Fünf Kilometer nur sind es vom Parkplatz am Hochofen Brausenstein bis zum Rastplatz Ottomühle - aber wir haben elendig lange dafür gebraucht mit einer (sagt das moderne Teufelszeug in der Jackentasche) statistischen Durchschnittsgeschwindigkeit von unter zwei Stundenkilometern! Wir können damit ganz gut leben - weil ja jedes Bild seine Zeit braucht und viele Blicke nicht für den Fotoapparat sind, sondern fürs Herz, mit dem man bekanntlich am besten sieht.

Ottomühle außen Wir sitzen also in der Ottomühle und lassen es uns in der Herbstsonne gut ergehen. Neben uns ist noch ein Tisch frei - falls Besucher aus dem Weltall kommen, sollen die ja nach so einer langen Anreise nicht wegen Überfüllung abgewiesen werden. Die Mühle ist 1548 erstmals erwähnt, hat also schon einiges erlebt. Sie wechselte im Laufe der Zeit mehrfach die Besitzer - 1850 gleich zwei Mal - da wüsste man gerne mehr! Mühlrad und alles andere, was außer dem Namen an eine Mühle erinnert, gibt es seit 1973 nicht mehr, was sicher schade ist. Dafür aber hat sich die Mühle, in der seit 1900 ein Gaststättenbetrieb untergebracht ist, seit 2002 wieder als ein Ort für preiswerte Übernachtungen etabliert, und essen kann man dort auch - aber das haben wir nicht probiert, weil der Plan ein besserer war (bleiben Sie dran!)

Großvaterstuhl Nach dem Wanderbier sind wir erst mal in die falsche Richtung losmarschiert. Wanderkarten kaufen wir immer nur zur Förderung der lokalen Wirtschaft und lassen sie meist zu Hause liegen. Dieses Mal hatten wir zwar eine mit, aber warum sollten wir da reinsehen? Die sind doch danach immer so schwer zusammen zu falten! Außerdem sind kleine Abstecher meist sehr unterhaltsam und lehrreich - so auch dieses Mal: Auf der Suche nach dem gelben Punkt trafen wir eine ältere Dame und einen älteren Herrn. Beide hingen am Ende der Leine, die mit jeweils einem enorm kleinen Kläffer begann. Sylke fragte, ob hier irgendwo der Weg zur Schweizermühle abginge??? Bei Wanderungen im Sächsischen muss bei Wegeerkundungen immer die Sylke ran - wir hoffen, dass es so den Einheimischendialektbonus gibt, und mir nimmt ja trotz mutig dahingenuscheltem "nu!" kein Mensch den Eingeborenen ab.

Die beiden Alten gucken also erst sich, dann Sylke, dann wieder sich an. "Schweizermühle?" fragen sie, als ob sie das noch nie gehört hätten. Pause. "Nein, hier nicht!" Pause. Und dann etwas, was wir nicht so recht verstanden, aber - die Handbewegung war zwar nicht heftig, aber eindeutig - uns unmissverständlich klar machte: Wer hier ist und nach dem Weg zur Schweizermühle fragt, ist richtig falsch. Wir dankten artig (die gute Erziehung - eigentlich hätten wir ja ein ehrliches "Hals- und Beinbruch, olle Stiesel!" wünschen sollen) und nutzten die Gelegenheit, den sich in der Spätnachmittagsonne räkelnden Großvaterstuhl abzulichten. Der Großvaterstuhl ist ein Felsen (was sonst in dieser Gegend?), den zu besteigen sich wegen der hervorragenden Aussicht lohnt. Aber wir hatten ja noch einen Plan, und der ließ uns keine Zeit mehr für Großväterstühle.

Verfallen Das Geknipse hat sich dennoch gelohnt, denn unsere beiden Hunde mit den Alten dran kamen nun proaktiv auf uns zu: Zur Schweizermühle wollten wir? Da müssten wir durchs Dorf, zuerst links die Baude, dann rechts - ah, da sei so ein altes verfallenes Haus... Wo hatten die nur plötzlich ihr Sabbelwasser her? Ah, wegen der Fotografiererei: "Das müssen Sie auch mal aufnehmen! Es lohnt sich!" Nur gut, dass wir sie nicht Stiesel genannt hatten, denn die neuerliche Beschreibung war gut und hilfreich, und einmal auf dem richtigen Pfad, war's dann auch wieder alles bestens! Der Kerbensteig sollte uns über Johanneswacht und Sachsenstein zur Schweizermühle führen - und tat das auch.

