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Wochenends am Bayernmarkt: Gott und Biere

Tuesday September 4, 2007 at 04:49PM

»Ich kann net biesln«, im Brustton der Überzeugung und einen jungen Security Mann in schmucker schwarzer Uniform am Hintern klebend, schwankt der kleine Bär vor und zurück. Er kommt von um die Ecke und heißt nicht so, sondern sieht aus wie einer: klein, gedrungen, wallend lockiges schwarzes Haar, schwarzer Vollbart, Ballonseidenhose und gesteppte Windjacke. Sein Gesicht ist dick und verquollen, die Augen ganz schmale Schlitze, Kriegsbemalung Bluthochdruckrot mit Flecken. In seinem Ton schwingt Weinerlichkeit, während er spricht reißt er den Mund sehr weit auf.

Die Zähne inspizieren wir lieber nicht, sondern beobachten einen Großen im abgetragenen dunklen Anzug und hellen Trenchcoat mit lichtem grauen Haar, der kleiner Bär beherzt auf die Schulter schlägt: »Ja mei, ja warum kannst etzt Du net biesln?« Schiebt sich vorbei und pisst los was das Zeug hält. Das bringt kleiner Bär aus Fassung und Gleichgewicht, er schwankt hin und her. Der Wachmann und ich fangen ihn kurz vor dem glitschigen weißen Toilettenboden, auf dem bräunliche Brühe steht, obwohl die Toilettenfachkraft für dreißig Cent je Mal ständig durchfeudelt. »Ja«, kleiner Bär holt Luft und Anlauf als wir ihn wieder hingestellt haben, ja, er könne jetzt nicht biesln, »weil ich nichts mehr zu verlieren habe!« und schwankt wieder bedenklich.

Am Bayernmarkt am Ostbahnhof
Am Bayernmarkt am Ostbahnhof


Dabei ist er klatschnass. Die Haare hängen strähnig wirr in der Stirn, Jacke und Sweatshirt haben dunkle nasse Flecken. Vor einer Stunde etwa ist er am Augustinerstand umgefallen. Unspektakulär und aus der Entfernung des Andechserstands gesehen nahezu geräuschlos. Die Band hatte eben das Kufsteinlied angestimmt und er in feierlicher Stimmung an der frischen Maß getrunken und etwas sagen wollen. Den Mund weit aufgerissen, die Augen nach oben verdreht, die weinerliche Stimme an den Schankkellner gerichtet, das Gleichgewicht verloren. Kleiner Bär war wie großer Baum kerzengerade der Länge nach nach hinten hingeschlagen, die volle Mass an den Bauchnabel gedrückt. Der Sturz entleerte das Bier in einem einzigen Schwall auf Sweatshirt, Jacke und über den Kopf. Da lag er wie ein dicker Käfer am Rücken der kleine Bär, fest an den inzwischen leeren Maßkrug geklammert. Die Leute, die ihm aufhelfen und ihn stabilisieren bittet er um Hilfe, er brauche halt ein frisches Bier. Dieses hier, das er eben erst abgetrunken hat sei ja nun beim Teufel und klopft sich die Bierreste von Jacke und Ärmeln. Nach einiger Diskussion bekommt er am Augustinerstand eine neue Mass. Und eine Stunde später steht er am Klo und kann nicht biesln, weil er jetzt nichts mehr zu verlieren hat.

Er muss nach Hause, darin stimmt der junge Security Mann mir zu. Gleich, wenn kleiner Bär gebieslt hat, wird er ihn in ein Taxi setzen und heimfahren. »Der, der ist doch selber schuld. Für den würde ich gar nichts tun. Soll er doch schaun wie er nach Hause kommt«, in gepresst sächsischem Dialekt von rechts. Der junge Mann in der grünen Jacke hat trotz eines beträchtlichen Rauschs und seiner Jugend den Fall der Mauer und die daraus resultierende Verderbtheit der Welt klar vor Augen. Sollen den kleinen dicken besoffenen Wessiausbeuter doch die Mauerhunde fressen.

Doch der Westen zeigt sich versöhnlich: Väterlich auf die Schulter schlägt ihm der Große, der eben ausgebieslt hat. "Ja mei. Wenn der doch etzt net biesln kann. Des ist eine ernste Angelegenheit", zieht den Reißverschluss hoch, schaut das Waschbecken prüfend an und schwankt raus.

Der Security Mann wartet noch, ihn beständig stabilisierend bis auch kleiner Bär soweit ist und vielleicht doch noch etwas findet, das er verlieren könnte. Die Toilettenfachkraft kommt durchgefeudelt, ich entrichte 30 Cent.

Zurück am Andechser erwartet mich ein frisches Bier. Wir stoßen an, die Band spielt: »Jesses, ham mir an Durscht«, ein leises Lied, bei dem immer der Bläsersatz aufsteht und bissl forte bläst, wenn der Sänger den Refrain, der gleichzeitig der Text ist, ins Mikrofon haucht. »Jesses, ham mir an Durscht.« Wir trinken in tiefen Zügen. Was für ein herrlicher Abend.

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9 Comments / add your comment?

DREASAN says:
herrliche Geschichte. kann man sich sofort als Filmszene vorstellen ;-]
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
Mona Lisa says:
tja, das sind wohl die letzen gefilde in unserer zivilisation, wo ein indianer noch auf urwüchsige abenteuer stoßen kann. :-))
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
robbb replies:
Abenteuer kann man da wohl erleben. Vergangenes Jahr zum Beispiel trafen wir da den einsamsten Menschen des Viertels, hatte erst Freunde, Schlüssel und Papiere verloren, dann seinen Hund. Aber das ist eine andere Geschichte
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
{ME} says:
Sehr gut und beschrieben. Bissig und doch irgendwie einfühlsam ;-)
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
robbb replies:
Danke.
Posted 2 years ago. ( permalink )
Stefanie Carle - aka se_kwienpro says:
A liabe G'schicht und so herrlich Mingga, so wie wir's alle gern hamm :-)
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
robbb replies:
na ja, wie es ist
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
{ME} says:
Ich habe mir erlaubt in meinem blog auf diese Geschichte zu verweisen
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )
robbb replies:
das freut mich sehr. Danke!
Posted 2 years ago. ( permalink / translate )

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