Die Geschichten vom vom geeken Gecko und dem urigen Wirt

Zur Erinnerung: Wir standen am Kreisverkehr (ja, hier, ganz unten). Und wir gehen nach links.

Borbalán liegt nicht direkt am Meer, obwohl man es sicher aus einigen Unterkunfts-Fenstern erblicken kann. Man ist allerdings in wenigen Minuten zu Fuß am Wasser und spart eine Menge Geld, weil die Unterkünfte hier die günstigtsten im Tal sind. Ansonsten hat das Dörfchen zwar von der Apotheke (mit der für das Valle Gran Rey großen Seltenheit, dass man dort weder englisch noch deutsch spricht) über die Post und zwei, drei Restaurants sowie einigen Touri-Shops eine nette Infrastruktur, aber nicht wirklich Gesicht, es ist – wie Izabella Gawin teffend beschreibt – im Übergangsstadium vom Weiler zur Feriensiedlung.

Gecko auf Apfel Um eine kleine Attraktion zu erleben, muss man allerdings nach Borbalán: Dort gibt es „Algo Diferente“, einen Klamottenladen für T-Shirts, Sweater und derlei. Antje und Andrea (wir erinnern uns: man gibt sich auf Gomera leger und familiär, da reichen Vornamen) betreiben den Laden und haben, um ihn bekannt zu machen, einen wundervollen Streit mit der Firma Lacoste inszeniert. Naja, eigentlich wollten sie ohne den Streit berühmt werden, aber es kommt ja meistens anders als man denkt. Sie haben also den Gecko, dieses possierliche kleine Tierchen, dergestalt gemalt, dass seine Hautmaserung das Wort Gomera ergibt. Diese schnuckelige Idee wollten sie patentieren lassen, damit nur ihre T-Shirts und Aufkleber geckohaft gomerisch daherkommen – gute Geschäftsidee! Beim Patentamt aber erhob Herr Lacoste Einspruch, weil er in einer Art Größenwahn den Maßstab verloren hat und behauptete, so ein Gecko könne mit seinem Krokodil verwechselt werden. Señor Patentamt aber sah sich Kroko und Gecko an und entschied wider Erwarten sehr lebensnah: nöö, keine Verwechslungsgefahr – so dass die beiden Mädels nun das Gomerageckoalleinverkaufsrecht besitzen (was, nur so nebenbei, natürlich alle anderen auf Gomera wurmt, die auch gerne Geckoaufkleber verkaufen würden, ohne Lizenz zahlen zu müssen).

Vueltas Wenn man bei Antje und Andrea aus dem Laden stolpert und sich bemüht, nach links zu fallen, ist man auch schon aus Borbalán heraus und in Vueltas. Vueltas ist ein Hafenort, und das heißt: hier ist Remmidemmi! Es gibt hier alles! Supermärkte (natürlich in der Tante-Emma-ähnlichen gomerischen Niedlichkeit), Spezialläden für Bio, Fahrradfahren, Wandern, Träume und Gemüse, Cafés für den Tag, Restaurants für den Abend und Kneipen für die Nacht. Man spricht hier nicht nur deutsch, sondern manchmal sogar schweizerdeutsch! Wer in Vueltas wohnt, lebt am Puls der Zeit und hat es nicht weit zu allem. Vueltas ist ein Ort, an dem Spinner ernst genommen werden und Normalos ein wenig schräg beäugt werden, weil sie hier, irgendwie, ein wenig auffällig sind. Aber es gibt natürlich auch Refugien, wo alle gleich sind. Ein solcher Ort ist das El Puerto.

Das El Puerto ist ein Restaurant. Es liegt (bei dem Namen irgendwie naheliegend) am Hafen und hat sich auf Fisch spezialisiert. In meinen Augen das beste Restaurant am Platz – wobei wir längst nicht alle getestet haben und viele auch nur vom Kartelesen und Reinsehen kennen. Also schreib ich mal exakter: Unser Favorit!

El Puerto Der Wirt vom El Puerto ist ein Unikum, das Küchenteam (ein drahtiger älterer Herr und eine resolute supernette jüngere Köchin) effizient bis zum Gehtnichtmehr, der Service flink als ob es Kilometergeld gäbe. Aber sie sind alle nichts gegen den Boss. Der hat einen bewundernswerten Knackarsch und einen begnadeten Bauch. Seine Berufskleidung ist eine eher ausgewaschene Blue Jeans mit schwarzem Ledergürtel und ein T-Shirt – nein, nicht mit Gecko drauf, sondern mit dem Hauslogo, zu dem natürlich ein Fisch gehört. El Chefe gibt jeden Abend den Miesepeter und den Grummeligen – aber das spielt er nur so, denn in Wirklichkeit ist er fürchterlich nett und immer für einen Scherz zu haben. Und wenn Kinder im Restaurant sind, sind die die Könige, denen el Chefe huldigt. Was er offensichtlich nicht mag, sind überhebliche Geldsäcke, die protzend ankommen und sich wundern, keinen Platz zu bekommen. Das macht richtig Spaß zuzusehen, wie er die in die Schlange der Wartenden einreiht und danach nicht mal ignoriert!

Wobei wir bei dem El-Puerto-Phänomen sind: Der Laden macht um halb sieben abends auf und ist um fünf nach halb sieben proppevoll – bei geschätzten 70 Plätzen (schon wieder habe ich vergessen zu zählen!). Das erste Essen kommt ratzfatz auf den Tisch, und nach einer Stunde gehen die ersten Gäste wieder, um der zweiten Schicht Hungriger Platz zu machen. Dabei wird alles frisch zubereitet und schmeckt hervorragend. Man darf auch länger bleiben, gehetzt wird hier nicht – es geht nur schnell! Wer wissen will, wie sein Fisch heißt, der anonym als Tagesangebot auf den Tisch kam, wird mit zur (Fisch-)Theke genommen und bekommt das Tier zwar tot, aber unzubereitet gezeigt – ein anschließender Hinweis auf das nebenan hängende Plakat zeigt die Stellung des Fisches im System der hier den Fischern in Netz gehenden Tiere und klärt somit vollends auf.

Bei unserem letzten Besuch haben wir uns mal wieder vollkommen übernommen – die Portionen sind üppig bemessen – und wollten das sich anbahnende Chaos im Magen mit einem Brandy regulieren. Also bestellte ich ihn beim Chef, der ihn vergaß, weil er mit kleinen Kindern schäkern und übermütige Neureiche ein wenig erziehen musste. Mit freundlicher Geste erinnerte ich ihn eine Viertelstunde später über die Distanz Tisch-Theke – worauf el Chefe verschmitzt-entsetzt guckte und quasi über Distanz Theke-Tisch Besserung gelobte. Nach neuerlichen zehn Minuten vergeblichen Wartens erlaubte ich mir, schelmisch den Verärgerten zu geben, nonverbal natürlich und wieder über eine Distanz, die normallautes Reden eh nicht erlaubt hätte. Da schaute el Chefe noch entsetzter als zuvor drein und brachte einen doppelten Brandy, den er dann auch prompt vergaß, auf die Rechnung zu setzen.

Habe ich schon gesagt, dass das El Puerto mein Lieblingsrestaurant ist?