Nach einem schönen Tag in München erwartte mich ein 2-Stunden-Flug nach Tallinn. Leider hatte dieser eine Stunde Verspätung. Das hatte nichts mit dem kaputten Check-In Terminal zu tun, sondern Estionan Air hat nur wenige Flugzeuge und meine Maschine kam verspätet an. Leider hat sich das auf dem Rückweg wiederholt. Da kam aber nicht nur der Flieger eine Stunde später aus Paris an, sondern München erlaubte keinen Anflug wegen eines Gewittersturms. Dadurch hatte ich auf dem Rückweg sogar drei Stunden Verspätung.

Abgesehn von der Verspätung hatte ich noch weiteres Pech. An der Gepäckkontrolle hatte ich mein kleines Zeiss Monokular liegen gelassen, das ich immer in der Hosentasche mit mir herumtrage. Um Fahrpläne oder sonstige Informationen lesen zu können, ist es bei meiner Kurzsichtigkeit sehr nützlich. Als ich es merkte und zur Gepäckkontrolle zurückgespurtet bin, hatten sie es schon ans Fundbüro weitergeleitet. Trotz Verspätung hatte ich nicht genug Zeit, um es sofort wieder abzuholen. So habe ich es erst auf dem Rückweg abgeholt.

Die Ankunft in Tallinn war einfach. Taxi finden, einsteigen, Adresse "Old House, Uuus 22" angeben, ankommen, einchecken und ins Bett fallen. Frühstück gab es erst ab acht, die wahre Folter für einen Frühaufsteher. Aber der unbeschreibliche Vorteil dieser Übernachtungsmöglichkeit ist, dass man nur um eine Ecke biegen muss, um in der Altstadt zu sein.

Was habe ich in Tallinn die nächsten sechs Tage gemacht? Ich bin sehr viel gelaufen! Dabei vieles gesehen, sehr vieles fotografiert und einen weiter schmerzenden Fuß eingehandelt. Wobe der schon in München weh tat. Ich habe also die ersten beiden Tage etwas gehumpelt. Tallinn ist so reich an hervorragenden Fotomotiven, dass man fast nicht weiß, was man weglassen sollte.

Die erste Besonderheit die ich abseits der Touristenpfade entdeckte, war die Linnahall (Stadthalle) am Hafen. Alle meine Stadtkarten zeigten nur die Altstadt, so dass ich nichts von diesem Gebäude wusste. Es ist ein protziger Sovjet-Bau, der vermutlich zu den Olympischen Spielen in Moskau erbaut wurde. Die Segelwettbewerbe fanden damals in Tallinn statt. Ich stand irgendwann neben einem Hügel, auf den eine breite Treppe ins Nichts führte. Neugierig wie ich bin, habe ich sie erklommen und entdeckt, dass es ein Gebäude ist.  Noch dazu mit dem morbiden Charme des zerfallenden Betons. Ich musste dabe zwar an einer Gruppe Punks und einer andern Gruppe Junkies vorbei, aber die waren sehr friedlich. Später habe ich festgestellt, dass das Gebäude nicht nur von Randgruppen, sondern auch von Liebespaaren und Familien mit Kindern verwendet wird. Ich habe es als Motiv und Aussichtspunkt für ein paar schöne Bilder verwendet.

Ich habe auch zwei "Wandertage" eingelegt, deren erster mich nach Rocca al Mare führte. Dort gibt es das Estnische Bauernhausmuseeum, das seit 1966 Gebäude aus ganz Estland aufnimmt. Auf dem Weg dorthin habe ich einige schöne Holzhäuser in der Vorstadt gesehen und auch einen Reiter und eine Kutsche bei einer Passage durchs Meer.

Einen Vormittag mit Regen brachte ich dann im kleinen Fotomuseum und im Stadtmuseum zu. Ich hatte auch das Okkupationsmuseum besucht, aber das hatte keinen besonderen Fotomotive. Wenn man nicht gerade etwas über die Geschichte Estlands lernen möchte, kann man es sich sparen. Es hatte aber sehr schöne Filme zur Geschichte. Sehr schön war auch der Markt auf dem Raetkojaplats, denn es war Mittelalterwoche.

Der Höhepunkt meines Tallinn-Aufenthaltes ergab sich jedoch durch puren Zufall. Bei schönstem Wetter war ich wieder dabei, ziellos durch die Altstadt zu streifen, als ich in der Laboratoorumi auf zwei Jungen traf. Diese sahen aus, als wären sie aus den späten 1920er direkt nach heute versetzt worden. Leider beherrschten si e keine meiner Sprachen, so dass ich auf meine Frage, ob es sich um Filmaufnahmen handle nur ein Schulterzucken erhielt. Ich hatte ja Zeit, also habe ich mich an einen Punkt außerhalb des Kammerawinkels gestellt und meinen Foto bereitgehalten. Mit den Filmaufnahmen wurde allerdings ein anderes Kunstprojekt in der gleichen Straße gestört. Dieses Foto-Team hatte - wie ich - lange zugesehen, aber irgendwann resigniert und ist mit ihrer Ausrüstung abgezogen.

Mein zweiter "Wandertag" führte mich nach Kadriorg, einer ehemaligen Zarenresidenz. Heute ist im Schloss eine Gemäldegallerie untergebracht. Im Park liegt auch die Residenz des esnischen Präsidenten. Die gesamte Anlage hat mich sehr an den Englischen Garten in München erinnert und der Park wird auch ähnlich von der Bevölkerung genutzt. Nur der Sport wird nicht so wie in München ausgelebt.

Zum Abschluss des Berichts über Tallinn möchte ich noch ein Wort über das Essen verlieren. Als Großstadt und Touristenmagnet (ähnlich wie Nürnberg) gibt es viele verschiedene Restaurants. Man hat inzwischen eine internationale Auswahl. Leider ist auch schon eine Fast-Food Kette in der Altstadt präsent und sie hält sich hier mit der Außenwerbung nicht so zurück, wie in Rothenburg ob der Tauber. Gegessen habe ich überwiegend einheimische Küche, nur einmal bin ich nach Afrika ausgewichen. Aber bis nach Mitternacht auf einer Dachterasse lecheres Essen und gute Cocktails genießen sollte man nicht auslassen. In einer Kneipe war ich zwei mal, denn sie war günstig, gut und gemütlich. Sie brauten auch ihr eigenes Bier, dass lecker schmeckte, auch wenn es - nach meinem Geschmack - ein bisschen zu süß war. Aber sie hatten an jedem Tisch Steckdosen für den Laptop. Und in Estland hat jeder gesetzlichen Anspruch auf kostenloses WLAN! (Leider hab ich das erst auf dem Rückflug gelesen ... Pech gehabt).