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Gutshof Puschwitz

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Ambitioniert Klingendes und Bodenständiges

Wednesday October 21, 2009 at 06:01PM

Seit 15 Jahren Restaurant mit Anspruch: Gutshof Puschwitz bei Bautzen

Gutshof Puschwitz
Gutshof Puschwitz
Huch!“, sagte die Chefin, als sie den Grappa am Ende des Abends einschenkte. „Huch, das ist ein bisschen viel geworden! Aber Sie vertragen das schon...“ Klasse, wie sie so unsere Standfestigkeit einschätzt. Aber es stimmt ja: Bei einem guten Grappa darf's ruhig ein bisschen mehr sein! So gesehen fanden wir das eher lustig – auch wenn eine Bedienung sich mit Äußerungen zum Alkoholgenuss ihr fremder Gäste besser zurückhalten sollte.

Wir waren in Puschwitz! Der Gutshof in dem etwa zwölf Kilometer nordwestlich von Bautzen gelegenen Ort kann auf eine wechselhafte und lange Geschichte zurückblicken, in der sich Adlige und Bürgerliche durch Verkauf (und auch durch Enteignung) die Klinke in die Hand gaben. Seit Anfang der 90er Jahre ist ein neues Kapitel im sorbisch geprägten Landstrich aufgeschlagen: Das Gutshaus ist zum Restaurant geworden und bietet auf einer übersichtlichen Karte ambitioniert klingende Gerichte an: Lammleber mit Apfel-Zwiebelconfit und Salat zum Beispiel oder Filet vom Angusrind mit Rotweinschalotten. Aber es gibt auch Bodenständiges wie eine sorbische Hochzeitssuppe und ein sorbisches Hochzeitsessen – andernorts heißt das hier Servierte Tafelspitz mit Meerrettichsauce. Und zum Abschluss locken selbst gemachte Sorbets...

Das Ambiente des Restaurants ist – wie soll ich sagen? Vielleicht so ein bisschen Himmel und Hölle. Der Himmel: Ein schönes altes Gewölbe – der Gutshof hat Geschichte und kann Geschichten erzählen. Die Hölle: Die Möchtegern-Landhaus-Stil-Einrichtung. Dieses Mobiliar strahlt einen unendlichen Nachwende-Charme aus. Geschichten erzählen werden die nie können! Die Sammlung käuflich zu erwerbende Präsentkörbe, eine Tibet-Fahne, eine überdimensionale Mohnblume, tatsächlich lagernde und nur zur Schau ausgestellte Weine komplettieren das Still-Leben.

Die Weinkarte ist unvermutet groß. Als wir uns unschlüssig waren, brachte die Chefin die Flaschen und stellte sie uns auf den Tisch – was die Entscheidung nicht wirklich leichter machte. Aber der Spanier war dann ganz in Ordnung... Bei den Weißweinen schreibt man übrigens den Riesling beharrlich mit ß - wobei doch "Rießling" vor hundert Jahren vielleicht gerade noch richtig war.

Das Essen wurde flott serviert, vielleicht zu flott. Die Suppe: Lecker, kräftig – aber mit zu weichem Gemüse. Die Leber: Definitiv tot gegart – schade. Der Salat darunter hingegen fein abgeschmeckt, die Äpfel mit den Zwiebeln angenehm. Das Steak: Auf einer Seite viel zu lang gebraten und auf der anderen nur ganz kurz, daher nur auf einer Seite wirklich medium (wie gewünscht). Mit Niedergarmethode wäre das nicht passiert! Gut hingegen die dazu gelieferten Kräuter-Kartoffeln. Der Tafelspitz: Auch zu trocken, aber dank reichlicher Meerrettich-Sauce gut zu ditschen. Das Dessert (Brombeersorbet) war ein sehr versöhnlich zart schmelzender Traum... Allen Gerichten außer dem Dessert gemein war ein Überwurf dekorativ verstreuter Petersilie, um den Tellerrand geschmackvoll zu gestalten. Zu den Hauptgängen gehörten zwingend Cocktailtomaten.

Ăśbrigens: Auf der Rechnung stand der versehentlich zu viel eingeschenkte Grappa als doppelter drauf. Das hatten wir nicht bestellt und fanden es nun nicht mal mehr lustig.

Gutshof Puschwitz
Am Puschwitzer Park 4
02699 Puschwitz

Telefon/Fax: +49 35933 30336
Internet (veraltet, Seiten mit Stand 21.1.2007): www.gutshof-puschwitz.de

geöffnet
Dienstag bis Sonntag
11:00 Uhr bis 14:00 Uhr
17:00 Uhr bis 22:00 Uhr

[Eine kürzere Version dieses Beitrags erschien am 22. Oktober 2009 in PluSZ, Beilage zur Sächsischen Zeitung]

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4 Comments / add your comment?

The Guennipro says:
Dieses Gesträusel auf dem Tellerrand finde ich immer etwas affig - häufig dient es nur der Ablenkung auf die dürftige Mitte des Tellers.
Posted 6 weeks ago. ( permalink / translate )
stip replies:
es *ist* affig! wird in sich modern gebenden restaurants auch gerne durch balsamico-abstracts ersetzt...

--
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Posted 5 weeks ago. ( permalink / translate )
lichtundschattenpro says:
Kompliment. So sollten Restaurantkritiken sein: Potentiell wohlwollend, aber eindeutig und klar, wo es sein muss.
Schon vor 30 Jahren regte sich Siebeck über Dekorationen auf, die sich nicht zwingend aus dem Gericht selber erklärten. Und diese Balsamicoseuche ist das Lächerlichste, was es je an Deko gegeben hat. Höchstens noch übertroffen von der Essbare-Blüten-Geschmacklosigkeit.
In halbwegs guten Restaurants scheint man das aber auch inzwischen eingesehen zu haben. Mir ist es länger nicht mehr begegnet.
Posted 5 weeks ago. ( permalink / translate )
stip replies:
vielen dank fĂĽr das kompliment!
in dem punkt bin ich befangen - fĂĽr den rest stimme ich dir zu ;-)

--
Seen in my account recent activity (?)
Posted 5 weeks ago. ( permalink / translate )

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