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November 12, 2009

Ein Hauch von Russland

"An der Rennbahn“ gibt es gibt reelle Kost zu vernünftigen Preisen

An der Rennbahn
An der Rennbahn
Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand. An der Theke sitzt in sich versunken ein grauhaariges Mütterchen im rotweißkarierten Kleid mit weißer Kittelschürze – immer, denn es ist eine Puppe. Das war's aber auch schon an Irritationen im Restaurant „An der Rennbahn“. Die anderen Plätze sind mit Menschen aus dem wirklichen Leben besetzt, die sich bei unseren beiden Besuchen aufs Angenehmste unterhalten – eine nette Atmosphäre...

...die ihre Fortsetzung findet in vielen anderen Dingen. Wir treffen auf eine superfreundliche und schnelle Bedienung, die (später, als es um den passenden offenen Wein zum Essen geht) sich kurz entschuldigt und die beiden zur Frage stehenden Flaschen bringt und uns probieren lässt. Wir bekommen ein Essen, das als „gutbürgerliche Küche“ (so steht's auf dem Auto hinterm Haus) trefflich umschrieben ist: Es gibt reelle Kost zu vernünftigen Preisen – und manchmal auch eine Überraschung.

Für die Überraschungen in der Küche sorgt Ivan Arestov. Er ist hiesigen Restaurantgängern kein Unbekannter, denn er hat schon im Grumbacher „Julius Kost“ und in der Striesener „Kanzlei“ Akzente gesetzt. Jetzt kann man „An der Rennbahn“ die Koch-Einflüsse seiner russischen Heimat schmecken. Zum Beispiel bei der Soljanka, die bei unserem ersten Besuch der Herr am Nebentisch so dolle lobte, dass wir sie bei der zweiten Stipvisite im Restaurant selbst probierten und ebenfalls beglückt waren: gehaltvoll, fein säuerlich abgeschmeckt, beste Qualität der Zutaten. Die andere probierte Suppe, eine Kürbiscremesuppe, wies allein gelöffelt wenig Eigengeschmack auf, aber Dank reichlich gebratener Knoblauch-Salami hinterließ sie insgesamt doch einen positiven Eindruck.

Immer in der ersten Woche eines Monats ist seit Neuestem die „Russische Woche“ angesagt, weswegen wir zum Hauptgang in der Spezialkarte fündig wurden: Die „Spitzkohlröllchen mit Lammgehacktem“ sind als deftige Einmaligkeit in Erinnerung geblieben, dazu gab es Kartoffel-Kürbis-Puffer, die eine nette Idee sind, aber ein wenig krosser hätten sein können. Das „Stroganoff“ mit Gemüse-Reis ist (wie erwartet) eher ein normaler braver gut schmeckender Klassiker – eben gut und bürgerlich.

Die Portionen sind groß, aber am Nachbartisch haben sie alle ihre Teller leer gegessen. Wir sparten uns ein Loch im Magen – für köstliche Desserts. Alle mit Eis sind besonders zu empfehlen – denn das wird selbst gemacht, was man eindeutig herausschmeckt!

PS: Wenn wir wieder hingehen, werden wir sicher auch mal das Ostalgie-Menü aus der Speisekarte von 1984 probieren. Da hatte Familie Bolz das Haus übernommen – und es erfolgreich über die Wende geführt. Anlässlich des 25jährigen Jubiläums steht nun Eierflockensuppe, Leberscheiben vom Schwein mit gebratenen Zwiebeln und Kartoffelbrei sowie als Dessert Ananaskompott mit Sahnetupfer auf der Karte. Für 6,85 M (zu zahlen allerdings 1:1 in Euro).

Hotel und Restaurant "An der Rennbahn"
Winterbergstraße 96, 01237 Dresden

Tel.: 0351/ 212500
http://www.hotel-an-der-rennbahn-dresden.de

geöffnet: täglich ab 11.30 Uhr

[Beitrag zuerst erschienen am 12. Oktober 2009 in PluSZ, Beilage zur Sächsischen Zeitung]

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November 7, 2009

Die mit dem Apostroph tanzt

Vorzüglich speisen im Restaurant von Evi

Evi's Restaurant
Evi's Restaurant
Öfter mal was Neues: Wir haben den Apostroph versenkt und ihn zum Komma gemacht! Aber was sind denn Äußerlichkeiten? Zu vernachlässigen, genau! Also gehen wir trotz des Schildes mit der geschwungenen Schreibschrift und dem falschen Apostroph, der zum komplett sinnlosen Komma wurde, doch einfach rein in "Evi,s Restaurant". Es liegt etwas abseits von der Altkötzschenbrodaer Touri-Meile - aber die paar Meter vom Anger lohnen sich!

Innen drin ist es erfreulicherweise nicht so schnörkelig, sondern schon fast ein wenig streng - aber das mag ich ja. Außerdem stehen Kerzen und Blumen auf den Tischen, die nett eingedeckt sind. Bis zu 30 Gäste finden hier Platz - und im Sommer bei gutem Wetter kann man auch im noch kleineren Garten sitzen (von draußen kann man da durch ein gezieltes kleines Loch in der Wand reinsehen - eine lustige Idee!).

Was hat die freundliche Bedienung gebracht? Nur Leckeres! Die Hokkaido-Kürbis-Suppe mit drei Stückchen Lachs schaumig im Glas serviert - ein sehr feiner Auftakt! Das Vitello Tonnato kam einmal etwas anders serviert auf den Tisch als man das so gewohnt ist: die Sauce separat im Glas. Optisch ansprechend und auch voller Geschmack - wobei das beste Vitello für Dresden und Umgebung meiner Meinung nach seit Jahren in der Villa Marie serviert wird. Platz 2 also für Evi!

Wenn es in einem guten Haus Jacobsmuscheln gibt, muss ich zuschlagen - bei Evi war das eine mehr als gute Idee. Saftig, frisch, geschmackvoll, mit einem angenehm angemachten Salat waren die Jacobsmuscheln der kleine Höhepunkt des Abends. Von den Hauptgerichten blieb der Red Snapper in Erinnerung - weil der mit ein wenig Pech ja durchaus belangslos schmecken kann. Tat er aber nicht - was vielleicht auch an der Kombination seiner Begleitung auf dem Teller lag: Hummer-Schaum-Sauce, geschmorter Fenchel und Kräuter-Polenta.

Soll's das schon gewesen sein? Oh nein: Dessert! Die (unvermeidliche?!) Créme Brûllée mit marinierten Quitten und Haselnuss-Eis ergaben einen Dreiklang, den man nicht so schnell vergisst. Was freilich auch für die Mousse von der Valrhona-Kuvertüre mit Pistazien-Parfait im (weißen) Schokokegel gilt - wer also allein kommt und nicht die Möglichkeit hat, vom Nachbarteller zu naschen, wird vor schwere Entscheidungen gestellt (oder nimmt, alternativ dazu, gehörig zu an diesem Abend).

Die Weinkarte ist nicht riesig, aber ausreichend - zumal es die meisten der sächsischen Weine, die hier von Schloss Proschwitz, Jan Ulrich, Martin Schwarz und anderen angeboten werden, auch im Glas gibt.

Evi’s Restaurant und Weinstube
Gradsteg 1 · 01445 Radebeul
Telefon: (0351) 795 11 01 · http://www.evis-restaurant.de

Montag bis Samstag ab 17:30 Uhr · Sonn- und Feiertage ab 11:30 Uhr

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November 3rd, 2009

Zehn Elefanten auf Tour: (Bild-)Geschichte eines Umzugs

Es geht eine Maschine auf Reisen...
Es geht eine Maschine auf Reis…
Maschinen haben keine Namen - und wenn, dann meist eher ganz merkwürdige. Sprachler würden dann auch nicht Name dazu sagen, sondern es eher Bezeichnung nennen. Weil aber "walter+bai 20-MN-Belastungsrahmen" nicht so gut klingt wie beispielsweise "Jumbo", wollen wir den 60-Tonner fortan Jumbo nennen. Das passt auch ganz gut, weil sich ja kein normaler Mensch vorstellen kann, wie schwer 60 Tonnen wirklich sind - und da bietet sich doch der Vergleich mit Elefanten an, die gut und gerne 6 Tonnen auf die Waage bringen, wenn man eine passende Waage zur Hand hat. Zehn Elefanten auf Tour - darum geht es jetzt. (Wer mangels Erfahrung mit dem Elefantenvergleich nicht klar kommt, kann gerne weiter herunter rechnen: 60 Tonnen entsprechen 60.000 Kilo-Paketen Zucker. Oder 20.000 Kilo-Paketen Zucker plus 20.000 Kilo-Paketen Mehl plus 80.000 Päckchen handelsüblicher Butter, aus denen man reichlich 40.000 Kuchen nach dem Rezept "Pfund auf Pfund" backen könnte - aber ich schweife ab).

Zurück zu Jumbo! Der 20-MN-Belastungsrahmen ist eine Prüfmaschine, die im Otto-Mohr-Laboratorium (was hier alle kurz OML nennen) steht. Mit diesem Rahmen kann man Stahlkabel und Spannglieder prüfen, aber auch Platten, Balken oder Stützen mit einer Länge von bis zu 7 Metern. So weit, so gut. Das Problem war nur, dass Jumbo auf einem Platz stand, den man für andere Dinge benötigte. Und nun bewege mal einer in einer geschlossenen vollgestellten Halle einen Jumbo oder zehn afrikanische Elefanten oder 40.000 "Pfund-auf-Pfund"-Kuchen!

Kunst der Arbeit
Kunst der Arbeit
Dr.-Ing. Torsten Hampel, Leiter des OML, hatte zur Lösung des Problems eine Antwort parat: "Die erste Variante hätte eine Demontage des Rahmens bedeutet. Aber die Umsetzung und die erneute Montage des Rahmens am neuen Standort hätten einen Zeitraum von etwa sechs Wochen in Anspruch genommen!" Das war dann doch ein bissel viel, also dachte man nach, besann sich auf vorhandene Kenntnisse und bereits praktizierte Kooperationen und entwickelte im Team diese Idee: "Wir heben den Spanngliedrahmen an, setzen ihn auf Schwerlastwagen und fahren ihn dann durch das OML!" Klingt leicht, ist es aber nicht. Zwar war das Ausheben durch die im OML vorhandene Prüftechnik möglich, und sowohl Schwerlastwagen als auch das Verschieben des Rahmens sind für den Kooperationspartner, die Firma Ratschaisenträger, nichts Neues. Aber wie immer steckt der Teufel im Detail: Die Schwierigkeit bestand darin, dass nicht alle Bereiche des OML-Fußbodens ausreichend tragfähig für den 60-t-Rahmen waren: Kanäle für allerlei Technik führen durch die Halle und sind mit Blechen abgedeckt, die gut und gerne eine Horde Studenten aushält, aber keinen Jumbo. An einer Stelle auf dem Weg zum neuen Standort für den 20-MN-Belastungsrahmen ist die Abdeckung des Kellerzugangs nicht ausreichend tragfähig.

Men at Work
Men at Work
Was tun? Eine ganz spezielle Transport-Technik entwickeln! Mit einer vorab ausgetüftelten und in der aktuellen Situation verfeinerten Hebe- und Schiebetechnologie konnten die entsprechenden Bereiche überwunden werden. Der Techniker sagt: "Dafür wurden mehrere Pressenpunkte am Rahmen vorgesehen. Wir haben in mehreren Phasen den Rahmen hochgehoben und die Schwerlastwagen umgesetzt!" Wobei die Schwerlastwagen eher aussahen wie so kleine niedliche Möbelverschiebehilfen. Aber die Kleinen haben es in sich und können eine Menge Druck vertragen! Imposant, imposant - und auf die Gefahr der Wiederholung: Klingt alles leicht, ist es aber nicht. Wie angespannt die Leute zugange waren, merkte man am Geräuschpegel: Nichts, aber auch gar nichts außer dem leichten Surren der Zugmaschine war zu hören. Volle Konzentration, wenn es drauf ankam. Und dann, als es geschafft war, ein beherztes und lautes: Färdsch!

