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August 3rd, 2007

Ereignis 030807 - Friedhof und Dichtung

Als ich über den Friedhof gehe, treffe in der Nähe zum Wegweiser "Friedhofsbüro" auf einen Leierkastenmann und vernehme folgende alte lütgendortmunder Weise:

Der schmale Franz

Wahrlich nich mehr lebensfroh,
hilft dich Friddhoff kühl' Büro.
Bei Urne, Sarg und Kranz,

hockt da der schmale Franz.

Gibb ihm nen klaren Schnaps,
und du krichst 'n hartn Klaps.
Nur ein kleinet Weilchen noch,

bald schon feddich iss dein Loch.

Da hasse endlich deinen Trost,
und der Franz sacht leise: Prost.
Watt, noch ganich mausetot?

Doch dafür gibbet jetz dat Schrot.

So hör ein letztet Lachen,
denn der Franz, der lässt et krachen.
Sind auch Mund und Aug weit offen,
auf Luft und Licht iss nich zu hoffen.

HanDyNasty 104

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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August 4, 2007

Ereignis 040807 - Bonbonbegehren

Anlässlich der Cranger Kirmes fand am heutigen Samstag wieder der obligatorische Umzug statt. Dann beschauen Unkostümierte vom Straßenrand aus den Zug von mehr oder minder Kostümierten auf der Straße. Bei Musik, Herumgehopse und Gebrüll bewerfen dann die Kostümierten die Unkostümierten mit Süßigkeiten, Spielzeug und CDs. Täten sie dies im ganz normalen Alltag, sie würden böse Worte und vielleicht sogar Schläge zum Dank erhalten. Doch heute bleiben böse Worte und vielleicht auch Schläge ganz eine Sache der Unkostümierten, die sich beim Aufteilen der Geschenke nicht immer einig werden können. Da verläuft eine harte Grenze durchs Teilen der Teile. Noch beim Bonbon herrscht Mäßigung im Begehren und Bestizbemühen, doch kommt ein Plastikball oder gar eine CD ins Spiel, dann ist Schluss mit Brüderlichkeit und Milde. Das gibt einen beunruhigenden Vorgeschmack auf eine Notlage, in die wir, so hoffe ich, niemals kommen werden. Dieses Knuffen und Schubsen, die bösen Worte erscheinen mir dann wie das Messerwetzen für den Fall, wenn es eines Tages mal um die sprichwörtliche Wurst im wahrsten Sinne ihres Wortes gehen sollte.

Cranger Kirmes 2007 (Umzug) -…

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August 6, 2007

Ereignis 060807 - Autobahn- und Meeresrauschen

Mitten in der Nacht wach geworden, lausche ich liegend am weit geöffneten Fenster den auf- und abebbenden Geräuschen der nahen Autobahn: Dem Ohr ein urbanes Wellenspiel transportiert es: Menschen! Dagegen: Meeresrauschen vergesellschaftet nicht.

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August 7, 2007

Ereignis 070807 - Genauritis

Heute ist mir klar geworden: Auch mich hat das Genau erwischt. Ich werde es einfach nicht mehr los, wie genau ich auch auf meine Wortwahl achte. Und genau das nervt noch mehr. Kaum eine Bestätigung, genauso wenig eine Zustimmung kommt heil davon. Wie ungenau auch das Verständnis, für ein Genau reicht es immer, wie überflüssig auch die Bestätigung, ein Genau zuviel kann nicht schaden. Genau genommen ist das Genau völlig inhaltslos geworden und hat absolut nichts mit Genauigkeit zu tun. Seine Schwammigkeit eignet sich daher genau zum gegenseitigen Einseifen, und es wird nicht mehr lange dauern, dann flutscht es auch bedenkenlos in Kombination mit dem Goldenen Füllwort des neuen Jahrtausend: Genau irgendwie! 

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August 8, 2007

Ereignis 080807 - Akte Ritter

Seit vielen Jahren bin ich in Wanne-Eickel auf Spurensuche. Mein Forschen gilt einer alten Legende. Sie besagt, dass der Ritter Eickel vor seinem Tod von einer Hexe mit einem Fluch belegt wurde, welcher ihn auf 5000 Jahre hinaus als schreckhaften Riesen zwischen den Welten umherirren lässt. Die Cranger Kirmes ist im Grunde nur durch seinen sehnlichsten Wunsch nach Abwechslung entstanden, auf dass es ihm mindestens einmal im Jahr für einige Tage nicht langweilig wird. Heute habe ich den ersten wirklichen stichhaltigen Beweis für die Existenz des scheuen, schreckhaften Ritterriesen Eickel ganz in der Nähe meiner Wohnstatt gefunden. Auf dem Foto ist zu sehen, wie ein treuer Vasall, Schneider von Beruf, einen Riss in der Hose des Ritters näht, welcher gestern Nacht beim Spiel auf dem Riesenrad entstanden sein soll.

