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August 1st, 2007

Bundesregierung warnt vor W-LAN

Drahtlose Netzwerke für den Hausgebrauch werden mit großem Aufwand beworben und sind entsprechend populär. Das sollte sich ändern, wenn es nach der Bundesregierung geht: W-Lan-Netze in Privathaushalten sollten vermieden werden, heißt es in einer Antwort der Regierung auf eine Anfrage der Grünen.

www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,497684,00.html

...dabei könnte doch Schäuble diese am besten überwachen lassen :-)

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August 3rd, 2007

UNI-Examen mit 94 Jahren

Australische Ur-Ur-Großmutter beendet Medizinstudium

Ihre Söhne sagen, sie habe ein unglaubliches Gedächtnis. Ihr Professor meint, sie sei so fit wie alle anderen Studenten. Die Australierin Phyliss Turner ist 94 Jahre alt und hat gerade ihren Uni-Abschluss gemacht. Am liebsten würde sie gleich weiter studieren.

www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,497819,00.html

--

da sage noch einer was gegen Langzeitstudenten ...

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August 3rd, 2007

Quit now!

Smoke - for stroke

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August 10, 2007

Der Lehrer

 

 Der Lehrer geht um sieben raus und ruft vier Stunden: »Leiser!«
 Um kurz nach eins ist er zuhaus': nicht ärmer, aber heiser.
 Bis vier fläzt er im Kanapee mit Sekt und Stör und Brötchen.
 Dann nimmt er's Taxi hin zum See, dort liegt sein Segelbötchen.
 Er legt sich rein und gibt sich hin und schaukelt bis zum Morgen.
 So ist sein Leben frei von Sinn, von Arbeit und von Sorgen.

 

 Der Zahnarzt

 Der Zahnarzt ist nicht arm wie du.
 Er ist ein reicher Räuber.
 Drum wählt er gern die CDU
 und wo er kann den Stoiber.

 

www.amazon.de/kleine-Berufsberater-Thomas-Gsella/dp/3821860170/ref=pd_bowtega_1/303-5792026-1823447?ie=UTF8&s=books&qid=1186653380&sr=1-1

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August 10, 2007

Normaler Arbeitstag?

Damit es nicht in Vergessenheit gerät, wie es mir heute erging:

Früh aufgestanden, früh zur Arbeit gegangen.
Kurz vor Erreichen des Büros irritiert festgestellt:

Ich Trottel habe mein Poloshirt in der Hektik falsch herum angezogen - Nähte nach außen.
Hab' mich schnell auf die Toilette geschlichen, das peinliche Vorkommnis "repariert".
Kam mir vor wie ein Idiot!
Normal gearbeitet. Mittagspause erreicht. Zur Mittagspause gegangen, auf dem Rückweg ein Graffiti erspäht, welches ich für fotografierwürdig hielt:www.ipernity.com/doc/rasch2000/523164" Kacke Heimat.

Beim Fotografieren bin ich tatsächlich in einen  ( nein -  in kein' Verein, das liegt mir nicht) Hundehaufen hineingetreten. Den Rest des Nachmittags war ich unglücklich, obwohl so ein Vorkommnis eigentlich Glück bringen soll.

Irgenwann hatte ich den Feierabend erreicht. Meine Schuhsohle hatte ich ( Einzelheiten erspare ich mir jetzt) auch wieder gesäubert.

Kurz vor Erreichen meiner Wohnung befindet sich mein Lieblingskiosk. Ich kaufte mir zwei Feierabendbiere, verstaute diese in meinem Rucksack, wo so manch andere Dinge ( Bücher,  Fotoapparat, Notizbuch, Handy usw.)   einträchtig den Platz teilen. Beim Aufschließen der Wohnungstür verspürte ich ein fremdes, nasses Gefühl an meinem Hinterteil, unterhalb meines Rucksacks. Dem musste ich ja nun nachgehen.

Eine Bierflasche war nicht richtig verschlossen, etwa die Hälfte war ausgelaufen. Auch das ließ sich wieder (irgendwie) in Ordnung bringen.
Nun sitze ich zufrieden zu Hause vor meinem PC, die andere Flasche Bier vor mir.

Wie ist es Euch heute so ergangen? Immerhin war es ja gar nicht Freitag, der 13. ;-)

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August 12, 2007

Rückblick auf heute & morgen vor 46 Jahren

Ich war 15 Jahre alt. Die "großen" Ferien hatte ich mit einem Klassenkameraden auf Rügen verbracht. Wir hatten uns als Erntehelfer bei einer LPG "beworben", sahen darin eine Möglichkeit, an die Ostsee zu gelangen und dem organisierten Ferienlager zu entkommen.Unser Plan ging auf. In der Nähe von Glowe verzogen wir vormittags Rüben, auf Feldern, die größer zu sein schienen als die ganze Insel. Nachmittags schauten wir uns jeweils die Teile der Insel an, wo keine Rüben angebaut wurden oder gingen baden. Für Unterkunft und Verpflegung sorgte die LPG. Als unser Ernteeinsatz endete, war unsere Ferienkasse nicht nur nicht geschrumpft, sondern sogar noch etwas gewachsen, denn unsere Arbeit auf den Rübenfeldern war den LPG-Bauern nicht nur lieb, sondern auch teuer. Wir bekamen ein "Sümmchen" ausbezahlt. Plötzlicher Reichtum macht leichtsinnig, wir beschlossen, uns ein Flugticket zu kaufen und nach Berlin zu fliegen. Fliegen war das Größte, keiner von uns hatte bisher diese Erfahrung gemacht. Wir fuhren also nach Barth, da gab es einen kleinen Flugplatz, dort kauften wir uns Tickets in die Hauptstadt. Das ging problemlos. Wir wurden an Bord mit Bonbons ( für den Druckausgleich in den Ohren) und Kotztüten ( für den Druckausgleich im Magen) versorgt. Der Flug nach Schönefeld dauerte nicht lange. Das Betrachten der Propeller vertrieb uns die Flugzeit. Wir hatten inzwischen den (verbotenen) Plan gefaßt, auch mal den Berliner Teil des Klassenfeindes zu besuchen. Als FDJ-Mitgliedern war uns das zwar untersagt, aber der FDJ-Sekretär war weit weg. Dachten wir und dachten stattdessen an Kurfürstendammm, Kaugummi und Kauboy-Filme.  Pustekuchen. Bei der Ankunft in Schönefeld war Ausweiskontrolle, alle Papiere, die wir hatten, waren in Ordnung, wir erregten trotzdem den Verdacht der "Organe", denn zwei 15-Jährige aus Thüringen ohne Eltern, auf eigene Faust unterwegs, das kam da wohl nicht häufig vor. Statt Großstadtatmosphäre schnupperten wir also in den nächsten Stunden Polizeibüromief, Qualm aus Casino, Turf und Karo.... Unser Fall musste untersucht werden. Es wurde nach Thüringen telefoniert, wir wurden - später sogar getrennt- befragt, blieben aber bei unseren Darstellungen: "Nöö, wir wollten doch nicht in das Agenten-Nest West-Berlin, in diesen Pfahl im Fleische der DDR." Mior sinn doch inner EFFdeJOTT!"

Irgenwann ließ man uns laufen, mit dem Ratschlag, uns ja nicht erwischen zu lassen, falls wir doch nach West-Berlin.... Nee, da hatten wir nun doch zu viel "Schiß" bekommen. Wir schauten uns also nur Ostberlin an, die "Hauptstadt". An manchen Stellen sah es aus, als wäre gerade der Krieg zu Ende gegangen - so meine Erinnerung. Irgendwie übernachteten wir;  am nächsten Tag, am Sonntag, 13. August 1961, wollten wir zumindest mal von ferne einen Blick ins "Feindesland" werfen. Wir gingen in die Nähe des Brandenburger Tores, irgendwas war da los. Die Leute um uns herum waren auch ziemlich aufgeregt, wir gingen vorsichtshalber mal nicht näher heran. Die "Staatsgrenze wurde geschlossen, der "antifaschistische Schutzwall" wurde errrichtet.  Wir fuhren also wieder nach Hause, nach Thüringen. Daß wir Weltgeschichte miterlebt hatten, war uns noch gar nicht klar geworden.  Am 1. September begann die Schule. Gleich nach dem Fahnenappell wurden wir zum Direktor bestellt. "Was höre ich da von den Genossen aus Berlin?" brüllte uns dieser dicke kleine Choleriker an. "Euch haben' se beim Versuch erwischt, nach Westberlin zu gehen?" - Mit Mühe gelang uns eine Richtigstellung.

Na ja, Hauptsache, der Weltfrieden war gerettet. Für diesmal. 2 Jahre später - 1963 - flüchtete ich in die Bundesrepublik. Nach Bayern, vor dem sich die DDR mit  Sperrzonen, Stacheldraht und Minenfeldern schützte. 

Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

--

Stur behauptete die DDR-Führung, es habe keinen Feuerbefehl gegen Mauer-Flüchtlinge gegeben - nun ist das Gegenteil bewiesen.

In den Stasi-Unterlagen wurde ein bedingungsloser Schießbefehl entdeckt. Der lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

"Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben", heißt es in der siebenseitigen Dienstanweisung vom 1. Oktober 1973.  

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August 14, 2007

Erlebte Geschichte(n)

Flucht aus der DDR 1963 - Vorgeschichte
 

1960, mit 14 Jahren, begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Grundschule war beendet, ich kam auf eine Erweiterte Oberschule ( EOS) mit erweitertem Russischunterricht. So hieß das. Ein Internat, gelegen auf den Höhen des Thüringer Waldes. Ich wurde dafür ausgewählt, wegen guter Noten,

Zeugnis

aber auch wegen der richtigen Klassenzugehörigkeit. Eltern Proletarier, beide Großmütter proletarisch, die sozialistische Ahnenforschung hatte nichts zu beanstanden.

Grand Parents

Jugendweihe hatte ich absolviert.

