Das größte Hindernis für die Verbreitung von Esperanto sind die Esperantisten. Unabhängig voneinander und in verschiedenen Regionen kamen Esperanto-Sprecher zum selben Ergebnis.

Esperantisten leiden unter dem Trauma, daß sie von der Welt nicht geliebt, ja nicht einmal wahrgenommen würden. Das wunderbare Geschenk des Dr. Zamenhof an die Menschheit wird einfach ignoriert, manchmal sogar bekämpft.

So igeln sie sich immer mehr ein und hoffen auf den großen Befreiungsschlag, auf eine Tat, die Esperanto etwa in Schulen der Welt oder in die Sphäre der Diplomatie katapultieren würde. Unzählige Abhandlungen belegen die objektiven Vorteile des Esperanto für alle Lebensbereiche. Doch niemand mag sie lesen. Und die subjektiven Gründe dagegen spielen keine Rolle.

Es hat schon etwas von einer Sekte an sich. Der charismatische Gründer, das weltumfassende Ziel und die verschworene Gemeinschaft, die von Außenstehenden kaum zu durchdringen ist. Selbst die Freimaurer sind inzwischen professioneller in ihrer Präsentation geworden. Dazu paßt auch die Opferrolle, die Verfolgung unter Hitler und Stalin (vor mehr als einem halben Jahrhundert) und die scheinbar alternativlose Verbreitung des Englischen.

Aber die Welt will keine Verlierer sehen, sondern Sieger. Wer um Mitleid fleht, hat schon verloren. Aber ein selbstbewußtes Auftreten fällt schwer angesichts der lange eingeübten Opferrolle.

Die andere Seite der Opferrolle ist die Impertinenz. Kaum glaubt man als Esperantist den Fuß in der Tür zu haben, wird man frech. Sofort wird die Forderung nach allgemeiner Einführung von Esperanto aus der Tasche gezogen. Adressaten sind die Vereinten Nationen, Europäische Union, einzelne Staaten.

Gleichzeitig werden mühsam erkämpfte Positionen einfach aufgegeben. Beispielsweise hatten die Naturfreunde Internationale eine durchaus positive Haltung zu Esperanto. Durch eine Mischung aus Dilletantismus und Impertinenz ist es gelungen das Wohlwollen der Naturfreunde gründlich zu zerstören.

Zur Impertinenz gehört auch das Auftreten von Mini-Parteien bei Wahlen, insbesondere der Europawahl. Man kann es drehen und wenden wie man will: Esperanto kann nie die Grundlage eines politischen Programms sein, sondern immer ein Kommunkationsinstrument für jegliche politische Couleur. Ebenso verheerend wäre die Propagierung einer Esperanto-Religion. Alle Religionen und auch die Heiden, Ungläubigen, Agnostiker und Atheisten sollen Esperanto ungehindert benutzen.

Dabei ist die öffentliche Meinung über Esperanto beiweitem nicht so schlecht, wie die Esperantisten selbst glauben. Hier wirkt wie so oft die selektive Erinnerung. Viele verbinden Esperanto mit einer Sache, die vor einiger Zeit eine gewisse Bedeutung hatte. Objektiv war die Stellung von Esperanto vor einigen Jahrzehnten nicht wesentlich anders als heute. Auch damals erinnerte man sich an eine glorreiche Vergangenheit.

An dem Kult der glorreichen Vergangenheit stricken die Esperantisten selbst mit. Wenn Jubilare im Lokalblatt zu einem runden Geburtstag befragt werden, schwärmen sie davon, wie schön doch alles früher war. Zu den aktuellen Entwicklungen, etwa im Internet oder die enorm gewachsene Produktion von Tonträgern, haben sie keinen Bezug.

Aber auch auf vielen internationalen Veranstaltungen regiert die Generation 50+ mit ihren Sichtweisen und Bedürfnissen. Einblicke in unbedeutende Details der Esperanto-Geschichte nehmen einen großen Raum ein und vorwiegend wird Literatur übersetzt, die schon gewaltig Staub angesetzt hat.

Um die Themen, die die Welt bewegen, wie die Klimaveränderung, nachhaltige Entwicklung, Migration, machen viele Esperantisten einen großen Bogen.