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October 21, 2009

Ambitioniert Klingendes und Bodenständiges

Seit 15 Jahren Restaurant mit Anspruch: Gutshof Puschwitz bei Bautzen

Gutshof Puschwitz
Gutshof Puschwitz
Huch!“, sagte die Chefin, als sie den Grappa am Ende des Abends einschenkte. „Huch, das ist ein bisschen viel geworden! Aber Sie vertragen das schon...“ Klasse, wie sie so unsere Standfestigkeit einschätzt. Aber es stimmt ja: Bei einem guten Grappa darf's ruhig ein bisschen mehr sein! So gesehen fanden wir das eher lustig – auch wenn eine Bedienung sich mit Äußerungen zum Alkoholgenuss ihr fremder Gäste besser zurückhalten sollte.

Wir waren in Puschwitz! Der Gutshof in dem etwa zwölf Kilometer nordwestlich von Bautzen gelegenen Ort kann auf eine wechselhafte und lange Geschichte zurückblicken, in der sich Adlige und Bürgerliche durch Verkauf (und auch durch Enteignung) die Klinke in die Hand gaben. Seit Anfang der 90er Jahre ist ein neues Kapitel im sorbisch geprägten Landstrich aufgeschlagen: Das Gutshaus ist zum Restaurant geworden und bietet auf einer übersichtlichen Karte ambitioniert klingende Gerichte an: Lammleber mit Apfel-Zwiebelconfit und Salat zum Beispiel oder Filet vom Angusrind mit Rotweinschalotten. Aber es gibt auch Bodenständiges wie eine sorbische Hochzeitssuppe und ein sorbisches Hochzeitsessen – andernorts heißt das hier Servierte Tafelspitz mit Meerrettichsauce. Und zum Abschluss locken selbst gemachte Sorbets...

Das Ambiente des Restaurants ist – wie soll ich sagen? Vielleicht so ein bisschen Himmel und Hölle. Der Himmel: Ein schönes altes Gewölbe – der Gutshof hat Geschichte und kann Geschichten erzählen. Die Hölle: Die Möchtegern-Landhaus-Stil-Einrichtung. Dieses Mobiliar strahlt einen unendlichen Nachwende-Charme aus. Geschichten erzählen werden die nie können! Die Sammlung käuflich zu erwerbende Präsentkörbe, eine Tibet-Fahne, eine überdimensionale Mohnblume, tatsächlich lagernde und nur zur Schau ausgestellte Weine komplettieren das Still-Leben.

Die Weinkarte ist unvermutet groß. Als wir uns unschlüssig waren, brachte die Chefin die Flaschen und stellte sie uns auf den Tisch – was die Entscheidung nicht wirklich leichter machte. Aber der Spanier war dann ganz in Ordnung... Bei den Weißweinen schreibt man übrigens den Riesling beharrlich mit ß - wobei doch "Rießling" vor hundert Jahren vielleicht gerade noch richtig war.

Das Essen wurde flott serviert, vielleicht zu flott. Die Suppe: Lecker, kräftig – aber mit zu weichem Gemüse. Die Leber: Definitiv tot gegart – schade. Der Salat darunter hingegen fein abgeschmeckt, die Äpfel mit den Zwiebeln angenehm. Das Steak: Auf einer Seite viel zu lang gebraten und auf der anderen nur ganz kurz, daher nur auf einer Seite wirklich medium (wie gewünscht). Mit Niedergarmethode wäre das nicht passiert! Gut hingegen die dazu gelieferten Kräuter-Kartoffeln. Der Tafelspitz: Auch zu trocken, aber dank reichlicher Meerrettich-Sauce gut zu ditschen. Das Dessert (Brombeersorbet) war ein sehr versöhnlich zart schmelzender Traum... Allen Gerichten außer dem Dessert gemein war ein Überwurf dekorativ verstreuter Petersilie, um den Tellerrand geschmackvoll zu gestalten. Zu den Hauptgängen gehörten zwingend Cocktailtomaten.

Übrigens: Auf der Rechnung stand der versehentlich zu viel eingeschenkte Grappa als doppelter drauf. Das hatten wir nicht bestellt und fanden es nun nicht mal mehr lustig.

Gutshof Puschwitz
Am Puschwitzer Park 4
02699 Puschwitz

Telefon/Fax: +49 35933 30336
Internet (veraltet, Seiten mit Stand 21.1.2007): www.gutshof-puschwitz.de

geöffnet
Dienstag bis Sonntag
11:00 Uhr bis 14:00 Uhr
17:00 Uhr bis 22:00 Uhr

[Eine kürzere Version dieses Beitrags erschien am 22. Oktober 2009 in PluSZ, Beilage zur Sächsischen Zeitung]

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October 6, 2009

Weltweiter Stammtisch

Das Internet, wir wissen es, ist eine Brutstätte des Bösen. Vor dem Internet gab es ja keine Kriege und auch keine Mörder, und deswegen musste man die Menschheit ja auch nicht vor Helden wie Hitler schützen.

Oder ist das alles ganz anders? Könnte es etwa sein, dass es eine Menge Menschen gibt, die das Internet als eine ziemlich geniale Möglichkeit nutzen, Neues kennen zu lernen, den eigenen Horizoint zu erweitern, sich miteinander zu vernetzen - über die engen Grenzen von Kleinkleckershausen hinweg? Könnte es sein, dass dieses Medium, das nur noch Ahnungslose "neu" nennen, mehr für die Demokratisierung leistet als alle demokratischen Politiker(innen) zusammen, dass wir hier eine Technik haben, die vielleicht Musikverlagen nicht gefällt - aber Musikern? Willkommen im Land der Kreativen, der (Quer-)Denker, der Aktiven, der Aufgeschlossenen (und das alles schließt, obwohl nur in der männlichen Form geschrieben, selbstredend auch und gerade die Frauen ein).

Unsereins, der sich gerne und oft auch virtuell herumtreibt, stößt ja häufig auf Unverständnis. Aber das ist ja nichts wirklich Bemerkenswertes bei Dingen, die anderen (noch) fremd sind: Als Berta Benz am 5. August 1888 zur ersten Fernfahrt mit einem Auto startete (ohne Wissen ihres Mannes übrigens), sprangen die Menschen längs ihrer Route entsetzt zur Seite und bekreuzigten sich - heilig's Blechle. Eine Kutsche ohne Pferde - das kann doch nicht gut gehen!

Wenn wir heute, zum Beispiel, twittern, dann ist das eigentlich nicht anders. Zwar bekeuzigt sich kaum einer, aber einen Vogel gezeigt bekommt man heute schon noch von vielen - was ja sehr angemessen ist, denn to twitter ist englisch und heißt zwitschern. Aber so wie das Auto eine Kutsche ohne Pferd ist, so ist Twitter vielleicht ein weltweiter Stammtisch: Hier kommen Menschen zusammen, um miteinander zu klönen, zu debattieren, um Geschäfte zu machen. Nicht alles ist sinnvoll - aber zeige mir einer eine Eckkneipe, in der es nur hochphilosophisch zugeht.

Bei Twitter sucht man sich die Leute aus, mit denen man Kontakt haben will, deren Geschreibsel man lesen und goutieren möchte, mit denen man sich austauscht. Manche wohnen in der gleichen Stadt, manche weiter weg. Einer von denen, die ich über Twitter kennen gelernt habe, ist Metzgermeister und wohnt in Visbek. Auch wenn die Leute aus Visbek das nicht gerne hören werden: Man muss die Gemeinde nicht kennen - sie liegt 50 Kilometer südwestlich von Bremen. Aber dennoch fuhren Sylke und ich jetzt dorthin - um eben jenen Metzgermeister kennen zu lernen, der recht netzaktiv ist - mit eigenem Blog "Essen kommen!" und der famosen Shop-Adresse World Wide Wurst.

Ludger Freese
Ludger Freese
Es war Sonntagnachmittag, als wir von Bremen kommend Zeit für eine STIPvisite beim @lusches hatten - und natürlich twittert man sich zusammen. Was ich mit ein wenig vorbereitendem Lesen im internet (!) hätte wissen können - aber nicht ahnte - erfuhr ich bei der Ankunft: "Herzlich willkommen! Kommt rein! Wir feiern gerade einen Geburtstag - meinen!" Die Belegschaft hatte den Chef zum Kaffee überfallen - pardon: überrascht, und dann auch noch wir, die beiden Unwiesen aus dem Osten! Aber egal: Bei Nusskuchen, Kaffee und reichlich Spaß fühlten wir uns wie bei alten Bekannten.

Bei einer Betriebsführung lernten wir dann die Visbeker Zentrale der World Wide Wurst kennen - freuten uns, im Laden die Saftboxen von Kirsten Walther aus Arnsdorf bei Dresden zu entdecken, begeisterten uns am Eisenhandschuh, der das Abgleiten der rattenscharfen Metzgermesser zum teuflischen Vergnügen macht, weil nichts passiert, waren tief beeindruckt vom Kalb, das da hälftig in der Kühlung abhing.

Keep cool
Keep cool
Lustig fand ich, dass das Kalb aus meiner Heimat Ostfriesland stammt und dort hinterm Deich auf den Salzwiesen futterte - mit dem fremdbestimmten Ziel, nun demnächst von einem Ostfriesen in Dresden nach sanfter Garung auf den Tisch des Hauses gebracht zu werden (Bericht folgt später!). Und dass ein Metzger den weiten Weg von Visbek bei Bremen bis nach Norddeich hinter Leer fährt, nur um gutes Fleisch zu haben, erregt ein schönes Gefühl der Hochachtung: Da nimmt einer seinen Beruf noch ernst und tut dem Kunden Gutes.

Der Besuch im wirklichen Leben, das stellten wir auf dem langen Weg nach Dresden fest, ist die Krönung der virtuellen Kommunikation. Aber ohne die wäre das alles (und noch viel mehr...) gar nicht möglich.

Gefahrenquelle Internet?

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October 5, 2009

Geschichten aus Sardinien (16)

Bosa (2)

Bosa
Bosa
Passegiata heißt das Ritual des Extremherumschlenderns am frühen Abend, dem in Italien wahrscheinlich alles, was laufen kann, frönt. Den abendlichen Bummel erlebten wir in Bosa in halbherziger Ausführung, denn der Corso Vittorio Emanuele II wurde von der polizia nur sehr halbherzig für den Autoverkehr gesperrt. Aber die Leute von Bosa haben ja neben der kopfsteingepflasterten Einkaufsstraße noch die eine oder andere Piazza, bei denen es eh keine Autos gibt, sondern ausreichend Platz für Kinder, Köter, Quasselclubs.

Fassade
Fassade
Beim abendlichen Bummel ist die ganze Stadt das Wohnzimmer für die Leute - oder vielleicht doch besser die Kneipe, in der man sich trifft. Das zwanglose Miteinander schafft immer wieder eine nette Atmosphäre, die untergehende Sonne steuert das Ihre bei, diese Stunden des Tages zu ganz besonderen zu machen. Der Corso Vittorio Emanuele II bekommt eigentlich immer wenig Sonne ab, was in heißen Regionen ja durchaus erwünscht ist. Während unseres Aufenthalts signalisierte die gerade in die Straße scheinende Sonne den Beginn der Passegiata - ein nettes Arrangement!

Bank
Bank
Wir beginnen unseren Bummel am östlichen Ende des Corso - aus dem ergreifenden Grund, dass dort unsere Ferienwohnung liegt. Auch wenn sie das nicht täte, wäre das ein guter Start, weil es hier Parkplätze gibt und man sich die Stadt nett erläuft. Der untergehenden Sonne entgegen mühen wir uns über fettes Kopfsteinpflaster oder nutzen die für stoßdämpferarme Kutschen gedachten breiten Steinplatten, die heute noch Autofahrern mit richtiger Spurweite ihrer Kutschen Freude bereiten.