Jugendweihe 1960

Zur Jugendweihe

Im Mai 1960 war mein Vater verstorben, wie man das euphemistisch so formuliert. ( Er hatte sich umgebracht)
 
Meine Mutter hegte Besorgnisse: „Oberschule können wir uns nicht leisten.“ Mein Grundschuldirektor leistete Überzeugungsarbeit, ein Stipendium, welches ich bekam, half.

Die großen Erfolge der Arbeiter und Bauern in der Produktion machten es möglich.

Bildungschancen

Ich wurde Teil eines Klassenkollektivs in der „Kaderschmiede des Sozialismus“ – eine neue Welt tat sich auf. Eine seltsame Welt. Überall lauerte der Klassenfeind. Das erzählten uns die Lehrer und wir waren wachsam. Nicht wachsam genug, wie sich herausstellte.

Wilhlem Pieck starb.

Da gab es in der DDR Staatstrauer. Auf unserem Schulhof in Thüringen wurde ein Riesen-Portrait-Foto von Wilhelm aufgebaut, mit Trauerflor und Blumen. Rechts und links brannten Fackeln und wir – die Junge Garde des Proletariats – hielten Ehrenwache. Rund um die Uhr. Mein Wachturnus war nachts, von 3 bis 4. Ich stellte mir den Wecker, ging zur Wachablösung und übernahm von meinem Vorgänger das Kleinkalibergewehr, mit welchem wir Ehrenwache halten sollten, das Gewehr vor der Brust, das war wohl die angemessene Position für so was. Erfahrung darin hatte ich ja nun keine. Auf der anderen Seite des riesigen Bildes, schwach beleuchtet durch den Fackelschein, stand ein Mitschüler, der wie ich zur Wachablösung erschienen war. Da standen wir nun, auf dem dunklen Schulhof, nachts gegen 3 Uhr, um uns herum tote Hose. So sagten wir es natürlich nicht, aber wir fingen schon an, uns zu unterhalten, halblaut. „Hier sieht uns doch keiner - warum sollen wir mit dem schweren Schiessprügel dumm rumstehen?“ „Setzen wir uns doch lieber hin und stehen erst wieder korrekt rum, wenn die Ablösung kommt!“

Das machten wir. Und wo wir schon mal saßen, zündeten wir uns jeder einer Zigarette an. Rauchen war damals noch nicht so gesundheitsschädlich wie heute. Schädlich war es aber, denn der kontrollierende Lehrer vom Dienst ( LvD hieß der bei uns im Internat) erwischte uns. Mit besserer revolutionärer Wachsamkeit, als wir sie hatten, hatte er sich richtig angeschlichen.

Wir hatten ein Problem. Jetzt hatten wir nicht nur ein Wachvergehen begangen, sondern auch noch das tote Staatsoberhaupt missachtet. Da stand nun allerheftigste Selbstkritik an. Das konnte man kaum wieder gut machen. Irgendwie klappte es. Wir durften uns bewähren...

Später „verhalf“ mir ein Klassenkamerad, der mir helfen wollte, zu Schwierigkeiten. Er hatte mich ertappt, als ich Westsender hörte. ( Ich war heimlicher Elvis-Fan). Er sprach das in der FDJ-Versammlung an, der Versuch des Klassenfeindes, mich ideologisch zu vergiften, muesse unterbunden werden. Der Versuch wurde unterbunden, ich übte wieder mal heftige Selbstkritik und bekam erneut die Chance, mich zu bewähren.

(wird fortgesetzt)

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August 15, 2007

Away

Ich bin dann mal weg - für ein paar Tage.

Wandervorbereitung

 

Packen muß ich aber noch ...

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August 15, 2007

Erlebte Geschichte(n) - 2

Fortsetzung:

(Schul-)Jahre vergingen, die Zeugnisse sahen nicht mehr ganz so gut aus. Mathematik, wie man das Fach Rechnen nun zu nennen pflegte, blieb mir ( bis heute) ein Buch mit sieben Siegeln. In den anderen Fächern ging’s besser, da waren auch die Grundlagen besser:

Drushba

Mittlerweile war ich in die GST hineingetreten. ( Gesellschaft für Sport und Technik) Man bekam Uniformhosen und Jacken, ich hoffte, ich könnte bei dem Verein Motorrad fahren lernen. Die Motorsportgruppe hatte Aufnahmeregeln: Wer es nicht schaffte, eine 250-er JAWA ( vielleicht war’s auch eine MZ, das weiß ich nicht mehr) den Hang neben unserem Schulgebäude hochzuschieben – ohne Motorunterstützung – wurde nicht aufgenommen.

Ich wurde nicht aufgenommen. Die Funkergruppe witterte ihre Chance und bat mich, doch da beizutreten. Das tat ich, ich musste da auch nichts irgendwo hochschieben. Nun lernte ich morsen, funken, Q-gruppen und alles, was so dazugehörte.
 
QZL ist mir bis heute in Erinnerung. Das sendet man, wenn der empfangene Funkspruch keinen Sinn ergibt. Merkhilfe: „Quatsch Zum Lachen“
 
Ansonsten war mir nicht so recht zum Lachen. An der Schule existierte ein System, dass sich ein guter Schüler jeweils um einen schlechten Schüler kümmern solle. Das war eigentlich gut.

Der Klassenletzte wurde (an jedem Monatsende) in der Schulwandzeitung mit einer „roten Laterne“ präsentiert, so dass sich jeder informieren konnte, wer in welcher Klasse nicht ganz so geisteskräftig war. Das war nun nicht so schön für die Betroffenen. Die sozialistische Zwangssymbiose sah so aus: Ein guter Schüler ( zum Beispiel mal ich…ähemm ) musste sich nun um einen Begriffsstutzigen kümmern, einen Monat lang. War der Unglücksrabe nicht von seiner letzten Position ( Notendurchschnitt) heruntergekommen, war man mitschuldig. „Du hast den Jugendfreund nicht genug gefördert, gefordert – was auch immer.“

Mein Argument: "Ich kann doch nix dafür, wenn der so blöd ist..." wurde als bürgerliches Denken gemaßregelt. Dabei war ich ausgewiesener Proletarier, das galt aber in dem Fall nicht.

Schon wieder musste ich mich bewähren. Ich wurde mittlerweile Bewährungsspezialist, begriff auch die Rituale besser, die man nun mal nolens volens absolvieren musste.

 
Es gab monatlich – in der FDJ-Gruppe – die Einrichtung der „Kritik und Selbstkritik“.
Man sollte sich und andere kritisieren, was draus lernen und sich bessern. Je kritischer man auftrat, desto weniger Chancen hatte der Klassenfeind. Wer das System nicht begriffen hatte, schwärzte andere an und machte sich unbeliebt. Wer noch dümmer war, denunzierte sich selber.
 
Es gab positive und negative Kritik. Ein Beispiel, an das ich mich erinnere: „ Der Jugendfreund Hans hat beim letzten Ernteeinsatz gute Leistungen gezeigt. Trotzdem habe ich ihn am Nachmittag gesehen, wie er mit der Jugendfreundin Grete lange Gespräche geführt hat…. Er hätte mehr leisten können…“ Über diese Kritik freute sich der Hans, das ging nicht ans Eingemachte.
 
Selbstkritik musste auch sein: Beispiel aus meiner Erinnerung: „Ich habe mich in diesem Schuljahr für 30 Stunden NAW ( Nationales Aufbauwerk) verpflichtet. Wenn ich darüber nachdenke, hätte ich mich für 50 Stunden verpflichten sollen. In Zukunft will ich mir mehr Mühe geben….“ Sowas wurde wohlwollend quittiert…
 
Wie ich später herausfand, wurden diese Selbstverpflichungen nie richtig kontrolliert. Ganz Schlaue schafften es, lobend in der Wandzeitung erwähnt zu werden.
 
„Während die meisten Jugendfreunde so 30 – 50 Stunden NAW ableisten wollen, verpflichtete sich der Aktivist Hans ( bleiben wir bei dem Namen), 200 Stunden abzuleisten.
Eifert ihm alle nach!“
 
Wir eiferten ihm alle nach. Das Schul- und Internatsleben hielt uns in Bewegung, unsere Zimmer mussten auch mal renoviert werden. Das machten wir selbst. Als endgültige Verschönerung brachte ich eine Postkarte von Brigitte Bardot über meinem Schreibtisch an. Irgendwie war ich in den Besitz dieses Bildes gekommen, damals war sie auch noch jünger, hatte schwarze Netzstrümpfe an und irgendwie gefiel sie mir besser als Elvis, obwohl der natürlich besser sang,
 
Bei der nächsten Zimmerinspektion fiel das auf: "Der Jugendfreund umgibt sich mit kapitalistischen, dekadenten Prominenten…" Mein Bild wurde entfernt, ich hatte keine Lust, stattdessen Ulbricht dahinzuhängen, der sah auch nicht so gut aus.Singen konnte er auch nicht. Der Schul- und Internatsbetrieb missfiel mir immer mehr.
 
An einem Wochenende besuchten wir im Nachbardorf, wo wir mit „Schneeschuhen" ( Skiern) hingewandert waren, die Dorfkneipe. Im Kneipenraum stand ein Radio. Während wir uns mit Bockwurst stärkten, drehten wir am Radio herum… Die Musik, die wir fanden, war gut, es war ein Westsender. Außer uns war aber keiner im Raum, wir kannten uns ja untereinander. Ein Ängstlicher meldete sich trotzdem: Macht den Westsender aus, wir kriegen Ärger.“
Wir beruhigten ihn.
 
Einige Tage später tauchten ungute Gestalten an der Schule auf. Staatssicherheit. Wir kriegten Ärger. Die Wirtin hatte uns angezeigt. Nun prasselte Einiges auf uns nieder. Feindpropaganda in der Öffentlichkeit, illegale Gruppenbildung… alles musste untersucht werden. Wer hat das Radio bedient? Wer hat was zu wem gesagt?… Es wurde richtig Ernst.
 
