An der Marina Corta in Lipari

Die Marina Corta ist der romantischere der beiden Häfen von Lipari. Kleinere Fischerboote dümpeln hier vor sich hin, aber die Zahl der Bars, Restaurants und Geschäfte mit touristischem Angebot lässt Schlimmeres ahnen. Richtig: Ab zehn Uhr spucken schon im Mai Spezialboote im Stundentakt Massen von Tagestouristen aus. Die wälzen sich dann an der Chiesa delle Anime del Purgatorio vorbei auf die Piazza Ugo S. Onofrio und stürmen die Restaurants. Dort verbringen sie die Hälfte der zur Verfügung stehenden Zeit auf der Insel, wundern sich vielleicht über das vergleichsweise ordentliche Angebot für so einen Ort sowie die relativ moderaten Preise und versuchen dann, die Insel zu erkunden.

Einige schaffen es links hoch zur Chiesa di S. Guiseppe und fragen sich (und gegebenenfalls vorbei eilende Touristen gleicher Sprache), ob's denn hier irgendwo einen schönen Blick über die Stadt, die Insel und das ganze Archipel gäbe? Die Antwort befriedigt sie nicht wirklich: Ja, so etwas gibt es durchaus, aber dazu muss man ein wenig wandern, bergan zum Beispiel. „Ach, Herbert, wie schade, aber das Boot geht doch schon wieder in einer halben Stunde!“ Pech gehabt.

Andere laufen rechts weiter, vorbei an kleinen Geschäften mit Allem: Liparische Spezialitäten! Weine der Region! Blusen! Nach wenigen hundert Metern wird’s dünner mit derlei Angeboten, und wer Pech hat, schafft es wegen mangelnder Attraktivität der Straße nicht mehr bis zur Treppe hoch zum Castello. Pech gehabt.

Aber es gibt ja auch die, die nicht mit der zehn-Uhr-Touri-Barke anlanden. Die genießen die Zeit davor und die nach 16 Uhr, wenn wieder Ruhe einkehrt.

Morgens in Lipari. So gegen sieben Uhr. Die Glocken von S. Giuseppe spielen eine aufmunternde Melodie. Nicht so ein langweiliges schwermütiges Bimbambum wie in Teutonien, sondern ein heiteres Lied in mehreren Strophen, über 70 Sekunden lang. Um zwölf und abends um acht wiederholt sich der Ohrenschmaus mit anderen Melodien. Es gibt freilich auch andere Klänge, wenn die Totenglocke klagt. Unwillkürlich halten alle in Schallweite der Glocke inne, das Leben kommt zur Ruhe. Zumindest die Einheimischen auf dem Platz vor dem Hafen, die sich gerne im Schatten der Statua di S. Bartalomeo zum täglichen Palaver treffen, bleiben schweigend stehen und erweisen dem oder der Toten die letzte Ehre.

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