HanDyNasty 109

 

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August 9, 2007

Ereignis 090807 - Stimmbruch

Seitdem die Schule wieder angefangen hat, geht damit eine akustische Ereignisfolge einher, die heute mit einem hohen, glasbedrohlichen Kindergeschrei um die Wette gespickt war. Auf dem Weg zur Schule, hört man von den Schülern, noch ein wenig sediert von Schlaf, Erinnerungen und Vorahnungen, nicht allzu viel. Doch ist die Schule aus, dann künden Rufe, Schreie, Gejohle und Pfeifen von Ausgehaltenem, Ertragenem und Gemeistertem. Aus, aus, aus ... Erleichterung durch Stimmgewalt, zugleich Vorgang der Erleichterung und Verweis auf sie. Und nicht selten muss ich dann an das unbeschreiblich schöne Gefühl denken, wenn es hieß, aus der Schule in die Sommerferien stürmen zu können. Da breitete frohe Erwartung einen unbeschwerten Horizont aus, der dann im Alter auf den Blick um eine Häuserecke schrumpft.

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August 10, 2007

Ereignis 100807 - Brandblase to go

Wie schön, dass es Kaffee zum Mitnehmen gibt. Wie hässlich, dass die meisten Anbieter das Getränk in Papp- oder Plastikbecher einschenken. Nach ein paar Schritten entpuppen sich diese als kleine thermische Teufelchen, die der Freude am Kaffeegenuss ein Vorgefühl der Hölle voranstellen. Je nach Entfernung und Frische des Kaffees helfen da nicht immer die in weiser Voraussicht mitgenommenen Papierservierten und trotz Zelluloseschutz droht dann den Fingern Brandblasengefahr. Schande über Euch, ihr Kaffee-to-go-Gecken! Da könnte ich beinahe die schlichten Styroporbecher eines Bahnhofsimbiss preisen, welche einen löblichen Hitzeschutz bieten, wäre da nicht ihr blöder Deckel, der einen dermaßen dämlich konstruierten Trinkschlitz besitzt, das man sich mit hundertprozentiger Sicherheit bei den ersten Schlucken die Lippen verbrüht und man somit entweder warten muss, bis der Kaffee abgekühlt ist (Buhhh!!!) oder man völlig umständlich für jeden Schluck eine Lüftung des Deckels vornehmen muss. Und wer nun behauptet, tja, man kann halt nicht alles haben, ist entweder einer von diesen überheblichen, wirklichkeitsfremden Kaffeebecherkonstrukteuren oder zählt zu den gefühlsarmen Kaltgetränkkonsorten.

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August 11, 2007

Ereignis 110807 - Digitale Demut

Mein ehrenwerter Blechkasten erwies mir nicht mehr die Gnade des Hochfahrens. Nun schlummert er seit gestern in der Reparaturwarteschleife von PC-Doc Mr.Easy. Möge das Heilige Silikon über beide kommen und das Wunder des Wiederhochfahrens stattfinden!

Bis dahin werde ich am Provisorium Buße tun im langsamen Prozessortakt, mich bereitwillig von nur einem Riegel geißeln lassen und jauchzend ausgedünnte Software schlürfen.

Denn DEIN ist die 0 und die 1 und der Algorithmus in Ewigkeit. Amen.

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August 12, 2007

Ereignis 120807 - Kiosktopia

Eine konkretpoetische Widmung für zwei Jahre Kioskzeit, die heute zuende geht:

 

KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKPIYERKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KISOKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK KIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSKKIOSK

 

 

 

 

Hier mein Satz-Favorit aus den zwei Jahren, ein Koan reinster Güte:

 

"Ey, Piyer, wenn ich nicht zur Post will, wo muss ich dahin?"

 

 

 

 

 

 

 

 

Dank für all die Begegnungen!

Möget ihr glücklich sein. Möget ihr frei von Leid sein.
Möget ihr nie getrennt vom Glück sein.
Möget ihr Gleichmut besitzen, frei von Hass und Anhaftung.

