Im rüden Süden

Ferienhaus-Architektur „...und rufen Sie Familie M. ruhig an – sie sprechen beide deutsch!“ hatte uns die Ferienwohnungsvermittlerin geschrieben. Also riefen wir an, nachdem wir in Bari gelandet waren und den Mietwagen übernommen hatten. Während das Telefon klingelt und keiner rangeht außer der nicht deutsch sprechenden (natürlich nicht! Warum auch?) vollautomatischen italienischen Telekomdame, bleibt also Zeit, ein wenig abzuschweifen.

Bari ist die Hauptstadt Apuliens, und Apulien ist die Wade des italienischen Stiefels. So, nun weiß jeder wo wir sind: Im Mezzogiorno, am Flughafen, bei der Autovermietung. Und über die wollte ich ein wenig abschweifen, so zur Einstimmung, während das Telefon klingelt und keiner rangeht außer der italienischen Telekomdame. Wir hatten den Wagen laut Protokoll „ohne Altschaden“ übernommen und fanden ihn – mit drei Stellen von Kratzern, Lackabschürfungen und Beulen. Die Firma hatte schon jemand auf dem Platz, der, soweit ich das verstehen konnte, als Ausgleich für den mangelnden Service vor Übernahme des Wagens durch den Kunden die Bestandsaufnahme nur bei Beschwerden durchführte. Das aber nett und verbindlich sowie, natürlich, nur auf italienisch.

So, nun klingelt das Telefon wieder – und diesmal geht einer ran! Wenn der Italiener ans Telefon geht, begrüßt er sein Gegenüber mit „pronto!“ - und man kann sich aussuchen, ob er nun bereit ist oder schnell fertig sein möchte. Signore M. sprach kaum deutsch und war auch gleich wieder weg: Funkloch. Aber er rief, dem Loch nur ein bisschen entwichen, zurück, und wir teilten ihm mit, nun Bari zu verlassen. Wir verabredeten uns an einer Tankstelle – er meinte: in einer halben Stunde.

Kurz danach fuhr ich an einem Schild vorbei und las, dass es bis zur Tankstelle etwa 82 Kilometer seien. Wie mag er, angesichts der vielen Polizisten mit Tempolimitüberschreitungsgeldbörsen, das schaffen?

Banda Rumurosa Gar nicht. Wir hatten uns nur missverstanden, wie seine nun wirklich deutsch sprechende Frau uns mitteilte. Die beiden lotsten uns zum Haus, das direkt an der Straße in einem riesigen Grundstück liegt. Die Straße beliebt kurz hinter dem Haus in eine Kurve zu münden, weswegen so genannte „liegende Polizisten“ oder, wie man in Italien sagt, eine banda rumurosa den rasenden und vielleicht müden Fahrer wecken und erschrecken sollen. Sie sind, auch 50 Meter weiter landeinwärts auf der Terrasse des Hauses, gut wwwwwwrrrrrrrrrrrrrrmmmmmmmm zu wwwrrrrrrrrrrrmmmmm hören wrrrrrrrrmm.

Auch sonst ist es hier sehr ruhig, die Züge auf der nahe gelegenen Strecke halten letztmals abends um elf mit tuut und pingpingping am nahe gelegenen Bahnhof (der, aus Sicht der Reisenden, mitten in der Pampa liegt, auch wenn er Carovigno heißt.

So, das war der Frust des ersten Abends – und da man ja jede Geschichte bekanntlich auf mindestens zweierlei Art erzählen kann, folgt hier Version zwei.


Südländische Freundlichkeit

Ferienhaus Carovigno Wir landen am Flughafen Bari. Wir rufen den Vermieter an, der nicht ans Telefon geht – aber (Rufnummernübertragung!) sofort zurück ruft. Wir verabreden uns an der Tankstelle im 82 Kilometer entfernten Carovigno – und werden dort von der Tankstellenpächterin freundlich begrüßt: Unser Gastgeber sei gleich da! Während ich noch überlege, wie sie uns erkannt hat, kommt auch schon der Vermieter mit seiner gut deutsch sprechenden Frau. Sie fahren mit uns zum Haus – es steht auf mindestens 2.000 Quadratmetern süditalienischem Garten,mit Olivenbäumen und Blumen! Unser Domizil ist riesig!

Das fängt ja richtig gut an – und so geht’s auch weiter. Zum ersten Abendessen fahren wir ans Meer (das man, wenn man dem Haus aufs Flachdach klettert, vom Feriendomizil aus sehen kann). In Torre Santa Sabina warten drei Restaurants auf Gäste – es ist halb acht, für italienische Verhältnisse noch recht früh. Egal: Wir wählen das Beste - natürlich. Frag' keine(r), wie wir das machen, aber offensichtlich ist es ein Urinstinkt: Um halb acht waren alle drei Restaurants gleich leer (und irgendwie auch gleich charmant, also nicht so heimelig wie bei uns. Aber das ist ein gutes Zeichen, wenn die Lampen hell und die Tische eher rustikal sind). Als wir gingen, war nur eins voll: Das, aus dem wir kamen. Noch Fragen?

Ach ja, sicher die: Was gab es denn? Wir hatten die Antipasti della Casa bestellt – den Vorspeisenteller des Hauses. Einmal für uns beide, weil wir nicht so viel Hunger hatten und danach ja noch einen Hauptgang zu uns nehmen wollten. Der recht rüde wirkende Kellner (er knallte jedem im Restaurant, das sich langsam füllte, die Wasserflasche und den Wein geräuschvoll auf den Tisch und wirkte irgendwie lustlos) kam mit vier kleinen Tellern verschiedener Vorspeisen, die er schwungvoll auf den Tisch stellte. Dann ging er – um sofort wieder zu kommen mit noch einmal drei Tellern. Er wünschte uns „Buon appetito!“, ging – und kam noch einmal mit vier Tellern. Wir mussten die Fensterbank als Abstellfläche missbrauchen, probierten alles und fühlten uns am richtigen Platz: Käse, hausgemachte Pasteten, Meeresfrüchte, Tintenfisch, Salat – alles bestens. Und der Fisch sowie die Pizza danach waren eigentlich überflüssig (aber auch so gut, dass sie gegessen werden wollten!)

An den Kellner hatten wir uns mittlerweile gewohnt – es war gar nicht so übel und missgelaunt, sondern schnell, freundlich, nett. Und er beeindruckte uns nachhaltig, als er alle Teller auf einmal abräumte und fortschaffte...

Apulische Augenblicke