Im ganzen Diplomvorbereitungs-, Praxisprüfungs-, Klausur- und Arbeitsstress im Vorfeld ging die Planung völlig flöten. Ich hatte weder Zeit, mir zu überlegen, wo ich eigentlich hin wollte, noch, was ich alles unternehmen wollte. Eine Woche vor meiner Reise - ich hatte sie eigentlich schon völlig vergessen, bekam ich eine E-Mail von meiner Unterkunft, dass das Hostel in der Zeit geschlossen hat und ich mein Geld zurückbekomme. Schön, aber wo schlafe ich jetzt? Nach etlichen Mails und Telefonaten fand sich dann glücklicherweise ein paar Tage vorher noch ein anderes Hostel, was mich beherbergen sollte, aber dieses Chaos im Vorfeld war Sinnbild für meine gesamte Reise.

Montagmorgen ging es dann nach vier Stunden Schlaf also los. Mein Vater holte mich Zuhause ab um mich zum Flughafen zu bringen. Kurz vorher druckte ich noch einen Screenshot von GoogleMaps aus, um wenigstens halbwegs zu wissen, wo ich eigentlich hin musste und die Mail mit der Buchungsbestätigung des Hostels steckte ich mir noch schnell in die Hosentasche. Einchecken war kein Problem, mein Handgepäck bestand ohnehin nur aus Kamera, ein paar Klamotten sowie Zahnbürste, Shampoopröbchen und Kamm im Plastikbeutel und im Flieger bekam ich trotz äußerst knapper Ankunft am Flughafen und freier Platzwahl trotzdem noch einen Fensterplatz.

Dann kam ich an in Malaga. Innerhalb von fünf Minuten war ich aus dem Flugzeug raus und saß schon im Stadtbus Richtung Innenstadt. Am Busbahnhof angekommen schnupperte ich dann endlich Spanien. Hitze - mit 23 °C im November war es selbst für Südspanien ungewöhnlich warm - Abgase, Asphalt, Meer, Essen, die spanische Hektik und zugleich südeuropäische Gelassenheit - es roch einfach so gut. Und es war, als sei ich niemals woanders gewesen. Eine leichte Wehmut suchte mich heim: unglaubliches Fernweh, was mich merkwürdigerweise immer nur dann ereilt, wenn ich bereits in der Ferne bin und gleichzeitig das Gefühl, einfach frei zu sein, nicht genau zu wissen, wo man morgen sein wird, überhaupt, wo man gleich sein wird und sich einfach treiben lassen zu können.

Mit dieser leichten Euphorie schlug ich mich dann auch durch zu dem Bus, den ich in die Altstadt nehmen musste, irgendwie schaffte ich es mit Mail und Screenshot auch bis zum Hostel und konnte meine Unterkunft in Augenschein nehmen: die obere Etage eines Doppelbetts in einem 6-Mixed-Dorm in einem klitzekleinen Zimmer auf einer Etage mit 5 solcher Zimmer, pro Etage ein Badezimmer, bei dem die Dusche mit dem Klo zusammen in einem Kämmerchen war. Das war genau das, was ich mir vorgestellt habe. So schräg es klingt, genau das, was ich wollte. Plötzlich war ich unglaublich froh, das Angebot meines Vaters, mir ein steriles, unpersönliches Hotelzimmer zu sponsoren, als er von meinem Hostelchaos hörte, nicht angenommen zu haben. Da war es wieder, das Gefühl zu reisen, das Gefühl des Weltenbummlers, des Ruhelosen. Ein Gefühl der ewigen Jugend, der Freiheit - fast schon vergessen, aber doch so vertraut und heiß geliebt. Ich war fünf oder sechs Jahre nicht mehr unterwegs, irgendwas kam immer dazwischen, es ergab sich einfach nicht. Schön zu wissen, dass das nie aufhört, dass es irgendwo auf der Welt immer einen Platz gibt, der nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Auch wenn es nur für drei Tage ist.

Mein Zimmer teilte ich mit fünf weiteren Leuten, das Hostel war trotz November nahezu ausgebucht. Zwei davon lernte ich direkt kennen: zwei junge Amerikanerinnen. Laut, blutjung und ziemlich aufgedreht. Aber auf Reisen bin ich völlig anders, als wäre ich ausgetauscht. So störte mich das nicht sonderlich, sondern war hocherfreut. Die Entscheidung, ganz alleine zu reisen, war doch nicht so falsch, wie ich anfangs dachte.

Da die Sonne noch nicht untergegangen war, zog ich noch mal los in Richtung Park, Strand und Hafen in der Hoffnung auf ein paar schöne Motive. Malaga ist wirklich die hässlichste Stadt, für die es einen Lonely Planet gibt. Überall wird gebaut, zwischen historischen Gebäuden ragen überall hässliche Bausünden in den Himmel und der maurische Einfluss verschwindet fast und wird überlagert von dem Eindruck osteuropäischer Plattenbausiedlungen.

Der Strand ist fürchterlich. Ein paar Sonnenschirme zwischen dreckigem Sand, freier Blick auf den Industriehafen. Als ich ein gemütliches Plätzchen suchte zwischen all den leeren Bierdosen und Pizzakartons, fand ich eins auf einem Stein, setzte mich hin, sah mich um und fand sofort heraus, warum an der Stelle weniger Dreck herum lag. Eine kopflose, tote Taube zierte die freie Fläche vor mir.


Nachdem ich dann meine Füße im Mittelmeer abgekühlt habe - das Wasser war übrigens pisswarm - und ein paar Minuten einem Strandgitarristen (kein spanischer Flamencovirtuose, sondern ebenfalls ein hostelwohnender Reisender) zugehört habe, zog es mich dann doch Richtung Hafen und Leuchtturm. Dort erwischte ich dann die blaue Stunde.

Bereits ein bisschen fußlahm schlenderte ich dann doch zurück in Richtung Altstadt um noch etwas Essbares aufzutreiben. Das gestaltete sich übrigens schwieriger als erwartet, denn in Malaga scheint die Reconquista zumindest aus kulinarischer Sicht gescheitert zu sein. Man findet alles: Falafel, Shawarma, Kefte, Kebap, Halumi, whatever. An jeder Ecke gibt es kleine Läden, gut besucht, überall mit Sitzgelegenheiten, preislich deutlich unter dem, was man in Deutschland gewohnt ist, qualitativ allerdings deutlich drüber. Spanische Kleinigkeiten sucht man ziemlich vergebens, Bars und Kneipen gibt es natürlich, gegessen habe ich dann aber doch arabisch.


Nach einem Umweg über die Altstadt - sehr bezeichnend übrigens eine Situation, als ein mitten auf der Straße gehendes und ein Buch lesendes Mädchen einen vorbeikommenden Typen mit "Hey, friend!" begrüßte - und dem Bewundern der hell erleuchteten Alcazaba inklusive Katzenfütterung im römischen Theater gelangte ich gegen neun wieder ins Hostel.


Auf meinem Zimmer lernte ich erstmal die nächsten zwei Mitbewohnerinnen kennen. Zwei belgische Erasmusstudenten aus Montréal, die froh waren, endlich mal kein englisch mehr sprechen zu müssen. Dementsprechend sprachen sie dann auch relativ viel und kanadisches Französisch mit belgischen Einflüssen ist so verflucht gewöhnungsbedürftig. Die eine, deren Namen ich natürlich längst wieder vergessen habe, war aber ganz verrückt danach Europa zu entdecken und so will sie mich irgendwann dieses Semester einmal besuchen kommen, damit ich ihr Köln zeige. Hoffentlich verschlampt sie meine E-Mail-Adresse wieder, denn Reisebekanntschaften müssen oberflächlich bleiben, sind sie doch nur für den Moment so innig. Und außerdem kenne ich mich in Köln doch überhaupt nicht aus. Wobei das an sich gar nicht so schlimm sein dürfte, schließlich hat sie sich vorgenommen, unbedingt ein Konzentrationslager zu besichtigen, wenn sie einmal in Deutschland ist und wollte, dass ich ihr das in Köln zeige. Als ich sie dann nach Polen schicken wollte, war sie ganz enttäuscht, dass man nicht mal für einen Nachmittag von Berlin nach Auschwitz fahren kann und entschied sich dann doch für Dachau. Denn Freunde von ihr seien schließlich auch mal kurz von Brüssel nach München aufs Oktoberfest gefahren, das müsse also nah sein. Amerikaner haben einfach kein Verhältnis für Entfernungen...

Zwar war ich mit den beiden dann noch lose zum Abendessen verabredet, da ich aber schon gegessen hatte (was ich ihnen allerdings nicht ganz klar machen konnte), landete ich dann doch auf der Dachterrasse. Es gab spanisches Bier aus 1,5-Liter unkaputtbaren Mehrwegflaschen in Kaffeetassen und neben den beiden Amerikanerinnen, die sich darüber ausließen, dass Europäer einfach keine Burger können, lernte ich dann neben zig anderen Leuten noch meinen letzten Roommate kennen, einen Kanadier aus Toronto mit schweizerischer Mutter, der genauso ziellos durch die Gegend reiste, wie ich.

Ich weiß nicht genau, wie viele Nationen dort oben gemeinsam saßen, wir waren ein ziemlich internationaler Haufen. Doch trotzdem war Sprache keine Hürde. Irgendwie verstanden wir uns alle. Und so sehr ich Zuhause oft mit großen Augen angeschaut werde ob der Unmenge an Sprachen, die ich spreche (was natürlich auch nur deshalb so wirkt, weil mein Umfeld deutlich weniger spricht und nicht weiß, wie sehr ich immer durch die Romanistik stolpere und das mein Englisch kein Hit ist, daraus habe ich noch nie einen Hehl gemacht), so war es hier eine Selbstverständlichkeit. Englisch und spanisch sprachen wir alle, dazu dann viele noch französisch und deutsch und jeder natürlich noch - sofern unterschiedlich, seine eigene Muttersprache.
Der Abend verlief also unter dem Motto "We speak international".

Später gesellte sich dann auch noch Peter aus Schweden dazu, der mich, ohne dass ich bis dahin ein Wort gesagt hatte, sofort als Deutsche identifizierte. Ich wusste gar nicht, dass ich so sehr dem optischen Klischee entspreche.

Wir drei verbrachten dann als einzige nicht im Pulk Reisende den Rest des Abends gemeinsam, wussten wir doch alle nicht, wohin es uns am nächsten Tag treiben sollte. Und im Laufe des Gesprächs kristallisierte sich dann auch ziemlich bald eine weitere Direktive meiner Reise heraus: "Malaga is the place where people meet".

Hässlich fanden wir Malaga nämlich alle. Trotzdem hat diese Stadt einen unglaublichen Charme und eine große Anziehung für Reisende. Von hier aus geht es überall hin, hier treffen sich die Leute, um von ihren Trips zu berichten, um sich zu verabreden für weitere gemeinsame Ausflüge, um sich Anreize zu holen und um zur Ruhe zu kommen. So kam beispielsweise Peter gerade aus Tarifa zurück und Tony aus Cadiz.

Nach ein bisschen hin und her und der kurzfristigen Überlegung, am nächsten Tag gemeinsam nach Gibraltar zu fahren, um die drei verbliebenen Briten dort zu überzeugen, Gibraltar doch mal eben Spanien zurückzugeben, wurde uns ziemlich schnell klar, dass wir alle nach Granada wollten. Tony, weil er dort noch nicht war und die Stadt wenigstens einmal gesehen zu haben, da er zwei Tage später schon wieder nach Norwegen weiterzog, ich, weil ich noch mal an die Orte meiner frühen Kindheit zurückwollte - ich war mit vier oder fünf Jahren bereits mit meinen Eltern in Granada - und war neugierig, ob ich mich noch an etwas erinnere und Peter, weil er doch noch die Gitarre haben wollte, die perfekt war. Damit fingen die Geschichten übrigens an. Peter war Musiker, der mit seiner Gitarre durch Europa reiste und hatte in Granada einen alten Mann getroffen - einen berühmten Gitarrenbauer - bei dem ihm die Gitarre seines Lebens begegnet war. Bislang spielte er nur auf klassischen Gitarren - das waren die Porsches unter den Gitarren. Flamencogitarren sind eher wie Volvos, schwer, groß und dennoch mit einer unglaublichen Eleganz im Klang. Und weil er Schwede war, war er natürlich ganz verrückt nach dieser Flamencogitarre, die er auch schon gespielt hatte, die er wieder zurückgegeben hatte, weil ihn die Seele der Gitarre so erschreckte und überhaupt, da war ja auch noch der "gipsy's curse". Egal, auch er wollte noch einmal nach Granada und wir entschieden uns dazu, zu dritt einen Mietwagen zu nehmen und am nächsten Tag gemeinsam nach Granada zu fahren, um dort jeder seinen Weg zu gehen.

Erst einmal gingen wir aber alle noch in eine Bar und da fiel sie mir wieder auf, die maurisch-kulinarische Conquista, denn wir landeten in einem Teehaus, bzw. direkt davor, denn die Temperaturen luden immer noch dazu ein, draußen zu sitzen. Und wir lauschten den ganzen Abend seinen Geschichten. Eigentlich lachten wir viel mehr, als das wir lauschten, denn sie waren ziemlich genial, abgedreht und passten genau in die Stimmung der Nacht, der Stadt, der Reise. "Thank you for the tea!" - "Thank you for the stories..." ;o)

Die Mietwagengeschichte verlief dann allerdings doch noch so ziemlich im Sande, da wir es trotz intensiver Bemühungen nicht hinkriegten, doch noch ein günstiges Angebot für ein Auto zu finden, wir stellten uns einfach ziemlich chaotisch an und außerdem war vier Uhr in der Nacht vielleicht doch der falsche Zeitpunkt dafür, so dass wir uns einfach lose für den nächsten Morgen verabredeten, wohl wissend, dass wir uns alle nicht wieder sehen würden. Nicht zu dieser Zeit, nicht an diesem Ort. So ist das nun mal mit den ruhelos Reisenden. Und das wussten wir alle.

Nach Granada bin ich dann trotzdem noch gefahren, nicht mit dem Mietwagen, sondern mit dem Bus. Dazu aber später mehr.

Das war es erstmal mit den Empfindungen meiner Reise, im nächsten Eintrag dann wieder mehr über das Erlebte und Gesehene.