Die Bilanz für mich ergab nichts Gutes: 

Schon mal in Berlin an der Staatsgrenze aufgefallen,erliegt leicht den Verlockungen des Klassenfeindes ( Elvis & Brigitte Bardot) Hat früher schon Westsender gehört, hat sich nicht richtig bewährt, hat Wachvergehen begangen und den verstorbenen Staatspräsidenten mißachtet...

Als schlimmstes Vergehen kam Folgendes zu Tage: "Verunglimpfung der bewaffneten Organe".
Was war geschehen: In Berlin, an der "Staatsgrenze West", war ein Grenzsoldat von einem westdeutschen Fluchthelfer erschossen worden.

Das betrauerten wir nun alle und verurteilten die westdeutschen Kriegstreiber, Adenauer und die NATO, die alle dafür verantwortlich waren. Offiziell jedenfalls. Meine "Kumpels" erheiterte ich stattdessen mit der pietätlosen Frage: "Hast Du schon gehört? An der Mauer in Berlin haben sie ein Huhn erschossen!" Der tote Grenzer hieß Reinhold Huhn.  Mein geschmackloser Witz wurde aktenkundig.

Ich bekam das „Consilium Abeundi“…- also kein sofortiger Verweis von der Schule, aber die Androhung.

In mir reifte der Entschluß, in den Westen zu flüchten…
 

(Wird fortgesetzt)

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August 21, 2007

Motivierung

Ich bin die letzten Tage nicht viel zum Zeitungslesen gekommen, aber an einer Meldung blieb mein Auge dann doch hängen:

Ex-Siemens-Chef Kleinfeld erhält zu seinem Amtsantritt am 1. Oktober ein Begrüßungsgeld (Sign-On-Benefit) in Höhe von 5,6 Millionen Euro, obwohl er bei Siemens nicht abgeworben wurde, sondern selbst zurücktrat. (mehr...)

Ein Alcoa-Sprecher rechtfertigt den Bonus mit Kleinfelds "phantastischen Managementqualitäten", außerdem habe er mehrere höher dotierte Angebote ausgeschlagen. Auch von Siemens erhält Kleinfeld zum Abschied gut vier Millionen Euro - zur Abgeltung einer Wettbewerbsklausel.

 

Nun muß ich aber hochmotiviert weiterarbeiten.

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August 21, 2007

Erlebte Geschichte(n) - 3

Manchmal fuhr ich am Wochenende vom Internat nach Hause in mein Heimatdorf. Meist  mit dem Fahrrad, manchmal mit Bus und Bahn. Das Dorf war in der 5-KM-Sperrzone gelegen, man musste vorher immer einen Passierschein beantragen.  Grund: „Besuch der Mutter“. Das wurde immer akzeptiert. Kontrolliert wurde man immer.
 
 Im Dorf hatte ich mich mit einem ein Jahr älteren Lehrling angefreundet, der „lernte auf Autoschlosser“. Meine Erzählungen aus dem Internat und meine Überlegungen, in den Westen zu flüchten, sagten ihm zu. Das war auch was für ihn.
 
Wir schmiedeten Pläne – realistische und unrealistische. Er besaß ein Paddelboot mit Außenbordmotor, damit könne man prima über die Ostsee nach Dänemark schippern, meinte er. Die Ostsee (Rügen) kannte ich, ich wußte auch, daß man auffällt wie ein bunter Hund, wenn man mit einem Paddelboot dorthin reist. Man würde auch auffallen, wenn man mit einem Boot dort ankäme. Am auffälligsten wäre es, das Boot zu Wasser zu lassen. Den Plan stellten wir erstmal zurück, wußten auch nicht, wie wir das Boot am besten transportieren sollten.
 
Der nächste Plan reifte: Wir würden uns als Grenzpolizisten verkleiden und Grenzstreife gehen. Pro forma – und dann würden wir türmen. Im örtlichen Kulturhaus befand sich auch eine Dorfkneipe, dort frönten die Grenzsoldaten in ihrer Freizeit der Kultur. Sie bestellten sich viele Biere, diskutierten den schweren Dienst, erhitzten sich bei bei unterschiedlichen Themen und zogen ihre Uniformjacken aus, wenn es zu heiß herging. Vom Garderobenhaken wollten wir uns jeder eine Jacke  „organisieren“, damit hätten wir schon mal wie halbe Grenzer ausgesehen. Obenrum. Ihre Uniformhosen behielten die Gralshüter leider immer an, da hätten wir aber improvisieren können. Aber irgendwie wollte die Sache durchdacht sein. Das fiel ja auf, wenn 2 Jacken fehlten. Auch hängten die Grenzsoldaten ihre Gewehre nicht sorglos an die Garderobehaken, in ihrer Freizeit hatten sie gar keine Waffen dabei. Ohne Waffen sähen wir aber nur aus wie halbfertige Grenzsoldaten. Aber Waffen besorgen, womöglich irgendwie stehlen, das war nun ein ganz anderes Ding. Wir wollten doch lieber nochmal über andere Möglichkeiten nachdenken.
 
Beim Rumsitzen im Kulturhaus, im Gespräch mit den Uniformierten, fiel manchmal die eine oder andere höchst interessante Information für uns ab. So hörten wir, daß in den nächsten Tagen Minenverlegung angesagt sei, kurz vor dem Nachbardorf. Zwei Grenzsoldaten unterhielten sich darüber. Man konnte nun schlecht fragen, wo und wann genau das stattfinden sollte, aber wir meinten doch, die Gegend eingrenzen zu können. Wenn eine Minenverlegung angesagt war, hieß das doch, daß dort noch keine lagen. Das war ja nun mal gute Kunde. Da könnten wir doch zum Beispiel dort entweichen. So beschlossen wir das, setzten den nächsten Samstag fest, an dem es soweit sein sollte. Was wir sonst bedenken mussten, war schnell erledigt. Wir brauchten einen Seitenschneider für den Stacheldraht, da brachte der Autoschlosser in spe einen volkseigenen aus seinem Betrieb mit. Ein paar Beutel Pfeffer waren auch noch schnell besorgt. Manchmal gingen unsere wachsamen Wächter auch mit Hunden auf Streife – wir wollten Pfeffer verstreuen und es ihnen nicht zu leicht machen, den Hunden.
 
Unsere Ausweise und Zeugnisse wollten mit berücksichtigt werden, wer weiß, wozu so ein  GST-Ausweis, ein DSF-Ausweis, ein FDJ-Ausweis, und ein Personalausweis mit gültigem Passierschein gut war. Warm anziehen wollten wir uns auch, denn es war März 1963. Schnee lag keiner mehr, aber kalt war es.

Ich fuhr ins Internat zurück. Wie ich mich von meiner Freundin im Internat verabschieden sollte, wußte ich noch nicht. So einfach "abhauen", ohne ihr was zu sagen, wollte ich nicht. Vertrauen konnte ich ihr.

Ich erzählte ihr also, was geplant war. Kurzentschlossen, mit jugendlichem Übermut ( sie war 16 Jahre alt) verkündete sie: "Da komme ich mit!"
Das war mir nun auch recht.

1963

Es sah aus, als würde es am nächsten Samstag  ernst.

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August 22, 2007

Erlebte Geschichte(n) - 4

 

Die Erinn’rung ist eine mysteriöse
Macht und bildet die Menschen um.
Wer das, was schön war, vergißt, wird böse.
Wer das, was schlimm war, vergißt, wird dumm.
(Erich Kästner)
 
 
Sonnabend, 23. März 1963
 
Die Internatsschüler rüsteten sich fürs Wochenende. Viele fuhren nach Hause, einige blieben im Internat, lernten, gingen sonstigen Verpflichtungen nach oder genossen einfach das Wochenende.
 
Ich hatte „klar Schiff“ gemacht. Einige Dinge wurden weggeschmissen, wichtige Dinge ( Zeugnisse, Ausweispapiere) waren eingepackt.
 
Noch gute Klamotten anziehen, die DDR-Lederjacke drüber, fertig.
 

Gehst du Lederol bekleidet, jeder Westler dich beneidet

Halbstarke in der DDR

 
Lederersatz Lederol, "Präsent 20", Dederon, Wolpryla und Grisuten waren Versuche der Textilindustrie, mit neuen Fasern mehr Farbe und Qualität in den Handel zu bringen. Den von den Käufern erwarteten West-Chic aber lieferten die Modehäuser dennoch nicht. Mode in der DDR hatte auch eine politische Dimension. Wer in den 50er und 60er Jahren in Jeans gekleidet zur Schule kam, musste sich die Frage gefallen lassen, wie es denn mit seinem Klassenstandpunkt aussehe.
 
(Originalzitat: „ Zieh’ in meinem Unterricht das nächste Mal nicht wieder die Hosen des Klassenfeindes an!“ )
 

Auffälliges durfte nicht veranstaltet werden, es sollte für die anderen ja wie ein normales Wochenende aussehen. Meine Freundin war ebenfalls gerüstet. Wir verabschiedeten uns also ins Wochenende und verließen das Internat. Der Abschiedsschmerz hielt sich in Grenzen.

Haupteingang

 

    

DDR-Jugend musiziert

So langsam befiel uns sowas wie Lampenfieber. Oder war es Angst? Beklemmend war es auf jeden Fall. Was wir da vorhatten, war nicht ungefährlich. Würde alles gutgehen? Wir machten uns auf in Richtung meines Heimatdorfes, sprich: Richtung Grenze. Wir hatten Zeit, am frühen Abend wollten wir uns an einem verabredeten Platz mit meinem Schlosserfreund Lothar treffen. Lothar wusste, wie es im Westen aussah, er war bereits 1962 einmal „getürmt“, aber auf Betreiben seiner Eltern bald darauf wieder in die DDR zurückgekehrt.