Kathedrale
Kathedrale
Erste Station links ist die Kathedrale. Läuft man von außen vorbei, ist sie unscheinbar, geht man rein, ist sie wunderbar. Also: Reingehen! 1809 wurde die Cattedrale dell'Immacolata Concezione geweiht - an einem Platz, auf dem seit dem 12. Jahrhundert Gotteshäuser standen. Das Kirchenschiff bietet viel Platz nach oben - und der Blick eben dahin wird belohnt mit einem sehr faszinierenden Anblick. Von außen - hätte man so ein großes Gewölbe mit feiner Struktur und Gemälden nicht erwartet. Tage später, bei einer Wanderung zur Burg hinauf, werden wir die Kathedrale erstmals aus der Vogelperspektive erfassen - mit zwei Kuppeln und einem gedrungen wirkenden roten Sandstein-Turm bietet sie aus dieser Perspektive ein eher ungeordnetes Durcheinander.

Hinter der Tür
Hinter der Tür
Zurück zum Corso, der wahrlich nicht breit ist. Die Häuser zur Linken wie zur Rechten sind imposant, viele haben kleine Balkons mit schmiedeeisernen Gittern. Das Bild trägt nicht unwesentlich zum mächtigen Eindruck bei, den Bosa hinterlässt. Herrschaftliche Häuser waren das offensichtlich alle einmal - einige sind es wieder, andere werden gerade renoviert, wieder andere warten offensichtlich noch darauf, von einem Investor wach geküsst zu werden. Wenn eine Tür offen steht, lohnt es sich, den Kopf einmal da rein zu stecken: Aufwendige Deckenbemalung! Prächtige Aufgänge im lichten Innenhof! Hier muss man mal sehr sehr reich gewesen sein, um so zu bauen.

Die Geschäfte in den Häusern sind von der kleinen netten Art, wie man sie bei uns kaum noch antrifft: Fisch, Gemüse, Fleisch und Wurst - ein Mann, seine Frau, das war's. Das Einkaufen hier macht Spaß, weil man - auch ohne allzu große Sprachkenntnisse! - wunderbar kommunizieren kann. Und weil dort beim Bezahlen auch schon mal abgerundet wird zum Wohle des Kunden. Einmal, als wir mit einem 50-Euro-Schein den Fisch bezahlen wollten und die Verkäuferin das nicht wechseln konnte, fragte sie nach unserem Kleingeld. Wir kippten aus, was wir mit hatten - sie zählte nach und meinte: Zwar zu wenig, aber OK! So etwas ist mir in Dresden noch nie passiert!

Ristorante Borgo San Ignazio
Ristorante Borgo San Ignazio
Die Restaurant-Situation in Bosa ist im Mai eher mager. Es gibt entlang des Corso das eine oder andere Lokal, aber manche Karte las sich arg touristisch (vornehm für: Schlechtes muss nicht preiswert sein!). Wir folgten eher intuitiv beharrlich einem Schild, das von vielen Punkten des Zentrums weg wies - und wurden nicht enttäuscht: Im Ristorante Borgo San Ignazio wird halbwegs authentische sardische Küche gepflegt. Billig ist es nicht, zu teuer auch nicht - es hat geschmeckt, die Bedienung war nett - und übers Ambiente im kuscheligen Gewölbe mit den hellen Lampen gibt es nichts zu sagen außer: so ist das in Italien - passt schon [Via S. Ignazio 33, 08013 Bosa, Tel. 0785374129]!



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September 27, 2009

Geschichten aus Sardinien (15)

Bosa

Kreuzfahrer auf demTemo
Kreuzfahrer auf demTemo
Bosa ist eine nette Kleinstadt mit etwa 8.000 Einwohnern im nördlichen Westen der Insel. Bosa liegt nicht direkt am Meer, denn die Stadt gönnt sich den Luxus eines Flusses - des einzig schiffbaren Flusses der Insel, wie man überall lesen kann. Der Temo bietet sich nachgeradezu für Kreuzfahrten an! Wenn wir auf dem Balkon unserer Ferienwohnung mit Blick auf den Fluss sitzen, hört man das Gejohle der Schulklassen und teilt die Freude der sardischen Kinder am Erlebnis einer Flussfahrt. Ach, ich vergaß zu erwähnen: Der Temo ist ungefähr zehn Kilometer weit ins Landesinnere schiffbar, aber nur die letzten fünf können genutzt werden: eine eingefallene Römerbrücke verhindert weiteres Flussaufkommen. Die Bootstour, die zum Jubeln führt, beginnt am Hafen von Bosa, der etwa zwei Kilometer von der Mündung entfernt ist. Ein kurzes Vergnügen!

Gerberhäuser
Gerberhäuser
Der Temo hat dennoch großen Einfluss (in dem Wort steckt der Fluss ja schon drin!) auf die Stadt, die sich hauptsächlich am rechten Ufer ausdehnt. Gegenüber steht eine Reihe von Gerberhäusern, die halb dem Verfall preisgegeben ist und halb renoviert. Die Gerberei ist ein harter Job, und wohlriechend ist das Gewerbe auch nicht - weswegen Gerber immer gerne "am anderen Ufer" zu arbeiten hatten (das war in London oder Görlitz so, das war in Bosa so). 1834 hat es noch 28 Gerbereien in Bosa gegeben - 1960 schloss die letzte, die von Sanna Mocci. Warum allerdings heute die Anfang des 19. Jahrhunderts gebauten schnuckeligen Gerberhäuser von "Sas Conzas" direkt am Fluss vor sich hin verfallen und (O-Ton Barbara Branscheid im Baedecker Sardinien) allenfalls "morbiden Charme" ausstrahlen, ist mir ein Rätsel: Allerbeste Lage mit Blick auf die Altstadt!

Boot
Boot
Vor allem in den Spätnachmittagsstunden (zumindest im Mai...) leuchtet ein ganz bezauberndes Licht auf Bosa. Wir stehen an den Gerberhäusern, denn das erste in der Reihe beherbergt einen dieser tollen Supermärkte, in denen man noch richtig bedient wird an den Theken für Brot, Aufschnitt, Käse, Fleisch, Fisch und Gemüse. Der Fluss ist relativ breit und fließt gemächlich und ruhig dem Meer entgegen. Am gegenüberliegenden Ufer dümpeln kleine Boote vor sich hin. Das Kreuzfahrschiff ist dabei, einigen Fischkutterchen, manchmal auch deutlich nicht mehr fluss- oder gar seetüchtige Seelenverkäufer.

Palmenpromenade
Palmenpromenade
Die Uferpromenade ist von Palmen gesäumt, was nicht nur gut aussieht, sondern nachgeradezu zum Flanieren einlädt. Allerdings sorgt direkt neben der Palmenpromenade eine viel befahrene Straße für Lärm und Gestank, was vielleicht auch die weitgehende Abwesenheit von Straßencafés hier erklärt. Die einzige Gelegenheit einiger freier Tische vor dem Ristorantino Enoteca Verde Fiume wurde uns vermiest, weil der Kellner uns mit einem schnöseligen "Wir sind ein Restaurant!" klar machte, dass wir uns keinesfalls nur auf einen Wein dort niederlassen könnten. Sein Pech: Wer uns so anmacht (obwohl alles leer war!), kann mit uns auch nicht als Abendessensgast rechnen.

Ponte Vecchia
Ponte Vecchia
Wir stehen immer noch bei den alten Gerberei-Häusern und sehen nun ein wenig nach rechts. Dort überquert eine steinerne Bogenbrücke den Temo. Die Ponte Vecchio ist alt und schmal, so dass der Verkehr immer nur einspurig hin- oder herüber gelassen wird. Sie führt direkt auf die Kathedrale von Bosa zu, deren eigentliche Größe man am besten von weit weg erlebt - oder von innen, denn die Kathedrale dell'Immacolata fügt sich in das enge Bosa mit seinen schmalen Gassen ein. Hochgucken lohnt, wenn man drinnen ist, denn das prächtige Deckengemälde und die sehenswerte Orgelempore gehören zu den Besonderheiten des weitgehend barocken Baus.

Hinter Fluss-Palmenpromenade-Straße beginnt die Altstadt von Bosa, und die ist nun wirklich durchlaufenswert...

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September 25, 2009

Geschichten aus Sardinien (14)

Keine Banditen in Orgosolo

Kulturlandschaft
Kulturlandschaft
Das Schönste an Oliena ist die Landschaft nach der Ortsausfahrt. Leicht hügelig, Weinstöcke, Olivenhaine, kaum Autos unterwegs auf hervorragenden Straßen - so macht das Reisen Spaß. Das Ziel ist Orgosolo, die Banditenstadt. Es gibt da eine ganz bezaubernd-gruselige Mär und einen Film von Vittorio de Seta, Banditi a Orgosolo. Berühmt ist Orgosolo aber für seine Wandmalereien, die Murales. Aber fast mehr noch als die Wandmalereien interessierte uns, ob es dort etwas zu essen geben könnte, nach dem Restaurantdesaster in Oliena.

Bandit am Straßenrand
Bandit am Straßenrand
Kurz vor dem Ort geht das mit den Furcht erregenden Darstellungen schon los. Unser Wanderfohrer hatte uns in seinem Rundumwissenkompendium (Eberhard Fohrer, Sardinien, S. 618) wissen lassen: "Die meisten neugierigen Touristen fahren .. mit gemischten Gefühlen in das Bergdorf. Einen gewissen Druck in der Magengegend werden die wenigsten los", wegen der Banditen und so. Unsere Gefühle waren nicht gemischt, und der einzige Druck in der Magengegend kam vom Hungergefühl - aber als da drei Kurven vor dem Ort plötzlich ein feister grimmig dreinschauender blauäugiger Bandit uns mitten in einer Kehrtwende auflauert, wird's uns plötzlich doch sehr komisch im Bauch. Tapfer ergreifen wir nicht die Flucht, sondern halten an: Ich bremse auch für Banditen! Zumal wenn sie aus Stein und lustig angemalt sind sowie hinter der Leitplanke im Gras liegen.

Supramonte
Supramonte
Wir schossen aus beiden Kameras und machten uns danach von hinnen, Orgosolo zu besichtigen. Das Dorf machte beim ersten Durchfahren einen unspektakulären Eindruck auf uns - und wir waren schnell wieder draußen, allerdings an einem netten Aussichtsplatz, der eigens für durchrauschende Touristen angelegt zu sein scheint. Von hier aus hat man eine wunderbare Fernsicht ins Supramonte-Massiv - so lange man wirklich in die Ferne sieht. Ein Blick nach unten offenbart ein riesiges Loch, in dem kleine Laster herumkutschieren (also in Wirklichkeit sind sie natürlich groß, aber sie sehen von hier oben klein aus, das kennt man ja). Und noch näher dran erinnert eine rammelige Hütte mit einem vor sich hin rostenden Auto an Oliena.

Zurück im Dorf (Orgosolo hat so um die viereinhalbtausend Einwohner), in dem sich die Einheimischen am Marktplatz gegenüber der Kirche friedlich um einen Broilerwagen versammeln, um dort käuflich ein halbes Hähnchen zu erwerben. Ja bin ich denn in Dresden? Sieben Euro sollte der gegrillte Gockel kosten - wir fanden das sehr unromantisch und beschlossen, erst einmal die Murales zu besichtigen. Es gibt in der Tat viel zu sehen - aber ob das, was da nach 1975 so nach und nach entstand, nun mehr Ausdruck irgendwelcher Proteste sein soll oder nur touristische Anmache? Von der künstlerischen Qualität ganz zu schweigen, aber über Kunst kann man ja immer trefflich streiten.

