Bahnhof Die 3 Colonias nennen sich ein Kulttrio, und sie haben der Karnevalsgemeinde einen Wurm ins Ohr gesetzt: "Es war in Könichswinta, nicht davor und nicht dahinta..." singen (naja) sie. Wir kommen am Bahnhof an und sind nicht mittendrin, denn der ist am Rande der Ortschaft – und unser Hotel ist es auch, aber diagonal dazu. Aber das Wetter ist gut, also laufen wir. Wir wollten das Wochenende langsam angehen, und mittendrin ist es doch sicher total chic.

Gedenkkreuz Wir verlassen den Bahnhof und sehen – ein Omen? – als erstes ein Kreuz. Es steht da zum Gedenken an den "ehrsamen Mathias Fus", der am 17. Juli 1722 daselbst an Schlagfluss gestorben ist. Wir können das lesen, weil das Kreuz auf einem Sockel steht, der die für uns sonst schwer entzifferbare Originalschrift noch einmal lesbar eingraviert hat. Wir wenden uns um und erblicken den 1870 erbauten Bahnhof. Er ist leer, steht zum Verkauf. Und das, wenn ich das richtig sehe, schon seit einigen Jahren (die Stadt hatte das Gebäude 2004 als "Zwischennutzer" gekauft und hängt immer noch am Objekt).

Äußerlich mag das Objekt ja noch unter dem Sammelbegriff "morbider Charme" durchgehen, aber so ganz nutzlos macht's ja keinen Spaß. Was uns dann auf der Bahnhofstraße Richtung Rhein erwartet, ist allerdings nur noch morbide und ohne jeglichen Charme. Große leere Geschäfte, Mülltonnen in den Eingängen, geschlossene Läden, kaum Menschen unterwegs – und das an einem Freitag um halb elf vormittags.

Müll und Butzen Wir stehen vor dem Stehcafé und BrotShop (na klar, mit MittenInitial!) Hinterkeuser und spiegeln uns im Fensterglas. Beim Laufner gleich schräg gegenüber läuft nichts mehr, die Fenster sind mit Papier verhangen, draußen rümpelt ein Kühlschrank vor sich hin. Die Gaststätte Schmitz präsentiert sich mit Mülltonne im Eingang – aber bis sie abends aufmachen, kann die ja noch jemand wegräumen. Auf jeden Fall spiegeln die Butzen das Haus gegenüber aufs Allerfeinste.

Toast Hawaii und so Die Hauptstraße, seit 1991 Fußgängerzone, ist menschenleer. Allerdings kommen uns einige Autos entgegen, die das offensichtlich dürfen. Lieferverkehr und so. Pikant fand ich das Nummernschild am Daimler des Türken, der mit K-GB ein feinsinniges Zeichen setzte (wir sahen noch andere nette Nummernschilder, wobei mir SU-PI als optimistische Trotzaussage ganz gut gefiel). Erstes Leben regt sich, es ist kurz vor elf, in und vor der Eisdiele. Eisdielen, werden wir sehen, gibt es reichlich. Andere Restaurants finden wir auch, aber mit teils befremdlichem Angebot. "Toast Hawaii" oder "Camembert Toast", das ist hier die Frage. Alternativ "Würstchen mit Fritten" oder "Strammer Max": Willkommen in der Zeitmaschine, wir sind gerade in den ausgehenden 60ern.

Ja, damals ging's noch gut in Königswinter. Da kamen die Touris in Massen, vor allem die aus den Niederlanden. Der Drachenfels gilt (immer noch) als "höchster Berg Hollands". Aber die Menschenmengen sind (seit den 90er Jahren) deutlich weniger geworden, so dass Tanzlokale (die gab es, aber hallo!) und Restaurants schließen mussten. Die Spirale nach unten begann, und irgendwie scheint die Attraktivität noch nicht wieder da zu sein, wo sie sein müsste, um allseits beliebt zu sein: ein Teufelskreis. Wenn heute noch großformatige Planen vor Baustellen für die "Regionale 2010" werben, dann ist da wohl zeitlich irgendwas schief gelaufen.

Eingang nebenan. Hier Müllplatz. Wir sind fasziniert vom Stadtbild. So solle es, hatte man mir bei meinem Wegzug aus einem Dorf (weiter hinten im Siebengebirge, das wird mal eine andere Geschichte!) am anderen Ende der Stadt Königswinter, im Osten aussehen! Da kommt man dann zwanzig Jahre später aus Dresden (wo in der Umgebung sicher auch noch nicht überall die Landschaften so blühend sind, wie man sich das wünschen könnte) und denkt sich: Aha, der Westen hat's geschafft! Wir also vorbei an nochmehr Mülltonnen im Hauseingang. Dieses Mal signalisieren schäbige Vorhanggardinen, dass in diesem Geschäft wirklich nichts mehr los ist, und ein Zettel an der Tür verweist darauf, dass die Familie M. einen Eingang um die Ecke hat).

