Die Erinn’rung ist eine mysteriöse
Macht und bildet die Menschen um.
Wer das, was schön war, vergißt, wird böse.
Wer das, was schlimm war, vergißt, wird dumm.
(Erich Kästner)
Sonnabend, 23. März 1963
Die Internatsschüler rüsteten sich fürs Wochenende. Viele fuhren nach Hause, einige blieben im Internat, lernten, gingen sonstigen Verpflichtungen nach oder genossen einfach das Wochenende.
Ich hatte „klar Schiff“ gemacht. Einige Dinge wurden weggeschmissen, wichtige Dinge ( Zeugnisse, Ausweispapiere) waren eingepackt.
Noch gute Klamotten anziehen, die DDR-Lederjacke drüber, fertig.
Gehst du Lederol bekleidet, jeder Westler dich beneidet
Lederersatz Lederol, "Präsent 20", Dederon, Wolpryla und Grisuten waren Versuche der Textilindustrie, mit neuen Fasern mehr Farbe und Qualität in den Handel zu bringen. Den von den Käufern erwarteten West-Chic aber lieferten die Modehäuser dennoch nicht. Mode in der DDR hatte auch eine politische Dimension. Wer in den 50er und 60er Jahren in Jeans gekleidet zur Schule kam, musste sich die Frage gefallen lassen, wie es denn mit seinem Klassenstandpunkt aussehe.
(Originalzitat: „ Zieh’ in meinem Unterricht das nächste Mal nicht wieder die Hosen des Klassenfeindes an!“ )
Auffälliges durfte nicht veranstaltet werden, es sollte für die anderen ja wie ein normales Wochenende aussehen. Meine Freundin war ebenfalls gerüstet. Wir verabschiedeten uns also ins Wochenende und verließen das Internat. Der Abschiedsschmerz hielt sich in Grenzen.
So langsam befiel uns sowas wie Lampenfieber. Oder war es Angst? Beklemmend war es auf jeden Fall. Was wir da vorhatten, war nicht ungefährlich. Würde alles gutgehen? Wir machten uns auf in Richtung meines Heimatdorfes, sprich: Richtung Grenze. Wir hatten Zeit, am frühen Abend wollten wir uns an einem verabredeten Platz mit meinem Schlosserfreund Lothar treffen. Lothar wusste, wie es im Westen aussah, er war bereits 1962 einmal „getürmt“, aber auf Betreiben seiner Eltern bald darauf wieder in die DDR zurückgekehrt.
Wir gingen die gesamte Strecke zu Fuß, denn in Bahn oder Bus wären wir kontrolliert worden, was für mich kein Problem darstellte, aber Karin hatte natürlich keinen Passierschein für die 5-KM-Sperrzone, hätte auch keinen bekommen. So war sie auch noch nie bei mir zu Hause gewesen. Die Waldwege, welche wir entlang wanderten, waren mir von Fahrradexkursionen her bekannt. Kontrollen gab es da so gut wie keine. Nur ein zufällig auftauchender freiwilliger Grenzhelfer, ein Einheimischer, hätte uns gefährlich werden können. Die Bewohner der grenznahen Gegend waren gehalten, fremde Personen zu melden. Ich vertraute auf meine Ortskenntnis und darauf, daß wir uns auch dann schon irgendwie würden herausreden können, wenn sich jemand für uns interessierte. Immerhin hatte ich einen Passierschein, nun brachte ich eben mal meine Freundin am Wochenende mit nach Hause. Na ja, ohne zweiten Passierschein war das verboten, aber wir waren ja spontane junge Menschen voller Initiative, deren Zeit einfach nicht gereicht hatte, sich um alle Formalitäten zu kümmern. Wir kamen viel zu früh in der Nähe meines Dorfes an. Wo die stationären Kontrollhäuschen waren, wußte ich. Da machten wir einen weiten Bogen drum. Wir saßen eine Weile im Wald herum, wäre es Sommer gewesen, hätten wir es mehr genossen. Die Zeit, Lothar zu treffen, rückte näher, er wollte am verabredeten Ort mit seinem Motorrad, einer alten NSU, erscheinen. Wir fingen an, auf Motorengeräusche zu achten. Nichts zu hören. Nach einer langen Weile immer noch nichts. Irgendwann hörten wir, daß sich jemand zu Fuß näherte. Aus dem Wald heraus geäugt. Es war Lothar. Seine Maschine war nicht angesprungen, lange Basteleien wollte er nicht veranstalten, also kam er Fuß. Zunächst irritiert, daß ich jemand mitgebracht hatte, akzeptierte er aber bald, daß wir uns eben zu dritt strafbar machen würden, wenn wir denn erwischt würden. Auftauchende Gedanken, daß uns schlimmeres passieren könnte, verdrängten wir wieder. Also, auf ins Dorf, und kurz durchs Dorf, Richtung Nachbardorf. Zu dritt, davon zwei einheimisch, allen bekannt, das schien kein Risiko zu sein. Wir wurden auch nicht sehr beachtet. Ein ehemaliger Klassenkamerad aus Grundschulzeiten kam uns entgegen und freute sich, uns zu treffen. Wir erzählten ihm, daß Karin zu Besuch bei mir sei. „Hat sie denn einen Passierschein bekommen“?