Banditi a Orgosolo
Banditi a Orgosolo
Irgendwo habe ich gelesen, dass die Wandmalereien quasi ein therapeutisches Abarbeiten räumütiger Banditen seien - aber das glaube ich nicht. Denn die Banditen haben einerseits eine lange Tradition in der Gegend - aber dank so famoser Erfindungen wie der Blutrache hat sich ja auch andernorts schon aus einer bier- oder weinseligen Frozzelei ein generationenlanger messerscharfer Streit zwischen Familien entwickelt. Nicht witzig, aber Realität - und meistens mittlerweile auch überwunden. Vittorio de Setas Film über die Banditen von Orgosolo aus dem Jahr 1961 greift diese Aspekte der Geschichte auf - mit Laiendarstellern und beeindruckenden Bildern.

Murales a Orgosolo
Murales a Orgosolo
Die Murales, die es andernorts auch noch (und nicht mal schlechter, im Gegenteil) gibt, nahmen in Orgosolo 1975 ihren Anfang: Der aus Siena stammende Kunstlehrer Francesco Del Casino initiierte die Aktion - er war Lehrer in Orgosolo und brachte anlässlich der Feiern zur 30jährigen Befreiung vom Faschismus in Italien mit seinen Schülern Politisches auf die Wände. Irgendwannn ging der Künstler heim in die Toskana und die Leute von Orogosolo machten zunehmend folkloristischer weiter. Langfristig ist es eh besser, auf sanften Banditismus zu machen und den Leuten das Geld legal aus der Tasche zu ziehen: Touristen willkommen! Auf Wunsch mit inszeniertem Busüberfall und dem Rest all-inclusive.

Womit wir beim Lieblings-Thema Essen und Trinken wären. In Ermangelung anderer geöffneter Lokalitäten versammelten sich alle Tagestouristen gleich hinterm Broilerwagen, pardon: der mobilen Rosticceria da Tonino in eher rüder Atmosphäre am Caffé Dandana. Die Außenplätze waren fest in deutscher Hand: Ein Motorradclan aus dem Bergischen Land und Köln versorgte alle mit rheinisch-bergischer Frohnaturlaune und den neuesten Geschichten des Beinahe-Unfalls eines Mitfahrers, dann gab es noch ein junges verliebtes und ein altes fotografierendes Paar. Dazwischen wir (nicht mehr jung, noch nicht alt, aber auch verliebt und fotografierend). Zu essen gab es Nudeln aus der Vakuumverpackung, wie man sie im ganzen Land so bekommt. Convenience ist ein sehr schmeichelndes Wort, aber Schlechtes muss nicht billig sein. Dafür waren die beiden Mädels, die den Laden schmissen, sehr aufgeregt, nett und zuvorkommend, wenn auch ein wenig überfordert. Aber immerhin gab es ordentlichen Hauswein vom Fass - wir ließen, weil wir ja nur nippen konnten in der Mittagspause, uns gleich mal eine Literflasche abzapfen und genossen die dann nach unserer Ankunft in Bosa...

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September 24, 2009

Geschichten aus Sardinien (13)

Von Cala Ganone nach Oliena

Der Weg ist das Ziel. Also wählten wir für den ersten Quartierwechsel die Ost-West-Durchquerung der Insel mit Umwegen. Wie immer, wenn der Weg das Ziel ist, gestaltet sich das hin und wieder als eine Art Fahrt ins Blaue, wenn nicht sogar ins Blauäugige.

Der Anfang der Querung kann als bekannt vorausgesetzt werden - man kommt ja nur auf einem halbwegs schnellen Weg fort von Cala Gonone. Ein letztes Mal also fahren wir bergauf, dann durch das immer noch nicht attraktivere Dorgali, gönnen uns einen Blick - nein zwei: einen nach links, einen nach rechts - auf den Lago del Cedrino und biegen dann schwungvoll von der SP38 ab in Richtung Oliena. Der erste Zwischenstopp sollte die Quelle Su Gologone sein, deren Wasser man getrunken haben soll - weswegen wir eigens leere Flaschen mitgenommen hatten.

Su Gologone
Su Gologone
Auf dem Weg zur Quelle Su Gologone legten wir einen Spontanstopp an einem Olivenhain ein, wobei die Auswertung der Fotos später ergab, dass es da zwar schön, aber nicht berauschend war. An der Quelle selbst muss man das etwas differenzierter sehen! Das Gelände ist touristisch voll erschlossen - was eine nette Umschreibung für: Zäune drumherum, Kassenhaus und möglicherweise Tourirummel ist. Und nun die gute Nachricht: Es gab keine Touristen außer uns. Also zahlten wir gerne, nachdem die Kassiererin sich vom Espresso in der Bar nebenan getrennt hatte, unsere zwei Euro Eintritt und liefen die Wege, die an Wochenenden wohl Tausende abtippeln.

Nostra Signora della Pieta
Nostra Signora della Pieta
Schön ist es dennoch! Es gibt: eine kleine Kirche "Nostra Signora della Pieta", die schlicht und doch ganz reizvoll einen Hügel dominiert. Es gibt weiterhin Wege zur Quelle und solche von ihr fort. Einige sind mit Nachrichten verziert, die sinnige Wege-Architekten aus Muschelschalen gestaltet haben ("Benvenuti a Su Gologoine") - was für eine Überraschung! Und dann ist da natürlich diese Quelle, deren klares Wasser aus dem Fels sprudelt und unten wunderbarer Weise traumhaft grün und klar einen See bildet. Schön schön. Da macht es auch nichts, dass die Leute sich hier, wie an so vielen anderen Orten mit Wasser auf dieser Erde, sich ihres Kleingelds entledigen und glauben, irgendetwas Gutes davon zu haben.

Unterhalb der Quelle staut sich das Wasser zu einem See, und nur etwas weiter ist ein Pumpenhaus zu bewundern. Wenn das geschlossen ist, pumpt die elektrische Pumpe von dort Wasser hoch zu einer Wasserentnahmestelle oben auf dem Parkplatz: Wasser aus Su Gologone! Nun stand aber das Pumpenhaus weit offen, zwei Männer arbeiteten drinnen - und uns schwante Übles. Genau: Weil unten die Pumpe nicht ging, gab's oben kein Quellwasser. Na prima!

Eine Frage der Generationen
Eine Frage der Generationen
Wir also wasserlos nach Oliena. Die machen dort einen hervorragenden Rotwein, aber die Stadt ist befremdlich. Autos brettern wie verrückt durch die Straßen, Häuser verfallen, Bars oder gar Ristorantes gibt es nicht (oder es gibt sie, aber wir haben sie nicht gefunden). Wenig Fußgänger trauen sich auf die Straßen, laufen vorbei an so wunderbaren Etablissements wie der Luxusunterkunft Santa Maria, die mit einem Gitter vor Gästen gesichert ist, passieren Wände mit Wahl-Sudokus und erfreuen uns an hübsch gemalten Sprüchen, die vor knapp 200 Jahren verfasst wurden und vom Fremdenverkehrsverein vor einem Jahr zur Verschönerung der Stadt an allerlei Mauern aufgebracht wurden. Mangels ausreichender Sprachkenntnisse erschloss sich uns die Schönheit der Sprüche nicht vollends, was vielleicht sehr bedauerlich ist, eventuell aber auch eine Wohltat. Wer weiß?

Wahlvorbereitung
Wahlvorbereitung
Etwas oberhalb der Stadt gibt es einen unschuldig schönen Ausblick auf die Umgebung, die so aus der Ferne ganz nett ausschaut. Rote Dächer, Backsteine hier, geputzte Mauern dort. Hin und wieder Wassertanks auf den Dächern, und sogar die eine oder andere Solarzelle. Je weiter die Blicke schweifen, desto harmonischer wirkt Oliena. Doch dann sehe ich runter in den Garten direkt vor uns. Dort rosten zwei Autos still vor sich hin. Oliena bleibt sich treu...

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September 17, 2009

Ein perfektes Team

Erfreuliche Erlebnisse mit Service und Küche im Winzerhof Golk

Winzerhof Golk
Winzerhof Golk
Dass man als Gast eines Winzerhofs trunken werden kann, ist naheliegend. Dass dieses aber auch ganz ohne Alkohol passiert, keineswegs. Beim Winzerhof Golk ging es uns aber so: Die Blicke von der Terrasse des Hauses in die sanfte rechtselbische Hügellandschaft Richtung Zadel machten schon vor der Bestellung besoffen. Wein gab's dennoch: Der Riesling in unserem Glas wuchs rechts vor uns im Golker Herrengarten – kein großer Wein, aber zum Essen sehr angenehm!

Die Karte ist erstaunlich groß für ein derart abgelegenes Gasthaus – aber irgendwie steckt System dahinter, und man entdeckt Überraschungen. Eine Seite nur Sauerbraten – aber eben nicht nur vom Rind, sondern auch vom Lamm, vom Wildschwein und vom Reh. Und eine Seite Essen vom heißen Stein – nicht außergewöhnlich, aber immer wieder sehr kommunikativ. Und zwischendurch Dinge, die man hierzulande eher selten antrifft, wie beispielsweise Merguez (scharfe Würstchen, ursprünglich aus dem Arabischen) und Kalbsnierchen. Geht das denn, in Deutschland, in Sachsen, in einem Winzerhof? Natürlich: Die Betreiber (es sind die gleichen wie im L'ami Fritz in Diesbar) kommen aus dem Elsass, und da gehören derlei Dinge zum guten Küchenton!

Wir entschieden uns für einen Sauerbraten (den vom Lamm) und die Nierchen als Hauptspeise. Vorab sollten eine Käsesuppe sowie ein Ragout Fin vom Kalb den größten Hunger stillen. Das war einerseits eine gute Idee, weil die Käsesuppe würzig war und dem schon arg säurebetonten Wein sehr schmeichelte und weil das Ragout Fin vorzüglichst bewies, wie dieses so oft als Dosenfutter verkommene Gericht schmecken kann – nämlich fein und pikant sowie kein bisschen nach Dose!

Andererseits war das mit den Vorspeisen eine schlechte Idee – denn die Portionen des Hauptgangs waren dermaßen gut bemessen, dass sie kaum zu schaffen waren. Da aber sowohl das Lamm als auch die Nieren so köstlich waren, mussten wir das Dessert abbestellen: Zum heißen Stein, der die Plinsen liefern sollte, deswegen hier kein Wort (aber was soll man da schon falsch machen?)! Aber natürlich noch Anmerkungen zu den Fleischgängen: Üppig voll waren die Teller – was der Optik schadet, aber nicht dem Geschmack. Der Lammsauerbraten zart und süß-säuerlich, die dazu gereichten Röstis offensichtlich hausgemacht. Und die Kalbsnierchen in Wermutsauce mit den hausgemachten Spätzle erkläre ich zum Geheimtipp für alle, die Innereien mögen: Perfekt gesäubert und gegart, pikant die Sauce. Ein Gericht ganz ohne Wermutstropfen!

Den Service (ein Mädel, ein Mann) kann man gar nicht genug loben: Zuvorkommend, freundlich, kommunikativ, locker, immer da. Als es dunkel wurde, brachten sie Kerzen. Als es kälter wurde, Decken. Als der Koch sah, dass es immer noch ein wenig duster am Nebentisch war, brachte er Extra-Licht. Und als wir zahlen wollten, gab es Trester vom Gewürztraminer aus dem Elsass. Ein perfektes Team!

Winzerhof Golk

Zum Forsthaus 7
01665 Diera-Zehren

Tel.: 03 521 - 73 88 35
Fax: 03 521 - 71 91 52

geöffnet
Montag-Freitag ab 17.00 Uhr
Sa/So/Feiertags ab 11.00 Uhr

[Beitrag zuerst erschienen am 17. September 2009 in PluSZ, Beilage zur Sächsischen Zeitung]

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September 14, 2009

Weinwanderung von Meißen nach Sörnewitz (2)

Die Bosel entlang und manierlich herunter

Gästehaus Boselspitze
Gästehaus Boselspitze
Von der Juchhöh geht es noch ein wenig landschaftlich schön bergan Richtung Boselspitze. Wein- und Obstbau bestimmen das Bild - und einem Hinweisschild entnehme ich, dass die TU Dresen hier oben sogar einen Botanischen Garten betreibt. Auf dem Weg dahin entdecken wir ein Überbleibsel aus alten Zeiten: Das Gästehaus Boselspitze strahlt den Charme eines FDGB-Ferienheims aus, wir ließen es links liegen. Tatsächlich tobten hier hier seit 1962 im Ferienlager der VEB Braunkohleveredelung Lauchhammer bis zu 300 Kinder gleichzeitig herum. Seit 2002 ist das Gästehaus ein Familienbetrieb - vielleicht ja sogar ein guter mit freundlicher Bedienung. Aber irgendwie wirkt das Ensemble nicht einladend.