Wir gingen die gesamte Strecke zu Fuß, denn in Bahn oder Bus wären wir kontrolliert worden, was für mich kein Problem darstellte, aber Karin hatte natürlich keinen Passierschein für die 5-KM-Sperrzone, hätte auch keinen bekommen. So war sie auch noch nie bei mir zu Hause gewesen. Die Waldwege, welche wir entlang wanderten, waren mir von Fahrradexkursionen her bekannt. Kontrollen gab es da so gut wie keine. Nur ein zufällig auftauchender freiwilliger Grenzhelfer, ein Einheimischer, hätte uns gefährlich werden können. Die Bewohner der grenznahen Gegend waren gehalten, fremde Personen zu melden. Ich vertraute auf meine Ortskenntnis und darauf, daß wir uns auch dann schon irgendwie würden herausreden können, wenn sich jemand für uns interessierte. Immerhin hatte ich einen Passierschein, nun brachte ich eben mal meine Freundin am Wochenende mit nach Hause. Na ja, ohne zweiten Passierschein war das verboten, aber wir waren ja spontane junge Menschen voller Initiative, deren Zeit einfach nicht gereicht hatte, sich um alle Formalitäten zu kümmern. Wir kamen viel zu früh in der Nähe meines Dorfes an. Wo die stationären Kontrollhäuschen waren, wußte ich. Da machten wir einen weiten Bogen drum. Wir saßen eine Weile im Wald herum, wäre es Sommer gewesen, hätten wir es mehr genossen. Die Zeit, Lothar zu treffen, rückte näher, er wollte am verabredeten Ort mit seinem Motorrad, einer alten NSU, erscheinen. Wir fingen an, auf Motorengeräusche zu achten. Nichts zu hören. Nach einer langen Weile immer noch nichts. Irgendwann hörten wir, daß sich jemand zu Fuß näherte. Aus dem Wald heraus geäugt. Es war Lothar. Seine Maschine war nicht angesprungen, lange Basteleien wollte er nicht veranstalten, also kam er Fuß. Zunächst irritiert, daß ich jemand mitgebracht hatte, akzeptierte er aber bald, daß wir uns eben zu dritt strafbar machen würden, wenn wir denn erwischt würden. Auftauchende Gedanken, daß uns schlimmeres passieren könnte, verdrängten wir wieder. Also, auf ins Dorf, und kurz durchs Dorf, Richtung Nachbardorf. Zu dritt, davon zwei einheimisch, allen bekannt, das schien kein Risiko zu sein. Wir wurden auch nicht sehr beachtet. Ein ehemaliger Klassenkamerad aus Grundschulzeiten kam uns entgegen und freute sich, uns zu treffen. Wir erzählten ihm, daß Karin zu Besuch bei mir sei. „Hat sie denn einen Passierschein bekommen“?
Wir bejahten, ohne dieser Frage weiter nachzugehen. Was wir denn noch so vorhätten? Offensichtlich war ihm langweilig. Uns war nicht langweilig, loswerden mussten wir ihn aber wieder irgendwie. Wir erzählten also, daß wir erst einmal noch nach Hause müssten, verabredeten uns mit ihm für den späteren Abend. Im Kulturhaus wollten wir uns treffen. Etwas zweifelnd merkte er sich den Termin.

Viel später erfuhr ich, daß er einen Verdacht hegte, was wir vorhatten und höchst verärgert darüber war, daß wir ihn nicht eingeweiht hatten. Er wäre sofort mitgekommen. Woher sollten wir das nun wissen?

Flucht aus der DDR

 
Die Dämmerung hatte eingesetzt, wir gingen auf der Straße ins Nachbardorf. Links neben der Straße befanden sich Bahngleise, hinter den Gleisen stieg eine Wiese an bis zum Wald, oben im Wald war die Grenze. Hier auf der Straße hätten wir immer noch Ausreden parat gehabt, denn auch im Nachbardorf gab es Kneipen und ehemalige Klassenkameraden, die man dann notfalls eben besuchen hätte wollen.
Abseits der Strasse, nach Überqueren der Gleise, wäre man mit solchen Ausreden nicht mehr erfolgreich gewesen. Hier begann die sogenannte 500-m Zone, in der sich sogar Einheimische nicht mehr aufhalten durften, es sei denn unter militärischer Bewachung. Bauern, deren Felder teilweise in dieser Zone lagen, wurden während ihrer Feldarbeit vor dem Klassenfeind beschützt, man passte auch auf, daß sie nicht wegliefen. Es schien uns sicherer zu sein, wenig von uns sichtbar werden zu lassen. Wir schmissen uns also auf die Bäuche, jeder auf seinen, und robbten hangaufwärts, Büsche als Deckung nutzend, lauschend, witternd, aufgeregt. Die vormilitärische Ausbildung durch die GST kam uns zupass. Wir hatten gelernt, wie man sich auf dem Bauch robbend bewegt, wir hatten gelernt, leise zu sein, wir waren Kundschafter in eigener Sache. Wenige Male fuhr auf der Straße ein Auto vorbei, die Scheinwerfer leuchteten vage den Hang mit aus, wenn der Fahrer die wenigen Kurven fuhr, die es gab. Wir lagen dann jeweils ganz still, ich war froh, eine schwarze Lederoljacke anzuhaben, auch die beiden anderen trugen dunkle Kleidung.Bald war man auch von der Straße aus nicht mehr zu erkennen. Der Waldrand kam näher, jetzt mussten wir unser Augen- und Ohrenmerk mehr dorthin richten. Am Waldrand saßen die Grenzer gern und beobachteten, es gab wohl auch Unterstände, die man nicht leicht erkennen konnte. Wir registrierten die erstaunlichsten Geräusche. Ein Zug war zu hören, selbst Geschrei von weit her drang zu uns, galt aber erkennbar nicht uns. Dunkel wars geworden, wir mussten uns umso mehr auf unsere Ohren verlassen.
Irgendwann hörten wir etwas, was nicht schön klang: Ein Hund hechelte, es hörte sich an, als zöge er eifrig an der Leine und würde zurückgehalten. Wie weit das weg war, konnten wir nicht einschätzen, die Nacht trug Geräusche weit durch das Tal und auch den Hang hinauf. Wir verstreuten Pfeffer um uns herum. Schön war die Vorstellung nicht, daß so ein Schäferhundvieh geifernd vor mir auftauchen könnte. Machen konnte man aber sonst nix weiter. Irgendwann war es wieder ruhig, wir robbten weiter bergauf. Zentimeter um Zentimeter näherten wir uns dem Waldrand, im Wald war es leichter, da konnte man aufstehen, sich auch besser verbergen.Lothar machte plötzlich Zeichen mit seinen Händen, wir krochen zu ihm. Vor ihm in ca 20 cm Höhe, verlief ein Draht. Dünn, von einem Fußgänger nicht auszumachen. Wären wir nicht gerobbt, hätten den Draht nicht gesehen, wären wir da wahrscheinlich hineingelaufen und hätten Alarm ausgelöst, still oder vielleicht auch Signalraketen. Den Draht überstiegen wir, machten uns untereinander klar, daß wir gründlich Ausschau halten sollten, bevor wir den Wald erreichten. Richtig, ein weiterer Stolperdraht war auszumachen. Wie die Störche im Salat traten wir danach in den Wald. Gar nicht so dumm, diese Signaldrähte kurz vor dem Wald zu spannen. Der Impuls, schon etwas vorher aufzustehen und schnell in den Wald zu rennen, war groß gewesen. Gut gegangen wäre das nicht.
 
Im Wald war es angenehmer, solange man ruhig herumstand. Gingen wir langsam hangaufwärts, merkten wir, was für einen Krach wir da eigentlich veranstalteten. Bei jedem Schritt knackte und krachte ein Ast unter den Füßen, so kam uns das jedenfalls vor. Vorsichtig ging es weiter. Gegen 21.00 Uhr hatten wir die 500m-Zone betreten, jetzt war es ca. 23.00 Uhr.
 
Vor uns war etwas zu erspähen. Eine kleine Lichtung im Wald. Ein lichter Streifen, eher. DER Streifen. Der Todestreifen. Auf jeder Seite des Streifens, ca. 5 – 6 m entfernt, war ein Stacheldrahtzaun zu sehen. Betonpfähle.
 
Das schauten wir uns genauer an. Ohne Zweifel, wir waren am sogenannten doppelten Grenzzaun. Was wir weiter wahrnahmen, war aufregender. Ca. 50 m rechts von uns war ein hölzerner Wachturm zu sehen. In der kleinen Hütte auf dem Turm erkannte man ein Fenster. Dunkel. 
 
Das beobachteten wir eine lange Zeit, keine Bewegung war wahrzunehmen. Kein Wachtposten machte da oben Geräusche, Zigarettenglut sahen wir auch nicht. Alles deutete darauf hin, daß der Turm unbesetzt war.
 
Nachdem sich etwa 15 Minuten rings um uns nichts bewegt hatte, schlichen wir auf den ersten Zaun zu. Lothar hatte den Seitenschneider parat, knipste die beiden unteren Drahtreihen durch.
Wir bogen die Enden nach rechts und links weg, hielten sie auseinander. Meiner Freundin ließen wir den Vortritt, höflich, wie man uns das beigebracht hatte. Sie sollte am zweiten Zaun auf uns warten. Viel anderes blieb ihr auch nicht übrig. Wir zwängten uns nacheinander auch durch die Lücke, halfen uns dabei und gingen vorsichtig zum gegenüberliegenden Zaun, wo Karin kauerte. Erneutes Knipsen, zweite Lücke im Zaun, selbe Reihenfolge. Das Loch im Stacheldraht war etwas klein geraten, ich blieb mit meiner Lederol-Jacke hängen. Lederol gegen Stacheldraht, es war wenig verwunderlich, wer da nachgab. Am Rücken spürte ich den Riß, konnte mit der Hand auch das Loch im Rücken ertasten. Die Jacke war hin. Ich zog sie aus, viel war nicht in den Taschen, die Dokumente trug ich körpernäher.
 
Das Lederol hatte auch an den Ärmeln gelitten, für robbende Fortbewegung und Republikfluchten war der Stoff offensichtlich nicht entwickelt worden. Nahm ich nun schon mal Abschied von der DDR, konnte ich auch gleich Abschied von der Jacke nehmen. Ich hängte die Jacke an einen Betonpfeiler und wir gingen weiter westwärts, sprich bergauf. Ich hatte einen schicken Rollkragenpullover an.
 