Wir bejahten, ohne dieser Frage weiter nachzugehen. Was wir denn noch so vorhätten? Offensichtlich war ihm langweilig. Uns war nicht langweilig, loswerden mussten wir ihn aber wieder irgendwie. Wir erzählten also, daß wir erst einmal noch nach Hause müssten, verabredeten uns mit ihm für den späteren Abend. Im Kulturhaus wollten wir uns treffen. Etwas zweifelnd merkte er sich den Termin.
Viel später erfuhr ich, daß er einen Verdacht hegte, was wir vorhatten und höchst verärgert darüber war, daß wir ihn nicht eingeweiht hatten. Er wäre sofort mitgekommen. Woher sollten wir das nun wissen?
Die Dämmerung hatte eingesetzt, wir gingen auf der Straße ins Nachbardorf. Links neben der Straße befanden sich Bahngleise, hinter den Gleisen stieg eine Wiese an bis zum Wald, oben im Wald war die Grenze. Hier auf der Straße hätten wir immer noch Ausreden parat gehabt, denn auch im Nachbardorf gab es Kneipen und ehemalige Klassenkameraden, die man dann notfalls eben besuchen hätte wollen.
Abseits der Strasse, nach Überqueren der Gleise, wäre man mit solchen Ausreden nicht mehr erfolgreich gewesen. Hier begann die sogenannte 500-m Zone, in der sich sogar Einheimische nicht mehr aufhalten durften, es sei denn unter militärischer Bewachung. Bauern, deren Felder teilweise in dieser Zone lagen, wurden während ihrer Feldarbeit vor dem Klassenfeind beschützt, man passte auch auf, daß sie nicht wegliefen. Es schien uns sicherer zu sein, wenig von uns sichtbar werden zu lassen. Wir schmissen uns also auf die Bäuche, jeder auf seinen, und robbten hangaufwärts, Büsche als Deckung nutzend, lauschend, witternd, aufgeregt. Die vormilitärische Ausbildung durch die GST kam uns zupass. Wir hatten gelernt, wie man sich auf dem Bauch robbend bewegt, wir hatten gelernt, leise zu sein, wir waren Kundschafter in eigener Sache. Wenige Male fuhr auf der Straße ein Auto vorbei, die Scheinwerfer leuchteten vage den Hang mit aus, wenn der Fahrer die wenigen Kurven fuhr, die es gab. Wir lagen dann jeweils ganz still, ich war froh, eine schwarze Lederoljacke anzuhaben, auch die beiden anderen trugen dunkle Kleidung.Bald war man auch von der Straße aus nicht mehr zu erkennen. Der Waldrand kam näher, jetzt mussten wir unser Augen- und Ohrenmerk mehr dorthin richten. Am Waldrand saßen die Grenzer gern und beobachteten, es gab wohl auch Unterstände, die man nicht leicht erkennen konnte. Wir registrierten die erstaunlichsten Geräusche. Ein Zug war zu hören, selbst Geschrei von weit her drang zu uns, galt aber erkennbar nicht uns. Dunkel wars geworden, wir mussten uns umso mehr auf unsere Ohren verlassen.