Und wenn tatsächlich mal Esperantisten in einer neueren Bewegung auftauchen, wie etwas in den Welt-Sozial-Foren, dann nur um Vorträge darüber zu halten, wie toll Esperanto sei. Nicht etwa um einen sachlichen Input zur Thematik zu liefern.

Dabei sind viele Esperantisten an der Basis durchaus aufgeschlossen für die aktuellen Themen, arbeiten in entsprechenden Organisationen, wie attac, Piratenpartei, Solidaritätsgruppen mit. Aber meist streng geschieden von ihrer Existenz als Esperantist.

Die Medien in der Esperanto-Szene tragen auch nichts wesentliches zur Vernetzung der Akteure bei, wobei die Medien sowohl die Print-Medien, deren Online-Ausgaben und die diversen Mailinglisten, Foren und Blogs umfassen. Gerade im online-Bereich gibt es einen kaum mehr durchschaubaren Verhau und Arbeitskontakte kommen oft nur zufällig zustanden. Möglicherweise ist auch der Wunsch sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen nicht sehr ausgeprägt. Oft wird Trennendes in den Vordergrund gestellt, so daß das Verbindende unter den Tisch fällt. Andere machen einen Kult um den Datenschutz, der angeblich die Weitergabe von Kontaktdaten verbieten. Wieder andere sind geradezu beleidigt, wenn man ihnen unaufgefordert eine Information zukommen läßt.

Nach wie vor glauben einige Esperanto-Zeitschriften, es sei von Vorteil nur häppchenweise im Internet präsent zu sein. Andere sind überhaupt nicht über das Internet zu erreichen. Umgekehrt werden in den einschlägigen Listen teilweise Zeitschriften aufgeführt, die seit Jahren nicht mehr erschienen sind. Niemand scheint sich dafür verantwortlich zu fühlen, daß hier Klarheit geschaffen wird. Das Wiki von UEA oder auch die allgemeine Esperanto-Wikipedia könnten ein Ansatzpunkt sein.

Das selbe Bild ergibt sich bei Fachorganisationen und Fak-Delegitoj von UEA. Da steht vieles nur noch auf dem Papier ohne konkrete Tätigkeit. Der ursprünglich Ansatz, einen Ansprechpartner im internationalen Verkehr zu haben, hat sich im Laufe der Zeit relativiert. Eine Mail an das Touristik-Büro oder die Handelskammer ist meist zielführender als der Versuch einen lokalen Esperantisten zu bemühen. Aber über eine Neudefinition wird anscheinend nicht einmal nachgedacht. Es geht weiter im alten Trott.

Ausgerechnet in der Zeit, in der das Couch-Surfing populär wird, präsentiert sich Pasporta Servo wenig überzeugend. Die aktuelle Print-Ausgabe erscheint punktgerecht nach der Hauptreisezeit, die Software ist voller Bugs und die Verantwortlichen wenig zugänglich. Ungeachtet dessen wird Pasporta Servo unverdrossen unter den Ruhmestaten von Esperanto aufgeführt.

Autismus

Und das sind wir wirder beim Autistmus der Esperantisten. Die Wahrnehmung, was in der Welt vor sich geht, ist stark gefiltert oder überwindet die Wahrnehmungsschwelle überhaupt nicht. Banale Begebenheiten werden als Weltsensationen aufgebauscht. Sei es der Bericht eines Volontärs in einer Lokalzeitung oder oder ein Weltkongress, der in den Medien so gut wie nicht vorkommt. Die Tatsache, daß überhaupt eine Pressemitteilung verschickt wurde, wird als bewunderungswürdie Leistung dargestelle, nicht die Frage, was davon tatsächlich von der Presse übernommen wurde.

Autoren, die selbst von der Esperanto-Gemeinde keiner kennt, gelten als große Literaten, denen man den Nobelpreis verleihen sollte. Nobelpreise sind in der Regel die Anerkennung für irgendeine Form von Wirkung einer Lebensleistung. Im Zusammenhang mit Esperanto kann man davon ganz sicher nicht reden.