...große Filme wollte er schneiden. Doch wo war er gelandet? Bei einem Privatsender. Ausgerechnet er. Tausende von guten Ideen blitzten vor seinem geistigen Auge auf, während er eine Filmszene in der ein Schäferhund von einer Nullachtfuffzehn-Heinzbecker-Familie aus dem Tierasyl geholt wird, mit irgendeinem Kracher aus den Achtzigern unterlegt. Das ist eben die neue Zielgruppe. Die ganzen Langweiler, die mit diesem Brei aus ABC, Culture Club und Brian Adams groß geworden sind. Genau für dieses fantasielose Pack sollte er also den finalen Schnitt erledigen. Nur weil es diese armen Kreaturen nicht mehr schaffen, ihre Freizeit mit etwas Nützlichem auszufüllen.
Während er gerade dabei war einen besonders kniffeligen Insertschnitt zu bewerkstelligen, passierte es. Er konnte nichts dagegen tun. Seine Finger entwickelten ein wahres Eigenleben. Geschickt huschten sie über die Spezialtastatur mit den bunten Tasten und das was eigentlich ein familienfreundlicher Bericht im Stile von Big Family (die Großfamilie) werden sollte, wurde nun zu einem surrealen Albtraum der Extraklasse.
Der Schäferhund wurde kurzerhand per Zeitlupe und schnellen Schnitten zu einer reissenden Bestie und die Famile so kunstvoll jeglicher Farbe beraubt, dass man das Gefühl hatte, einen Film Noir zu sehen. Alles kam irgendwie ohne Worte aus. Und die Musik war nur eine unscheinbare Melodie im Hintergrund, als höre man den Soundtrack eines Carpenter-Films. Szenen wurden zu fragmenten. Ja zu düsteren Erinnerungen eines Wahnsinnigen. Ab und zu ließ er ein paar kurze Standbilder von toten oder gefolterten Menschen aufblitzen. Gerade noch so lange, dass man sie erkennen konnte. Er würde es den Zuschauern schon zeigen. Er, der Herr der Endfassung, der Schnittkünstler. Er hatte es in der Hand.
"Schon fertig?", riss ihn die Stimme seines Vorgesetzten aus seinen Träumen zurück in die muffige Wirklichkeit seines Schneideraumes. Jenen Ort, der wie ein schwarzes Loch an seiner kreativen Energie saugte, bis irgendwann nur noch ein geistiges Vakuum zurückbleiben würde.
"Ja. Ich pack es gleich auf den Server.", antwortete er sichtlich ermüdet.
Natürlich hatte er wieder gute Arbeit im Sinne des Privatsenders abgeliefert. Der Hund war natürlich mal wieder zum knuddeln und liebhaben und die Closeups auf die Kinder zum dahinschmelzen. Eine Familiengeschichte wie aus dem Bilderbuch. Er warf noch einen verächtlichen Blick auf den Statusbalken, welcher den Kopiervorgang in Richtung Server anzeigte, und packte dann seine Umhängetasche.
Man wird ja noch Träume haben dürfen...