 

Kiosktopia Cover

 

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August 13, 2007

Ereignis 130807 - Junges Liebesleid

Vor der Haustür traf ich am späten Nachmittag einen Jungen (auch ein Bekannter aus den Kiosktagen), der noch mit seinen Schulsachen unterwegs war.

- Na, wie war heute die Schule?

- Scheiße!

- Wieso?

- Na, weil da ein Mädchen mich liebt.

- Na und?!

- Ich aber nicht. Und jetzt jagen mich fünf Mädchen und wollen mich verkloppen.

- Das war dann wirklich ein harter Tag.

- Jau.

Und er zog von dannen mit seiner Liebes- und Ranzenlast.

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August 14, 2007

Ereignis 140807 - Smell of change

Nun hat mich die geschlossene Durstlöscheroase Wanne Nord wieder den vor Jahren gewohnten Weg über die Fußgängerzone zum Bahnhof machen lassen. Das ist gewissermaßen Veränderung im Retrolook. Doch die Erwartung, mit einem Kaffee den Verlust in Ruhe bei altvertrauter Heruntergekommenheit mildern zu können, wurde durch Umbauarbeiten hinterhältig zerstört. Ein Gerücht, das ich schon längst vergessen, nimmt nun grausam Gestalt an: Der Hauptbahnhof (!) Wanne-Eickel erhält eine McDonalds-Filiale. Wo zuvor duftende Blumen verkauft wurden, geht in naher Zukunft miefiges Fastfood über die Ladentheke. Es droht also ein zweiter Schicksalsschlag für den Müßiggänger, denn das lauschig-dunkle Bahnhofsimbisschen wird kaum eine Chance gegen den bunten Hamburgerbarbar haben.

Aber wirklich erschreckend ist die Tatsache, welch raschen Eröffnungstermin dieser Fratzelmacher angesichts seiner Kohle in Aussicht stellen kann. Vollgestellt ist der Bahnhofsvorplatz mit Wagen der Handwerksbetriebe, damit noch zum Ende diesen Monats all diejenige sich vollstopfen können, welche für die weltweite Gleichschaltung der Geschmacksnerven ihre Geldbörsen gut und gerne öffnen.

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August 15, 2007

Ereignis 150807 - Postteriorität

Ein Postbote auf dem Fahrrad fährt durch eine kleine Ansammlung von Tauben und erwischt eine, die scheinbar mehr Rücksicht gewohnt war. Der Postbote hätte ohne weiteres den kleinen Pulk von Lebewesen umkurven können. Er tat dies offensichtlich mit Absicht und zeigte sich unbeeindruckt, als Radspeichen und Taube geräuschvoll aufeinander trafen.

Die Tatsache, es mit bloßen Lebewesen zu tun zu haben, war dem Mann wohl etwas zu abstrakt, um Mitgefühl walten zu lassen. Es darf zudem bezweifelt werden, dass Brieftauben in seinen Augen besser weg gekommen wären. Ich befürchte, solche Überlegungen träfen bei diesem Postboten nur auf taube Ohren.  

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August 17, 2007

Ereignis 170807 - Gestatten: DJ Wash/Ing.Ton!

Waschstraßen ermöglichen Dekadenz bei kleinem Geldbeutel. Daher bevorzuge ich einen Waschanbieter, der mir eine Verfeinerung der Dekadenz mittels mehrerer Bullaugen erlaubt, die, nebeneinander gereiht, einen galerieartigen Blick auf das Fahrzeug während der Reinigung freigeben.

Waschstraße

Auch entsteht immer ein feiner Kitzel bei dem Gedanken, gleich ein kleines Unglück beobachten zu können, bei dem der Wagen in Mitleidenschaft gezogen wird. Zudem erhält die Dekandenz etwas hübsch Spießbürgerliches, da die Wand, in welche die Bullaugen eingelassen sind, mit einer dunkelbraunen Stofftapete bezogen ist.

Noch schöner fände ich es, wenn man das Ganze mit einer Musik-  und Lichtshow (bspw. Wagner, Walkürenritt im House-Mix) zu einem gesteigerten Dekadenz-Erlebnis machen könnte, wobei man wahlweise die Sache im oder außerhalb des Autos verfolgen darf. Daher empfehle ich mich jetzt schon an alle Waschstraßenbetreiber dieses Landes als DJ Wash/Ing.Ton, der eine Show hinlegen wird, die sich gewaschen hat.