Licht aus - Spot an! Die Vegetation auf dieser Seite des Tales war komplett anders: Moosgrüne Steine, Feuchtgebiete (für die Jugend bearbeitete Version, also nix mit Roches Phantasien), Sonnenstrahlen wie Spotbeleuchtung - ein Feenland mit ganz eigener Anmutung. Natürlich führte der Weg erst mal wieder vom Tal in die Höhe, aber daran hatten wir uns bereits gewöhnt. Um vier Uhr nachmittags wird's hier im Oktober schon dunkel, wenn man auf der linken Seite des Tals wandert - aber die gegenüberliegenden Steine, die wir auf dem Hinweg alle von Nahem gesehen hatten, bekamen noch Sonne ab und waren lieblich anzusehen - mit all dem Herbstlaub rundrum.

Eng und steil Vom breiten Weg führen immer wieder mal Abstecher an den Felsrand - man sollte sie mitnehmen! Die Johanneswacht kann man gemütlich erklimmen, der Sachsenstein etwas später ist aber nicht für alle gedacht. Eine sehr steile Treppe führt hoch - schön gelb gestrichen, aber das hilft ja auch nchts, wenn man einen fetten Rucksack dabei hat. Vor allem auf dreiviertel der Höhe wird es - was man von unten nicht ahnt - richtig eng. Ich las irgendwo die sehr höfliche Umschreibung, dass man die Rucksäcke besser unten lassen solle - sie würden nicht durch die Felsspalte passen. Das Höfliche an dieser Umschreibung ist, dass viele den Rucksack als angeborenen Körperteil mit sich rumschleppen, wenn auch meist nicht hinten auf dem Buckel...

Als bekennend höhenängstlicher Mensch hatte ich eh nur das erste Drittel der Stufen erklommen - da wurde es schon vor der peinlichen Bauchstelle Zeit zum geordneten Rückzug. Sylke krabbelte behend hoch, sie ist schwindel- und bauchfrei und hatte sogar noch Platz für den Fotoapparat, so dass auch ich später in den Genuss des Rundumblicks kam!

Der Rest des Wegs ist unspektakulär: Irgendwann ist man wieder an der Schweizermühle, von dort geht es dieses Mal über die Straße zum Parkplatz: Wieder viele nette Häuschen linker Hand.

Der krönende Abschluss des Tages stand uns jedoch noch bevor: Wir fuhren die wenigen Kilometer bis zum Papststein (man sieht ihn mit seinem Gegenüber Gohrisch auf dem ersten Panorama dieser Tour). Der Papststein bietet sich an für Wahnsinnssonnenuntergänge und gutes Essen - denn das Ausflugslokal hält am Abend ein für Berglokale überdurchschnittlich leckeres Angebot parat.

Wir kamen kurz vor Sonnenuntergang am Parkplatz an und hechteten die Stufen auf den höchsten Tafelberg des Elbsandsteingebirges in atemberaubender Geschwindigkeit hoch. Später im Restaurant mussten wir freilich lesen, dass die Mitarbeiter des Restaurants es in ungefähr der halben Zeit schaffen, aber die werden ja auch dafür bezahlt! Erfreulich wenig los hier oben, und die Sonne stand noch über dem Gohrisch gegenüber - es hatte sich also gelohnt zu hetzen. Langsam senkte sie sich, tünchte die neblige Landschaft in sanftes Rot und verabschiedete sich dann hinterm Berg. Grandios.

Gohrisch Das Restaurant ist rustikal (alles andere wäre hier auch fehl am Platz) und mit einem großen grünen Kachelofen ausgestattet: Der war angemacht und strahlte eine wohlige Wärme aus. Im Sommer sitzt man auf der Terrasse und genießt den Sonenuntergang sozusagen open air - ein Grund, einmal in der wärmeren Jahreszeit zu kommen. Die Karte ist im Sommer üppiger als jetzt, aber was es gibt, sieht gut aus. Die Herrschaften nebenan hatten Knoblauchspaghetti mit Tomaten und Oliven, Parmesan bestellt und fielen fast in Ohnmacht, als sie sahen, wie viel für 8,20 da aufgetischt wurde. ER hatte seine Portion übrigens geschafft und sich, als SIE irgendwann passte, des Restes erbarmt. Und was soll ich sagen: Der Mensch war dünn! Ich habe wahrscheinlich nur vom Zusehen schon wieder zugenommmen.

Sonnenuntergang am Gohrisch Zwischendurch sind wir übrigens nochmal raus - einige herbstliche Nebel hatten sich bereit erklärt, übers Land zu wabern und so noch ein optisches i-Tüpfelchen zu präsentieren. Nach dem Essen war es dann aber Schluss mit sonnig - doch der Stufenweg runter zum Parkplatz ist beleuchtet. Außerdem war es knapp vorm Vollmond, was in dieser Gegend ja schon ganz Andere zu berühmten Bildern inspiriert hat...