Gartencafé Zum Gartencafé geht's in den Hinterhof. Modern ist hier nur die Gegensprechanlage, der Rest – Tür, Schilder, Gehwegplatten, Spinnengewebe – hat musealen Charakter. Das Schild "Fremdenzimmer in ruhiger Lage" verweist mit dem Pfeil abwärts irgendwie auch in die richtige Richtung, und es sieht so aus, als ob die Mauer das Gewicht des Schildes nicht tragen könne. Mörtelzerreißend, sozusagen, das Ding. Nicht viel weiter ein Hotel, das Haus der Tradition, wie wir lesen können: Natürlich mit einem optischen Blickfang als Tür und einem Zettel dran: "Sie wünschen ein Zimmer? Bitte klingeln!" Manchmal frage ich mich, ob die Besitzer selbst in ein derart einladendes Etablissement gehen würden, wenn sie zu Gast in einer fremden Stadt sind...

Allerlei Es gibt noch mehr pittoreske Ensemble. Zum Beispiel den Dreiklang eines verrammelten Allerlei, eines mit Fisch und Frau bemalten Einstöckers (was immerhin den Blick auf altes Fachwerk nebenan freigibt) und, nun wieder papierverhangen, das Geschäft, das einmal Wagners war. Der Arzt um die Ecke plakatiert sehr ordentlich (wenn auch mit Rechtschreibfehlern), dass bei ihm rein gar nichts zu holen sei: Keine Betäubungsmittel! Keine Geldbeträge und kein Computer! Unterstrichen und im Fettdruck, was wichtig erscheint (also fast alles).

Beredter Briefkasten Offensichtlich gab's dafür mal einen VHS-Kurs, denn der Briefkasten von Kirchraths Hausverwaltung ist ein ganzer Kurzkrimi. Man muss es sich von oben nach unten vorlesen und die Augen schließen: Da kann sich jemand doch allerfeinst aufregen und ist bereit, lieber seinen Briefkasten zu verschandeln und sich zum Obst zu machen als ein wenig Gelassenheit an den Tag zu legen. Aber gelassenheit schein der Königswinterer Ding nicht zu sein. An der Rheinpromenade trafen wir einen Schäferhund mit Gummiball im Maul und einem Frauchen an der Leine, das durch permanentes Keifen auffiel. Sie zeterte die Radfahrer an, die alle falsch fuhren und Gehweg von Radweg nicht zu unterscheiden wussten. Leicht hat die Stadtverwaltung von Königswinter das auch nicht gemacht, denn einen andernorts übliche unterschiedliche Pflasterung konnte man sich nicht leisten. Also ist der Radweg mal links und dann urplötzlich mal rechts (oder, wenn man aus der anderen Richtung kommt, natpürlich andersrum). Sie hätte – wie wir – einfach gehen können wo sie ging und radler wären – wie bei uns – um sie herum gefahren, auch wenn sie eine stattliche Erscheinung war: So viel Platz musste sein. Aber nein: Sie schnauzte alle munter an, und die Radfahrer (alle offensichtlich Touris on Bike) bedankten sich artig für den Hinweis: "Danke für den Hinweis!". Daraufhin Madame: "DAS IST HIER DER BAHNSTEIG, DER RADWEG IST DA!" – "Schön, Sie getroffen zu haben!"

Erdbeerklamotten Es gibt ja so viele Gründe, sich für ein Wochenende in Königswinter zu entscheiden! Wo findet man sonst noch so herzallerliebste Ensembles wie die Kiste Erdbeeren inmitten von Klamotten? Natürlich in einem Haus, das früher wahrscheinlich bessere Zeiten erlebt hat – ein Café war da drin, aber das schein tlänger her. Die Gardinen im ersten Stock und auch an der Tür (der alten aus Holz, links neben den Erdbeeren) scheinen immer noch die gleichen, sie sind herübergerettete Boten der Vergangenheit. So wie diese modernen (naja: in den 60er Jahren modernen) eloxierten Aluminium-Glas-Türen auch. Eigentlich schade, dass man sich damals sowas leisten konnte...

PS:
Manchmal Post Eigentlich wäre das ja ein schöner Schluss gewesen. Aber dann kam noch one more thing. Es gibt nämlich in Königswinter, wie anderswo auch, keine richtige Post mehr. 1863 hatte der Ort eine Postexpedition 1. Klasse, seit 1901 ein Postamt 1. Klasse. Die heutige Postagentur befindet sich in einem Modegeschäft. Hier wollte ich, am Freitag-Nachmittag um halb drei, Geld abheben. Aber die Dame im Geschäft war nur für Klamotten zuständig, nicht für Knete. Einige Briefmarken hätte siemir gerne noch verkauft, aber wie sollte sich die denn bezahlen? Wo doch der Postschalter freitags nur bis 12.30 Uhr geöffnet hat...