 

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August 20, 2007

Ereignis 200807 - Seneca und der BVB

Ein betagter Mann betrat schwerfällig den Bahnhofsimbiss. Die Bedienung kam seiner Bestellung nach, aber  kaum seinem Kommunikationsbedürfnis. Nur ein paar kurze Sätze waren ihm vergönnt. Aus seinen wenigen Worten ging eins sehr deutlich und wiederholt hervor: Die Freude und Genugtuung über das schlechte Abschneiden des Bundesligisten Borussia Dortmund mit zwei Niederlagen in den ersten beiden Spielen dieser Saison. Für ein paar Augenblicke des Triumphierens erhob er sich über die  Beschwerlichkeit  des  Alterns und schlurfte dann mit seinem Kaffee, auf den Boden der Tatsachen und in das Schweigen zurückkehrend, zu einem der Tische.

Dieses Ereignis erhielt lehrreiche Schatten durch das Licht meiner morgendlichen Seneca-Lektüre "Von der Kürze des Lebens", in der es unter anderem heißt:

"Die grauen Haare und die Runzeln geben dir also keinen hinlänglichen Grund zu glauben, es habe irgend einer lange gelebt: nicht lange gelebt hat er, er ist nur lange dagewesen."

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August 21, 2007

Ereignis 210807 - Moby Scirocco

Die Freude an Literatur kann den Blick auf den Alltag vielgestaltig bereichern. Eine amüsante Parallele von Alltag und aktueller Lektüre besteht für mich zurzeit in dem Zusammenspiel eines geparkten, weißen VW Scirocco in der Straße vor meinem Wohnhaus und dem Roman "Moby Dick". Doch im Gegensatz zum weißen Wal, den man in der Natur bekanntlich nur schwer zu Gesicht bekommt, tauchte der weiße Scirocco, ein älteres Fabrikat und in dieser Aufmachung wohl ähnlich selten, gestern Nachmittag auf und verharrt seitdem am Bordsteinrand.

Scirocco

 

Und es scheint gar so, dass dieser Scirocco seinem Namen alle Ehre macht und mir Wind in den Segeln der eigenen Schreibe ist. Die Idee für eine Moby-Dick-Persiflage ist da und erste Notizen deuten mir an, dass aus der angedachten Geschichte wirklich etwas werden könnte.

Lieber weißer Scirocco, gerne würde ich dich von diesen unschicklichen deutschen Kreuzen (Tankdeckel und auf Würfeln im Innenraum)befreien, erinnern sich mich doch über den allgemeinen Militärunsinn hinaus auch an all die Harpunen, welche der arme Moby Dick so lange mit sich durch die Weltmeere herumschleppen musste. Aber zu sehr fürchte ich den Groll, der vermutlich kapitänabhabgleich über deinen Besitzer kommen würde.

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August 23, 2007

Ereignis 230807 - Supermarktexoten

Bei einem heutigen kleinen Einkauf im Supermarkt hingen an der Kasse mehrere vergessene Gegenstände: ein Schlüsselbund am Band, ein Regenschirm und zwei Krückstöcke. Neben der Eigentümlichkeit, einen Krückstock zu vergessen, dessen Fehlen doch beim Gehen vermisst werden sollte und insbesondere aufgrund der Geschichten, die man einem jeden Gegenstand andichten könnte, fragte ich mich, warum diese Hinterlassenschaften so einen deplazierten Eindruck auf mich machten. Und ich glaube nun, sie tun dies, weil sie im Gegensatz zu allen anderen Dingen - sogar eindringlicher als die Menschen - eine Privatsphäre in einem "öffentlichen" Raum aufspannen und was ebenso ins Gewicht fällt: sie sind Fremdkörper durch Unverkäuflichkeit in einer Umgebung, bei der alles direkt wie indirekt auf das Verkaufen und Kaufen ausgerichtet ist. Schlüsselbund, Regenschirm und Krückstöcke verweisen jeder für sich auf einen Menschen, der sie einmal in Besitz genommen hat, repräsentieren durch den Gebrauch eine Einzigartigkeit, welche sie deutlich aus der Masse der austauschbaren und ungebrauchten Regalware hervortreten lässt und als Supermarktexoten kennzeichnet.

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August 24, 2007

Ereignis 240807 - Wunder bei der Post

Kurzer Dialog, frisch abgehört in einer Postfiliale, zwei beglückte Angestellte auf einen Streich:

A: Hey, das Ding funktioniert ja wieder!

