Lassen wir die einzelne Photographie ein Kunstwerk sein, dann spricht einiges dafür, der Analogie zu folgen:

"Indem das Kunstwerk ist, was sonst nur die Welt als ganze oder die Seele sein kann: eine Einheit aus Einzelheiten - schließt es Sich, als eine Welt für sich, gegen alles ihm Äußere ab."

"Was der Rahmen dem Kunstwerk leistet, ist, dass er diese Doppelfunktion seiner Grenze symbolisiert und verstärkt.

Er schließt alle Umgebung und also auch den Betrachter vom Kunstwerk aus und hilft dadurch, es in die Distanz zu stellen, in der allein es ästhetisch genießbar wird."



Oder versucht es zumindest. Die schlecht abgegrenzte Massenansammlung von Photographien auf diversen Onlineplattformen ist nicht bloß ein Pfusch, sondern eine sehr konsequente Umsetzung des Plans.


Bilder sollen nicht allein stehen, denn das ist dem Konsum nicht förderlich, in dieser Weise wird der potentiell Konfrontierte von der Verpflichtung entbunden, dem Werk oder nennen wir es einen vehement ausgewählten Weltausschnitt, der einen starken Moment lang für sich alleine stehen soll, frontal entgegenzutreten; denn das kann schmerzhaft sein - und, Gott behüte, anstrengend - und die Energien braucht er schlussendlich, um sich auf das wirklich Interessante, die Werbung, konzentrieren zu können.

(Hier ist dann die Frage, ob Simmel heute noch so formuliert hätte: "ästhetisch genießbar wird".)


Das große Unbehagen, das über viele nach der "Modernisierung" flickrs hergefallen ist, nährt sich aus der fehlenden Abgrenzung und der Weigerung, Teil eines anonymen Flickenteppichs zu werden.

Ipernity scheint dieser Versuchung noch nicht anheim gefallen zu sein, schön, jetzt braucht es nur noch ein ein wenig intensiver sprudelndes Gemeinschaftsbad, denn in diesem können wir uns dann von der Konfrontation erholen, Teil eines Ganzen werden und die Kräfte für die nächste Konfrontation sammeln.

"Der Charakter der Dinge hängt in letzter Instanz davon ab, ob sie Ganze oder Teile sind. Ob ein Dasein, sich selbst genügend, in sich geschlossen, nur durch das Gesetz seines eigenen Wesens bestimmt wird, oder ob es als Glied im Zusammenhange eines Ganzen steht, aus dem ihm erst Kraft und Sinn kommt - das unterscheidet die Seele von allem Materiellen, den Freien von dem bloßen Sozialwesen, die sittliche Persönlichkeit von dem, den sinnliche Begier in die Abhängigkeit von allem Gegebenen verflicht."