Nun befanden wir uns zwar jenseits der Drahtzäune, wir wußten aber, daß dies noch nicht die eigentliche Grenze war. Die kam erst noch, aber wann? Es kam gar nix weiter. Wir bewegten uns weiter in die Richtung, die richtig zu sein schien, irgendwann sahen wir ein Schild: „HALT! Hier Zonengrenze!“ stand auf der Rückseite.
 
Wir standen mitten im Wald. Wir waren ohne Zweifel im Westen . Wir hatten es geschafft.

Wie ging es nun weiter?

(Fortsetzung folgt)

 

Nach der Wende gelang es mir, das Polizeiprotokoll dieses Tages zu beschaffen:

Protokoll

 

 
 
 
 
 
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August 24, 2007

Erlebte Geschichte(n) - 5

 

Alles, was man zum Leben braucht, ist Ignoranz und Selbstvertrauen.
Mark Twain

 

Da standen wir nun im westlichen Wald, der genauso aussah wie der östliche.

Mitternacht war vorbei. Wir begannen, westwärts zu wandern. Von Zivilisation weit und breit keine Spur. Irgendwann beschlich uns die Furcht, aus Versehen wieder auf DDR-Gebiet zu gelangen. Der Grenzverlauf war in der Tat sehr gewunden und diese Gefahr bestand durchaus. Wir beruhigten uns damit, daß wir dann ja wieder auf den Grenzzaun hätten stoßen müssen. Eine leichte Unsicherheit blieb aber bestehen.

Kartenansicht

Irgendwann erspähten wir in der Ferne Lichter, auf die wir zusteuerten. Es war ein Dorf, welchem man von weitem nicht ansah, ob da Sozialisten oder Kapitalisten hausten. Wir würden es herausfinden. Als wir die ersten Häuser passierten, rätselten wir noch immer. Ein Ortsschild hatten wir nicht gesehen. Die Bewohner schienen alle in tiefem Schlaf zu liegen. Endlich sahen wir erhellte Fenster. Es war die Dorfkneipe, darin war noch Betrieb. Außen hing ein Zigarettenautomat, der uns offiziell bestätigte, daß wir im gelobten Land waren. Wir wollten die Gastwirtschaft betreten, die Tür war verschlossen. Betriebsamkeit war aber noch zu erkennen, wir klopften an die Tür. „ Geschlossen“, rief jemand von drinnen. „ Hier ist nur noch geschlossene Gesellschaft“. Wir klopften weiter, bis ein verärgerter Mensch erschien, dem wir erzählten, wie und woher wir vor seine Tür gelangt waren. Er glaubte uns nicht.
„Da kommt doch mittlerweile keiner mehr rüber“ – war seine Ansicht, die wir sofort durch Herzeigen eines unserer Personalausweise widerlegten. Darauf wurden wir in die Kneipe gebeten. Einige Nachtschwärmer hockten da noch und betrachteten uns mit Interesse.
 
Einer der Gäste war Angehöriger des Bundesgrenzschutzes, in Zivil und außer Dienst, aber nüchtern genug, um die Situation in die Hand zu nehmen. Er bestellte jedem von uns erstmal einen Halben, zu essen gab’s um diese Zeit ( ca. 1:30 Uhr) längst nichts mehr. Dann telefonierte er mit seiner Dienststelle in Ludwigsstadt. Wir erfuhren, daß wir abgeholt werden würden, bis dahin war Gelegenheit, einen weiteren Halben spendiert zu bekommen. Es gefiel uns im Westen.
 
Es war nach 2:00 Uhr, als ein VW-Käfer mit einem Uniformierten vorfuhr. Der fuhr uns wenige Kilometer von Lauenstein nach Ludwigsstadt, zum Bahnhof. „Jetzt schlaft Euch erst mal aus, morgen früh geht’s weiter“, mit diesen Worten lieferte er uns bei der Bahnhofsmission ab.
Dort nahmen uns zwei christliche ältere Damen in Empfang, die wohl von ihm schon informiert worden waren, denn sie hatten schon Schlafstätten für uns parat, in getrennten Räumen, Männlein und Weiblein getrennt.
Das war uns nun gar nicht recht. Aufgekratzt, wie wir waren, beflügelt durch 2 halbe Liter bayerischen Bieres, wollten wir zusammen in einem Raum bleiben, um uns weiter unterhalten zu können. Da hatten wir aber die Rechnung ohne die dort herrschende christliche Moral gemacht. Das ging nun nicht.
 
Das sollte der freie Westen sein? Da war man ja in der DDR großzügiger. Murrend fügten wir uns den Gegebenheiten. Es war ja nun auch an der Zeit, tatsächlich schlafen zu gehen. 
 
Besorgt um unser und ihr Seelenheil kontrollierten die ansonsten hilfreichen christlichen Damen alle halbe Stunde, ob auch jeder in seinem Bettchen geblieben war für den Rest der Nacht. Schlimmer als im Internat, konnte ich noch denken, dann fielen mir doch die Augen zu.
 
Geweckt wurde ich von Kaffeeduft, der nicht im mindesten an Bohnenkaffee erinnerte.

Trink Kathreiner, war die Devise. Der Sonntagmorgen, 24. 03.1963, brach an.  

 

Was würde der erste Tag im Westen für uns bereithalten?
 
Fortsetzung folgt
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August 27, 2007

Erlebte Geschichte(n) - 6

Wer flieht, kann später wohl noch siegen.
Ein toter Mann bleibt ewig liegen.
Samuel Butler (Werk: Politischer Blumengarten 1)

   
Beim Frühstück überraschte uns eine der christlichen Damen mit der Mitteilung, daß draußen auf dem Bahnhofsparkplatz ein Amerikaner auf uns warte. Er säße in seinem Auto und wir sollten in Ruhe zu Ende Kaffee trinken. Das war ja nun interessant. Wer war das und was wollte der? Woher wußte der, daß es uns gab? Wir beeilten uns, gingen hinaus und bestaunten einen Straßenkreuzer. Ein typischer Ami, der erste, den wir zu Gesicht bekamen, saß drin und strahlte uns mit seinem Stiftekopf an. Er sei von der Murmel--- Murmel---Dienststelle. Hatten wir das richtig verstanden? Geheimdienst? Schon wurde das Leben wieder spannend. Was wollte der von uns? Informiert hatte ihn der Bundesgrenzschutz. Nun wollte er sich etwas mit uns unterhalten. Das könne im Auto geschehen. Wir stiegen neugierig ein. Leider startete er den Motor nicht, sondern machte sich Notizen. Fragte uns zu diesem und jenem, fragte sogar, ob wir diese oder jene Personen aus unserem Heimatdorf kannten und ob diese noch da wohnten, wo sie wohnten. Wir waren beeindruckt, was er alles wußte. Er ließ sich unsere Fluchtgeschichte erzählen, betrachtete interessiert unsere Ausweise, fragte, ob wir die FDJ-Ausweise und GST-Ausweise noch brauchten, er würde sie gerne von uns bekommen.
Als Gegenleistung bot er uns eine Stange Zigaretten an, das konnten wir nicht abschlagen. Was sollten wir schon mit den Ausweisen anfangen. Er interessierte sich auch für unsere Zange, mit der wir den Stacheldraht durchgeschnitten hatten. Ob er die auch haben dürfe? Eine weitere Stange Zigaretten wechselte den Besitzer. Was hatte der viele Zigaretten in seinem Auto. Irgendwann interessierte ihn nichts mehr, wir stiegen aus und er fuhr fort. Der nächste Termin wartete schon auf uns: Wir sollten zum Bundesgrenzschutzbüro kommen, dort wolle man ein Protokoll anfertigen.
 

Auf dem Weg dorthin betrachteten wir voller Interesse die kleinstädtische Umgebung. Sieh an, auch hier gab es Agitation und Propaganda: Waren wir aus der DDR Transparente gewohnt, auf denen in großen Buchstaben stand: „ Die Partei bleibt die stärkste Kraft der Arbeiterklasse!“, sahen wir hier ein Plakat, auf dem in großen Buchstaben stand:

„Persil bleibt Persil!“ Das war kürzer, klang aber auch interessant. 

Beim Bundesgrenzschutz erzählten wir erneut, was wir bereits dem großzügigen Amerikaner mitgeteilt hatten. Besonders interessiert waren die BGS-Leute an der genauen Stelle, wo wir die Grenze passiert hatten. Wir versuchten dies, so gut wir konnten, zu beschreiben, die Beamten schauten uns ernst an und teilten uns mit, daß wir ein Minenfeld passiert hätten. Wir schauten darauf hin uns untereinander an. „Gesehen haben wir keine, auch keine Warnschilder – wir waren der Meinung, dieser Grenzabschnitt sei noch nicht vermint“ – gaben wir zu Protokoll.

Meine Freundin versuchte einen Witz: „Deshalb habt ihr mich zuerst durch den Zaun gelassen, ich sollte wohl mal testen, ob’s vermint war?“

Uns war nicht zum Lachen zumute. Wir wurden wieder in den Käfer gebeten, dann fuhren wir an die Grenze, um die Stelle, wo sich für uns der Osten in den Westen verwandelt hatte, unter uniformierter Obhut bei Tageslicht zu betrachten. Am Tage sah das alles etwas anders aus, aber wir meinten, doch die Stelle erkennen zu können. Wir fanden auch das Schild „HALT! Hier Zonengrenze!“ wieder, am Zaun war nichts zu erkennen, meine Jacke hing dort auch nicht mehr. In der Nähe, auf westdeutschem Gebiet, standen noch weitere Warnschilder: 

„Vorsicht! Wirkungsbereich sowjetzonaler Minen!“

Minenfeld

(Das Bild habe ich ca. 1 Jahr später, an etwas anderer Stelle, von bundesrepublikanischer Seite aus aufgenommen) 

Was hatten wir für ein Glück gehabt. Nix wie rein in den Käfer, im Beisein des BGS-Beamten fühlten wir uns doch wohler.
 
