Da mein Boot im Sommer unbedingt an der Ems liegen soll und nicht am Mittellandkanal, musste ich am WE los und es überführen. Hintergrund war, dass ich einiges technisch am Boot gemacht hatte. Ich hab fast drei Wochen gesägt, gehämmert und gestrichen.

Die Tour geht 62km über den Mittellandkanal und dann 29km auf dem Dortmund-Emskanal Richtung Norden. Hier vereinigen sich Dortmund-Ems-Kanal und Ems und von da aus geht es ca. 15km die Ems rauf bis zum Liegeplatz.
Auf dem Dortmund-Ems-Kanal müssen sechs Schleusen passiert werden, wodurch sich diese Etappe sehr stark hinzieht. Zusätzlich wird der Dortmund-Ems-Kanal nächsten Monat gesperrt, wodurch ich kaum Auswahl hatte, wann ich fahre.

Am Mittwoch wurde das Boot aufs Wasser gesetzt und die nächsten beiden Tage wurden Probefahrten gemacht. Es gibt nichts schlimmeres als auf einer Überführungsfahrt mit technischen Problemen zu kämpfen und so musste das sein.

Nun, am Mi Abend sagte der Wetterbericht das erste Mal für Freitag Regen an. Am Donnerstag war immer noch Regen angesagt - für Sa allerdings auch. An beiden Tagen sollte es Nachmittags ca. 3mm Niederschlag geben; also ein Nieselregen....

Ich entschloss mich die Tour in zwei Etappen zu fahren. Fr Morgen um 06:00 los bis zum 50km entfernten Marina auf dem Mittallandkanal, Sa dann gleich Morgens die zweite Etappe. So dürfte ich nicht all zu nass werden.

Am Freitag stand ich also um 04:00 auf und schaute beim Kaffee den Wetterbericht an. Der leichte Regen war jetzt für ca. 10:00 angekündigt, ich würde also da reinkommen, aber nur 2 Std. lang...

Soweit die Theorie. Um 06:00 legte ich bei Nieselregen ab und kam um ca. 07:00 in strömenden Regen. Zu der Zeit hatte ich noch einige Hoffnung, dass der Schauer gleich wieder aufhört, diese Hoffung legte sich aber Kilometer um Kilometer und spätestens um 08:00 wär es auch egal gewesen, weil ich eh so nass war, als wär ich mit Klamotten ins Wasser gesprungen.
Um ca 10:00 gab es ein nettes Erlebnis. Ich sah schon von weitem, dass auf der linken Seite des Kanals etwas grosses ins Wasser stieg und anfing über den Kanal zu schwimmen. Auf der rechten Seite Spundwand. Für ein Tier kein herrauskommen. Ich brauchte ca. 15min, um die Stelle zu erreichen. Es war ein Reh, dass nun schon die ganze Zeit panisch versuchte die Spundwand hoch zu kommen. Die Tiere sind ja sehr scheu und ich konnte es also mit dem Boot wieder zurück ans andere Ufer treiben, wo es an Land ging. Da gabs jemanden, der nasser ist als ich ;-)

Die Fahrt gestaltete sich immer mehr zur Weltuntergangsfahrt. E gibt einfach kein Regenzeug, dass in der Lage ist so ein Sauwetter dauerhaft abzuhalten, wenn man in einem offenen Boot zur Bewegungslosigkeit verurteilt ist und einem der Wind den Rgen in sämtliche Kleidungsöffnungen drückt. Der Versuch Kaffe zu kochen endete damit, dass mein Feuerzeug nass wurde(das Sturmfeuerzeug war im anderen Kamerakoffer zu Hause) und ich mir noch nichtmal mehr eine Zigarette anzünden konnte.
Um 12:00 lief ich endlich im Marina ein und konnte mich aufwärmen und umziehen.

Internet - ich schaute mir die Wetterlage an. Der Wetterbericht war natürlich revidiert, inzwischen sah man ca. 8mm am Vormittag und Nachmittags trocken, bis zum Sa Nachmittag. Danke dafür, leider war ich so dermassen fertig, dass ich Nachmittags nicht weiterfahren konnte und beschloss Samstag früh weiter zu fahren.

Sa Morgen schaue ich beim Kaffe den Wetterbericht an. Der komplette Tag starker Regen, Sonntag sehr gutes Wetter. Auf den Sattelitenbildern sah man, dass So das Tiefdruckgebiet wirklich sehr sicher durchgezogen sein wird. Nachteil: Am Sonntag haben die Schleusen des Dortmund-Ems-Kanals nur von 06:00 bis 14:00 geöffnet, Montag muss ich arbeiten.
8Stunden - mein Rekord für die Strecke liegt bei 5 Std., der Negativrekord bei 9.
Ich beschliesse den Samstag abzuwarten und So um 04:30 abzulegen um als erster bei den Schleusen zu sein. Die Schleusenwärter sind alle sehr nett und kooperativ, ich gehe davon aus, dass sie versuchen es so einzurichten, dass ich es schaffe - ich stelle den Wecker auf 03:00...

