Sehr geehrte Damen und Herren,

heute früh habe ich mich das erste Mal über Ihre Zeitung geärgert.

Da fährt man als überzeugter Demokrat und engagierter Bürger extra am Samstag zur Demonstration "Freiheit statt Angst" gegen die Abschaffung der Bürgerrechte (insbesondere durch die Vorratsdatenspeicherung) nach Berlin und dann muss man feststellen, dass in der nächsten Ausgabe der lokalen Tageszeitung kein Wort darüber berichtet wird. Das ist insbesondere deswegen ärgerlich, weil Sie in ihrem Online-Angebot die entsprechende DPA-Meldung veröffentlicht haben. Im Nürnberg-Teil haben Sie wenigstens über die Demonstration der Tierschützer am Kornmarkt berichtet. Diese hatte aber nur einen Bruchteil der Teilnehmerzahl. (Ich möchte damit diese Demonstration keineswegs herabsetzen!)

Ich hatte zugegebenermaßen nicht erwartet, dass Sie einen Bericht darüber in der Rubrik "Politik" bringen. Leider sind die meisten Mitbürger an ihren eigenen Rechten zu wenig interessiert. Auch gab es am Wochenende andere wichtige Ereignise. Dennoch wundere ich mich, warum Ihnen im Weltspiegel ein "12-Järiger mit zwei Promille" und "Dieb blieb stecken" wichtiger sind, als "Tausende demonstrieren gegen Überwachung". Sind Ihnen der Erhalt der Bürgerrechte nicht einmal 30 cm² ihrer Zeitung wert?

Ich frage mich deshalb, ob Ihre Redaktion die richtigen Schwerpunkte setzt. Oder planen Sie, zum Niveau einer Boulevard-Zeitung abzusinken?

Mit freundlichen Grüßen

S.B.

Am gleichen Tag erhielt ich noch eine Antwort vom Redakteur A.J. die ich hier auszugsweise mit meinen Kommentaren zitieren möchte:

[...] Leider fanden wir für die Aktion allerdings in der (ohnehin vom Platz her knappen) Montags-Ausgabe keinen Platz, da Finanzkrise und andere Dringlichkeiten diese Nachricht (wie viele andere auch) verdrängten.

Einerseits kann man sich an Tagen mit Nachrichtenflut überlegen, ob man eine weitere Seite einfügt (was zugegebenermaßen mit Kosten verbunden ist), andererseits wie von mir vorgeschlagen, Boulevard-Nachrichten auf den nächsten Tag verschieben. Ob man nun einen Tag früher oder später erfährt, dass ein 12-Järiger zwei Promille hatte, ist meines Erachtens unerheblich. Über eine Demonstration mit einer Verzögerung von mehr als drei Tagen (auch heute war davon nichts zu lesen) oder überhaupt nicht zu berichten, erweckt den Anschein, dass die Tageszeitung nicht aktuell sei.

Die Seite "Weltspiegel" (in der Montags- und Dienstagsausgabe sogar eine Doppelseite) ist zwar gerade für solche (Boulevard-)Meldungen vorgesehen, aber ich denke nicht, dass man sie dann sklavisch von wichtigeren Meldungen freihalten muss. Mit ihrer Einordnung als letzte Seite des Sportteils, ist sie sowieso an einer weniger prominenten Stelle.

So erging es auch zahlreichen anderen Zeitungen: Ich fand in den allermeisten Blättern wenig bis keine Notiz von der (beachtlichen) Kundgebung. Und auch eine Suche bei "Google News" bestätigt die geringe Medien-Resonanz.

Das ist zwar leider eine Tatsache, aber keine Entschuldigung. Eher ist es ein Vorwurf an die Pressearbeit der Demonstrationsorganisation. Das muss so hingenommen werden, denn das Ergebnis zeigt, dass im Vorfeld in dieser Richtung zu wenig gearbeitet wurde.

[...] Allerdings erschien uns eine Kundgebung allein - noch dazu im relativ fernen Berlin - nicht dringlich genug für eine Meldung. [...]

In Anbetracht dessen, dass bei der Deutschen Telekom in den letzten Wochen ein Datenskandal nach dem anderen aufgedeckt wurde, finde ich diese Äußerung sehr befremdlich. Die Süddeutsche Zeitung hat in ihrem Artikel zum aktuellsten Skandal auch über die Demonstration berichtet. Mit ihrem Sitz in München ist sie sogar noch weiter von Berlin entfernt, als Nürnberg oder gar Erlangen.

Ich wäre ja schon zufrieden gewesen, wenn irgendwo eine kleine Randnotiz erschienen wäre. Aber dieses komplette Totschweigen in der gedruckten Ausgabe finde ich einfach sehr traurig.

Nachtrag am 15.10.: Heute hat die EN wieder eine Gelegenheit verstreichen lassen, die Demonstration zu erwähnen. Für einen eigenen Artikel ist es nun zu spät, aber ein Satz "Am Samstag hatten in Berlin Tausende gegen die Vorratsdatenspeicherung protestiert." hätte wunderbar als letzter Satz in den Artikel "Speicherung rechtens" gepasst. Dort wurde über ein Gutachten der Kommision im Rahmen der Klage Irlands gegen die entsprechende EU-Verordnung berichtet.