Wir fuhren zur Wache zurück, dort eröffnete man uns, daß wir am nächsten Morgen zunächst mit dem Zug nach Kronach fahren müssten. Ein dortiges Amt würde sich um uns kümmern, Fahrkarten dorthin bekamen wir ausgehändigt.
 
Am Nachmittag erschien unser amerikanischer Freund wieder. Diesmal schaute er nicht so fröhlich, wie am Morgen. Eigentlich war er sogar unfreundlich. Wir sollten ihm endlich die Wahrheit erzählen, sagte er, denn unsere Geschichte, wie wir sie ihm am Morgen aufgetischt hätten, könne doch nicht stimmen. Wir schauten uns verdutzt an. Was war mit dem los?
Wir fragten nach. Er habe veranlaßt, daß unsere Zange im Labor untersucht wurde. Dabei hätten die amerikanischen Spezialisten festgestellt, daß damit noch nie irgendwelcher Draht geschnitten worden sei, schon gar kein Stacheldraht. Das könne man feststellen. Und wir sollten jetzt endlich mit der Wahrheit herausrücken: Wer hätte uns geschickt, was wäre unsere Aufgabe im Westen? Wenn wir alles zugäben, wäre es für uns leichter, sagte er.
 
Wenn es nicht so ernst gewesen wäre, hätten wir laut gelacht. So antworteten wir ernst, daß unsere Berichte bisher der Wahrheit entsprächen, außerdem wären wir sicher, mit eben jener Zange eben jenen Stacheldraht zerschnitten zu haben. Vielleicht habe sein Labor nicht richtig untersucht.
 
Mit diesen unseren Beteuerungen gab er sich denn auch zufrieden, weitere Stangen Zigaretten, wie wir gehofft hatten, gab es nicht. Er fuhr wieder weg.
 
Wir waren der einhelligen Meinung, die Amis seien Idioten, ein Bundesgrenzschutzbeamter, dem wir diese skurrile Episode erzählen, meinte lapidar. „ Der hat halt mal auf den Busch klopft…dös machens scho' mal… die Amerikaner. Vielleicht seids Ihr ja auch wirklich geschickt worden…“
 
Das war nun ärgerlich, daß man uns nicht ganz vertraute, wir versuchten es zu verstehen.
Es war ja auch gut, daß gründlich untersucht wurde, was der Hintergrund unserer Flucht war.
Komisch war es, daß wir die Einzigen waren, die sicher wußten, daß wir in niemandes Auftrag im Westen erschienen waren.
 
Am nächsten Morgen sollten wir weiter fahren, zunächst nach Kronach, zum Jugenamt, oder Landratsamt, das erinnere ich nicht mehr genau. Von dort würde veranlaßt, daß wir nach Gießen fahren würden, in das zentrale Notaufnahmelager. Das sei notwendig, da müsse auch jeder hin.
 

Was würde uns in Gießen erwarten? Wir waren gespannt!

 

Fortsetzung folgt

 
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August 28, 2007

Erlebte Geschichte(n) - 7

Albert Norden, Mitglied des SED-Politbüros und -Zentralkomitees, agitiert die Grenzbrigade Berlin, Skrupel zur Tötung von Menschen abzubauen: "Ihr haut alle diejenigen auf die Finger, die ihre Schweineschnauze in unseren sozialistischen Garten stecken wollen. (...) Ihr schießt also nicht auf Bruder und Schwester, wenn ihr mit der Waffe den Grenzverletzer zum Halten bringt. Wie kann der ein Bruder sein, der die Republik verläßt, der die Macht des Volkes verrät, der die Macht des Volkes antastet. Verrätern gegenüber menschliche Gnade zu üben heißt, unmenschlich am ganzen Volk zu handeln."
 
 
_________________________________________________________________________________________
 
 
Nach Kronach waren es nur wenige Kilometer zu fahren. Dort erhielten wir unsere Fahrkarten nach Gießen, sowie die Information, daß meine Freundin von dort – nach erfolgter „Einbürgerung“ -  von ihren Verwandten aus Regensburg abgeholt würde.
 
Mein Freund war bereits 18 Jahre alt, nach DDR-Recht volljährig, auch in der BRD galt er als volljährig. Der Problemfall war ich: 17 Jahre alt, weder hier noch dort volljährig. Ein Beamter in Kronach (Jugendamt?) sagte mir: „Wenn Deine Mutter einen Antrag stellt, Dich zurückzusenden“ müssen wir das tun. Sie ist die Erziehungsberechtigte.“ Würde meine Mutter das tun? Ich hatte ihr morgens ein Telegramm geschickt, daß ich gut im Westen angekommen sei. Das Telegramm hat sie nie erhalten, wie sie mir später erzählte, wurde sie von Stasi-Angehörigen aufgesucht und bedrängt, mich zurückzuholen. Gott sei Dank lehnte sie dies ab, was ihr nicht gerade Vorteile einbrachte.
 
Was sie mir viel später erzählte, war interessant: Bereits am Sonntagmorgen erschienen zwei „Ermittler“ bei meiner Mutter, hatten meine Jacke bei sich und fragten sie, wo ich mich aufhielte. Auf der Stelle begann sie, sich Sorgen zu machten und ahnte, daß  irgendwas vorgefallen sei. (Im Internat mussten wir alle Kleidungsstücke mit Namensschildern kennzeichnen, so befand sich auch in meiner Jacke ein Wäscheband mit meinem Namen, das erleichterte die Fahndungsmassnahmen der "Organe" erheblich.)
 
Die Konversation muß folgendermaßen gewesen sein:
 
„ Wo hält sich denn Ihr Sohn auf?“
„ Wo soll er sein! Im Internat!“
„Da isser nich’!
„Wo isser denn dann?“
„Das wer’n Se früh genug erfahr’n!
 
Mich beunruhigte diese drohende Rückverfrachtung sehr. Was würde ich machen, wenn man mich in die DDR, in die Obhut der Stasi und in die Obhut meiner Mutter zurückexpedieren müsste.
 
Ich entwickelte einen Notfallplan. Ich würde nach Frankreich weiterflüchten, dort irgendwie „überwintern“,  bis ich 18 Jahre alt sein würde. Es kam nicht dazu, heute bedauere ich das. Mit Sicherheit hätte ich besser Französisch gelernt, als ich es mir heute zurechtstammele.
In der Schule hatte ich nie Französisch gelernt, nur Russisch und Englisch.
 
Es gelang uns in Kronach noch, den dortigen Amtsträgern ein Weg- und Zehrgeld „abzuschwatzen“, denn bis nach Giessen dauerte es eine Weile. Wir wollten da nicht ausgehungert und verdurstet ankommen. Das sah man ein, gab jedem von uns 5 DM und den Ratschlag, uns dies gut einzuteilen, nichts Unnötiges zu kaufen. Wir versprachen es und kauften uns jeder eine Flasche bayerischen Bieres. Das hatten wir ja bereits kennengelernt.
Zigaretten hatten wir noch in ausreichender Menge, Ami-Zigaretten sogar. Für die Grundbedürfnisse schien gesorgt.
 
Das Aufnahmelager in Giessen liegt nicht weit vom Bahnhof.
 
Notaufnahmelager: Gießen (a.d.Lahn), (für DDR-Flüchtlinge)
Das Lager in Gießen wurde 1945 als Durchgangslager für Flüchtlinge und Vertriebene im damaligen Großhessen (heutiges Bundesland Hessen) in der US-Besatzungszone eingerichtet. Im Jahre 1947 wurde es zum Regierungsdurchgangslager für alle Flüchtlinge für das damalige Großhessen. Im September 1950 wurde es in Notaufnahmelager Gießen umbenannt und war nun bundesweit zuständig (Bundesnotaufnahmelager). Im Mai 1986 wurde das Bundesnotaufnahmelager Gießen zur Zentralen Aufnahmestelle des Landes Hessen und erlebte 1989, nach Öffnung der Grenzen zur DDR, einen ungeheuren Ansturm von DDR-Flüchtlingen. Seit 1993 ist die Funktion als Notaufnahmelager eingestellt. Heute ist es Erstaufnahmestelle der Landes Hessen für Ayslbewerber.
 
Als zentrales Aufnahmelager für die gesamte Bundesrepublik für „Ostzonenflüchtlinge“ war es sicher bis zum August 1961 (Mauerbau) gut ausgelastet. Als wir dort ankamen, machte alles einen verlassenen Eindruck. Wenige DDR-Flüchtlinge befanden sich dort, sämtliche Dienststellen waren aber noch vorhanden. Mich beschlich das Gefühl, daß alle dort Beschäftigten, was immer sie auch trieben, froh waren, wieder etwas zu tun zu bekommen. Wir erhielten Laufzettel und waren eifrig damit beschäftigt, Stationen abzuarbeiten. Diesmal lernten wir auch englische Befrager kennen, der katholische Pfarrer gab uns Gutscheine zum Schuhekauf (wenn schon nicht für unsere Seelen, so konnte er doch für unsere Sohlen sorgen), der evangelische Pfarrer wollte dem nicht nachstehen und gab uns Gutscheine zum  Hosen- und Jacken-Kauf. Er gab uns auch den Rat, keine Nietenhosen zu kaufen, wobei er resignierend bemerkte, daß wir das wahrscheinlich doch täten. Alle täten das. Wir gaben zu, daß wir das auch vorhätten.
Warum uns der Pfarrer von den Hosen des Klassenfeindes abriet, verstanden wir nicht. Er meinte, damit sei man nicht richtig angezogen. Sie kosteten damals aber auch nur ca 25 DM.
 
Irgendwann erhielten wir, neben unseren Bundespersonalausweisen, auch ein sogenanntes Eingliederungsgeld von 150 DM, damit konnte man schon wieder einkaufen gehen.
 
