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Rückblick auf heute & morgen vor 46 Jahren

Sunday August 12, 2007 at 06:44AM

Ich war 15 Jahre alt. Die "großen" Ferien hatte ich mit einem Klassenkameraden auf Rügen verbracht. Wir hatten uns als Erntehelfer bei einer LPG "beworben", sahen darin eine Möglichkeit, an die Ostsee zu gelangen und dem organisierten Ferienlager zu entkommen.Unser Plan ging auf. In der Nähe von Glowe verzogen wir vormittags Rüben, auf Feldern, die größer zu sein schienen als die ganze Insel. Nachmittags schauten wir uns jeweils die Teile der Insel an, wo keine Rüben angebaut wurden oder gingen baden. Für Unterkunft und Verpflegung sorgte die LPG. Als unser Ernteeinsatz endete, war unsere Ferienkasse nicht nur nicht geschrumpft, sondern sogar noch etwas gewachsen, denn unsere Arbeit auf den Rübenfeldern war den LPG-Bauern nicht nur lieb, sondern auch teuer. Wir bekamen ein "Sümmchen" ausbezahlt. Plötzlicher Reichtum macht leichtsinnig, wir beschlossen, uns ein Flugticket zu kaufen und nach Berlin zu fliegen. Fliegen war das Größte, keiner von uns hatte bisher diese Erfahrung gemacht. Wir fuhren also nach Barth, da gab es einen kleinen Flugplatz, dort kauften wir uns Tickets in die Hauptstadt. Das ging problemlos. Wir wurden an Bord mit Bonbons ( für den Druckausgleich in den Ohren) und Kotztüten ( für den Druckausgleich im Magen) versorgt. Der Flug nach Schönefeld dauerte nicht lange. Das Betrachten der Propeller vertrieb uns die Flugzeit. Wir hatten inzwischen den (verbotenen) Plan gefaßt, auch mal den Berliner Teil des Klassenfeindes zu besuchen. Als FDJ-Mitgliedern war uns das zwar untersagt, aber der FDJ-Sekretär war weit weg. Dachten wir und dachten stattdessen an Kurfürstendammm, Kaugummi und Kauboy-Filme.  Pustekuchen. Bei der Ankunft in Schönefeld war Ausweiskontrolle, alle Papiere, die wir hatten, waren in Ordnung, wir erregten trotzdem den Verdacht der "Organe", denn zwei 15-Jährige aus Thüringen ohne Eltern, auf eigene Faust unterwegs, das kam da wohl nicht häufig vor. Statt Großstadtatmosphäre schnupperten wir also in den nächsten Stunden Polizeibüromief, Qualm aus Casino, Turf und Karo.... Unser Fall musste untersucht werden. Es wurde nach Thüringen telefoniert, wir wurden - später sogar getrennt- befragt, blieben aber bei unseren Darstellungen: "Nöö, wir wollten doch nicht in das Agenten-Nest West-Berlin, in diesen Pfahl im Fleische der DDR." Mior sinn doch inner EFFdeJOTT!"

Irgenwann ließ man uns laufen, mit dem Ratschlag, uns ja nicht erwischen zu lassen, falls wir doch nach West-Berlin.... Nee, da hatten wir nun doch zu viel "Schiß" bekommen. Wir schauten uns also nur Ostberlin an, die "Hauptstadt". An manchen Stellen sah es aus, als wäre gerade der Krieg zu Ende gegangen - so meine Erinnerung. Irgendwie übernachteten wir;  am nächsten Tag, am Sonntag, 13. August 1961, wollten wir zumindest mal von ferne einen Blick ins "Feindesland" werfen. Wir gingen in die Nähe des Brandenburger Tores, irgendwas war da los. Die Leute um uns herum waren auch ziemlich aufgeregt, wir gingen vorsichtshalber mal nicht näher heran. Die "Staatsgrenze wurde geschlossen, der "antifaschistische Schutzwall" wurde errrichtet.  Wir fuhren also wieder nach Hause, nach Thüringen. Daß wir Weltgeschichte miterlebt hatten, war uns noch gar nicht klar geworden.  Am 1. September begann die Schule. Gleich nach dem Fahnenappell wurden wir zum Direktor bestellt. "Was höre ich da von den Genossen aus Berlin?" brüllte uns dieser dicke kleine Choleriker an. "Euch haben' se beim Versuch erwischt, nach Westberlin zu gehen?" - Mit Mühe gelang uns eine Richtigstellung.

Na ja, Hauptsache, der Weltfrieden war gerettet. Für diesmal. 2 Jahre später - 1963 - flüchtete ich in die Bundesrepublik. Nach Bayern, vor dem sich die DDR mit  Sperrzonen, Stacheldraht und Minenfeldern schützte. 

Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

--

Stur behauptete die DDR-Führung, es habe keinen Feuerbefehl gegen Mauer-Flüchtlinge gegeben - nun ist das Gegenteil bewiesen.

In den Stasi-Unterlagen wurde ein bedingungsloser Schießbefehl entdeckt. Der lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

"Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben", heißt es in der siebenseitigen Dienstanweisung vom 1. Oktober 1973.  

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8 Comments / add your comment?

Pandarinepro says:
Nie werde ich diesen Tag vergessen, als wir da standen, und den Jungs beim Mauern zugesehen haben. Ich hatte noch nie vorher so vele Leute auf einen Haufen gesehen - und das Gruseligste: Niemand sagte ein Wort, und die meisten hatten Traenen in den Augen ...