Winzerhäuschen Schwalbennest
Winzerhäuschen Schwalbennest
Etwas weiter sah es schon netter aus: Das Winzerhäuschen Schwalbennest im Weinberg der Weinkönigin sieht man auch von unten auf dem Weg nach (oder von) Meißen. Leider hatte die Weinkönigin gerade eine Schwalbe gemacht - wir hätten doch so gerne dort mit ihr ein Gläschen getrunken!

Apropos hätten: Den 200 Meter langen Wall hätten wir ohne Hinweisschild natürlich wieder nicht aussgemacht, aber so wissen wir nun, dass 1000 Jahre "vuZ" (vor unserer Zeit) bzw. "vZw" (vor der Zeitenwende) hier eine bronzezeitliche Siedlung Leben auf den Berg brachte. Über dieses "vuZ" kann ich nur immer wieder nur den Kopf schütteln - vor Christi Geburt (vChr) war für den offiziellen DDR-Sprachgebrauch einfach nicht denkbar. Nur gut, dass sie den Zeitpunkt nicht auch noch versetzt und den Nullpunkt auf Marxens Geburt oder die Oktoberrevolution gelegt haben...

Elbe Richtung Dresden
Elbe Richtung Dresden
Wir sind nun oben an der Boselspitze, und wie so oft: Dass das so ein imposant abbrechender Berg ist, merkt man hier oben gar nicht. Man kann - entsprechendes Wetter und korrekten Sonnenstand vorausgesetzt - weit sehen, das hat auch was. Aber um die Bosel einmal so richtig genießen zu können, muss man schon vom anderen Elbufer oder wenigstens vom Schiff aus gucken.

Auf der Boselspitzen gibt es die schon angekündigte Abteilung des Botanischen Gartens der TU Dresden, die im vergangenen Jahr recht leise ihr 100jähriges Bestehen feiern konnte: Im Dezember 1908 hatte der Landesverein Sächsischer Heimatschutz das Flurstück auf der Bosel gekauft - auf Empfehlung eines Prof. Drude, der sich mit den wärmeliebenden Pflanzengesellschaften Sachsens beschäftigte. Die TU Dresden übernahm 1948 den Boselgarten, der heute auf etwa 2.500 Quadratmetern 850 kultivierte Arten eine Heimat bietet - von denen 200 auf der Roten Liste Sachsens bedrohter Pflanzenarten stehen.

Weinfass
Weinfass
Im September ist der Garten natürlich nicht so spektakulär wie im Mai oder Juni, wenn hier alles blüht - wir müssen also nochmal wieder kommen und gehen vorerst weiter Richtung Sörnewitz an der Elbe. Anders als die schwangeren Jungfrauen wählen wir nicht den direkten Weg, sondern den durch den Wald. Unten angekommen begrüßen uns zwei Strohpuppen und laden zum Besuch der Besenwirtschaft Zum Winzerschoppen ein. Sie liegt - weiter oben! Wir also parallel zum gerade herunter gewanderten letzten Wegstück wieder hoch, aber nicht weit. Die Besenwirtschaft auf halber Höhe inmitten des Weinbergs hat von April bis November je nach Wetter- und Bedarfslage täglich außer montags ab zehn Uhr geöffnet - mit einer auf der Karte zu lesenden Einschränkung: Wenn der Winzer "unaufschiebbare Termine" hat, kann schon mal geschlossen sein...

Klingt gut und locker - und so ist es dann da oben auch. Der Winzer gibt bereitwillig Auskunft, will sich allerdings nicht wirklich festlegen: Als wir ihn fragten, was ER denn nun trinken würde, eierte er ein wenig herum. Nun denn, dann mussten wir eben selbst (für Müller-Thurgau, Kerner und Traminer) entscheiden ;-) Im Angebot sind Weine der Winzergenossenschaft - im Müller Thurgau seien auch Tropfen seiner Trauben drin. Das hat uns nun fast jeder der von uns im Laufe der Jahre angesteuerten Besenwirtschaftswinzer gesagt, und wenn ich das Prinzip richtig verstehe, ist es kein Wunder, dass ausgerechnet hier in Meißen 1796 der Herr Samuel Hahnemann die Homöopathie erfunden hat...

Ausgetrunken
Ausgetrunken
Sörnewitz ist tödlich für Weinwanderer - zu viele Winzer. Den Herrn Schabehorn haben wir uns aufgehoben, obwohl das Weingut am Fuße der Bosel durchaus einladend war. Bei ihm werden wir also demnächst die Fortsetzung der Weinwanderung beginnen... Unser Ziel liegt etwas mehr im Dorfinnern: Das Weinhaus Schuh ist wohl die beste Adresse in Sörnewitz. 1990 neu gegründet, Reben nur in Steillagen - wobei es beim Schuh auch Rotwein gibt: 43 Prozent der 4,5 ha sind mit Rotweinreben bepflanzt. Früh schon hat das Weinhaus Schuh auf Kundenkontakt gesetzt: Zum Weingut gehören eine Vinothek und ein Weincafé, und wer in Sörnewitz hängen bleibt: Gästezimmer gibt's auch...

[Die Karte zur Wanderung]

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September 13, 2009

Weinwanderung von Meißen nach Sörnewitz (1)

Beherzt auf die Bosel...

Die Boselspitze
Die Boselspitze
Die Bosel ist ein imposanter Berg - man sieht ihn auf dem Weg nach Meißen aus dem Auto oder vom Schiff und möchte eigentlich immer mal gerne da oben rauf. Bei dem Wunsch bleibt es, meistens: Viele Dresdner(innen) kennen die Bosel - wenn auch nicht unbedingt mit Namen, aber doch wenigstens vom Ansehen her. Aber da oben nuff? Or nöö...

Früher war das anders. Da war die Boselspitze ein beliebtes Ziel für schwangere Jungfrauen - das waren Frauen, die nicht verheiratet aber dennoch schwanger waren. In ihrer Not - und die war so ein Umstand vor hundert Jahren noch! - stürzten sie sich in den Tod: Gerne von der Boselspitze, weil es von da so schön gerade runterging. Wer ob solcher Geschichten den Kopf schüttelt, kann sich erstens daran erfreuen, dass es im Umgang miteinander mittlerweile etwas weniger befremdlich zugeht - und sich zweitens darüber wundern, dass es auch heute noch offensichtlich genug Selbstmordkandidaten gibt, wenn auch aus unterschiedlichsten Gründen: Eine eigene Webseite widmet sich dem Thema, und wer die Seite aus dem Cache bei Google aufruft, sieht auch die Worte Boselspitze und Selbstmord...

Die Elbe bei Meißen
Die Elbe bei Meißen
Die Geschichten rund um diese optisch imposante Bergspitze sind also alles andere als einladend. Der Weg hinauf und ganz normal per pedes wieder herunter lohnt sich aber dennoch - weil dieser Abschnitt des Sächsischen Weinwanderwegs abwechslungsreich und schön ist. Obendrein werden weinaffine Wanderer belohnt: Gaststätten, Besenwirtschaften, Winzer liegen quasi am Wegesrand!

Wir beginnen da, wo wir Teil eins der Wanderung beendeten: in Meißen. Direkt an der Elbe gibt es (am rechten Ufer - unweit des Bahnhofs) einen Parkplatz, der - dass es so etwas noch gibt! - sogar kostenlos zu benutzen ist. Wer mit der S-Bahn kommt: Diese Stelle ist drei bis vier Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt.

Meißen
Meißen
Von hier aus hat man über den Fluss eine wunderbare Sicht auf den Burgberg mit Dom und Albrechtsburg. Schiffe sieht man freilich eher selten - die Elbe ist nicht der Rhein, viel ist hier nicht los. Wobei diese Bemerkung wirklich nur fürs Wasser gilt: Der Weg, der uns ins Spaar-Gebirge führt, ist anfangs ein wenig unschön: Man teilt ihn sich mit den Radfahrern. Und die sind vor allem am Wochenende erstens in Massen und zweitens immer viel zu schnell unterwegs. In der Hackordnung stehen Fußgänger eindeutig weiter unten und müssen schon mal beherzt zur Seite huppen. Unter der Woche allerdings hat man weitgehend seine Ruhe. Nach einigen hundert Metern trennen sich eh die Wege: Weinwanderer ab in die Berge, Radler weiter die Elbe entlang!

Müller-Thurgau
Müller-Thurgau
Wir also in die Berge! Es gibt eine erste Anlaufstelle, das Bauernhäusl. Wir wurden mit einem beherzt-freundlich-abweisenden "Was haben Sie denn noch vor?" begrüßt - und wenn der Mann nicht so nett geguckt hätte, hätten wir den Kaffee schon wieder vor dem ersten Schluck Wein aufgehabt. Aber unserer Bitte, um 14 Uhr doch nur ein Schlückchen Wein vom Fass haben zu wollen, kam er nach: Ein Müller Thurgau war's, von der Winzergenossenschaft. Deren Weine leiden ein wenig (ein wenig?) darunter, dass unter den 1.800 Mitgliedern eben auch Hobbywinzer sind, die ihre Trauben dort abliefern - und ob da alles immer allerbeste Qualität ist, kann man gerne anzweifeln. Andererseits würde es ohne die Hobbywinzer, die zu Zeiten der DDR die Weinberge pflegten so gut sie eben konnten, in dieser Gegend vielleicht gar keinen Wein oder auf jeden Fall weniger davon geben. Unser Müller war spritzig, der Preis OK, der Mann dann doch nicht so raubeinig wie er klang. Alles wird gut!

Sonnenblumen im Weinberg
Sonnenblumen im Weinberg
Unterhalb des Bauernhäusls führt der Weinwanderweg am Kronenberg an Reben der Winzergenossenschaft vorbei. Vier fleißige Männer zogen gerade eine Trockenmauer hoch - das typische Landschaftsbild bleibt so erhalten, die wärmespeichernde Funktion der Steine kommt dem Wein zugute. Um die Ecke herum taucht dann - immer noch in der gleichen Weinbergslage Meißner Kapitelberg - der Untere Domprobstberg auf. Ein sehr gepflegter Weinberg. Oben tuckert ein Winzer mit seinem Minitrecker zwischen den Reben her und spritzt, ansonsten ist es ruhig hier.

Hölzerne Weinpresse
Hölzerne Weinpresse
Unten steht unter einem Holzdach die älteste und größte Holzpresse Sachsens: Gebaut zwischen 1750 und 1800, 1989 von Hobbywinzern vorm Wegwerfen gerettet, zehn Jahre später gundlegend saniert - heute eine Sehenswürdigkeit. An der Presse informiert ein Schild und nennt nette Zahlen: "1889 wurden unter anderem gekeltert zehneinhalb Eimer weißer Wein und vierundzwanzigeinhalb Eimer roter Wein (ein Eimer entsprach nach alter sächsischer Rechnung 67 Liter)." Mehr als doppelt so viel Rotwein als Weißwein!