Für mich kristallisierte sich folgende Möglichkeit heraus. Ich könnte eine Internatoberschule besuchen. In welches Bundesland ich denn gehen wolle, wurde ich gefragt. Ich kannte da nun keines genauer, sagte aber, daß mir die Schwarzwald-Gegend zusagen würde, denn ich stellte mir das ähnlich vor wie den Thüringer Wald. Landschaftlich hatte mir das ja schon gefallen.
 
Also Baden-Württemberg. Da gäbe es was Passendes für mich:
 
Christophorusschule Altensteig, ein Gymnasium in der  Regie des CJD. (Christliches Jugenddorfwerk Deutschland) mit angeschlossenem Internat.
 
Vom Christlichen Jugenddorf hatte ich noch nichts gehört, Internatsbetrieb war mir aber nicht fremd, schreckte mich nicht.
 
Ich kleidete mich also auch noch ordentlich ein, kaufte von meinen 150 DM einen Anzug, ein Hemd, einen Schlips, einen Koffer. Der Anzug war preisgünstig, dunkelblau, passte, sah gut aus und taugte überhaupt nichts. Das merkte ich wenig später, als ich damit einmal in den Regen geriet. Die Hose lief beim Trocknen ein und war dann 10 cm kürzer, das nasse Jackett hatte mein weißes Hemd stellenweise blau gefärbt.

Die Bügelfalte war noch nicht einmal mehr zu erahnen.

Was wurde hier im Westen bloß für ein Schrott produziert? Oder hatten sie den günstig aus dem Osten importiert?
 
Einige wenige andere jüngere Zonenflüchtlinge waren ebenfalls noch im Lager Giessen. Wir hatten wenig Kontakt mit ihnen, man hatte uns auch geraten, vorsichtig zu sein. Die Stasi hätte ihre Ohren überall, auch im Westen.
Seltsame „Vögel“ waren unter ihnen, zwei kamen nach Erhalt des Begrüßungsgeldes aus der Stadt zurück und zeigten uns stolz ihre Gasrevolver, die sie in einem Waffengeschäft erstanden hatten. Was sie damit wohl anstellen wollten? Na ja, das konnte mir egal sein.
 
Ich hatte andere Sorgen. Meine Freundin war von ihren Verwandten abgeholt worden, wir hatten uns, so kam es mir vor, nicht mal richtig verabschieden können. Schreiben wollten wir uns immerhin. Ihre Verwandten verhielten sich mir gegenüber merkwürdig, als hätte ich die 16-jährige verführt. Zur Republikflucht und was weiß ich, wozu noch. Das war doch alles ihre eigene Entscheidung gewesen, Einzelheiten wurden aber nicht weiter erörtet. Offensichtlich gehörte ich nicht zur Famile.
 
Dann machte ich mich auf den Weg, meiner schulischen Zukunft entgegen. Nach den Osterferien sollte ich in der 12. Klasse anfangen. Meine mitgebrachten Zeugnisse waren von Nutzen gewesen. Der Einfachheit halber sollte mein Freund Lothar mit dorthin kommen, vielleicht fand sich für ihn auch eine Möglichkeit, die Schule weiter zu besuchen. Er schien davon nicht sehr angetan, kam aber mit.
 
Was uns erwartete:
 
 
 
Wie würde der erste Schultag aussehen?
 
 
Fortsetzung folgt
 
 
Empfehlung bis dahin: Lektüre über Republikflucht      
 
 
 
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August 29, 2007

Erlebte Geschichte(n) - 8

Schulbildung schadet niemandem, sofern er sich später die Mühe macht, etwas Ordentliches zu lernen.
(Karel Soltan)

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Das Internat in Altensteig lag oben am Berg. Schöne neue Gebäude, sowohl die Unterkünfte als auch das Schulgebäude. Wir meldeten uns im Sekretariat, meine Eingliederung in den Schulbetrieb schien keine Probleme zu machen.

„Du kommst in die 12. Klasse, aufgrund Deiner Zeugnisse können wir das machen.
Außerdem ist dies die letzte Klasse, in der noch Russisch unterrichtet wird. Es kommen ja keine Schüler aus der Ostzone nach.“  

So wurde mir das gesagt.

 

CJD Altensteig

Na prima, da hatte ich also die 11. Klasse übersprungen, denn in der DDR war ich ja gerade in der 10. Klasse gewesen. So ein Systemwechsel hatte doch nur Vorteile, wie es aussah.
Ich wurde zum Direktor gebeten. Ein kleiner, gemütlicher älterer Herr erwartete mich, mit erkennbarer Sympathie für Leute, die aus der Sowjetischen Besatzungszone geflüchtet waren.

„Hock Di naa…“  sagte er nach der Begrüßung zu mir. Da er dabei auf einen Stuhl deutete, schloß ich, daß dies eine Aufforderung zum Platz nehmen sein solle.

Auch er ließ sich meinen Hintergrund schildern, fragte dann nach meinen Sprachkenntnissen. „Was für Fremdsprachen kannst Du denn?“

Stolz zählte ich auf:
Russisch, Englisch, sogar etwas Latein fand sich in meinem Repertoire (als fakultative 3. Fremdsprache)
Ungerührt kam seine Rückfrage: „Kannscht au’ hochdeutsch schwätze?“
Mein Thüringer Dialekt, der für ungeübte Ohren wie Sächsisch klang, schien keinen Anklang zu finden. „Du Orschloch“  – dachte ich so bei mir und beschloß, mir meinen Dialekt abzugewöhnen, was mir später auch gut gelang, als ich aus dem schwäbischen Sprachgebiet wegzog. 

Ich bekam ein Stipendium aus Mitteln des Bundesjugendplans, wurde als politischer Flüchtling anerkannt und erhielt den sogenannten C-Ausweis. Dieser hätte mir etwas genützt, wenn ich berufstätig gewesen wäre, denn er schloß irgendwelche Steuerermäßigungen ein. Als Schüler nützte mir dieses Dokument wenig, aufgehoben habe ich es bis heute.

Ausweis C

 

In meiner Klasse war ich der Exot. Es gab noch 6 weitere ehemalige Ossis, die waren aber alle mit ihren Eltern in den Westen gekommen. Zusammen bildeten wir die Russischklasse. Da war ich nun zuversichtlich. Meine Russischkenntnisse waren gut, in der DDR war ich mit der Herdermedaille in Bronze bedacht worden. Die bekam ja nun nicht jeder.

Drushba

Ein Mensch von der Jungen Union meldete sich bei mir. Ob ich nicht Lust hätte, über meine Flucht aus der kommunistischen Diktatur zu berichten und Fragen der Zuhörer zu beantworten. Sie würden einen Abend organisieren. Man müsse auch aufklären über die unmenschlichen Zustände in der Zone, sagte der junge Unionist. Selbst dort gewesen sei er aber noch nicht, sagte er. Deswegen sei es wichtig, mal eine authentische Stimme von dort zu hören. Ich sagte zu und am besagten Abend erzählte ich nun die Vorgeschichte und Geschichte unserer Flucht und beantwortete Fragen:

„Nein, gefoltert wurden wir in der DDR nicht, auch wenn wir mal was Falsches von uns gaben“

„Nein, Hunger leiden musste man in der DDR auch nicht“.

Einer hatte gehört, daß an einer solchen Schule, wie ich sie in der SBZ besucht hatte, nur Russisch gesprochen werden durfte.

Ich musste lachen. Bestimmte Unterrichtsfächer wurden dort zwar in russischer Sprache abgehalten, aber Umgangssprache war Russisch nun nicht. Außer den Russischlehrern, die in der Sowjetunion studiert hatten, hätten die anderen Lehrer wohl auch „alt“ ausgesehen, wenn wir mit ihnen russisch gesprochen hätten.

Nein, die Lehrer in der DDR waren keine Sadisten. Die meisten waren sogar nett und haben sich sehr um uns bemüht, z. B. meine Klassenlehrerin. 

EOS - Klasse

Natürlich gab es unter ihnen einige… wie sagte ich das nun am besten?… Holzköpfe, Betonköpfe, 150-Prozentige. Vor denen musste man auf der Hut sein. War das im Westen nicht genauso?

Ich merkte, daß jedesmal, wenn ich DDR sagte, die Irritation im Publikum wuchs. Im damaligen Sprachgebrauch war das verpönt, man sagte Zone, Ostzone, SBZ, Sowjetische Besatzungszone oder Mitteldeutschland.

Es machte sich auch eine gewisse Enttäuschung unter den Zuhörern breit. Man hatte nicht auf uns geschossen, es waren keine Minen detoniert bei unserer Flucht. Das war ja denn doch nicht ganz so interessant, wie man vielleicht gehofft hatte.

Geduldig versuchte ich, die abwegigsten Fragen zu beantworten: 
 

Ob es in meinem Russland-Internat eine Gruppe der „Jungen Gemeinde“ gegeben habe? 
Das nun nicht, die hätte aber auch niemand vermißt.  

Seltsame Vorstellungen hatten manche. 

Der Jungfunktionär der Jungen Union zeigte sich im Anschluß enttäuscht.
Er hätte nicht erwartet, daß ein Flüchtling aus der Ostzone so offen kommunistische Propaganda betriebe. Ich hatte aus meinem eigenem Erleben berichtet, Fragen beantwortet, das sollte kommunistische Propaganda gewesen sein? „Du Arschloch“ -  dachte ich so bei mir.

Mein Versuch, mir meinen Dialekt abzugewöhnen, zeitigte schon erste Erfolge.

Unnötig, zu erwähnen, daß ich nicht in die "Junge Union" hineingetreten bin ;-)

Wird fortgesetzt

 

 

Aktuellere Hintergrundinformation

 

Vorgezogene Nachbemerkung:
 
Ende der 60er Jahre begann ich ein Studium in Göttingen. Germanistik und Geschichte. Ein damaliger Freund war Mitglied des „Spartakus“. Das war die Hochschulgruppe der DKP. Deren Mitglieder waren von Sendungsbewusstsein beseelt, er überredete mich, mal mit zu einem Treffen zu kommen. Das interessierte mich nun.
Ich ging mit und wurde präsentiert: „Ich habe heute einen Sympathisanten mitgebracht.“ Für meinen Freund gab das wahrscheinlich Pluspunkte.
 