Ich habe damals noch nicht begriffen, dass ich das Glueck hatte, auf der "richtigen" Seite zu stehen.
Posted 16 months ago. ( permalink / translate )
H.B.pro says:
Toll, dass du das aufgreifst, Rainer!
Und im Gegenzug Barbara auf der anderen Seite der Mauer.
Ihr solltet beide eure Geschichte (n) aus dieser Zeit aufschreiben !
Rainer, deine diesbezüglichen Erlebnisse sind so außergewöhnlich
- oder es ist außergewöhnlich, dass wir außerhalb der Medien auf jemanden treffen, der die Flucht aus der DDR so dramatisch selbst erlebt hat..-
dass du diese deine Geschichte Anderen nicht vorenthalten solltest. ..
Den Anfang hast du ja schon gemacht..
Was von Marianne Birthler betr. den Schießbefehl gefunden wurde- wussten wir das nicht schon lange..? Man kann nur hoffen, dass die Dokumente ausreichen, um noch einige Verantwortliche vor Gericht zu stellen - leider sind sie ja nicht mehr alle greifbar- Miehlke, Honecker und noch ein paar Andere haben sich ja schon davongestohlen und stehen hoffentlich vor einem anderen Richter..
Posted 16 months ago. ( permalink / translate )
pehei says:
Ich bin jedesmal wieder fasziniert, so etwas von echten Menschen (nicht nur aus den Medien) zu lesen oder hören. HB hat recht. Das darf nicht vergessen werden und kann gar nicht oft genug erzählt werden.
Danke für diesen Blogeintrag.
Posted 16 months ago. ( permalink / translate )
Rasch2000pro replies:
Das Aufschreiben der eigenen Erlebnisse macht ja auch Spaß, erstaunlich daran ist, daß man sich zwar noch an viele Dinge erinnern kann, Vieles aber im Lauf der Jahre aber auch in den Hintergrund gerutscht ist und wieder zum Vorschein kommt, wenn man sich mit Vergangenem beschäftigt. Einiges ist auch total in Vergessenheit geraten ;-(

Meine Fluchtgeschichte ( von Thüringen nach Bayern am 23.03.1963 ) werde ich irgendwann auch noch mal aufschreiben. Da erinnere ich noch (fast) jeden Moment.
Posted 16 months ago. ( permalink / translate )
stip says:
danke für diese geschichte!
erzählte geschichte ist immer spannender als die offizielle - und wenn sie dann noch so toll geschrieben ist (z.B. die beiden druckausgleiche!!!) erst recht.

freue mich auf mehr!
Posted 16 months ago. ( permalink / translate )
mesipluspro says:
Ich finde es nicht nur Klasse, dass Du die Geschichte erzählt hast sondern auch wie Du sie uns hier präsentierst!

Faszinierend finde ich immer die kleinen persönlichen Geschichten, die die Zähne bilden im großen Getriebe der Geschichte.
Mein Onkel hat damals bei seinen Großeltern in Oberhausen gearbeitet, um auf sein erstes Motorrad zu sparen. Über dieser Zeit wurde die Grenze geschlossen. Er durfte zurück, aber ohne Motorrad. Er blieb. Meine Oma schrieb noch einige Bittbriefe bis zu Wilhelm Pieck . Ich glaube damals wollte mein Onkel eh nicht mehr wieder rüber.
Aber er kam jedes Jahr zu Besuch und meine Mutter durfte vor der Wende schon in den Westen.
Posted 16 months ago. ( permalink / translate )
stefanie says:
Ich war als Teenager während einer Klassenfahrt mehrere Tage in West- und für einen Tag auch in Ost-Berlin...am eindrücklichsten ist mir die Fahrt mit der U-Bahn in Erinnerung geblieben. Auf halbem Weg von West nach Ost ist sie in einem Bahnhof kurz stehen geblieben ohne die Türen zu öffnen. Er war notdürftig mit Neon-Röhren beleuchtet, die Werbeplakate an den Wänden mussten schon uralt sein und die Aufgänge ans Tageslicht waren mit Bauschutt von oben zugeschüttet worden. Die Zeit stand dort unter der Erde still. Im Osten sind wir dann quer durch die Stadt gelaufen und haben versucht unser zwangsweise umgetauschtes Geld (20,- DM je Schüler ?) auszugeben...da alles so günstig war und wir nur einen Tag Zeit hatten, ließen wir einen Großteil davon auf einer Parkbank liegen. Dafür schäme ich mich noch heute. Zurück mussten wir einzeln durch die Grenzkontrollen und wurden mehr als scharf gemustert...die Grenzer verstanden keinen Spaß und wir sollten uns jede blöde Bemerkung tunlichst verkneifen hatte man uns vorher eingebleut. Ich habe noch Jahre später das Poster vom DDR-Soldaten, der über den Stacheldrahtzaun springt und dabei sein Gewehr wegwirft in meinem "Jugendzimmer" am Schrank hängen gehabt.
Posted 16 months ago. ( permalink / translate )
Hildegard Rasch says:
Unglaublich, ---wenn du es nicht zu anmassened von mir findest ---ist das fast eine Paralellerzáhlung zu meiner Geschichte, nur zu einer anderen Zeit, ( wir sind 1948 ausgewandert) man hatte uns - frag nicht wie - aus dem Westsektor Berlin rausgeholt ( wir waren wohl von deutschen Eltern, aber hatten auch amerikanische Staatsangehörigkeit dem Gesetz nach dort , weil wir da geboren waren, also Doppelte Staatsangehörigkeit)
Es ist faszinierend deine Berichte zu lesen. Habe ja heute auch gesehen dass du in meinem Blog gelesen hast, ... " die letzte Mohnblüte". Gut, dass Geschichten wie deine, und ich hoffe auch meine, so eine Art Kollektivgewissen darstellen, mit dem Lema : NIE WIEDER KRIEG, LEBEN IN FREIHEIT, ALLES EINSETZEN FUER FRIEDEN.
Posted 8 weeks ago. ( permalink / translate )

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