Waldwanderweg
Waldwanderweg
Weiter geht's ein Stück durch schattigen und wohl riechenden Wald. Der Weg ist steinig wie man das von Römerstraßen kennt (also nur die Älteren werden sich erinnern...). Aber egal, denn das Ziel ist die Juchhöh. Hatte ein Aussichtspunkt je einen schöneren Namen? Wohl kaum. Und auch nur wenige Stellen geben schönere Blicke frei. Kein Wunder: Die Juchhöh ist mit 192 Metern über NormalNull der höchste Punkt des Spaargebirges - die Boselspitze liegt zehn Meter tiefer. Das Spaargebirge, durch das wir nun schon ein geraume Zeit wandern, ist das kleinste in Sachsen: drei Kilometer lang, 200 Meter breit. Niedlich!

Juchhöh
Juchhöh
Natürlich wächst hier auf dem Kapitelberg auch Wein - und nicht nur irgendeiner. Der Kapitelberg gilt als eine der besten Lagen in Sachsen. Es ist eine veritable Steillage, und wer hier Wein macht, ist ein glücklicher Mensch - denn der schmeckt! Von oben hat man einen schönen Blick über die Reben hinunter auf die Elbe - und mit ein wenig Glück tuckert sogar ein Dampfschiff dort lang: Romantik pur!

[Die Karte zur Wanderung]

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September 7, 2009

Wenn der Koch überarbeitet ist...

Das Restaurant Brüders wird in Görlitz als Geheimtipp gehandelt

Brüders
Brüders
Görlitz ist nicht nur die östlichste Stadt Deutschlands, sie ist auch eine im touristischen Aufschwung. Als Folge davon haben auch Restaurants eine Chance, die allein von und mit den Einheimischen nicht leben könnten. Die Frage ist nur, ob sie diese Chance nutzen...

„Brüders“ heißt das Restaurant, das es seit September 2008 in der Brüderstraße gibt – allerbeste Lage mit Blick auf Ober- wie Untermarkt also. Uns wurde es von Görlitzern als „Geheimtipp“ genannt, mit Hinweis auf die köstliche Senf-Champagner-Suppe.

Wir gingen also hin und erlebten die erste positive Überraschung: Es war ein Sonntag, es war halb drei, der Laden leer, die Servicekraft telefonierte, der Koch stand nichts tuend hinter der Theke. „Können wir noch etwas essen?“ - „Ja, natürlich!“ Sprach's und entschwand in die Küche, die Bedienung stellte ihr Telefonat ein und brachte die Karte: Na, geht doch, nix da Servicewüste!

Das Ambiente ist zurückhaltend modern: Im Gewölbe (nichts Besonderes in Görlitz!) machen sich die fein eingedeckten dunkelbraunen Tische und die (bequemen) Korbsessel gut, draußen sitzt man ähnlich stylish, wenn das Wetter mitspielt.

Die Karte ist klein, zwei Seiten (sie war wohl schon mal doppelt so groß, aber ich mag kleine Karten – sie sind ein Indiz, wenn auch kein Garant, für frische Ware). Wir bestellten natürlich die „Feine Champagner-Senfrahmsuppe mit Senfkörnern“. Ob da wirklich Champagner drin war? Spuren vielleicht, aber der Rotisseur-Senf übertönte sie, so dass es eine angenehme, aber keineswegs sensationelle Suppe war. Die zweite Suppe, „Kresseschaum mit Streifen vom geräucherten Lachs“, schmeckte hingegen passabel – gut gewürzt, wenn auch keineswegs schaumig aufgeschlagen, wie der Name vermuten ließ.

Der „Gemüsespieß vom Grill mit grobem Meersalz Knoblauchbrot“ hatte ein deutliches Übergewicht von getrockneten Tomaten, wir vermissten Auberginen und/oder rote Paprika. Aber er war wenigstens das, als was er auf der Karte stand: Ein Gemüsespieß (mit, übrigens, fein gewürztem Dipp). Aber die „Flusskrebsschwänze mit Sommergemüse im Omelett“, die auch draußen an der Tafel als Spezialität für die „Solide internationale Küche“ angepriesen wurden, kamen im gelieferten Gericht gar nicht vor: Statt dessen lugte ein Octopussi aus dem Ei – im Omelett tummelten sich Meeresfrüchte! Natürlich bekamen wir anstandslos eine neue Portion – aber mit zusammen essen war nichts, und beim dann zwar reichlich mit Flusskrebsschwänzen versehenen zweiten Versuch war das Omelett reichlich blass, um nicht zu sagen: es hatte über weite Partien die Pfanne nicht gesehen.

Immerhin ließ der Koch ein „Entschuldigung“ ausrichten – aber als wir später den Chef des Service fragte, wie man denn Flusskrebse mit Meeresfrüchte verwechseln könne, murmelte der nur etwas von „Überarbeitung“ - was keine gute Antwort ist. Auf die Idee, vielleicht den (wirklich sehr guten!) Espresso hinterher aufs Haus gehen zu lassen, kam man auch nicht – Kundenfreundlichkeit hat auch seine Grenzen.

Eine Internetseite hat das Restaurant, natürlich auch – aber sie ist auch ein Jahr nach der Eröffnung mehr Schein als Sein: Nicht mal die Telefonnummer kann man der Seite entnehmen, sie soll, wie andere Inhalte, nachgereicht werden.

Restaurant Brüders
Brüderstraße 1
02826 Görlitz
Telefon: 03581 – 84 55 73
E-Mail: info@restaurant-brueders.de
Internet: www.restaurant-brueders.de



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September 4, 2009

Weinwanderung von Seusslitz nach Meißen (3)

Durch den Golkwald nach Zadel

Aus dem Brummochsenloch auf die Höhe des Weinwanderwegs hinauf ist es nicht wirklich anstrengend. Aber nach zwei vinophoben Pausen sind auch kleine Steigungen zu spüren. Selbst gewähltes Elend nennt man das - wobei die Pausen in Wirklichkeit gar kein Elend waren, im Gegenteil: Sie waren selbst gewählte Erheiterung!

Elbe
Elbe
Der Anstieg durch den Wald ist Balsam für die Nase: Es riecht gut, die Luft ist milde, die Demse (wer Teil zwei verpasst hat: schöne Bezeichnung für unschönes feucht-schwüles Klima) hat hier Eintrittsverbot. Nach kurzer Zeit jedoch öffnet sich der Wald und macht einem Weinfeld Platz. Und wo die Leute Wein anbauen, ist es gemütlich warm! Vor allem aber eröffnen sich tolle Blicke - hinterm großen halboffenen Tor stehen Rebstöcke mit roten und grünen Trauben. Ein Schild verrät: Die Familie Keydel baut hier Goldriesling (gibt's nur noch in Sachsen, soviel ich weiß), Müller-Thurgau, Weiß- und Grauburgunder, Traminer, Riesling und Spätburgunder an. Aber vor allem der Blick über den Wein hat es in sich: Die Elbe beliebt hier einen großen Bogen zu machen und schlängelt sich also gemächlich durch die sanft hügelige Landschaft. Wir hatten Glück: Ein Dampfer tuckerte elbabwärts und bot dem Auge Halt im Glitzerwasser.

Im Weinberg
Im Weinberg
Eine überdachte Holzterasse mit zwei handvoll Leuten weiter unten erregte unsere Aufmerksamkeit. "Du willst doch nicht schon wieder...?" hub Sylke an und war sichtlich erleichtert, als ich sächsisch klar und präzise "Nu!" antwortete. "Nu" kann Vieles heißen, aber es ist immer positiv besetzt. Also hieß es in diesem Fall: Na klar doch! Ich wandte mich also forschen Schritts der Terasse zu und merkte schon, wie besorgt die Leute da oben mich kommen sahen. Nervös, als ob ich ein Meuchelmörder sei, verfolgten sie mein Kommen - aber ich ließ mich nicht erschüttern, erklomm die zwei Stufen und grüßte freundlich: Ob das hier eine private Party sei oder ob zwei durstige Wanderer gegen Entrichtung eines entsprechenden Obulus vielleicht je ein Glas Wein...???

Der Herr, der bislang als einzig Stehender das Wort geführt hatte, rang ein wenig mit sich selbst. Nun ja, es sei - eher privat. Was auch hieß: Wir könnten nichts bekommen. Weder so noch gegen Geld. Aber fotografieren dürften wir, na klar doch, gerne. Ein wenig enttäuscht und doch in einigen Vorurteilen bestätigt zog ich, freundlich "Schade, dann nicht! Ahoj!" sagend, von hinnen. In Italien, da bin ich mir sicher, wäre das so nicht passiert - da hätten wir jeder ein Glas bekommen. Wahrscheinlich sogar umsonst...

Herbstfeld
Herbstfeld
Nun war es ja nicht so, dass wir tatsächlich gerade den Status von Verdurstenden hatten, weswegen wir mit einem kräftigen "Aber egal!" uns wieder der Archäologie widmeten, die uns auf einem Schild mit dem Burgberg von Löbsaal vertraut machte. Die Burg wurde im 18. Jahrhundert vor Christi gebaut - wir bewegen uns hier auf ausgetretenen Pfaden! Das Dorf Löbsal ist unspektakulär, liegt aber sehr zentral am Kreuzungspunkt etlicher (Wander-)Wege. Vorbildliche Ausschilderung kann auch verwirrend sein: Unser Ziel Zadel war zweimal ausgewiesen - und wir entschieden uns prompt für den falschen Weg: Wir hätten nicht nach "Golk / Neumühle / Zadel" gehen sollen, sondern nur nach "Golk". Weil wir's nicht taten, liefen wir eine (nahezu unbefahrene) Straße entlang, statt auf gemütlicheren und kürzeren Pfaden direkt durch den Wald zu laufen, der hier Golk heißt. Der Golkwald - 180 ha groß und mit Sehenswürdigkeiten wie den „Heidengräbern“ und dem Nonnenstein ausgestattet, könnte also noch einmal ein separates Ziel sein, zumal der "Winzerhof" auch auf der nicht gegangenen Wegstrecke liegt. Und dieser Winzerhof hängt mit dem L'ami Fritz zusammen... Also schaun mer mal...

Rosa Grütze
Rosa Grütze
Aber jede Gehpanne hat auch was für sich. Wer weiß, ob wir ohne unseren kleinen Umweg am Friseursalon für Damen & Herren von Karla Grütze vorbeigekommen wären? In altrosa Schreibschrift steht diese Information auf beiger Hauswand. EInladend sieht das nicht aus, aber das ist ja nur ein äußerer Eindruck. Die Dörfler rundum werden es vielleicht sogar schön finden, einen Salon nahebei zu haben - und auch wenn der Name Karla Grütze zu allerlei Wortspielen verleitet, hat das nichts über die Qualität der Scherenkunst zu sagen.

Spieglein Spieglein...
Spieglein Spieglein...
Noch ein Kilometer bis Zadel! Das Elbweindorf mit der ältesten urkundlich bezeugten Weinbautradition (Weinbau ist dort seit 1218 nachweisbar) ist eine der besten Adressen für Wein in Sachsen: das Weingut Schloss Proschwitz Prinz zur Lippe - mit dem Weinkeller, einem Restaurant, einem Verkaufsladen und einem Restaurant - findet man hier neben der Kirche. Der Prinz und sein Weingut haben dem Dorf hinter dem Hügel (denn das ist die Bedeutung des slawischen Wortes Zadel!) gut getan, es aus dem Dornröschenschlaf geweckt.



Zweifache Dreierprobe
Zweifache Dreierprobe
Im Freiraum des Vierseithofs sitzen die Weinkennerinnen und Weinkenner. Wir gönnen uns die Dreierprobe mit einem 2008er Müller-Thurgau, einer trockenen Weissburgunder Spätlese, ebenfalls Jahrgang 2008, sowie einer 2007er Rotwein-Cuvee. Irgendjemand überrascht, dass das hier um Längen besser war als alles zuvor Getrunkene zusammen? Wir waren es nicht! Ein Mann am Saxophon sorgte als Alleinunterhalter dezent für Stimmung, das Niveau war dem Trinkgenuss angepasst. Allerdings wurden hier - wie wohl auch andernorts am Tag des offenen Weinguts - um 18 Uhr alle Aktivitäten außer der des Wegräumens eingestellt. Feiern stelle ich mir irgendwie immer anders vor.

Prinzliches Tor
Prinzliches Tor
Der Weg von Zadel nach und zur Karpfenschänke (ein Ortsteil mit gleichnamiger Gaststätte) und weiter nach Meißen führt über den Friedhof der Ortskirche von Zadel und dann durch Weinberge des Prinz zur Lippe. Man erkennt die natürlich an den schmiedeeisernen Toren, die das Lippesche Wappen mit der Rose tragen. Aber man merkt auch sonst, dass die Weinberge hier anders bewirtschaftet werden: Rosen wachsen hier - und sie sind mehr als eine Geste ans Familienwappen, sie sind (auch) aus ökologischen Gründen gepflanzt. Und man sieht abgeschnittene Trauben am Boden: Fleißig rückzuschneiden, um die Qualität des Weines zu verbessern - das machen nur die Großen. Das macht mehr Arbeit, das bringt weniger Wein. Aber dafür deutlich besseren.

[Zum Nachwandern die Karte bei Google Maps]

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September 2nd, 2009

Weinwanderung von Seusslitz nach Meißen (2)

Oberhalb der Elbe
– und schnell mal runter für ein, zwei Pausen...

Der Sächsische Weinwanderweg führt uns zuerst von Seußlitz zur Goldkuppe. Linker Hand stehen die Reben - selten genug in Sachsen - auf nur leicht hügeliger sanft gewellter Landschaft. Sieht man mal nach rechts, geht's im Steilhang runter bis kurz vor die Elbe. Der Weg ist breit und sonnig - die Sachsen benutzen das schöne Wort Demse für das hier oft extrem warm-feuchte Klima. Wir waren am Tag des offenen Weinguts unterwegs und hatten mit dem Wetter Glück: Wolken schoben sich vor die Sonne, aber es regnete nicht. So ließ es sich gut laufen!

Beim Herrn Lehmann
Beim Herrn Lehmann
Unterhalb dieses Wegstücks befindet sich das Weingut von Joachim Lehmann. Das lassen wir heute ausnahmsweise einmal aus - aber nur auf der Wanderung, nicht hier im Text! Die Weinstube mit dem wundersamen Schließtag Donnerstag gehört nämlich eigentlich zum Pflichtprogramm in Diesbar-Seußlitz. Zum einen, weil es hier vor allem im Sommer im Gästegarten sehr lauschig ist, zum anderen weil der Herr Lehmann einen passablen Wein macht. Keine großen Weine, aber ehrliche. Für die Küche gilt ähnliches: Das ist weit entfernt von irgendeinem Gourmettempel - aber immer wieder lecker, irgendwie. Wir nähern uns Lehmann's Weinstuben bevorzugt mit dem Dampfschiff (es hält quasi vor der Tür) und kommen dann irgendwie mit Bus und Bahn heim...

Wir winken also nur runter und gehen weiter. Wunderbare weite Blicke über die Elblandschaft öffnen sich. Schilder warnen davor, rechts nicht allzuweit vom Weg abzukommen, weil es steil runtergeht. Ach, denke ich an diesem Wahlsonntag, würden doch die Sachsen diesen Hinweis auch in der Politik beherzigen! Tun sie aber nicht und geben den Nazis blind und beherzt Stimmen (in einigen Regionen, nicht in dieser, bis zu knapp 20 Prozent) - das verstehe wer will, ich nicht.

Rotwein in spe
Rotwein in spe
Beim Wandern sehen wir trotz des Tags des offenen Weinguts wenig Leute - die meisten sind wohl mit dem Auto gekommen und kutschieren beschwingt von Probe zu Probe. Auch das verstehe wer will... Zu entdecken ist für die auch nicht viel. Zum Beispiel das halb offene Tor, das ein wenig an die Abbruchkante heranführt und der Kamera erstmals rote Trauben vor die Linse bringt. Ein Weg führte runter - aber den gingen wir vorsichtshalber nicht. Man weiß ja nie, ob es unten auch ein Tor gibt...

Wir tapern also weiter auf dem Wanderweg, der sich nicht nur dem Wein widmet, sondern auch ein archäologischer ist. Also haben schlaue Menschen verständliche Tafeln (für die Lektorinnen unter den Leserinnen: Tafeln mit verständlichen Texten) aufgestellt, so dass man ein wenig schlauer heim kommt. Bei der Goldkuppe lerne ich beispielsweise, dass sie mit 18 ha Innenfläche die größe Burganlage Sachsens aus vorgeschichtlicher Zeit sei. Ohne Schild hätte ich nicht mal gemerkt, dass da überhaupt was ist bzw. war!

Dafür entdecken wir ein Schild, dass uns stutzig macht: "Wanderweg" besagt es, aber irgendwie sieht es so gar nicht offiziell aus. Da gehen wir lang! Meine Theorie: Am Ende des Weges gibt es einen Winzer, der diesen Weg durch seinen Weinberg ausgezeichnet hat, damit die Leute zu ihm kommen. Es geht gleich durch ein Tor mit einem feinen Schild: Man möge es doch bitte schließen, um Wildschäden zu vermeiden. Mit freundlichen Grüßen, die VEG (Z) Weinbau Radebeul. Das zentral geleitete Volkseigene Gut gibt's so seit 20 Jahren nicht mehr - aber warum ein neues Schild besorgen? Was drauf steht, stimmt ja!

Elsaß an der Elbe
Elsaß an der Elbe
Der Weg durch den ehedem volkseigenen Grund war angenehm und führte - welch Überraschung - zu einem Gasthaus! Am "Brummochsenloch", wie die Gegend hier heißt, tut sich urplötzlich ein Stück Elsass auf: Das Restaurant L'ami Fritz fügt sich prima ins Sächsische ein, und die Flammkuchen gingen weg wie warme Semmeln, wenn das blöde Sprachbild gestattet ist. Die beiden Herren, die die Bedienung im Garten schmissen, waren supernett drauf - und wir tranken natürlich elsässischen Wein zum Flammkuchen (den sächsischen von Jan Ulrich, den es hier auch gibt, gönnten wir uns nur wenige Minuten später im Weingut von Jan Ulrich). Die Karte war vielversprechend - und wir werden sicher einmal gezielt hierhin gehen, um mehr Elsass im Meissener Land zu genießen!

In vino veritas?
In vino veritas?
Das nächste Stück der Wanderung war das härteste: Nach ungefähr fünf Minuten erreichten wir nämlich das Weingut Jan Ulrich, und da das ein vorab geplanter Anlaufpunkt war, konnten wir ihn nicht auslassen! Jan und Carola Ulrich haben noch kurz vor der Wende in Wackerbarth Winzer gelernt, sich danach im Fränkischen fortgebildet und sich 1992 in Diesbar selbstständig gemacht. Sie vermarkten ihre naturnah ausgebauten Weine mit Geschick und nicht ohne Erfolg. Vor dem Winzerhof standen Liegestühle mit Blick auf die Elbe: Das war genau jene heiter-gelassene Atmosphäre, die wir lieben! Der von uns getrunkene Kerner war - Verzeihung! - ein schöner sommerlicher Saufwein. Im Hof des Weinguts war übrigens Remmidemmy - nichts für uns, aber viele lieben ja dieses Kontrastprogramm.

Nach so viel Müßiggang wollten wir nun etwas für die Füße tun: Zadel lautete das nächste Ziel, und das waren mehr als fünf Minuten zu laufen...

[Zum Nachwandern die Karte bei Google Maps]

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September 1st, 2009

Weinwanderung von Seusslitz nach Meißen (1)

Auftakt in Seußlitz

Schloss Seußlitz
Schloss Seußlitz
Vor 800 Jahren etwa lebte ein wenig elbabwärts von Meißen am rechten Ufer Otto von Suselitz in einer Wasserburg. Die Zeiten damals waren wild - Wälder, Burgen und Dörfer wurden mit all denen, die dort lebten, verkauft oder verschenkt. Die Wasserburg des Herrn von Suselitz ging auch diesen Weg, fungierte 42 Jahre als Jagdresidenz von Heinrich dem Erlauchten, bevor der Markgraf von Meißen statt dort Hof abzuhalten das Anwesen nebst 17 zugehörigen Dörfern den Klarissinnen als Nonnenkloster stiftete. Eben jener weise und gütige Heinrich der Erlauchte schenkte dem Kloster aber nicht nur Haus und Dörfer, sondern auch drei Weinberge - und weil er das tat, wissen wir, dass es hier in Seußlitz und in Diesbar (dem nächsten Dorf elbaufwärts) seit 1272 Wein gibt.

Besenwirtschaft
Besenwirtschaft
Das ist das absolut vollwertige Halbwissen, mit dem man eine Wanderung vom Anfang des Sächsischen Weinwanderwegs bis nach Meißen starten kann. Den zweiten Teil des Halbwissens kann man sich ja bei der ersten Station anlesen, die man nicht ganzjährig besuchen kann: Die Klarissenklause ist eine Besenwirtschaft, die von den beiden Hobbywinzern Alexa und Bernd Raum aber recht professionell betrieben wird.

Klarissenklause
Klarissenklause
Bei einem Traminer ("unser engagiertester Wein", sagte die Chefin - also nahmen wir den und waren nicht enttäuscht) in der traubenbehangenen Laube erleben wir das wunderbare Paralleluniversum von Hoch- und Najakultur. Die Chefin macht nämlich nicht nur Wein, sondern sie singt auch. Ute Freudenbergs "Jugendliebe" zu unserer Begrüßung, später auch Songs wie "This is the Life" von Amy Macdonald zum Beispiel. Nichts für stille Genießer, aber den meisten Gästen gefällt ja derlei Alleinunterhaltung ganz gut. Die Hochkultur steht im Reiseführer und handelt vom Nonnenkloster, das nach der Reformation weltlich wurde und vom Geheimen Rat am Hofe des Kurfürsten Moritz von Sachsen Dr. Simon von Pistoris 1546 zu einem Wohnschloss umgebaut wurde.

Kirche von George Bähr
Kirche von George Bähr
So richtig schön wurde Schloss Seußlitz aber erst, als die Bünaus kamen. Wer in sächsischer Heimatkunde aufgepasst hat, kennt den Namen: Die Bünaus haben auch auf Schloss Weesenstein wunderbare Spuren hinterlassen. Graf Heinrich von Bünau, der 1722 Schloss Seußlitz kaufte, beauftragte auch nicht irgendjemanden mit dem Umbau, sondern George Bähr, den Erbauer der Dresdner Frauenkirche. Und so entstand ein wunderschönes barockes Schloss mit integrierter Kirche und zwei Parks: einer im englischen und einer im französischen Stil.

Heinrichsburg
Heinrichsburg
Gegenüber vom Park sehen wir, leicht bergauf, die Heinrichsburg. Und die erklimmen wir jetzt! Zweimal sechs Figuren geleiten uns optisch zum zweigeschossiges Gartenhaus, das ebenfalls nach Plänen George Bährs erstand und nach Heinrich von Bünau benannt ist. Die Figuren versinnbildlichen die Monate - man muss das nicht raten, denn es steht auf den Sockeln (Anmerkung für Penible: Von einer Figur ist es nur noch der Sockel. Welchen Monat lassen wir aus?). Vielleicht wendet man sich in Gedanken jetzt nochmal dem Park zu und denkt sich: Ob die vier Skulpturen dort wohl???? - Na klar: Das sind die vier Jahreszeiten!

Von der Heinrichsburg aus führt ein Wanderweg parallel zur Elbe Richtung Meißen. Den nehmen wir - nicht ohne dann und wann ein wenig abzuweichen, denn es gibt viel zu entdecken!

