Der zweite Teil meines Urlaubs waren die Reiterferien auf der Insel Muhu (deutsch: Moon). Ich hatte sie als Pauschal-Angebot bei Pferd & Reiter gebucht. Nachdem ich aus der letzten E-Mail die Buchungsnummer für meine Busfahrkarte abgeschrieben hatte, war es auch am Tallinner Busbahnhof kein Problem mehr, die Karte zu erhlten und den Bus zu finden. Leider ist der Busbahnhof zwischen der Innenstadt und dem Flughafen gelegen, so dass man entweder 3km laufen oder ein Verkehrsmittel (Taxi, Bus, Tram) nehmen muss. Ich habe mich für laufen entschieden und dadurch den Tallinner Wochenmarkt gefunden. Auch weitere Beispiele für Sovjet-Architektur lagen am Weg. Die Busfahrt selbst war ereignisslos, bequem und schnell. Nach etwa zweieinhalb Stunden (inklusive Fährfahrt) war ich auf der Insel und wurde von Martin Kivisoo - meinem Gastgeber - in Empfang genommen.

Das Gestüt Tihuse - meine Herberge auf Muhu - ist sehr schön im östlichen Teil der Insel gelegen. Ein paar ältere und teilweise verbogene Schilder weisen den Weg. Der Weg dorthin ist noch eine schöne Sandpiste und nicht geteert. Ist so auch angenehmer für die Pferde. Leider kann man noch die große Durchgangsstraße nach Saaremaa hören, aber in der Nacht fahren kein Fähren und somit gibt es auch keinen Verkehr. Dass alle Häuser des Gutes mit Schilf gedeckt waren, fand ich richtig toll, denn diese Bauweise hatte ich ja schon in Rocca al Mare als die typische Dachbedeckung der Inseln gesehen. Hier war das Wohnhaus frisch eingedeckt, denn der Dachbereich wurde scheinbar erst kürzlich ausgebaut. Die Gebäude selbst waren aber alle mindestens 100 Jahre alt.

Der Aufnahme war sehr freundlich. Martin empfing mich an der Fähre - es war 2:30 Uhr- mit dem Hinweis, dass für mich noch mal schnell das Mittagessen warm gemacht würde. Auf meinen Hinweis, dass das nicht nötig sei und ein Abendessen reichen würde meinte er nur: "Nein, nein. Sie sind im Urlaub und müssen Essen. Ohne Essen ist es kein richtiger Urlaub. Abnehmen können Sie zuhause!" Ich habe mich in mein Schicksal ergeben und es nicht bereut. Das Essen wahr sehr lecker und überaus reichlich. Herausheben aus der Fülle der Leckereien - es gab auch immer Nachtisch - möchte ich nur die verschiedenen Kürbis-Varianten. Die waren so gut, dass man sie fast dem Fleisch vorzog. Trotz des vielen Essens denke ich, dass ich nicht zugenommen habe. Der Sport nebenbei dürfte dem vorgebeugt haben.

Und wie in Tallinn stellt sich hier die Frage: Was habe ich die Woche über gemacht? Die Antwort ist einfach: Ich bin geritten oder habe mich vom Reiten erholt. Und es war sehr schön! Insgesamt dürfte ich etwa 30 Stunden auf einem Pferd gesessen haben. Der erste Ritt waren zwei Stunden zur Ostküste auf Valem. Er ist ein bischen faul aber auch sehr ausgeglichen und ruhig und wird deswegen gerne Neuankömmlingen gegeben. So können sie die Reitkünste ohne Gefahr beobachten. Und als Gast kann man ja immer noch sagen: "Ich hätte gerne ein schnelleres Pferd".

Valem habe ich auch am nächsten Tag geritten, als wir nach Koguva ins Dorfmuseum geritten sind. Leider hatte es an diesem Tag geregnet. Zunächst nur ein leichter Niselregen, der aber im Laufe des Tages immer schlimmer wurde. Von den sieben Reitern auf dem Hinweg ritten nur fünf den Weg auch wieder zurück. Zwei Mädchen haben die Heimreise mit dem Picknickwagen bevorzugt (und ihre Mutter war sehr froh darüber). Ich bin mit zurück geritten und habe am Abend die Sauna sehr genossen. Im Museum selbst habe ich eine Privat-Führung genossen, denn alle anderen Gäste waren Finnen und Martin hatte eine Klasskammeradin mit Deutschkenntnissen als Führerin organisiert. (Tipp: für Reisende: Sie hat nur eine halbe Stelle und ist eigentlich nur Dienstags und Donnerstags im Museum.) Ohne diese Führung wäre das Museum nicht so interessant gewesen, denn alle Beschreibungen sind auf Estnisch.