Im Gespräch mit anderen „Spartakisten“ kamen wir wir auf meine DDR-Biographie zu sprechen. Deren Reaktion auf meine Schilderungen war ablehnend:
 
„Wir hätten nicht erwartet, dass Du hier antikommunistische Propaganda machst!“  
 
Unnötig, zu erwähnen, dass ich nicht in den „Spartakus“ hineingetreten bin  ;-)
 
 
 
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August 30, 2007

Erlebte Geschichte(n) - 9

Die Menschen haben, wie es scheint, die Sprache nicht empfangen, um die Gedanken zu verbergen,
sondern um zu verbergen, daß sie keine Gedanken haben
.
Søren Kierkegaard (1813 - 1855), dän. Philosoph und Theologe

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Der „normale“ Schulbetrieb nahm seinen Lauf. Der Internatsbetrieb war nicht viel anders als gewohnt.
Wecken, Aufstehen, Körperhygiene, Frühstück, Unterricht, Mittagessen, Hausaufgaben, Freizeit. Abendbrot, Freizeit. Körperhygiene, Nachtruhe. 

Vor den Mahlzeiten wurde ein Gebet gesprochen.
Meist dasselbe: „ Komm, Herr Jesus, sei unser Gast….“

Das war in der DDR interessanter. Da wurden reihum vor den Mahlzeiten Sinnsprüche aufgesagt.
Einfallslose Schüler rezitierten: „Lernen, lernen….nochmals lernen! (Lenin). Mahlzeit!

Kreativere Geister reimten selbst:

            „Kartoffeln mit Fleisch,
             und Soße dazu.
             Das läuft durch die Hose,
             bis in die Schuh!“

Im Osten hieß es dann: „Guten Appetit!“ - im Westen sagte man „Amen!“

Der Schulbetrieb war zunächst ungewohnt, nicht so diszipliniert und straff, wie ich das gewohnt war. Es schien auch nicht so sehr von Bedeutung, ob man Hausaufgaben ordentlich gemacht hatte oder nicht, die Kontrollen waren eher lax. Das war ich auch anders gewohnt.

Da konnte man sich ja in Ruhe zurücklehnen. Ich lehnte mich in Ruhe zurück, zumindest in den Fächern, die mich nicht so sehr interessierten, wie z. B. Mathematik und Physik.

Interessant war der Russischunterricht. Meine Mitschüler hatten mich vorgewarnt. Der Russischlehrer sei ein Original, ein alter, ehemaliger weißgardistischer Offizier, nach der Oktoberrevolution in den Westen gekommen, nach meiner Schätzung schon bald 70 Jahre alt. Er hätte so seine Eigenheiten, auf die man eingehen müsse.

Sattelfest, wie ich mich fühlte, ging ich auf nichts ein. Ich mochte es fast nicht glauben, als er erklärte, die von den Sowjets durchgeführte Reform der Sprache und der Rechtschreibung würde von ihm nicht anerkannt. Da war nun mal ein echter Reaktionär. Ich opponierte.

Irgendwann gipfelte unsere Auseinandersetzung in seinem Ausspruch: „Wir lernen hier kein bolschewistisches Russisch, sondern russisches Russisch“

„Aber nicht nur für die junge Sowjetmacht wurde die Rechtschreibreform zum Bestandteil ihres politischen Kampfes. Die russische Aristokratie und vor allem die konterrevolutionären Intellektuellen weigerten sich vehement, die neue Rechtschreibung anzuerkennen. Russische politische Emigranten druckten ihre Zeitungen und Bücher teilweise noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in der alten Rechtschreibung.“ 
 
Das sah nun nicht sehr gut aus für mich. Ich beschloß, mich auch in diesem Fach zurückzulehnen. Daran hinderte mich niemand, aber Zensuren waren trotzdem wichtig. Am Ende des Schuljahres bekam ich auch welche, leider keine guten.
 
Mathematik 5, (Mangelnde Leistung) Russisch 5. (Mangelnde Leistung und mangelnde Beteiligung) Durchgefallen. Sitzengeblieben.
 
Ich mußte die zwölfte Klasse wiederholen, in Altensteig ging das nicht mehr, da eben kein Russischunterricht mehr in der dann nachfolgenden Klasse stattfand. Eine Lösung wurde gefunden, ein Platz im Schwester-Internat Elze/Niedersachsen. Da gab es noch eine zwölfte Klasse mit Russischteilnehmern, dort konnte ich meine „Ehrenrunde drehen
 

Eine Ortsveränderung stand also für mich an - zum Schuljahresende:

 Jugenddorf-Christophorus-Schule Elze.

 
Mein Freund Lothar hatte das Internat Altensteig ebenfalls schon verlassen, nicht ganz freiwillig. Die Schule machte ihm keinen Spaß, er konnte da auch nicht so seinen Autoliebhabereien nachgehen, die darin bestanden, daß er gern damit herumfuhr, auch mit solchen, die ihm gar nicht gehörten. Er war nach Stuttgart entschwunden und wollte als Kfz-Mechaniker arbeiten.
 
 
Da stand nun also wieder mal was Neues für mich an.
 
 
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August 31, 2007

Erlebte Geschichte(n) - 10 und ENDE

Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles, was man in der Schule gelernt hat, vergisst." - Albert Einstein

 

Das Schuljahr 1964 in der Christophorusschule-Elze begann.

 
Dies war nun schon mein drittes Internat seit 1960. So langsam entwickelte ich mich nachgerade zum Internatsspezialisten.
 
Im Gegensatz zu Altensteig (gegründet 1956) war das Internat in Elze älter (1951 gegründet), im Gegensatz zum DDR-Internat (gegründet 1906 als „Freie Schulgemeinde)  war es viel jünger.
 
Auch in Elze war man christlich. Meist. Ich wiederholte also die zwölfte Klasse, gehörte somit wieder zum normalen Altersdurchschnitt. Elfte Klasse übersprungen, dafür eben die darauffolgende zweimal absolviert. In Mathematik verbesserten sich meine Leistungen nicht. Irgendwie hatte ich den Anschluß, das Interesse daran und sämtliche Kenntnisse darin verloren. Also irgendwie durchwursteln. Es gab damals in Niedersachsen das sogenannte Vorabitur. Nach der zwölften Klasse fand also schon das Mathe-Abitur statt. Vorzensur für mich mit mogelnder Mühe 4 – Abiturarbeit Note 6  – ergab nach Adam Riese eine glatte 5. Diese gedachte ich dann im Hauptabitur im Jahr darauf mit mehreren Zweien auszugleichen.
 
Auf wundersame Weise verbesserte sich meine Russischnote wieder. In Elze wurde der Russischunterricht von Olga erteilt, einer patenten Russin, die in den Wirren des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland gekommen war und hier geblieben war.
 
Meine Erzählungen vom Russischunterricht in Altensteig quittierte sie mit ungläubigem Staunen. Daß es sowas noch gab? Warum ich mich nicht bei der Schulaufsicht oder im Ministerium über diesen alten Weißgardisten-Zausel beschwert hätte?
 

Der Hinweis kam nun zu spät. Wenigstens hatte ich aber wieder eine 2 im Zeugnis. Eine 1 mochte Olga mir dann doch nicht geben, da ich ihrer Meinung nach doch zu sehr der Oblomow-Typus sei.

Zu faul - mit anderen Worten. Das dürfe nicht noch belohnt werden. 

Aber ganze Passagen Puschkin auswendig zu lernen, nur um sie beseligt zu zitieren, das lag mir dann doch nicht.  

In den Sommerferien 1965 plante ich mit einem Freund aus Elze eine

Fahrt nach Marokko.

 

Überblick

Diesen Freund hatte ich kennengelernt, weil er, wie ich, in den Ferien nicht nach Hause fuhr. Er war Vollwaise und und lavierte sich auch durch die Schuljahre, dem Abitur entgegen, in meiner Parallelklasse.
 

Unsere Mitschüler beneideten uns wegen unserer Reisepläne. Ihre Eltern würden sowas nicht erlauben, sagten sie. Wir fühlten uns privilegiert.

In der Sierra

 Es wurden spannende Ferien, wir fuhren per Anhalter durch Frankreich, Spanien und setzten von Algeciras über nach Ceuta, trampten weiter nach Tanger.

Tanger

Ich schrieb Postkarten nach Hause, die meine Mutter nicht erreichten, ihr aber eine Aufforderung zum Besuch bei einer Stasi-Dienststelle einbrachten.

 
Dort zeigte man ihr meine Postkarten aus Nordafrika, ohne ihr diese auszuhändigen und ängstigte sie mit der Bemerkung: „ Sehn’se, jetzt isses soweit. Ihr Sohn ist nun bei der Fremdenlegion gelandet. Das ham’ mir ihnen doch prophezeit, daß das passiert, wenn Se ihn’ nich’ zurückhol’n.“
 
Das waren wirklich kranke Hirne, denen sowas entsprang.
 
Im Übrigen schickte ich auch ab und an brav meine Päckchen nach „drieben“.
„Geschenksendung – Keine Handelsware“
 
Als wieder eines bei meiner Mutter anlangte, war sie beruhigt, daß ich doch nicht Fremdenlegionär geworden war.
 
To make a long story short:
 
Abitur legte ich im März 1966 ab, den Notendurchschnitt verschweige ich mal vornehm – aber bestanden war bestanden ;-)
 

Ich zog nach Göttingen, regelte meine Angelegenheiten beim Wehrersatzamt. Ich war gemustert worden, war für tauglich befunden worden, das Vaterland zu verteidigen und bat um zeitlichen Aufschub. Zunächst hatte ich Dringenderes zu erledigen. Ich bereitete eine Reise in den Nahen und Mittleren Osten vor, im Hinterkopf spukte mir der Gedanke herum, daß ich vielleicht sogar Indien besuchen könnte.