B: Wusst ichs doch! Da hab ich heute aber wirklich nen siebten... ähm... Gedanken gehabt.

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August 25, 2007

Haben Ratten einen Blinddarm?

Eine dritte Satire aus meiner Textsammlung "Abdafür" - weitere Texte folgen im monatlichen Wechsel (andere: An Besen soll die Welt genesen/ Kille, kille...)

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August 29, 2007

Ereignis 290807 - Tugend-La-Ola

Beim heutigen Anstehen an der Kasse ließ ich einer Dame den Vortritt, die weniger Waren als ich eingekauft hatte. So erfüllte ich mir den Wunsch nach etwas Tugendhaftigkeit. Kurz drauf wollte ein Kunde lediglich eine Plastiktüte kaufen, aber diese mit einem 50-Euro-Schein bezahlen, was bei der Kassiererin auf Gegenwehr stieß und erste zischelnde Unmutsbekundungen ob der Verzögerung in der Käuferschlange auslöste. Der Kunde mit dem Großgeld blieb sehr hartnäckig, und die Kassiererin tat es ihm mit Hinweis auf ihr angeblich spärliches Wechselgeld gleich. Nun trat die Frau mit den wenigen Waren durch Tugend hervor, indem sie dem Mann die Plastiktüte bezahlte, wovon dieser allerdings im immer noch anhaltenden Wortgemenge nichts mit bekam. Er verließ den Supermarkt vermutlich in dem Glauben, die Kassiererin hätte ihm die Tüte geschenkt. Als später die hilfreiche Dame an der Reihe war, pflanzte sich die Tugendhaftigkeit abermals fort und die Kassiererin übergab ihr jene Bonusmarken, auf die der letzte Kunde verzichtet hatte.

Diese "Tugend-La-Ola" hat vielleicht sogar eine nichttugendhafte Handlung einfach fortgespült. Denn der Kaufversuch einer Plastiktüte mit einem 50-Euro-Schein ging mit Argumenten einher, die so fadenscheinig waren, dass der Umtausch einer Blüte hindurchschien.

An dieser Stelle möchte ich den zweiten Vers aus dem Dharmapada (Worte des Buddha) verwenden, quasi als Fortsetzung meiner "Lektüre-Vorstellung", die mit einem Foto begonnen hat.

 

Der Geist den Dingen geht voran,

die Geist geprägt, die Geist gemacht.

Wer da mit klarem, stillem Geist

zu andern spricht und Werke tut,

so folgt von da das Glück ihm nach,

wie Schatten, der nicht schwinden kann.

 

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August 31, 2007

Ereignis 310807 - Beim Thor!

Fantasiebegabt wie ich bin, verwandelt eine größere Anhäufung von Bäumen am Wegesrand meinen Spaziergang in einen Waldspaziergang. Meine Einbildungskraft verleiht daher augenblicklich der Luft eine Frische, die über den tatsächlichen Frischegrad vermutlich weit hinaus geht und an der Hand die Erwartung von Stille führt mit der Zielrichtung: Labsal. So auch heute. Dem Frischeeindruck tat nichts Abbruch, doch in Sachen Stille wurden mir wiederkehrend Striche durch die Rechnung gemacht, wobei mir die Ursache des ersten Strichs zunächst nicht klar war. Dann gab sich das äußerst geräuschvolle Schrammen als das "Stöckeln" der "nordischen Geher" zu erkennen. Unglaublich, wie solch zierlicher Behelf selbst auf unbefestigten Wegen tönen kann und damit auch im Wald der anschaulichen Absurdität eine Ouvertüre voranstellt! Da ich urbane Spaziergänge in der Regel den Vorzug gebe, war dies eine neue Geherfahrung für mich, leider aber eine der etwas unangenehmeren Art. 

Liebe Freunde des "nordischen Gehens", die ihr euch in den letzten Jahren so fruchtbar vermehrt habt, nachdem ich mich mittlerweile an euren Anblick so weit gewöhnt habe, ohne euch gedanklich der Lächerlichkeit preis zu geben, bitte modifiziert euer Sportgerät!  Hase, Igel, Fuchs und Co, so denn auch der stillesuchende Humanoid werden es euch danken. Vielleicht bewirken ja schon schlichte Knäuele alter Socken an den Stockenden wahre Wunder.        

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