Am Dienstag stand ein Besuch auf Võilaid an, wo das Gestüt seine Jungpferde (Ein- und Zweijährige) hält. Mein Pferd hieß diesmal Ampel und war der kleine Bruder von Valem. Und ich muss sagen, dass diese(r) Ampel definitiv nicht auf Halt stand. Schon im Schritt musste ich ihn zurückhalten, dass er in der Reihe blieb und im Trab und Galopp war es einfach nur traumhaft. Ach ja, da die Mehrzahl der Gäste aus Finnland stammte, wurden die Komandos immer erst mal auf Finnisch gegeben. Dementsprechend habe ich sie auch gelernt "raabi" für Trab und "laukas" für Galopp. Bei diesen Langen Touren gab es immer ein Picknick als Mittagessen. Dabei wurde genauso reichlich gedeckt, wie beim Abendessen und als Nachtisch gab es Kuchen oder Muffins. Diesmal fand es auf einer alten Geschützbastion aus dem Ersten Weltkrieg statt, die völlig zugewuchert war.

Der dritte große Ausflug führe mich auf Ampel an die Nordküste. Dabei merkte ich schon, dass meine Kräfte anfingen nachzulassen. Deswegen hatte ich für den Donnerstag einen kurzen Ausflug (auf Aatos) ausgemacht. Wir ritten am Vormittag zwei bis drei Stunden durch Niselregen und waren rechtzeitig zum Mittagessen wieder am Hof. Nach dem Essen fiel ich auf mein Bett und habe erst einmal drei Stunden durchgeschlafen wie ein Stein. Und kurz nach dem Aufwachen hatte ich dann auch meine bestellte Massage. Das war - neben der Sauna - genau das was ich zu diesem Zeitpunkt brauchte.

Der Freitag brachte meinen zweiten Ausflug nach Võilaid, da die anderen beiden Gäste sich das gewünscht hatten. Die Mutter hat mir erzählt, dass ihre Tochter das ganze letzte Jahr  diesen Ausritt herbeigesehnt hatte. Da ich ja noch einen Reittag hatte und mir als einziger Ritt noch der nach Pedaste übrig blib, hatte ich nichts dagegen, noch einmal auf die kleine Insel zu reiten. Zugegebenermaßen bin ich von einem halbstündigen Ritt durch brackiges Wasser nicht direkt begeistert - vor allem, da beim ersten Besuch mein Pferd auf die Knie fiel - aber die Teenager sind schon nett anzuschauen.

An meinem letzten Reittag hatte ich dann noch einen entspannenden, vierstündigen Ausritt nach Pedaste zum Gutshof. Dabei ritt ich auf der 15jährigen Reti, die ein Fohlen hatte. Als altes Pferd kannte sie den Weg besser als ich und als wir an eine abgemähte Wiese kamen und ich das Komando zum Trab gab, ist sie direkt aus dem Schritt in den Galopp gewechselt und an meiner Führerin vorbei. Ichr Fohlen ist dann natürlich auch losgeprescht, denn wenn Mama gloppiert, dann will es nicht zurück bleiben. Es war sehr schwierig Reti davon zu überzeugen, dass sie nun nicht mehr ihrem Fohlen hinterher galoppieren sondern bitte in den Trab wechseln sollte. Ich habe es aber geschafft und nachdem ich eingeholt worden war, ging es mit einem Galopp in der richtigen Reihnfolge weiter. Diese lange gemähte Wiese war der schnellste Galopp, den ich bisher hatte.  Vermutlich wollte Reti dem dreijährigen Pferd meiner Führerin zeigen, dass sie immer noch schneller ist als er.

Sehr schön fand ich immer die Pferdedusche nach der Arbeit. Nach der Heimkehr (und Waschen mit einem Schwamm) haben sich alle Pferde in den Sandgruben gewältz. Teilweise standen sie sogar richtig Schlange. Besonders nett fand ich immer die Fohlen, die es natürlich ihren Müttern nachmachten. Nur haben sie oft keine Sandfleck, sondern eine Wiese gewählt, was nicht so effektiv ist. Und Retis Fohlen war so müde, dass es erst ma fünf bis zehn Minuten dalag, bevor es mit dem Wälzen weiter machte.

Am Sonntag stand dann nur noch die Heimreise auf dem Programm. Wie ich ja schon im ersten Artikel schrieb, hatte ich ein bischen Pech mit dem deutschen Wetter. Hätte ich das vorhergesehen, hätte ich durchaus noch einen Vormittag auf Muhu reitan können. So saß ich mehrere Stunden im neuen tallinner Flughafengebäude. Als ich dann etwa um 23 Uhr in München ankam, habe ich lieber wieder die Wohnung meiner Eltern aufgesucht, als noch zwei Stunden nach Hause mit dem Zug zu fahren. So konnten meine Kollegen am Montag noch mein Reisegepäck begutachten.