...schlafe aber so tief, dass ich ihn nicht höre. Um 05:00 wache ich von selbst auf(meine normale Zeit) und springe wie von der Tarantel gestochen hoch. Kein Kaffee, Regenwasser aus dem Boot pumpen, tanken, Öl kontrollieren! Um 06:00 fahre ich unter Vollast aus dem Marina und erreiche um 07:30 die Schleuse Bevergern. Die Schleuse ist für mich ein Risiko, weil sie einen sehr grossen Hub hat. Wenn ich also ankomme, während gerade eine Talschleusung stattfindet, muss ich ca. 40min warten, bis ich dran bin.

Ich habe Glück, endlich! Als ich in den Schleusenkanal fahre taucht hinter mir ein Kanalschiff auf. Ich lasse es vorbei, damit es vorn in der Schleuse liegt und fahre ohne Zeitverlust in die Schleuse ein.

Ich erzähl dem Schleusenwärter, dass ich bis 14:00 durch die Gleesener Schleuse sein muss. "Da darf aber nichts dazwischen kommen" sagt er. Er sagt den anderen Schleusen bekannt und rät mir die Etappe bis zur nächsten Schleuse(3.5km) alles zu geben, was das Boot kann, um es zu schaffen mit der "Charisma" zusammen durch zu kommen. Die nächste Etappe ist dann 6km und da kann ich eine Schleusung später fahren, ohne nennenswerten Zeitverlust zu haben.

Volllast, so hoch habe ich den Motor noch nie gedreht. An der Schleuse Rodde hat die Charisma ca. 800m Vorsprung, aber sie braucht länger zum Einfahren und Festmachen als ich.
Ich bin drin, das war ja einfach ;-)

Da ich auf der nächsten Etappe ja etwas Zeit habe, lasse ich den Motor langsamer laufen und kann endlich den ersten Kaffee des Tages kochen und geniessen. Alles läuft reibungslos, die nächsten 3 Schleusen erwarten mich mit offenen Toren und grüner Ampel bei bestem Wetter.

Um 12:30 fahre ich schon in den Schleusenkanal der Schleuse Gleesen ein und sehe das erste Mal das AKW Lingen in ca. 2km Entfernung. Ich habe es also geschafft und grinse grenzdebil. Jetzt kommt nur noch eine Schleuse auf der Ems und die bedient man selbst mit Kurbeln.
Die Tore der Schleuse Gleesen sind geschlossen, die Ampel ist rot. Es gibt überhaupt keinen Grund zur Beunruhigung, aber nach der Tour ist das Nervenkostüm nicht mehr das beste. Um 13:00 werd ich langsam nervös, um 13:30 sehe ich in der Ferne hinter mir ein Kanalschiff kommen. Alles klar, der Schleusenwärter will uns zusammen runternehmen.

Ein herzliches Danke an die Schleusenwärter vom DEK! :-)))

13:55 fahre ich aus der Schleuse aus, die Ems liegt vor mir. Ich schreie meine Freude raus und bin froh, dass nicht irgend ein Angler nen Krankenwagen gerufen hat ;-)
300m die Ems hoch, anlegen, Klappstuhl, Klapptisch, Kocher, Kaffee, warmes Mittagessen.

Während ich esse geniesse ich einfach nur die tolle Atmosphäre. Strandläufer, Bachstelzen, Haubentaucher, Blesshühner, Möven, Fischreiher, ein kreisender Milan - es ist einfach nur genial :-)

Nach zwei Stunden Pause lege ich ab für die letzte und schönste Etappe der Tour - die Ems in weiten schönen Mäandern. Die Strömung ist durch den Regen stärker, als ich vermutet habe, aber ich komme gut die Ems hoch und erreiche die Emsschleuse um 18:00.

Der Wasserfall ist weg! Der künstliche Emswasserfall am Liegeplatz ist weg. Einfach weg. Er wurde durch eine 2 Meter Böschung aus Steinen ersetzt. Es sieht nicht mehr so malerisch aus, weil es alles noch sehr neu ist und überall die Baggerspuren zu sehen sind, aber das ist echt ein Ding, mit dem ich nicht gerechnet habe. Es wird wohl mal sehr schön aussehen, wenn die Natur die Baggerspuren aufgeräumt hat und die Fische können da jetzt auch wieder besser hoch...

Ich hätt gern nen Lachs. Gegrillt am Emsufer :-)