[Zum Nachwandern die Karte bei Google Maps]

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August 27, 2009

Mit gemischten Gefühlen

Das Gourmetrestaurant Maurice im Dresdner Hotel Suitess hat einen neuen Chefkoch

Maurice
Maurice

Das Restaurant liegt oben im fünften Stock des Suitess-Hotels - einfach mal eben reinsehen geht nicht: Die Dame der Rezeption bringt uns mit dem Fahrstuhl hoch - und oben werden wir in Empfang genommen von einem Herrn in Frack, dem zum stilechten Aussehen allerdings die Lackschuhe fehlen. Das "Maurice" gibt sich vornehm und ein wenig steif - vom Personal über die Unsitte der Damenkarte ohne Preise (am Nebentisch tauschten die Herrschaften gleich mal aus: "Sie" war die Finanzministerin der Familie und zahlte später auch) bis zur gestelzten Sprache ("und der Hauptgang war Recht gewesen?").

Aber wir sind ja primär zum Essen gekommen - und, zugegebenermaßen, auch um den Blick zu genießen, den man von der Terrasse des Restaurants auf die Kuppel der Frauenkirche hat. Die Karte kommt auf einem Blatt ausgedruckt, sie soll besonders sein und ist deswegen versiegelt. Was erwartet den Gast? Je zwei Vorspeisen, Suppen, Zwischengerichte, Fischgerichte, Hauptgänge und drei Desserts. Die Preise sind gesalzener als das servierte Essen, das manchmal ein wenig fad schmeckte. Salz vom Brot-Begleit-Teller half nach (wobei wir eher salzarm essen, also nicht notorische Nachwürzer sind - ich male mir meine Picassos ja auch nicht mit dem Pelikan-Tuschekasten schön!).

Das Maurice war ja sehr furios gestartet - mit einem Koch, der einmal zwei Sterne hatte, es in Dresden aber während seiner Amtszeit nicht einmal zu einem brachte. Anfang des Jahres löste dessen Sous-Chef (umgangssprachlich könnte man sagen: sein Stellvertreter) André Mühlfriedel den unbesternten Sternekoch Alois Koepf ab - und so wie sein Vorgänger mit der Zwei-Sterne-Mär unangenehm auffiel, lässt der neue Chef in der offiziellen Hotel-PR mutmaßen, er sei ein Mitglied der anerkannten Jeunes Restaurateurs. In den Mitgliedslisten wird er freilich nicht geführt, kann das auch nicht - denn die Jeunes sind alle ihre eigenen Herren und nicht angestellt.

Sei's drum, wir waren ja wie gesagt zum Essen und nicht zum Kritikastern gekommen. Also bestellten wir weder das 6-Gang-Menü für 93 Euro, noch das kleine Abendmenü für 67 Euro, sondern stellten individuell zusammen. Der Thunfisch auf Avocado mit Zitronengras-Wildkräutercannelonie (sic! - 21 EUR) war zwar falsch geschrieben, aber optisch wie vom Geschmack her ein Gedicht: Der Tuna in perfekter Qualität, die Canneloni waren süßer Krokant und umhüllten Tuntartar mit Creme und Kräutern. Ich weiß, man tut das nicht - aber das war zum Reinsetzen! Die Gebratene Jacobsmuschel und gebackener Langustino auf Wasabi-Erbsenpüreé (17 EUR) hingegen gaben erstmals Anlass zum Aufmerken: Wo war Wasabi-Geschmack beim Püreé? Und il Langustino rief nach Salz, um zu schmecken.

Beim Fischgang ähnliche Erfahrungen: Gebratener Knurrhahn mit Felsenoctopus und Spinat-Couscous an Ingwer-Limonenschaum (31 EUR) kam mit deutlich übergartem Knurrhahn und sehr naturell belassenem Octopus auf den Tisch. Der Spinat vom Couscous war allenfalls Spinatfarbe - aber das mag ja als Kochkunst noch durchgehen. Dem Octopus half das Meersalz vom Brotkorb - dem Knurrhahn war nicht mehr zu helfen.

Bei Niedertemperatur gegartes Kalbsfilet mit sautierten Pfifferlingen, Romanesco und Serviettenknödel (34 EUR) als Hauptgang erinnerte an den alten Nouvelle-Cuisine-Witz: "Wie fanden Sie die Pfifferlinge?" - "Och, zufällig: Unterm Fleisch!" Die Atomisierung von Zutaten mag ja gut aussehen, aber so recht konnte man mangels Masse weder Pfifferlinge noch Romanesco schmecken. Und wer bei Knödel gewisse optische Vorstellungen mitbringt, möchte die bitte auch an der Rezeption abgeben: Daumenhoch, Durchmesser etwa der eines 1-Euro-Stücks. Drei Knödel dieser Art waren mir allerdings reichlich genug - und insgesamt ist man schon angenehm gesättigt nach dem Menü. Vielleicht ist also der Koch doch schlauer als die Erwartungshaltung des Gastes beim Lesen der Karte?

Die beiden Desserts waren Auswahl von Rohmilchkäse mit Chutneys (16 EUR) und Gefüllte Waldhonigwabe mit schwarzen (sic!) Johannisbeersorbet (17 EUR). Der Käse nicht als Auswahl zum selber Aussuchen und eher normal als vom Hocker reißend in der zugelieferten Auswahl, die Waldhonigwabe natürlich keine Wabe, sondern wieder so eine Art Canelloni, nur eben in Wabenform. Das Sorbet freilich verdient das Prädikat hinreißend! Optisch bot beides, wie auch bei den anderen Gängen, ein schönes Bild: Die Kameras klickten.

Die Weinkarte ist umfangreich, aber hochpreisig kalkuliert. Ein 2006er Riesling "R" von Klaus Zimmerling, den es in einem Dresdner Restaurant mit Sternekoch für 40 Euro gibt, kostet hier 56 Euro. Den 2007er Riesling & Traminer vom Weingut Schwarz gibt es andernorts für 48 Euro, im Maurice für 70 Euro: Hier stellt sich beim Kenner der Gourmetlandschaft doch irgendwie das Gefühl der Abzocke ein. Offene Weine gibt es übrigens nicht - weder in der Karte noch auf Nachfrage. Eigentlich ein KO-Kriterium, denn die angebotenen halben Flaschen sind bei den aufgerufenen Preisen wahrlich kein Ersatz für einen guten Offenen.

Maurice
im Hotel Suitess
An der Frauenkirche 13
01067 Dresden

Tel. 0351/417270
http://www.suitess-hotel.com

geöffnet
Montag - Freitag 12.00 - 14.00 Uhr
Montag bis Samstag von 18.30 bis open end
Küchenzeiten: Montag bis Samstag von 18.30 bis 23 Uhr

[Eine gekürzte Version des Beitrags erschien am 27. August 2009 in PluSZ, Beilage zur Sächsischen Zeitung (die Kritiken sind dort immer so kurz, also rein formal, nicht inhaltlich begründet ;-)]

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August 26, 2009

Geschichten aus Sardinien (12)

Orosei und Galtelli

Wir waren an der Küste des Golfes von Orosei unterwegs und wollten auch die Marina Orosei kennen lernen - zumal der Reiseführer auf der Stichstraße zum Strand ein Restaurant empfahl, das einen Mittagsbesuch wert erschien. Natürlich kamen wir wieder mal zu spät: mittags geöffnet bis 14.30 Uhr, und es war schon kurz vor drei. Aber es saßen noch Leute dort, und so fragten wir. Naturalmente könnten wir noch was essen und trinken - nur bitte keine Pizza mehr, der Ofen sei schon aus! Große Freude unsererseits, und der kleine Mittagsimbiss im La Veranda wurde auch vom Geschmack her ein Vergnügen: Insalata die Mare und ein großer Teller mit Muscheln in Weißweinsauce, dazu pane karasau und ein leicht perlender leichter lokaler Wein waren genau das, was wir haben wollten! (La Veranda, Via del Mare 83, Orosei).

Marina Orosei
Marina Orosei
Die Marina selbst haben wir nicht genossen - farblose Großanlagen mögen wir nicht. Auf dem Weg dahin fiel uns noch eine Plastik auf, die den hier in der Gegend vorkommendem Marmor huldigt. Die Abbaugebiete südlich von Orosei hattten wir ja schon auf der Hinfahrt nach Cala Gonone gesehen und waren not amused über den Raubbau an der Landschaft. Dieser Eindruck hat sich beim zweiten, diesmal gezielten Besuch nicht geändert.

Orosei
Orosei
Orosei ist eine beschauliche Kleinstadt mit vielen alten Kirchen, die alle in einem angeblich ausgeschilderten Rundgang besucht werden können. Wir verloren relativ schnell den Anschluss, waren aber nicht wirklich böse. Man kann nämlich auch einfach so durch die Gassen schlendern und bekommt dennoch fasst alles mit: Erstens gibt es genug alte Kirchen und zweitens nicht so viel Gassen. Beim planlosen Schlendern kann man sogar noch unverhofft auf eine Eisdiele treffen, die natürlich im historischen Kirchen-Corso nicht vorgesehen ist. Die Gelateria Smeralda macht leckeres Eis!

Frauenschwatz
Frauenschwatz
Beim Altstadtbummel fielen die Frauen in traditioneller Kleidung besonders auf. Schwarzer Rock, schwarze Bluse, blaue Schürze mit weißem Blümchenmuster oder die eher ins Graue gehende Variante mit zusätzlichem lila Kopftuch sind normal im sardischen Alltag - außer fotografierenden Touristen guckt sich keiner danach um. Und man sollte vielleicht erwähnen, dass eher die älteren Frauen sich so kleiden. (Über die Männer gibt's an dieser Stelle nichts zu berichten: Die saßen, wie immer, auf Bänken im Schatten und palaverten vor sich hin.)

Galtelli
Galtelli
Noch mehr Kirchen auf noch weniger Raum gibt es übrigens ein paar Kilometer weiter im Landesinneren in Galtelli. Die zentrale Kirche begrüßt uns mit schönem Glockengeläut. Auch hier bewundere ich wieder die palaverfreundliche architektonische Feinheiten: Die Kirche wirft um diese Spätnachmittagszeit gerade ein, zwei Meter Schatten: Und genau da ist eine Bank angebracht, damit die beiden Männer sich nicht unter brütender Sonne unterhalten müssen. Im Innern von Sanitissimo Crocifisso ist es übrigens seit dem 14. Jahrhundert schon deutlich kühler, aber drinnen ist ja der Pfarrer und feiert mit drei Frauen in Tracht und mit schwarzem Kopftuch eine Abendvesper.

Für die vielen Kirchen von Galtelli gibt es natürlich eine Erklärung: das Örtchen war bis ins 18. Jahrhundert Bischofssitz. Aber hier unten im Tal des Cedrino wütete, Bischofssitz hin, reichlich Kirchen her, die Malaria doch zu sehr - da zog es die Amts-Kirche ins höher gelegene und gesündere Nuoro. Die Malaria ist überwunden, der Bischof aber dennoch nicht zurück gekommen.

Bar in Galtelli
Bar in Galtelli
Wir bummelten durchs Städtchen und erheischten immer wieder einmal einen Blick über die Dächer auf den 806 Meter hohen Monte Tuttavista. Ein Abstecher noch in eine lokale Bar an der Hauptstraße, wo eine jungsche Bedienung mäßigen Landwein servierte, und dann hielt uns nichts mehr in Galtelli.

Lago del Cedrino
Lago del Cedrino
Der Lago del Cedrino auf der Heimfahrt und eine gar liebliche Landschaft auf dem Weg dahin sollten vielleicht noch Erwähnung finden! Also lobpreise ich die Hügel, die Pinien, die Olivenhaine - und alles das in feinem abendlichen Licht, das der Optik ja sowieso schmeichelt. Dass es dann noch so nette Kleinigkeiten wie eine Schafherde (ausnahmesweise nicht auf, sondern neben der Straße) mit niedlichem Nachwuchs und dem einen sprichwörtlich schwarzen Schaf gab, ging ebenfalls in die Plusliste des ereignisreichen Tages ein.

Published at 22:11 ( 1 comment / 88 visits )
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