des Stresses ein großzügiges Format voller Details. Canalettos Stadtansichten sind erstens in Ermangelung der damals noch nicht erfundenen Fotografie ein nettes Abbild der Zeit und zweitens neben der Detailliebe auch noch humorvoll arrangiertes Stilleben. Wer Dresden – das ja nicht umsonst Elbflorenz genannt wird und klimatisch (sehr zur Freude der Winzer in der Gegend) durchaus nennenswerte Durchschnittstemperaturen zu bieten hat – wer also Dresden bei Regen erwischt, kann sich bei Canaletto die Sonne zumindest in den Sinn holen.

Wallpavillon Der Wallpavillon ist einer der drei Hingucker im Zwinger (das Glockenspiel und das Kronentor sind die beiden anderen). Die Literatur ist sich einig: Das ist der bauliche Höhepunkt der Anlage! Balthasar Permoser, der Hofbildhauer, konnte sich hier richtig austopben und schuf Weltklasse. Den Hercules Saxonicus, der den Pavillon mitsamt der Weltkugel krönt, hat er als einziges Werk im Zwinger signiert. Wer will, kann hier reichlich Götter und noch mehr Sagengestalten von Aphrodite bis Zeus entdecken.

Eine Treppe führt durch den Pavillon hinauf auf die Gallerien. Das Nymphenbad, eigentlich ein von vielen Touristen kaum entdecktes Muss, wird derzeit runderneuert, so dass dieser lauschige Platz der Ruhe inmitten der Stadt gerade nicht zur Verfügung steht - und auch die Putti mit ihren knackigen Hintern sind in den Werkstätten, um entsalzt, gereinigt und konserviert zu werden.

Einmal oben auf dem Zwinger sollte man die Langgalerie entlang zum Kronentor schlendern und von dort aus herrliche Blicke genießen: Zu Zwingerteich und -graben (ja, es war eine Wehranlage - da macht sich Wasser immer gut!), zum Staatsschauspiel, , auf die goldene Krone (August der Starke war König von Polen!), in den Zwinger hinein auf die Sempergalerie, am Glockenspielpavillon vorbei hinüber zur Frauenkirche.

Wenn es dabei im Auge ein wenig sticht und schmerzt, dann liegt das sicher an der gerade entstehenden Überdachung des Schlosshofes: ein Stahl-Glas-Kuppeldach versaut die gesamte historische Dachlandschaft der Stadt aufs Unangenehmste, und ich frage mich: wer konnte das genehmigen, wo sich die Stadt doch sonst so engagiert um den Denkmalschutz kümmert?