Beim heutigen Anstehen an der Kasse ließ ich einer Dame den Vortritt, die weniger Waren als ich eingekauft hatte. So erfüllte ich mir den Wunsch nach etwas Tugendhaftigkeit. Kurz drauf wollte ein Kunde lediglich eine Plastiktüte kaufen, aber diese mit einem 50-Euro-Schein bezahlen, was bei der Kassiererin auf Gegenwehr stieß und erste zischelnde Unmutsbekundungen ob der Verzögerung in der Käuferschlange auslöste. Der Kunde mit dem Großgeld blieb sehr hartnäckig, und die Kassiererin tat es ihm mit Hinweis auf ihr angeblich spärliches Wechselgeld gleich. Nun trat die Frau mit den wenigen Waren durch Tugend hervor, indem sie dem Mann die Plastiktüte bezahlte, wovon dieser allerdings im immer noch anhaltenden Wortgemenge nichts mit bekam. Er verließ den Supermarkt vermutlich in dem Glauben, die Kassiererin hätte ihm die Tüte geschenkt. Als später die hilfreiche Dame an der Reihe war, pflanzte sich die Tugendhaftigkeit abermals fort und die Kassiererin übergab ihr jene Bonusmarken, auf die der letzte Kunde verzichtet hatte.
Diese "Tugend-La-Ola" hat vielleicht sogar eine nichttugendhafte Handlung einfach fortgespült. Denn der Kaufversuch einer Plastiktüte mit einem 50-Euro-Schein ging mit Argumenten einher, die so fadenscheinig waren, dass der Umtausch einer Blüte hindurchschien.
An dieser Stelle möchte ich den zweiten Vers aus dem Dharmapada (Worte des Buddha) verwenden, quasi als Fortsetzung meiner "Lektüre-Vorstellung", die mit einem Foto begonnen hat.
Der Geist den Dingen geht voran,
die Geist geprägt, die Geist gemacht.
Wer da mit klarem, stillem Geist
zu andern spricht und Werke tut,
so folgt von da das Glück ihm nach,
wie Schatten, der nicht schwinden kann.