Irgendwann hörten wir etwas, was nicht schön klang: Ein Hund hechelte, es hörte sich an, als zöge er eifrig an der Leine und würde zurückgehalten. Wie weit das weg war, konnten wir nicht einschätzen, die Nacht trug Geräusche weit durch das Tal und auch den Hang hinauf. Wir verstreuten Pfeffer um uns herum. Schön war die Vorstellung nicht, daß so ein Schäferhundvieh geifernd vor mir auftauchen könnte. Machen konnte man aber sonst nix weiter. Irgendwann war es wieder ruhig, wir robbten weiter bergauf. Zentimeter um Zentimeter näherten wir uns dem Waldrand, im Wald war es leichter, da konnte man aufstehen, sich auch besser verbergen.Lothar machte plötzlich Zeichen mit seinen Händen, wir krochen zu ihm. Vor ihm in ca 20 cm Höhe, verlief ein Draht. Dünn, von einem Fußgänger nicht auszumachen. Wären wir nicht gerobbt, hätten den Draht nicht gesehen, wären wir da wahrscheinlich hineingelaufen und hätten Alarm ausgelöst, still oder vielleicht auch Signalraketen. Den Draht überstiegen wir, machten uns untereinander klar, daß wir gründlich Ausschau halten sollten, bevor wir den Wald erreichten. Richtig, ein weiterer Stolperdraht war auszumachen. Wie die Störche im Salat traten wir danach in den Wald. Gar nicht so dumm, diese Signaldrähte kurz vor dem Wald zu spannen. Der Impuls, schon etwas vorher aufzustehen und schnell in den Wald zu rennen, war groß gewesen. Gut gegangen wäre das nicht.
Im Wald war es angenehmer, solange man ruhig herumstand. Gingen wir langsam hangaufwärts, merkten wir, was für einen Krach wir da eigentlich veranstalteten. Bei jedem Schritt knackte und krachte ein Ast unter den Füßen, so kam uns das jedenfalls vor. Vorsichtig ging es weiter. Gegen 21.00 Uhr hatten wir die 500m-Zone betreten, jetzt war es ca. 23.00 Uhr.
Vor uns war etwas zu erspähen. Eine kleine Lichtung im Wald. Ein lichter Streifen, eher. DER Streifen. Der Todestreifen. Auf jeder Seite des Streifens, ca. 5 – 6 m entfernt, war ein Stacheldrahtzaun zu sehen. Betonpfähle.
Das schauten wir uns genauer an. Ohne Zweifel, wir waren am sogenannten doppelten Grenzzaun. Was wir weiter wahrnahmen, war aufregender. Ca. 50 m rechts von uns war ein hölzerner Wachturm zu sehen. In der kleinen Hütte auf dem Turm erkannte man ein Fenster. Dunkel.
Das beobachteten wir eine lange Zeit, keine Bewegung war wahrzunehmen. Kein Wachtposten machte da oben Geräusche, Zigarettenglut sahen wir auch nicht. Alles deutete darauf hin, daß der Turm unbesetzt war.
Nachdem sich etwa 15 Minuten rings um uns nichts bewegt hatte, schlichen wir auf den ersten Zaun zu. Lothar hatte den Seitenschneider parat, knipste die beiden unteren Drahtreihen durch.
Wir bogen die Enden nach rechts und links weg, hielten sie auseinander. Meiner Freundin ließen wir den Vortritt, höflich, wie man uns das beigebracht hatte. Sie sollte am zweiten Zaun auf uns warten. Viel anderes blieb ihr auch nicht übrig. Wir zwängten uns nacheinander auch durch die Lücke, halfen uns dabei und gingen vorsichtig zum gegenüberliegenden Zaun, wo Karin kauerte. Erneutes Knipsen, zweite Lücke im Zaun, selbe Reihenfolge. Das Loch im Stacheldraht war etwas klein geraten, ich blieb mit meiner Lederol-Jacke hängen. Lederol gegen Stacheldraht, es war wenig verwunderlich, wer da nachgab. Am Rücken spürte ich den Riß, konnte mit der Hand auch das Loch im Rücken ertasten. Die Jacke war hin. Ich zog sie aus, viel war nicht in den Taschen, die Dokumente trug ich körpernäher.
Das Lederol hatte auch an den Ärmeln gelitten, für robbende Fortbewegung und Republikfluchten war der Stoff offensichtlich nicht entwickelt worden. Nahm ich nun schon mal Abschied von der DDR, konnte ich auch gleich Abschied von der Jacke nehmen. Ich hängte die Jacke an einen Betonpfeiler und wir gingen weiter westwärts, sprich bergauf. Ich hatte einen schicken Rollkragenpullover an.
Nun befanden wir uns zwar jenseits der Drahtzäune, wir wußten aber, daß dies noch nicht die eigentliche Grenze war. Die kam erst noch, aber wann? Es kam gar nix weiter. Wir bewegten uns weiter in die Richtung, die richtig zu sein schien, irgendwann sahen wir ein Schild: „HALT! Hier Zonengrenze!“ stand auf der Rückseite.
Wir standen mitten im Wald. Wir waren ohne Zweifel im Westen . Wir hatten es geschafft.
Wie ging es nun weiter?
(Fortsetzung folgt)
Nach der Wende gelang es mir, das Polizeiprotokoll dieses Tages zu beschaffen: