Ich muss zugeben, den Ausdruck bzw. Titel habe ich von doppelbelichtet und ihrem köstlichen Blogeintrag Schlüsselerlebnis ausgeliehen. Und da fällt mir prompt ein eigene Begebenheit ein, die schon Jahre/Jahrzehnte zurückliegt und gut zu meiner derzeitigen Lektüre "Fleisch ist mein Gemüse" passt sowie von dem erwähnten Blogeintrag inspiriert ist:

Zu Zeiten, als ich meine spätere Frau kennenlernte, war ich Student an der LMU München und arbeitete darüber hinaus bei Apple Computer - heute Apple, Inc. - in Ismaning. Um die bereits BAfÖG-gepolsterte Tasche noch etwas weiter aufzubessern und "Spielgeld" für diverse Hardware mit dem Apfel drauf zu haben, hatte ich außerdem noch - ein Überbleibsel aus meinen Profi-Muckertagen - einen wöchentlichen Gig in einem Lokal der Augsburger Altstadt. Spätestens hier kommt mit Macht der oben erwähnte Buchtitel ins Spiel, denn ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich regelmässig gegen ein, zwei Uhr morgens (der Gig dauerte immer bis viertel nach zwei) von Heißhunger befallen wurde und dann die Wahl zwischen den kulinarischen Spitzenreitern "Gulaschsuppe mit Würstchen" oder fettäugigem "Kassler mit Sauerkraut und einer Scheibe Brot" hatte. Wie auch immer - die Erlebnisse dieser Zeit könnten gut und gern als nicht-strunksche Fortsetzung von "Fleisch ist mein Gemüse" durchgehen, wobei mein Werk dann wohl den Titel "Die Noten hat die Putzfrau" tragen müsste. Und das begab sich so:

Ich komme mit der Sängerin auf den letzten Drücker aus dem Kino - wir hatten beide die Länge des Films unterschätzt - und rauschen außer Atem ins Lokal. Der Chef und Pächter des Etablissements ist schon reichlich mißmutig, weil nervös, wir hetzen auf die Bühne, wo wir bereits all unsere Utensilien von ihm - dem Chef! - aufgebaut vorfinden. Wir wollen gerade loslegen, als ich feststelle, dass meine Noten irgendwie fehlen. Nicht, dass ich sie besonders gebraucht hätte, aber sie gaben so ein beruhigendes "Falls doch"-Backup-Gefühl. Jedenfalls ich nach kurzem, verzweifelten Blickkontakt zu meinen Mitstreitern wieder 'runter von der Bühne und durchs volle Lokal in unsere kleine "Garderobe" gestürmt, die bei Tageslicht betrachtet dann doch eher die Besenkammer neben dem Personal-WC war. Geräuschvoll beginne ich damit, dort alles auf den Kopf zu stellen. Das muss irgendwie lustig oder auch ein wenig bedrohlich geklungen haben, denn inmitten meiner Verzweiflung steckt auch noch eine der Bedienungen den Kopf zur Tür herein und intoniert lakonisch: "Du, der Jörg wartet auf der Bühne." Eine Information, die zu diesem Zeitpunkt einen für mich recht reduzierten Nachrichtenwert hatte.

Jedenfalls fahre ich damit fort, Säuberungsutensilien von Schminkgarnituren und "off-stage"-Bekleidung zu trennen, stapelweise Klopapierrollen und Papierhandtücher zu durchwühlen, Handtücher und Putzlappen auseinander zu dividieren, kurz: das Unterste nach oben und umgekehrt zu packen. Ergebnis: Nichts! Die Noten bleiben unauffindbar! In meiner Not und um neben der Verspätung nicht noch mehr Anlass zu Kritik zu geben, fiel mir nichts Besseres ein als die beherzt vorgebrachte Behauptung, die Putzfrau habe in einem Anfall von Ordentlichkeitswahn meine Noten zusammen mit Müll und schmutziger Wäsche entsorgt. Eine infame Demontage ihrer respektablen Zuverlässigkeit und zudem eine Behauptung, die in diesem Kontext von vergleichbarer Brisanz war, wie die Anspielungen des ermordeten holländischen Filmemachers van Gogh auf die kulturellen Gepflogenheiten seiner Mitbürger mit Migrationshintergrund!

Na, jedenfalls war die Stimmung nun schon so aufgeladen, dass sich keiner mehr recht traute, diese an den nicht mehr vorhandenen Haaren herbeigezogene Behauptung mit dem ihr gebührenden Gelächter zu quittieren. Der humoristische Rohrkrepierer mutierte daraufhin zur Dauer-Groteske, die von einem beliebigen Belegschaftsmitglied stets mit verdrehten Augen, langgezogener Betonung und mysteriös gehauchtem "Die Putzfrau...!" zum Besten gegeben wurde.

Andere Zeitgenossen gehen aufgrund ihrer Verdienste an Kunst, Wissenschaft oder Sozialem in die lokal-kommunale oder gar überregionale Geschichte ein. Ich hingegen vermochte mich mit der entschlossenen Denunzierung der besagten Reinigungskraft unsterblich zu machen. Es lebe die "Landjugend mit Musik" :-D