| August 2007 | ||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Sun | Mon | Tue | Wed | Thu | Fri | Sat | ||
| 1 | 2 | 3 | 4 | |||||
| 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | ||
| 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | ||
| 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | ||
| 26 | 27 | 28 | 29 | 30 | 31 | |||
Ich war 15 Jahre alt. Die "großen" Ferien hatte ich mit einem Klassenkameraden auf Rügen verbracht. Wir hatten uns als Erntehelfer bei einer LPG "beworben", sahen darin eine Möglichkeit, an die Ostsee zu gelangen und dem organisierten Ferienlager zu entkommen.Unser Plan ging auf. In der Nähe von Glowe verzogen wir vormittags Rüben, auf Feldern, die größer zu sein schienen als die ganze Insel. Nachmittags schauten wir uns jeweils die Teile der Insel an, wo keine Rüben angebaut wurden oder gingen baden. Für Unterkunft und Verpflegung sorgte die LPG. Als unser Ernteeinsatz endete, war unsere Ferienkasse nicht nur nicht geschrumpft, sondern sogar noch etwas gewachsen, denn unsere Arbeit auf den Rübenfeldern war den LPG-Bauern nicht nur lieb, sondern auch teuer. Wir bekamen ein "Sümmchen" ausbezahlt. Plötzlicher Reichtum macht leichtsinnig, wir beschlossen, uns ein Flugticket zu kaufen und nach Berlin zu fliegen. Fliegen war das Größte, keiner von uns hatte bisher diese Erfahrung gemacht. Wir fuhren also nach Barth, da gab es einen kleinen Flugplatz, dort kauften wir uns Tickets in die Hauptstadt. Das ging problemlos. Wir wurden an Bord mit Bonbons ( für den Druckausgleich in den Ohren) und Kotztüten ( für den Druckausgleich im Magen) versorgt. Der Flug nach Schönefeld dauerte nicht lange. Das Betrachten der Propeller vertrieb uns die Flugzeit. Wir hatten inzwischen den (verbotenen) Plan gefaßt, auch mal den Berliner Teil des Klassenfeindes zu besuchen. Als FDJ-Mitgliedern war uns das zwar untersagt, aber der FDJ-Sekretär war weit weg. Dachten wir und dachten stattdessen an Kurfürstendammm, Kaugummi und Kauboy-Filme. Pustekuchen. Bei der Ankunft in Schönefeld war Ausweiskontrolle, alle Papiere, die wir hatten, waren in Ordnung, wir erregten trotzdem den Verdacht der "Organe", denn zwei 15-Jährige aus Thüringen ohne Eltern, auf eigene Faust unterwegs, das kam da wohl nicht häufig vor. Statt Großstadtatmosphäre schnupperten wir also in den nächsten Stunden Polizeibüromief, Qualm aus Casino, Turf und Karo.... Unser Fall musste untersucht werden. Es wurde nach Thüringen telefoniert, wir wurden - später sogar getrennt- befragt, blieben aber bei unseren Darstellungen: "Nöö, wir wollten doch nicht in das Agenten-Nest West-Berlin, in diesen Pfahl im Fleische der DDR." Mior sinn doch inner EFFdeJOTT!"
Irgenwann ließ man uns laufen, mit dem Ratschlag, uns ja nicht erwischen zu lassen, falls wir doch nach West-Berlin.... Nee, da hatten wir nun doch zu viel "Schiß" bekommen. Wir schauten uns also nur Ostberlin an, die "Hauptstadt". An manchen Stellen sah es aus, als wäre gerade der Krieg zu Ende gegangen - so meine Erinnerung. Irgendwie übernachteten wir; am nächsten Tag, am Sonntag, 13. August 1961, wollten wir zumindest mal von ferne einen Blick ins "Feindesland" werfen. Wir gingen in die Nähe des Brandenburger Tores, irgendwas war da los. Die Leute um uns herum waren auch ziemlich aufgeregt, wir gingen vorsichtshalber mal nicht näher heran. Die "Staatsgrenze wurde geschlossen, der "antifaschistische Schutzwall" wurde errrichtet. Wir fuhren also wieder nach Hause, nach Thüringen. Daß wir Weltgeschichte miterlebt hatten, war uns noch gar nicht klar geworden. Am 1. September begann die Schule. Gleich nach dem Fahnenappell wurden wir zum Direktor bestellt. "Was höre ich da von den Genossen aus Berlin?" brüllte uns dieser dicke kleine Choleriker an. "Euch haben' se beim Versuch erwischt, nach Westberlin zu gehen?" - Mit Mühe gelang uns eine Richtigstellung.
Na ja, Hauptsache, der Weltfrieden war gerettet. Für diesmal. 2 Jahre später - 1963 - flüchtete ich in die Bundesrepublik. Nach Bayern, vor dem sich die DDR mit Sperrzonen, Stacheldraht und Minenfeldern schützte.
Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
--
Stur behauptete die DDR-Führung, es habe keinen Feuerbefehl gegen Mauer-Flüchtlinge gegeben - nun ist das Gegenteil bewiesen.
In den Stasi-Unterlagen wurde ein bedingungsloser Schießbefehl entdeckt. Der lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
"Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben", heißt es in der siebenseitigen Dienstanweisung vom 1. Oktober 1973.
Send a message
Search for members